Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 im Lichte des Neorealismus


Hausarbeit, 2006
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Konflikt: Emser Depesche und Deutsch-Französischer Krieg 1870/71

3. Die Denkschule: Neorealismus

4. Krieg

5. Empirische Prüfung
5.1. Unsicherheit, Machtverteilung
5.2. Glaube, Krieg gewinnen zu können
5.3. Machtvorteil
5.4. Aufstieg zur Großmacht

6. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es handelt sich um die wohl kürzeste, in einen Krieg ausmündende Krise in der europäischen Geschichte“ (Kolb 1995: 8), die vom Streit über die Kandidatur eines Hohenzollernprinzen zum spanischen Throne über die Emser Depesche zum Deutsch-Französischen Kriege von 1870/71 führte.

Die vorliegende Arbeit soll versuchen, an Hand der Denkschule des Neorealismus zu erklären, warum es zu diesem Kriege kam. Dazu wird zunächst der vordergründig kriegsauslösende Konflikt kurz dargestellt, gefolgt von den Grundannahmen der genannten Denkschule. Aus diesen Grundannahmen wird versucht, mittels einer Argumentationskette zu erklären, weshalb es zu einem Kriege kommen kann. In einem letzten Schritt wird an Hand der zu diesem Thema umfangreich vorhandenen historischen Fachliteratur geprüft, ob die einzelnen theoretischen Argumente der Argumentationskette die historischen Fakten korrekt abbilden, ob also die Denkschule geeignet ist, den Konfliktaustrag zu erklären. Die Arbeit schließt mit einer kurzen Kritik des Neorealismus, in der auf einzelne Stärken und Schwächen der Denkschule hingewiesen wird, wie sie bei ihrer Anwendung auf diesen Konflikt besonders deutlich werden.

2. Der Konflikt: Emser Depesche und Deutsch-Französischer Krieg 1870/71

Behandelt werden soll nicht der gesamte Krieg, auch nicht die seit Jahrhunderten schwelenden deutsch-französischen Differenzen, sondern der für den Kriegsausbruch vordergründig ausschlaggebende Konflikt.

Grundlage war, dass 1869 und 1870 der katholischen Linie Hohenzollern-Sigmaringen die spanische Königskrone angeboten wurde. Frankreich verhandelte zu dieser Zeit gerade mit Österreich, wobei das französische Ziel war, Preußen einzukreisen. Bismarck suchte dies zu hintertreiben und sorgte für eine Annahme der spanischen Krone durch den Erbprinzen Leopold. Dies sorgte für gesteigerte Spannungen zwischen Frankreich und Preußen. Um die Krise nicht weiter zu verschärfen, verzichtete die Familie Hohenzollern-Sigmaringen nach Abstimmung mit dem preußischen Könige schließlich auf die Thronkandidatur. Frankreich verlangte nun jedoch von Wilhelm I. von Hohenzollern, König von Preußen, eine Garantie für den Verzicht des Hauses Hohenzollern auf die Krone Spaniens für alle Zeiten. Der preußische König wies den französischen Botschafter Benedetti ab, der ihn in Bad Ems wiederholt zu einer definitiven Aussage drängte. Telegraphisch teilte Wilhelm I. diese Vorgänge Bismarck mit, der diese „Emser Depesche“ in verkürzter und zugespitzter Form veröffentlichte und damit die französische Regierung bloßstellte. Diese erklärte daraufhin Preußen den Krieg (vgl. Müller u.a. 1996: 180-182).

Der Konfliktgegenstand[1] ist also der ewige Verzicht des Hauses Hohenzollern auf die spanische Krone.

Konfliktparteien sind Frankreich und Preußen, vertreten durch Botschafter Benedetti und König Wilhelm I.

Die Konfliktpositionen sind die Forderung nach einem ewigen Thronverzicht einerseits und die Ablehnung eines ewigen Thronverzichtes andererseits.

Der Konfliktaustrag stellte sich so dar, dass zunächst ein regulierter Konfliktaustrag vorlag, da beide Seiten, nämlich der König und der Botschafter, miteinander verhandelten, dass dann jedoch die Situation hin zu einem regellosen Konfliktaustrage umkippte: Ein Krieg brach aus. Schließlich kam es zu einer Beendigung des Konfliktaustrages, und zwar dadurch, dass Preußen den Krieg gewann, während eine französische Positionsänderung und damit eine Konfliktlösung nicht anzunehmen ist.

3. Die Denkschule: Neorealismus

Die von Kenneth Waltz begründete Denkschule des Neorealismus (Waltz 1979) versucht zu erklären, warum Staaten trotz unterschiedlicher politischer Systeme oder Ideologien in ihrem Außenverhalten zu ähnlichen Vorgehensweisen tendieren, und daher besonders mächtige Staaten damit rechnen müssen, in ihrer Vormachtstellung herausgefordert zu werden. Außerdem versucht diese Theorie zu erklären, warum in bestimmten Phasen der Geschichte mehr Kriege auftraten als in anderen (vgl. Schörnig 2003: 64).

Dazu unterscheidet Waltz zunächst drei Ebenen der Analyse, drei „Bilder der Welt“, nämlich die Ebene des Individuums, das politische System des betrachteten Staates, und die Ebene des internationalen Systems (Waltz 1959). Nach Waltz sei hierbei vor allem die dritte Ebene von Bedeutung, da internationale Politik mehr sei als die Summe der einzelnen spezifischen Außenpolitiken (vgl. Schörnig 2003: 64f.). Diese sind weiterhin bereits weitgehend festgelegt, Staatsführer seien Gefangene der Struktur des Staatensystems und seiner deterministischen Logik, die Struktur diktiere die Politik (vgl. Jackson u. a. 1999: 86f). Vor allem die innenpolitischen Verhältnisse eines Staates werden also vom Neorealismus bewusst ausgeblendet (vgl. Donelly 2002: 83).

Das internationale System besteht für Waltz aus zwei Elementen: Den Akteuren oder Einheiten des Systems (units, den Staaten) und der separaten Struktur des Systems, die beide getrennt voneinander untersucht werden müssen. Dabei sei es egal, welche Staatsform die betrachteten Akteure haben; aus Sicht der Theorie wird angenommen, dass alle Staaten in ihrem Kern identisch seien. Unterschieden wird nur anhand der Fülle der Machtmittel (capabilities), die den Staaten zur Verfügung stehen (vgl. Schörnig 2003: 66-68), um ähnliche Aufgaben zu erfüllen. Dabei ändert sich die Struktur eines Systemes mit Veränderungen in der Verteilung von Fähigkeiten, also Macht unter den Einheiten des Systemes (vgl. Waltz 1979: 97). Internationale Veränderungen finden also statt wenn Großmächte aufsteigen und fallen und das Machtgleichgewicht sich entsprechend verändert. Ein typisches Mittel solcher Veränderungen ist ein Krieg unter Großmächten (vgl. Jackson u. a. 1999: 85). Die Funktion dieses Systemes besteht darin, Ordnung in die Staatenwelt zu bringen (vgl. Hartmann 2001: 35).

Weiterhin wird angenommen, dass alle Staaten zumindest ein zentrales Bedürfnis ersten Ranges besitzen: Zu überleben, sich also ihre staatliche und geographische Integrität zu erhalten. Hier ergibt sich die Schwierigkeit, dass Unsicherheit über die Absichten der anderen Staaten herrsche, deren vermutete Aggressivität und Expansionsdrang bei der Suche nach einer rationalen Strategie berücksichtigt werden müssen. Andere internationale Akteure als Staaten können vernachlässigt werden (vgl. Schörnig 2003: 67f.).

In der Struktur des internationalen Systems sieht Waltz einen unabhängigen Faktor, der seinerseits kausalen Einfluss auf die Akteure nehme. Zu ihrer Bestimmung zieht Waltz drei Elemente heran: Erstens das Ordnungsprinzip, das im Gegensatz zu nationalen politischen Systemen nicht hierarchisch, sondern anarchisch sei, da es über den Staaten keine Instanz mit Gewaltmonopol, keine Weltregierung gebe. Weil manche Staaten jederzeit Gewalt einsetzen können, müssen alle Staaten darauf vorbereitet sein - oder auf die Gnade ihrer militärisch stärkeren Nachbarn vertrauen. Unter allen Staaten sei der Naturzustand ein Zustand des Krieges (vgl. Waltz 1979: 102). Ein Staat müsse sich also auf alle Eventualitäten vorbereiten (vgl. Vogt 1999: 48).

Zweitens stellt Waltz die Frage nach einer funktionalen Differenzierung, also einer Arbeitsteilung zwischen den Staaten. Sie kommt nach Waltz nicht zustande, da wegen der Anarchie jeder Staat auf den Erhalt seiner Souveränität und das eigene Überleben bedacht sein müsse. Deshalb spricht man auch von einem Selbsthilfesystem (vgl. Waltz 1979: 72, 91).

[...]


[1] vgl. zu diesem und den folgenden Begriffen zum Thema Konflikt die Definitionen bei Druwe u. a. 1998, 147-156.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 im Lichte des Neorealismus
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar im Grundstudium „Internationale Beziehungen“
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
13
Katalognummer
V54941
ISBN (eBook)
9783638500234
ISBN (Buch)
9783638765657
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
,,Das ist eine in ihrer Grundstruktur und -argumentation so wie in der Darstellung wirklich sehr gut gelungene Arbeit [...] Man merkt der Arbeit an, dass ihr Verfasser sehr gut in das empirische Thema eingearbeitet ist. So zeichnet sie sich durch einen guten Rückgriffen auf die Fallliteratur aus. Zudem ist sie sowohl sprachlich [...] als auch formal sehr sorgfältig durchgeführt und alles in allem sehr angenehm zu lesen." Dirk P., M. A., Seminarleitung.
Schlagworte
Deutsch-Französische, Krieg, Lichte, Neorealismus, Seminar, Grundstudium, Beziehungen“
Arbeit zitieren
Eike-Christian Kersten (Autor), 2006, Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 im Lichte des Neorealismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54941

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