Der Kriminalfilm im Dritten Reich - Motive und Funktion anhand der Beispiele Dr. Crippen an Bord und Sensationsprozess Casilla


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
8 Seiten, Note: 1-2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Der Kriminalfilm im Dritten Reich

III. Die Justitia in Sensationsprozess Casilla

IV. Die Ermittlerfiguren in Dr. Crippen an Bord

V. Die Stellung des Kriminalfilms im Dritten Reich

VI. Schlussbemerkungen

Bibliographie und Filmographie

I. Einleitung

Diese Arbeit thematisiert den Kriminalfilm in der Zeit von 1933 bis 1945. Anhand des Films Dr. Crippen an Bord (1942) werden die Darstellung der Ermittlerarbeit vorgestellt und ihre propagandistischen Hintergründe heraus gearbeitet. Mit dem Filmbeispiel Sensationsprozess Casilla (1939) wird die Darstellung ausländischer Justizsysteme vorgestellt.

Im ersten Teil der Arbeit werden Motive und Charakteristika des Kriminalfilms aus der Zeit des Dritten Reichs dargestellt. Weiter wird die Funktion der Gattung als Teil der Propagandafilme aufgezeigt. Als letzten Punkt dieser Arbeit wird die Stellung des Kriminalfilms im Gesamtspektrum des nationalsozialistischen Unterhaltungsfilms untersucht.

Die Auswahl der Filme konnte nur aufgrund ihrer Verfügbarkeit erfolgen.

II. Der Kriminalfilm im Dritten Reich

Am 6.1.1939 schreibt der Film-Kurier: „Welch lächerlicher Gedanke, dass ein Außenstehender allein und ohne Polizeiorganisation einen Kriminalfall aufklären kann.“[1] Dies ist eine eindeutige Absage an die klassischen Figuren der Kriminalliteratur. Im totalitären System der Nationalsozialisten ist kein Platz für Einzelkämpfer wie Sherlock Holmes oder Dick Tracy. Der Ermittler im NS-Regime muss systemkonform auftreten und handeln:

Wie der Detektiv konnte der Polizist im deutschen Film kein wirklicher Held werden[, w]eil er seiner Bestimmung nach eine Gestalt von Modernisierung und Demokratisierung gewesen wäre [...]

[Aber] mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde die Figur des Polizisten von jedem Hauch von Kritik oder von Exotisierung befreit. Deutsche Menschen begingen keine Verbrechen.[2]

Die Handlung der Filme spielt meist im Ausland. Im NS-Staat selbst wäre ein Verbrechen undenkbar.

Der Polizist, der zugleich Detektiv und Ordnungsstifter ist, bringt im Kriminalfilm der faschistischen Zeit das exotische Durcheinander ins Reine, das sich in der Regel meist fernab der deutschen Heimat abspielt, [...].[3]

Der Polizeiapparat wird immer positiv dargestellt. Die Kriminalfilme haben auch einen erzieherischen Charakter.

Im totalitären System ist gewöhnlich die Polizei bei vielen Menschen verhasst. Auch im Dritten Reich liebte nicht jeder einfache Mensch die Polizei. Man zeigte daher absichtlich oft, wie brauchbar und nützlich der Polizeiapparat ist, um für die Arbeit der Polizei, wenn schon nicht Sympathie, dann wenigstens Verständigung zu erwecken.[4]

Bedrohung für die Volksgemeinschaft, meist von außen, ist neben der falschen Darstellung ausländischer Justizsysteme eines der zentralen Motive des Kriminalfilms. Drewniak schreibt Folgendes: „Im Dienste der politischen „Volkserziehung“ stand eine Reihe von Filmen, die in der Spielhandlung verschiedene Spionagefälle enthielten.“[5] Weiter heißt es :

Nicht wenige Spielfilme streiften in mehr oder weniger deutlichen Szenen die Berufsarbeit der Justizbehörden. Nicht immer, oder sogar meistens nicht fachgemäß. Manchmal absichtlich, wenn es z.B. um kritische Darstellung der ausländischen Justitia ging.[6]

Der Kriminalfilm kann also als ein Teil des gesamten nationalsozialistischen Propagandasystems gesehen werden.

III. Die Justitia in Sensationsprozess Casilla

Die Handlung des 1939 von Eduard von Borsody inszenierten Film spielt in den Vereinigten Staaten von Amerika. Der Deutsche Peter Roland (Albert Hehn) steht dort wegen Mordes an einem Kinderstar vor Gericht. Der Hauptteil des Films spielt sich im Gerichtsaal ab.

[Es geht] hier ganz offen um die Denunziation eines demokratischen Rechtssystems und den Spott über die „freien Bürger des Landes“, die sich von einer korrupten Presse an der Nase herumführen lassen und sich von ihrem Hass auf den redlichen und menschenfreundlichen Deutschen anstacheln lassen.[7]

Die von Seesslen angesprochenen Punkte werden im Film durch applaudierendes Publikum sowie zahlreiche Photographen, die während der Verhandlung immer wieder in den Mittelpunkt springen und die Beteiligten photographieren, verbildlicht. Der leitende Richter wird immer wieder als teilnahmslos und sehr passiv dargestellt. Die Verhaltensweisen des Publikums, der Photographen und des Richters, werden von allen Beteiligten als normal akzeptiert. Eine der auftretenden Zeugen der Staatsanwaltschaft ist afroamerikanischer Abstammung. Die Zeugin wird als passive und lenkbare Person dargestellt; ihr Sprachgebrauch weißt große Unzulänglichkeiten auf. Trotz all dieser Schwächen ist sie eine wichtige Person im Prozessverlauf. Hier werden zwei Punkte deutlich: erstens die Kritik an einem Rechtssystem, das auf ein vermeintlich lenkbares Volk aufbaut, zweitens die Kritik an der multikulturellen Gesellschaft der Vereinigten Staaten. Moeller ordnet den Film der antiamerikanischen Propaganda zu. Auch deshalb wird Sensationsprozess Casilla zum Kriegseintritt der USA 1942 wieder in den deutschen Kinos aufgeführt.[8]

IV. Die Ermittlerfiguren in Dr. Crippen an Bord

Der 1942 unter der Regie von Erich Engels gedrehte Film beruht auf einem Tatsachenbericht aus England.[9] Der Schwerpunkt des Films liegt eindeutig auf der Flucht des Dr. Crippen (Rudolf Fernau). Die beiden Ermittler, Kriminaloberinspektor Düwell (René Deltgen) und Inspektor Michels, spielen, obwohl es sich um einen Kriminalfilm handelt, offensichtlich Nebenrollen. Trotzdem oder gerade deshalb wird die Funktion des Polizisten im nationalsozialistischen Kriminalfilm deutlich. Im Gegensatz zum dem von Nusser aufgeführten Schema, in dem er die Ermittler als reflektierende Charaktere beschreibt[10], sind die Polizisten im nationalsozialistischen Kriminalfilm nur ausführende Organe, die einer straffen Hierarchie unterstehen. Düwell und Michels bekommen den Auftrag, Dr. Crippen vor der Küste Südamerikas auf einem Schiff zu verhaften. Den Befehl erhalten die beiden von ihrem Vorgesetzten, sie nehmen ihn gehorsam an, ohne darüber zu reflektieren. Die Polizei wird hier deutlich als ausführendes Organ des Systems dargestellt. Sie unterscheiden sich also wesentlich von den heutigen Ermittlern.[11] Das in Kapitel II aufgeführte Zitat von Drewniak über die Funktion der Darstellung von Polizisten trifft also auch hier zu.

[...]


[1] Drewniak, Boguslaw, Der deutsche Film 1938-1945 Ein Gesamtüberblick, Düsseldorf: Droste, 1987, 425. im Folgenden : dt. Film.

[2] Seesslen, Georg, Copland : Geschichte und Mythologie des Polizeifilms, Marburg: Schüren, 1999, 42ff. im Folgenden : Copland.

[3] Copland, 43ff.

[4] dt. Film, 424 .

[5] dt. Film, 428 .

[6] dt. Film, 429.

[7] Copland, 46.

[8] Vgl. Moeller, Felix, Der Filmminister: Goebbels und der Film im Dritten Reich, Berlin: Henschel, 1998, 363.

[9] Vgl. Copland, 44.

[10] Nusser, Peter, Der Kriminalroman, Stuttgart: Metzler,1992, 3.

[11] Vgl. Copland, hier werden auf den Seiten 426 bis 436 Entwürfe von Polizeicharakteren aufgeführt, die sich in allen Bereichen von den in Dr. Crippen an Bord dargestellten Polizisten unterscheiden.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Der Kriminalfilm im Dritten Reich - Motive und Funktion anhand der Beispiele Dr. Crippen an Bord und Sensationsprozess Casilla
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Germanistik V)
Veranstaltung
Hauptseminar: Detektiv- und Kriminalromane vom 18. bis 20. Jahrhundert mit Vermittlungsmodellen
Note
1-2
Autor
Jahr
2002
Seiten
8
Katalognummer
V5489
ISBN (eBook)
9783638133470
ISBN (Buch)
9783656714651
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Unterschiede zum aktuellen Kriminalfilm. Bezug auf historischen Kontext der Film.
Schlagworte
Film, Drittes Reich, Kriminalfilm, Dr.Crippen an Bord, Sensationsprozess Casilla, Propaganda
Arbeit zitieren
Maarten Gassmann (Autor), 2002, Der Kriminalfilm im Dritten Reich - Motive und Funktion anhand der Beispiele Dr. Crippen an Bord und Sensationsprozess Casilla, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5489

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