Probleme des nachhaltigen Tourismus am Titicacasee in Perú: Isla de Taquile und Península de Capachica


Diplomarbeit, 2005

168 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

Vorwort

Gliederung

Graphikverzeichnis

Photoverzeichnis

Kartenverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Fremdwortverzeichnis

Abkürzungs- und Akronymverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Relevanz des Themas
1.2 Problemstellung und Ziele
1.3 Inhaltlicher Aufbau der Arbeit

2 Theoretische Grundlage: Tourismus und Nachhaltigkeit
2.1 (Fern-)Tourismus
2.1.1.. Historische Entwicklung
2.1.2.. Formen des Dritte Welt-Tourismus
2.1.3.. Touristische Effekte
.. 2.1.3.1 Ökologische Auswirkungen
.. 2.1.3.2 Ökonomische Auswirkungen
.. 2.1.3.3 Soziokulturelle Auswirkungen
2.1.4.. Tourismuspolitische Strukturen
2.2 Nachhaltigkeit
2.2.1.. Begriffliche Entwicklung
2.2.2.. Spannungsverhältnis zum Tourismus
2.3 Nachhaltiger Tourismus
2.3.1.. Kulturtourismus
2.3.2.. Naturtourismus und Ökotourismus
2.3.3.. Fazit

3 Methodik
3.1 Auswahl der Methoden
3.1.1.. Säule I : Literatur- und Internetrecherche
3.1.2.. Säule II : Empirische Untersuchungen und Felderhebungen
.. 3.1.2.1 Reisebüros und Reiseveranstalter
.. 3.1.2.2 Gastgeber
.. 3.1.2.3 Besucher
.. 3.1.2.4 Experten
.. 3.1.2.5 Teilnehmende Beobachtungen
3.1.3.. Säule III : Analyse und Bewertung
3.1.4.. Säule IV : Dokumentation und Visualisierung
3.2 Bewertung der angewandten Methoden

4 Destinationsanalyse: Titicacasee
4.1 Touristisches Angebot
4.2 Ökologische Rahmenbedingungen
4.2.1.. Geographische Lage
4.2.2.. Klima
4.2.3.. Biodiversität
4.3 Soziokulturelle Rahmenbedingungen
4.3.1.. Bevölkerungsstruktur
4.3.2.. Sprache
4.3.3.. Religion und Tradition
4.4 Politische Rahmenbedingungen
4.5 Ökonomische Rahmenbedingungen
4.5.1.. Landwirtschaft
4.5.2.. Fischerei
4.5.3.. Kunsthandwerk
4.6 Infrastruktur
4.6.1.. Harte Infrastruktur
4.6.2.. Weiche Infrastruktur
4.7 Resümee

5 Fallbeispiele: Tourismus auf Taquile und Capachica
5.1 Ursprüngliches und konzipiertes Angebot
5.1.1.. Kulturerlebnis Taquile
5.1.2.. Naturerlebnis Llachón - Capachica
5.2 Strukturvergleich
5.2.1.. Touristische Infrastruktur
5.2.2.. Umweltrelevante Verträglichkeit
5.2.3.. Touristisches Potential
5.3 Analyse der Anbieter
5.3.1.. Anbieterstruktur
5.3.2.. Steuerung und Kontrolle
5.4 Analyse der Gastgeber
5.4.1.. Know-how und Organisation
5.4.2.. Gewichtung des Tourismus
5.5 Analyse der Besucher
5.5.1.. Motiv und Aktivität
5.5.2.. Frequenz und Herkunft
5.5.3.. Aufenthaltsdauer

6 SWOT – Analyse: Taquile und Capachica
6.1 Ressourcenanalyse und Aussichten
6.2 Steuernde Maßnahmen
6.3 Resümee

7 Exkurs: Das „Raum-Erlebnis Titicacasee“
7.1 Das Verhältnis Mensch - Natur
7.2 Reiseerwartung und Wahrnehmung
7.2.1.. Imaginäre Geographie durch Visualisierung
7.2.2.. Emotionen der Besucher
7.2.3.. Emotionen der Gastgeber
7.3 Tourismusethik
7.4 Akkulturation im Zeitalter der Globalisierung

8 Fazit: Nachhaltiger Tourismus am Titicacasee
8.1 Bewertung und Perspektiven
8.2 Vergleichende Übertragbarkeit

9 Zusammenfassungen
9.1 Deutsche Zusammenfassung
9.2 English Summary
9.3 Resumen castellano

10 Bibliographie
10.1.. Literaturverzeichnis
10.2.. Internetverzeichnis

Anhang
Interviewte Experten
Tabellen und Karten
Fragebögen

Vorwort

Das Interesse an der Thematik des Nachhaltigen Tourismus in Entwicklungsländern beruhte zunächst auf zahlreichen eigenen Reiseerfahrungen als Tourist. Durch das Studium der Geographie, des Naturschutzes und nicht zuletzt zwei Praktika im Bereich Reisejournalismus und Dokumentation beim ZDF und HR, entwickelte sich die Idee zu dieser Diplomarbeit. Die Inspiration einer geeigneten touristischen Destination lieferte schließlich im Jahr 2004 die Diplomarbeit von Claudius Leinberger, der im Gebiet des Titicacasees über die Lebens­bedingungen und Entwicklungs­chancen peripherer Standorte schrieb.

Schon vor mehr als 20 Jahren bereiste Prof. Dr. Ulrich Scholz, der Betreuer meiner Arbeit, die Region Puno am nordwestlichen Titicacasee. Aufgrund seiner wertvollen Erfahrungen war somit bereits vor den Untersuchungen in Perú eine gewisse Vorstellung dessen möglich, wie sich der Reiseverkehr in Puno entwickelt hat und wie die Arbeit sinnvoll strukturiert werden könnte.

Im Sommer 2004 erfolgte dann eine zweimonatige Analyse der touristischen Situation in der Region Puno. Durch die Mitarbeit des engagierten peruanischen Tourismus­-Studenten Ernesto Cuno Arce konnten vor Ort notwendige Daten und wichtige Informationen zur touristischen Entwicklung erhoben werden.

Für die anschließende Ausarbeitung der Arbeit brachte zudem eine aktive Teilnahme auf dem Tourismus Forum International (TFI) 2005 in Hannover hilfreiche Einblicke in das komplexe Thema bewahrender Reiseformen in Entwicklungsländern. Auf dieser von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammen­arbeit (GTZ) organisierten Reise­messe für Nachhaltigen Tourismus finden sich jährlich namhafte Experten zusammen und diskutieren innovative Strategien einer nachhaltigen Entwicklung.

Für das Gelingen dieser Arbeit war die Unterstützung und Teilnahme von Menschen in Perú und Deutsch­land wichtig, bei denen ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken möchte.

Mein besonderer Dank gilt:

Prof. Dr. Ulrich Scholz für seinen fachlichen Ratschlag und seine außergewöhnliche

menschliche Betreuung, die sogar vor Ort am Titicacasee erfolgte.

Meinem Bruder Achim Siehl für seine fachliche und stets kritische Beurteilung der Arbeit

und seine unermessliche mentale Unterstützung.

Claudius Leinberger für seine exzellente Beratung, die aufgrund seiner persönlichen

Erfahrungen im Untersuchungsgebiet möglich war.

Ernesto Cuno Arce für seine hilfreiche und freundschaftliche Zusammenarbeit in Puno,

sowohl in sprachlicher als auch inhaltlicher Form.

Dr. Thomas Christiansen für seine kompetente Betreuung der Arbeit und seine Leitung des hilfreichen Diplomanden Kolloquiums in Sachen inhaltlichem Aufbau.

Meiner Mutter Brigitte und meiner Schwester Birgit Siehl für ihre sprachliche Korrektur

und ihre großartige mentale Unterstützung.

Sowie Julia Schwinghammer für ihre engagierte sprachliche Korrektur.

Zur Verwirklichung meiner filmischen Dokumentation am Titicacasee danke ich zudem Hanne Rosemann und Manfred Mohl für ihre Förderung meiner Person durch den Hessischen Rundfunk.

Gießen, im November 2005 Stefan Siehl

Graphikverzeichnis

Graphik 1: Mögliche Motive einer Fernreise

Graphik 2: Weltweite Touristenankünfte im Jahr 2002

Graphik 3: Internationale Touristenankünfte und ihre Verteilung

Graphik 4: Touristische Effekte

Graphik 5: „Scenic View“

Graphik 6: Entwicklung des grenzüberschreitenden Welttourismus

Graphik 7: „Ich jedenfalls verleihe nie wieder etwas!“

Graphik 8: „Sorge um den drohenden Treibhauseffekt“

Graphik 9: Spannungsverhältnis zwischen Nachhaltigkeit und Tourismus

Graphik 10: Modell der Entwicklungsphasen des Fremdenverkehrs und mögliche Zusammenhänge mit der Veränderung kultureller Identität

Graphik 11: Einflüsse und Auswirkungen des Nachhaltigen Tourismus in Entwicklungsländern

Graphik 12: Methodische Säulen der Diplomarbeit

Graphik 13: Touristenankünfte in der Provincia de Puno 1996 -

Graphik 14: Touristenankünfte in der Provincia de Puno

Graphik 15: Herkunft der inländischen Touristen in der Provincia de Puno

Graphik 16: Herkunft der ausländischen Touristen in der Provincia de Puno

Graphik 17: Einwohnerzahlen von Taquile

Graphik 18: Einkommenssituation auf Taquile

Graphik 19: Reise-Motive der Touristen am Titicacasee

Graphik 20: Die wichtigsten Aktivitäten der Touristen

Graphik 21: Touristenankünfte auf der Isla de Taquile

Graphik 22: Touristenankünfte in Llachón (APROTUR)

Graphik 23: „Traumfahrt Titicacasee“

Graphik 24: Quellen der Reiseinformationen am Titicacasee

Graphik 25: Touristische Wahrnehmung in Bezug auf die Erwartungen an die Destinationen

Photoverzeichnis

Photo 1: Titelbild: „Zweifelhafte Atmosphäre“

Photo 2: Chullpas de Sillustani

Photo 3: Quechua mit Kind

Photo 4: Touristenmeile Punos

Photo 5: Catedral de Puno

Photo 6: Sonnenuntergang am Titicacasee

Photo 7: Quechua beim Weben

Photo 8: Islas Flotantes de los Uros

Photo 9: Steinmetz auf Taquile

Photo 10: „Klärbecken“ am Fuße der Stadt Puno

Photo 11: Pflanzliche Produkte der Agrarwirtschaft im Altiplano

Photo 12: Inseltracht der Taquileñas

Photo 13: Inseltracht der Taquileños

Photo 14: Landschaftsaufnahme der Insel Taquile

Photo 15: Sonnenuntergang an der Bahía de Puno

Photo 16: Regionale Küche von Llachón

Photo 17: Campingplatz Santa María mit Blick auf die Cordillera Oriental

Photo 18: Müllkippe westlich der Stadt Puno

Photo 19: Getrocknete Lehmziegel als Grundbaustoff der traditionellen Häuser

Photo 20: Im Gespräch mit Señor Valentín Quispe Turpo

Photo 21: Gemeinsames Festmahl der Taquileños

Photo 22: Im Gespräch mit Señor Eusebio Machaca Quispe

Photo 23: Taquiles Aussicht auf die Nachbarinsel Amantaní

Photo 24: Photokollage der beiden Fallbeispiele Taquile und Llachón

Photo 25: Typisches Photomotiv auf der Insel Taquile

Photo 26: Begegnung zweier unterschiedlicher Kulturen in Llachón

Photo 27: Mystischer Titicacasee

Kartenverzeichnis

Karte 1: Touristische Karte der Provincia de Puno am nordwestlichen Titicacasee

Karte 2: Satellitenphoto des Titicacasees

Karte 3: Politische Ebenen im Departamento de Puno

Karte 4: Satellitenphoto vom nordwestlichen Titicacasee

Karte 5: Isla de Taquile

Karte 6: Das Dorf Llachón an der Spitze der Halbinsel Capachica

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Einige Grundformen des Reisens in Entwicklungsländer

Tabelle 2: Umweltrelevante Auswirkungen durch Ferntourismus

Tabelle 3: Weltweite Umsätze der fünf führenden Industriesparten

Tabelle 4: Global operierende Organisationen im Tourismus

Tabelle 5: SWOT-Analyse: Nachhaltiger Tourismus als zukunftsweisende Form des Ferntourismus

Tabelle 6: Steuernde Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit im Ferntourismus

Tabelle 7: Politische Verwaltungsebenen

Tabelle 8: Kulturerlebnis Isla de Taquile

Tabelle 9: Naturerlebnis Llachón - Capachica

Tabelle 10: Maßnahmen zur Steuerung des Kulturerlebnis Taquile

Tabelle 11: Maßnahmen zur Steuerung des Naturerlebnis Llachón

Tabelle 12: Kulturunterschiede zwischen Industrie- und Entwicklungsländern

Tabellen und Karten im Anhang

Tabelle A1: Maßnahmen und Inhalte nachhaltiger Tourismuspolitik

Tabelle A2: Zeitliche Übersicht der Entwicklung des Nachhaltigkeits-Gedankens

Tabelle A3: Verteilung der touristischen Einnahmen großer Reiseveranstalter

Karte A1: Mystische Wesen des Titicacasees

Fremdwortverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abkürzungs- und Akronymverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Tourismus ist wie Feuer:

Man kann seine Suppe damit kochen.

Man kann aber auch sein Haus damit abbrennen.

Asiatisches Sprichwort

1.1 Relevanz des Themas

Tourismus sei also wie Feuer. Bei solch einem Vergleich stellt sich zunächst die Frage, welche Eigenarten dem Feuer grundsätzlich zugesagt werden?

Mit dem Feuer verbindet man spürbare Energie und Licht. Ein lebenswichtiges Element, das im Menschen Ehrfurcht und feurige Leidenschaft entfachen kann. Doch Feuer steht auch für Gefahr und verheerende Zerstörung. Unkontrolliert breitet es sich mit hoher Geschwindigkeit aus, verschlingt seine Ressourcen, entzieht seiner Umgebung den Sauerstoff zum Atmen und vernichtet Leben. Es liegt in der Natur des Menschen, sich beim Spiel mit dem Feuer zu verbrennen. Der wohl überlegte und gezielte Einsatz und Umgang mit diesem Element ist ganz entscheidend.

Ähnlich wie bei der Ambivalenz des Feuers verhält es sich mit der Thematik des internationalen Reiseverkehrs in der Literatur. Einerseits wird die Tourismusbranche als das Zugpferd der Weltwirtschaft unseres 21. Jahrhunderts und der Völkerverständigung propagiert. Und zugleich liest man von seiner „friedlichen Selbstzerstörung“ [vgl. Mäder 1986, 96]. Für Hans Magnus Enzensberger „zerstört der Tourismus das, was er sucht, indem er es findet“ [vgl. Ellenberg 1997, 32]. Gemeint sind damit traditionelle Feste und erholsame Ruhe, Geldfreiheit und Religiosität, Gastfreundschaft, eine ausgewogene Natur und ein ursprüngliches Verhältnis des Menschen zu ihr [vgl. Armanski 1986, 79].

Jährlich zieht es über eine halbe Milliarde Menschen in fremde Länder, ein saisonales Nomadentum auf der Suche nach Traumwelten [vgl. Hennig 1997, 2]. Stellt diese kommerzielle Völkerwanderung etwa die Zukunft unseres globalen Wirtschaftssystems dar? Bringt sie den Untergang unserer überlebensnotwendigen Umwelt und unserer kulturellen Vielfalt mit sich?

Die komplexe Thematik ist in den letzten Jahrzehnten sowohl in der Literatur, als auch in etlichen internationalen Kongressen analysiert und diskutiert worden. Und doch liegen Euphorie und Skepsis, hohe Erwartungen und Ablehnung in keinem anderen Industriezweig so eng beieinander wie im Tourismus.

Die Fakten liegen auf der Hand: Zu oft profitieren nur die großen Tourismuskonzerne und den eigentlichen Bereisten in den Entwicklungsländern bleibt nicht viel. Gerade diejenigen, die ihre Arbeitskraft, ihre Umwelt, ihre Tradition, ihre dekorative Armut zur Verfügung stellen, scheinen nicht zu den Verdienenden zu zählen [vgl. Armanski 1986, 77]. Hinzu kommen eine unsichere weltpolitische Lage, globaler Klimawandel und ein angegriffener Zustand der Natur und Kultur in den Zielgebieten.

Trotz der medienwirksamen Präsenz dieses Konfliktes existieren kaum gute Konzepte für eine Bewältigung der Probleme. Besonders in der „Dritten Welt“, wo ein tägliches Einkommen für die arme Bevölkerung so überlebenswichtig ist, muss unbedingt zukunftsorientiert und gleichzeitig gewinnbringend geplant und gewirtschaftet werden.

Kann der „Nachhaltige Tourismus“ diesen Anforderungen gerecht werden? Steht er für ein ernsthaftes und bewahrendes Konzept, für eine ökonomische Chance und kulturelle Bereicherung? Oder verbindet sich mit diesem Begriff lediglich eine Werbestrategie der besseren Vermarktung, die in eine „ökologische und soziale Sackgasse“ [Friedel 2002, 6] führt?

Was hat das alles mit dem Titicacasee zu tun? Der Titicacasee vereint viele reizvolle, außergewöhnliche sowie mystische Elemente in sich. Ein extremes Klima, landschaftliche Schönheit, kulturelle Vielfalt und mythologische Legenden. Seit knapp 30 Jahren zieht dies Touristen an und ein derzeitiger Wachstumsschub birgt neue Chancen – aber eben auch Risiken. El Lago Titicaca (der Titicacasee) scheint ein gutes Beispiel für die Untersuchung einer problematischen Ambivalenz zu sein – wie jene des Feuers.

1.2 Problemstellung und Ziele

Wenn von „Nachhaltigem Tourismus“ als zukunftsorientierte Form des Ferntourismus die Rede ist, so stellt sich zuerst einmal ein Definitionsproblem dar. Das gilt nicht unbedingt für die theoretischen Anforderungen, die an das ambivalente Gebilde des Nachhaltigen Tourismus gestellt werden, denn diese sind im Allgemeinen sehr konform. Was jedoch die Schwierigkeit der Thematik ausmacht, ist eher die Praxis, der im Speziellen betrachtete

Einzel­fall. In ganz konkreten touristischen Destinationen[1], wie am Titicacasee, muss permanent entschieden werden, wo die Grenzen der Nachhaltigkeit liegen: Welche Formen des praktizierten Fremdenverkehrs werden einer zukunftsorientierten und ressourcen­schonenden Wirtschaftsweise gerecht und wo überwiegen ökonomische Interessen zum Leitwesen der Ökologie und der Soziokultur?

Zudem ergibt sich aus der Komplexität des Ferntourismus eine gewisse Betrachtungs­problematik. Das verflochtene Zusammenspiel zwischen globaler Makroebene und lokaler Mikroebene wird von zahlreichen Entwicklungsfaktoren bestimmt, die oft nicht vorhersehbar sind. Betrachtet man auf der Makroebene eher ökonomische, politische und klimatische Faktoren mit globaler Vernetzung, so scheinen auf der Mikroebene sehr spezielle soziokulturelle, wirtschaftliche und physische Gegebenheiten in den touristischen Destinationen eine allgemeine Konzeption zu erschweren.

Dieser Problematik bewusst, sollen zwei Fragestellungen den Verlauf der Arbeit bestimmen:

- Kann der Ferntourismus neben seinen Belastungen auch eine Chance für Ressourcenmanagement, Naturerhaltung und Überlebensstrategien einheimischer Bevölkerungsgruppen darstellen [vgl. Ellenberg 1997, 51]?
- Existiert in den Fallbeispielen Isla de Taquile und Península de Capachica[2] eine derartige „bewahrende Form“ von Nachhaltigem Tourismus und wo liegen die konkreten Probleme?

In dieser Diplomarbeit soll es weniger darum gehen, ob sich der Nachhaltige Tourismus in den untersuchten Destinationen für die Partizipanten (insbesondere die lokale Bevölkerung) und den Schutz der Naturreservate finanziell rechnet. Angesichts der langen und bislang erfolgreichen Vermarktung des Kulturtourismus auf der Isla de Taquile und dem sich mittlerweile wirtschaftlich lohnenden naturtouristischen Gewerbe in Llachón (auf der Halbinsel Capachica) steht dies nicht zwingend zur Diskussion. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt vielmehr darauf, welche Probleme in der Planung, Organisation und Durchführung des Tourismus in den zwei Fallbeispielen auftauchen.

Welche Stärken und Schwächen, welche Risiken und Chancen bestehen hinsichtlich zukunfts­­orientierten und ressourcenschonenden Wirtschaftens? Wer oder was lenkt die Reiseströme der Besucher und wie groß ist in etwa der Anteil des Tourismuskuchens, der für

die lokale Bevölkerung und die Schutzbemühungen der Landschaften übrig bleibt? Letzten Endes soll eine Bewertung vorgenommen werden, ob und inwieweit die konkreten Probleme in den untersuchten Zielgebieten eine Bewahrung der Natur- und Kultur­potentiale am Titicacasee zulassen. Darüber hinaus soll die Übertragbarkeit dieser Probleme und möglichen Lösungen auf andere touristische Unternehmungen diskutiert werden.

Ziele der Arbeit:

- Beschreibung der ambivalenten Problematik von Nachhaltigem Tourismus im Allgemeinen (Ferntourismus in Entwicklungsländern) und im Speziellen (an den beiden Fallstudien Isla de Taquile und Península de Capachica)
- Eine umfassende Analyse der räumlichen Tourismusstruktur unter Einbeziehung aller widerstreitenden Interessensgruppen auf lokaler Ebene
- Ausarbeitung von Entwicklungstendenzen, Trends, Unterschieden und Gemeinsam­keiten. Prognostizierte Chancen, Risiken, mögliche Maßnahmen und eine eventuelle Übertragbarkeit auf andere touristische Vorhaben.

Zu wenig Aufmerksamkeit wird allgemein der Reiseerwartung und der räumlichen Wahrnehmung zuteil. Die Reisepsychologie ist ähnlich wie auch beim Theater und Film von Illusionen und medienbedingten Realitätsverzerrungen geprägt. Eine ganz entscheidende Komponente, welche zukünftige Reiseströme lenkt und Verhaltensmuster der Reisenden und Bereisten beeinflusst. Hier unterscheiden sich der Tourismus und insbesondere der Ferntourismus stark von anderen Industriezweigen. In einem Exkurs-Kapitel [siehe: Kapitel 7] soll diese wichtige Thematik im Bezug auf den touristischen Destinationsraum Titicacasee behandelt werden.

1.3 Inhaltlicher Aufbau der Arbeit

In dieser Arbeit sollen nach Möglichkeit Theorie und Praxis des Nachhaltigen Tourismus übergreifend behandelt werden. Dazu dient eine Unterteilung in zehn Kapitel, die für sich jeweils abgeschlossene Module bilden, jedoch inhaltlich aufeinander aufbauen. Ein umfassendes Theoriekapitel soll der Komplexität des Themas auf den Grund gehen. Der praxisorientierte Schwerpunkt liegt auf den Kapiteln 5 und 6, welche explizit die beiden touristischen Fallbeispiele in Perú fokussieren.

Kapitel 2 – Hier werden die theoretischen Grundlagen zum Verständnis der Thematik gelegt. Nach allgemeinen Erläuterungen zum Fern­tourismus und dessen möglichen Auswirkungen in Entwicklungsländern wird auf die Nachhaltigkeit und schließlich auf den spannungsgeladenen Kompromiss aus beiden Komponenten eingegangen.

Kapitel 3 – Die Methodik liefert einen Überblick über die ausgewählten Arbeitsweisen, diskutiert Vor- und Nachteile und nennt Alternativen.

Kapitel 4 – Die Destinantionsanalyse beinhaltet das aktuelle touristische Angebot am Titicacasee und speziell in der Provinz Puno. Dabei wird auf die für den Tourismus entscheidenden ökologischen, soziokulturellen, politischen und ökonomischen Rahmen­bedingungen eingegangen. Die vorhandene Infrastruktur und ein Fazit runden das Modul ab.

Kapitel 5 – Mit den Vorkenntnissen aus den bisherigen Kapiteln ist nun eine speziellere Betrachtung der Thematik an den beiden Fallbeispielen Taquile und Capachica möglich. Nach einer Vorstellung der ursprünglichen und konzipierten Angebote wird ein detaillierter Strukturvergleich vorgenommen. Anschließend wird sowohl die Beziehung der Gastgeber als auch die der Besucher zum Tourismus beleuchtet.

Kapitel 6 – Anhand einer Ressourcenanalyse werden schließlich Stärken und Schwächen beider Fallbeispiele gegenübergestellt. Die Risiken, Chancen und möglichen Maßnahmen sollen zudem die Basis für ein Resümee der touristischen Destinationsbeispiele liefern.

Kapitel 7 – Warum reisen wir zum Titicacasee? Bei einem Exkurs in das „Raum-Erlebnis Titicacasee“ werden Reiseerwartungen und Wahrnehmungen der Besucher und Gastgeber analysiert. Im Zeitalter der Globalisierung und Visualisierung resultieren daraus unter­schiedliche Strömungen gegenseitiger kultureller Beeinflussung.

Kapitel 8 – Im Fazit soll letztlich eine Bewertung des Nachhaltigen Tourismus am Titicacasee vorgenommen und seine Perspektiven aufgezeigt werden. Darüber hinaus wird die Möglichkeit einer vergleichenden Übertragbarkeit auf andere Destinationen diskutiert.

Kapitel 9 – Dieses Kapitel beinhaltet die Zusammenfassung der beschriebenen Module in ihrer Gesamtheit.

Kapitel 10 – In der Bibliographie sind Literatur- und Internetverzeichnis aufgeführt.

2 Theoretische Grundlage: Tourismus und Nachhaltigkeit

2.1 (Fern-)Tourismus

„Reisen gilt als populärste Form von Glück“ [Opaschowski 1996, 5]. Das menschliche Verlangen nach Veränderung und Aufbruch scheint so alt wie die Menschheit selbst zu sein, denn in fast allen Menschheitsmythen der Vorzeit wird davon berichtet. In dem Verlangen, der eigenen Zeit und Umwelt zu entfliehen, in der Abwendung vom Alltag und der Sehnsucht nach Neuem, irgendwo dort liegt die Faszination der Ferne [vgl. Opaschowski 1989, 37]. Der Definition nach umfasst der Tourismus oder Fremdenverkehr[3] als erstes Kriterium einen Orts­wechsel, der nicht dauernder Wohn- oder Arbeitsort ist. Als zweites Kriterium wird der Zweck der Reise [siehe: Graphik 1] herangezogen [vgl. Lexikon der Geographie 2002, 358].

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Laut der World Tourism Organization (WTO) wird Tourismus neben der Tatsache einer Grenzüberschreitung, vor allem durch die Freiwilligkeit der Reise bestimmt, dement­sprechend also eine Tour ohne Notwendigkeit und Mobilität als Zeitvertreib [vgl. Ellenberg 1997, 41 f.]. Ausgehend von diesen Definitionen lässt sich eine Unterteilung in verschiedene Reiseformen [siehe: Kapitel 2.1.2] und bezüglich der Aufenthaltsdauer vornehmen. Je nach Dauer der Reise, handelt es sich um eine Kurzreise, einen Wochenend­trip, eine Fernreise oder gar um eine Lebensphase als Globetrotter [vgl. Friedl 2002, 26].

Seinen begrifflichen Ursprung hat der Tourismus im Griechischen „tornos“ und Lateinischen „turnus“, was eine Wiederholung bezeichnet. Aus einer stetig wiederholten Weckung von ungestillten Wünschen bezieht die Tourismusindustrie ihre Dynamik [vgl. Ellenberg 1997, 42] und das sehr erfolgreich. Der Fremdenverkehr ist zur größten Massenbewegung der Menschheits­­geschichte geworden. Selbst in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisenzeiten zeigt die Reisebranche als nahezu einziger Wirtschaftszweig kontinuierlich Zuwächse auf und gilt ökonomisch gesehen als die Zukunftsbranche des 21. Jahrhunderts. Weltweit wird trotz zahlreicher Krisen und Kriege und bei stark gestiegenen Energiekosten eine jährliche Zunahme des Reiseverkehrs um 6 Prozent prognostiziert. Der Tourismus beschäftigt global bereits mehr als 250 Millionen Menschen und stellt damit jeden zehnten Arbeitsplatz auf unserer Erde. Nach Angaben der WTO unternahmen im Jahr 1980 weltweit 288 Millionen Menschen eine Auslandsreise, 1994 waren es bereits 530 Millionen und im Jahr 2000 schon 700 Millionen. Bis 2010 soll deren Zahl auf über 900 Millionen anwachsen. Bei geschätzten 7 Milliarden Menschen wird dann jeder achte Erdenbürger mindestens einmal im Jahr ins Ausland reisen [vgl. Prahl 2002, 234]. Doch die Vorraussetzung für eine Auslandsreise liegt in der privilegierten Situation: man muss über genügend Zeit, verlässliche Reiseinfos und absichernde finanzielle Möglichkeiten verfügen [vgl. Ellenberg 1997, 41]. Dementsprechend kommt der grenz­überschreitende Tourismus gegenwärtig zu 95 % aus den reichen Ländern Europas und Nordamerikas sowie aus Japan. Die Erlebnisorientierung und Selbstverwirklichung, besonders jüngerer Menschen, spielt in unserer Gesellschaft eine immer bedeutendere Rolle [vgl. Hennig 1997, 66 ff.]. Man will den Zwängen und Normen der industriellen Gesellschaft entfliehen, die spürbaren Defizite kompensieren und Erfahrungen machen, die im sonstigen geregelten Leben unmöglich sind. Aufregende Abenteuerreisen in möglichst exotische Länder sollen dazu dienen, eine Welt ohne Abenteuer zu vergessen [vgl. Maurer & Wetterich in: Informationszentrum Dritte Welt 1986, 12 f.]. Um diesen Bedürfnissen zu entsprechen, werden mittlerweile nahezu ¼ aller Reisen weltweit in ferne Entwicklungs­länder (EL) unternommen [vgl. Kreib & Ulbrich 1997, 190]. Die Suche nach dem „verlorenen Paradies“ mag zwar ein wichtiges Reisemotiv sein, es lässt jedoch als theo­ret­ischer Erklärungsansatz wesentliche Fragen offen. Was bewegte beispielsweise die Pioniere unter den Touristen, die Adligen des 19. Jahrhunderts, dazu, in fremde Länder zu verreisen [vgl. Friedl 2002, 24]? Es macht Sinn, sich einen kurzen historischen Überblick der Entwicklung des Fremdenverkehrs zu verschaffen, um die „unbestreitbare Faszination des Reisens“ [Hennig 1997, 9] ergründen zu können.

2.1.1 Historische Entwicklung

„Das Reisen ist also die Schule der Menschen-Kenntnis. (…) In der Geschichte lernen wir nur die Todten kennen, auf Reisen hingegen die Lebenden“ schrieb Franz Posselt in seiner Anleitung Apodemik oder die Kunst zu reisen im Jahr 1795. Das war zu jener Zeit[4], als das Reisen unter den gebildeten Ständen Europas in Mode kam. Damals reiste man selbstverständlich nicht zum Vergnügen, sondern um seinen Horizont zu erweitern [vgl. Ullrich in: Die Zeit 2001, Internet]. Im Laufe der Geschichte sind Menschen immer wieder gereist, die meisten jedoch unfreiwillig durch Flucht, Vertreibung, Kriege, Katastrophen, Hungersnot oder sonstige Krisen [vgl. Prahl 2002, 234]. Der Tourismus, so wie wir ihn heute definieren, ist historisch gesehen ein recht junges Phänomen, obwohl das Reisen selbst sehr weit zurückreicht. Erst mit der Industrialisierung, der daraus entstandenen Arbeitsteilung und deren Zeitregelungen, sowie dem damit einsetzenden gesamt­wirtschaftlichen Aufschwung, haben sich die heutigen Formen des Reisens entwickeln können. Und sie sind mittlerweile fest im Bewusstsein als wichtiges Grundbedürfnis verankert [vgl. Lexikon der Geographie 2002, 358].

Die Anfangsphase

Die Anfänge der 3000 jährigen Geschichte des Fremdenverkehrs sind im 15. Jahrhundert vor Chr. in Ägypten zu finden. Eine Form von Bildungstourismus wird in Zeiten des Römischen Kaiserreichs in Griechenland unter der Ober- und Mittelschicht besonders populär. Die Perfektion der römischen Infrastruktur[5] erleichtert das Reisen ungemein und fördert Geschäftsreisen und Kurverkehr. Mit der Christianisierung Roms beginnt die Ära der religiös motivierten Pilgerreisen, wie etwa die der Moslems nach Mekka nach dem Tode von Mohammed (632 nach Chr.). Im 17. Jahrhundert schließlich entsteht mit der „Grand Tour“ eine neue Welle der Bildungsreise für die Adligen[6] der europäischen Aristokratie durch die antiken Städte Italiens, Griechenlands und im vorderen Orient. Später wird sie durch Vergnügungsreisen in die modernen Zentren Paris, Wien und London abgelöst. Wissenschaftlich motivierte Pionierreisen in die Naturidylle der Alpen, mit der Erstbesteigung des Mont Blanc 1786, werden im 19. Jahrhundert immer mehr zu alpinistischen Unternehmungen. Aus alt bekannten Reisen zum Auskurieren von Krank­heiten entwickelt sich im selben Zeitraum die Vorstufe zum Küstentourismus etwa an der Côte d’Azur [vgl. Friedl 2002, 31 ff.].

Der Weg zum Massentourismus

Mit Beginn der industriellen Revolution verändert sich das Reiseverhalten. Der Engländer Thomas Cook[7] gilt als der Erfinder der modernen Pauschalreisen und veranstaltet Mitte des 19. Jahrhunderts die erste organisierte Bahn-Rundreise durch Mitteleuropa. Für die Mittelklasse wird das Reisen mit der Eisenbahn[8] langsam erschwinglich. So wächst die Zahl der Urlauber in Deutschland zu jener Zeit auf 10 % an. Die Arbeiter besitzen jedoch bis in die 30er lediglich drei Urlaubstage im Jahr. „Kraft durch Freude“[9] nennt sich der für die Arbeiterschaft erste staatlich organisierte Massentourismus in der Nazi-Zeit. Die eigentliche touristische Explosion wird schließlich durch das „Deutsche Wirtschafts­wunder“ in den 50er und 60er Jahren ausgelöst. Ein hohes Pro-Kopf-Einkommen auf eine breite Schicht der Bevölkerung verteilt, eine gute Altersversorgung, genügend Freizeit durch erhöhte Arbeitsintensität und steigende Mobilität führen zu einem Reise­boom in den westlichen Industrienationen [vgl. Friedl 2002, 34 ff.].

Der Durchbruch des Ferntourismus

Anfänglich überwiegen Bus- und Bahnreisen, danach verstärkt der Autotourismus und als nächste Station schließlich die ersten Charterflüge [vgl. Freyer 1990, 25]. Als Josef Neckermann 1963 ins Fluggeschäft einsteigt und mit seinem Prinzip „Großer Umsatz – kleine Preise“ erstmals industrielle Methoden auf den Ferntourismus überträgt, ist die Basis für einen wirtschaftlichen Durchbruch geschaffen. Heute ist Neckermann-Reisen Europas drittgrößter Reise-Veranstalter nach TUI und Airtours [vgl. Friedl 2002, 37 ff.]. Autolawinen, Düsen-Jets und überfüllte Urlaubsregionen prägen das Bild unserer derzeitigen Reise- und Urlaubsgesellschaft [vgl. Freyer 1990, 25]. Ihr Motto ist: „Weg von“ der Monotonie des Alltags, den belastenden Arbeitsanforderungen, den grauen Wohnvierteln, dem schlechten Wetter, der Langeweile oder der übergroßen Sicherheit – „hin zu“ fernen Ländern, fremden Gesellschaften, unberührter Natur, temporären Abenteuern, einfacheren Lebensformen oder auch Luxus [vgl. Prahl 2002, 241].

2.1.2 Formen und Trends des Dritte-Welt-Tourismus

Urlaub wird einerseits als Erholung begriffen, andererseits zu einer Komposition aus Tempo und Erlebnisdichte. Im Urlaub erfolgt eine Art von „Exotisierung“ – fremde Küche, anders­artiges Klima, unvertraute kulturelle Muster und selten geübte Tätigkeiten sind Elemente eines gelungenen Urlaubs. „Vor allem aber werden Raum und Zeit in ein neues Verhältnis gesetzt. Die Ferienreise überwindet immer größere Räume in immer kürzerer Zeit, Tempo und Zeitsparen sind zu typischen Mustern des Tourismus geworden“, schreibt Prahl. Mit einem Ortswechsel soll die im Alltag übliche Zeitroutine überwunden und die Sehnsucht nach archaischen Zeitgefühlen erfüllt werden. Besonders deutlich wird dies bei Fernreisen in Länder der Dritten Welt[10], wenn Kontakte mit uns fremden Stammesgesellschaften entstehen [vgl. Prahl 2002, 241 f.]. In den 70er Jahren zählten Fernreisen, insbesondere in Entwicklungsländer, noch zu den Ausnahmen. Heute ist deren Anteil weltweit von 10 auf knapp 30 % gestiegen [siehe: Graphik 2] [vgl. Friedl 2002, 43].

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Laut Friedl lässt sich eine Differenzierung nach der Konzentration des Auftretens in Massen­tourismus, Alternativtourismus und sanften Tourismus vornehmen. Beim Massen­tourismus sind es „Pauschalarrangements“, Alternativtourismus war ursprünglich das Selbst­verständnis der Rucksacktouristen, die sich „abseits der touristischen Pfade“ zu bewegen gedachten und schließlich der „sanfte Tourismus“[11], welcher sämtliche Formen des umwelt- und sozialverantwortlichen Reisens umfasst [vgl. Friedl 2002, 22]. Man sollte keinesfalls den Massentourismus per se als schlecht verurteilen, denn genauso von den gleichen Urlaubsmotiven getrieben, bedienen sich die „edlen Alternativtouristen“ doch überwiegend der gleichen touristischen Infrastruktur, argumentiert Hampton. Dafür bleiben sie meist länger im Land, konsumieren häufig lokale Nahrungsmittel, nächtigen in einheimischen Quartieren und nutzen lokale Verkehrsmittel [vgl. Hampton 1998 in: Friedl 2002, 207]. Überschneidungen und Unschärfen zwischen verschiedenen Tourismusformen sind die Regel [vgl. Ellenberg 1997, 44], trotzdem lassen sich einige Grundformen des Reisens in Entwicklungsländer herauschristallisieren [siehe: Tabelle 1].

Im Ferntourismus wird bis 2010 eine Wachstumsrate von 86 % prognostiziert, wobei die größten Wachstumsraten des privaten Passagierluftverkehrs bei Fernzielen für die Regionen Mittelamerika, Nahost und Südamerika vorausgesagt werden [vgl. Umwelt­­­bundesamt 2002, 63]. Weltweite Statistiken über die Entwicklung der Tourismus­formen sind jedoch nicht vorhanden. Das liegt zum einen an der unzureichenden Daten­sammlung[12] vieler Länder [Ziffer 1989, 8 f. in: BMZ 1995, 43], doch auch das Reise­verhalten der Besucher selbst erschwert immer mehr eine Zuteilung in die verschiedenen Grundreiseformen. Begriffe wie Risikogesellschaft, Freizeitgesellschaft, Individual­gesell­schaft oder Erlebnisgesellschaft [Schulze 1992] werden in diesem Kontext genannt [vgl. Prahl 2002, 333]. Während der Existenzaufbau als Lebensziel an Bedeutung verliert, wird das Erlebnis von Außergewöhnlichem und Intensivem immer wichtiger. Im Tourismus kommt dieses neue Lebensgefühl in der Gestalt des „Hybridtouristen“ [Rotpart 1995] zum Ausdruck. Das heißt, eine Kombination möglichst verschiedenster Tourismusformen wird zur Maximierung des eigenen Glücksgefühls angestrebt. Es ist die Suche nach sich selbst, wobei das Ego stets im Zentrum steht und der Rest der Welt als Kulisse dient, meint Friedl. Der traditionelle Besichtigungs- oder Badetourismus ist nicht mehr lukrativ genug und wird mit sportlichen Aktivitäten, Einkaufserlebnissen, Kulturbegegnungen und Naturerfahrungen ergänzt, die ohne Inszenierungen gar nicht mehr auskommen [vgl. Friedl 2002, 40 ff.]. Der heterogene Trend des „Homo touristicus“ [Vester 2001] geht in Richtung „weiter, schneller, kürzer, öfter“ [vgl. Friedl 2002, 15] und noch dazu abwechslungsreicher.

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2.1.3 Touristische Effekte

Wie wirkt der Tourismus auf die Reisegebiete? Wie gestaltet sich das Verhältnis von Besuchern und Einheimischen? Wie ist die Umweltbilanz des Fremdenverkehrs? Bringt er wirtschaftlichen Aufschwung oder neue Formen von Kolonialismus [vgl. Hennig 1997, 9 f.]? Weltweit geben sich indigene Völker (un-)freiwillig als touristische Attraktion her, ob bei der Komfort-Safari in der Kalahari, beim Trekking zu den Bergvölkern in Nordthailand oder auf der Spur der Tuaregs in der Sahara [vgl. Kreib & Ulbrich 1997, 139]. In jedem Fall nehmen mit zunehmender touristischer Entwicklung auch deren Effekte zu [vgl. Lexikon der Geo­graphie 2002, 360] – zunächst einmal ganz unabhängig davon, ob sie positiv oder negativ sind. Betrachtet man die Prognosen der WTO als annähernd realistisch (im Jahr 2020 rechnet die WTO mit 1,6 Mrd. Touristenankünften), dann muss man davon ausgehen, dass sich die Auswirkungen sowohl global als auch lokal betrachtet durch den internationalen Reise­­verkehr noch drastisch erhöhen werden [siehe: Graphik 3].

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Die allgemeinen Wachstumsprognosen im Ferntourismus beruhen auf der Annahme einer stabilen Weltwirtschaft und anhaltendem Wohlstand der wichtigsten Nachfrage­gruppen, doch darüber besteht keine einhellige Meinung. Nach Aussagen des BMZ sind die Preise für Energie ein weiterer Unsicherheitsfaktor. Andererseits habe die Ver­gangen­­­heit gezeigt, dass der Tourismus relativ immun gegen konjunkturelle Einbrüche ist [vgl. BMZ 1995, 45].

Gewöhnlich unterliegen die bereisten Zielgebiete einem Lebenszyklus; von der Gründung, über das Wachstum, bis zur Reife und schließlich ihrem möglichen Niedergang [siehe: Kapitel 2.2.2] [vgl. Lexikon der Geographie 2002, 360]. „Tourismus ist wie Gift – an einer Überdosis stirbt man“, behauptet Momodou Cham vom Touristenministerium Gambias [zit. in: Friedl 2002, 55]. Neben der wirtschaftlichen und soziokulturellen Bedeutung des Fremdenverkehrs rücken seit einigen Jahren auch dessen Umweltbelastungen immer weiter ins gesell­schaft­liche Blickfeld [vgl. Umweltbundesamt 2002, XI] [siehe: Graphik 4].

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Die touristischen Effekte sind in ihrem Umfang, in ihrer Intensität und zeitlichen Spannweite vielfältig und abhängig von den konkreten wirtschaftlichen, gesellschaft­lichen und politischen Rahmen­­bedingungen im jeweiligen Zielgebiet. Darüber hinaus bestehen zwischen ihnen teils komplexe Interaktionen [vgl. Lexikon der Geographie 2002, 362]. Im Folgenden sollen die ökologischen, ökonomischen und soziokulturellen Aus­wirkungen des Ferntourismus genauer betrachtet werden, um später einen Vergleich mit den Fallbeispielen in Perú zu er­mög­lichen.

2.1.3.1 Ökologische Auswirkungen

Die internationalen Erfahrungen mit Reisen in Dritte-Welt Länder zeigen überwiegend planlose und ungelenkte Entwicklungen. Wenn keine konsequenten staatlichen Rahmenbedingungen und Kontrollen bestehen, sind dementsprechend die Umwelt­auswirkungen vor Ort oft gravierend, so heißt es im Jahresbericht (1995) des Bundes­ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung [vgl. BMZ 1995, 4]. Doch am Anfang jeder Reise steht erst einmal der Transport zum weit entfernten Urlaubsgebiet. Etwa 95 % aller Fernreisenden gelangen mit dem Flugzeug in ihr Zielland [Hagen 1993 In: BMZ 1995, 61] und benötigen für die Hin- und Rückreise 90 % der Primärenergie des gesamten Urlaubs [vgl. Ellenberg 1997, 50]. Jeder Fluggast verbraucht auf dem Weg von Europa bis an den Äquator so viel Energie, wie ein durchschnittlicher Autofahrer in sieben Monaten. Bei der Verbrennung des Flugtreibstoffs Kerosin bleiben CO2 -Äquivalente[13] (Kohlendioxid, Stickoxide und andere klimarelevante Gase) in der Atmosphäre zurück, verweilen dort 500-mal länger und sind wesentlich klimaschädigender als am Erdboden. 60 % aller Reisen und 70 % der Flugkilometer entfallen auf den Tourismus und die Tendenz ist steigend [vgl. Backes 1997]. Dennoch wird der Flugverkehr weltweit politisch gefördert, insbesondere durch den Verzicht auf die Besteuerung von Kerosin[14] [vgl. Hennig 1997, 123]. Die Umweltproblematik im Tourismus ließe sich deutlich abschwächen, so Ellenberg, wenn „ferner, schneller und öfter“ zu „näher, langsamer und seltener“ im Reisen überleiten würde[15] [vgl. 1997, 276]. Allgemein sollte gegenüber der „harten Mobilität“ per Auto oder Flugzeug, die „sanfte Mobilität“ zu Fuß, per Bahn, Bus, Rad oder Schiff[16] bevorzugt werden [Thaler 1992 in: Friedl 2002, 207].

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In Bezug auf die gesamten öko­logischen Auswirkungen durch Fern­reisen, muss man räumlich gesehen unterschiedliche Betrachtungs­ebenen berücksichtigen [siehe: Tabelle 2]. Beurteilt wird einerseits der Raum­überwindungsfaktor, d.h. wie gelangt der Tourist zur touristischen Destination, und anderer­seits das tourismusspezifische Angebot vor Ort, d.h. die touristische Infrastruktur und die vom Touristen durchgeführten Aktivitäten [vgl. Bundesamt für Natur­schutz 1998, 7 f.].

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Nach Hennig können die Umweltschäden durch Ferntourismus in vier große Bereiche unterteilt werden [1997, 112 ff.]: Umweltverschmutzung (inklusive Emissionsbelastung), Verbrauch natürlicher Ressourcen, Zerstörung von Naturräumen und ästhetische Wirkungen.

- Zur Umweltverschmutzung zählen der Touristenmüll, das Fehlen ausreichender Kläranlagen und der Reiseverkehr, der durch das Fliegen den größten Anteil einnimmt
- Der Verbrauch natürlicher Ressourcen stellt vor allem in der Dritten Welt ein Problem dar (hoher Energieverbrauch durch z. B. Klimaanlagen oder Schwimmbäder, Wassermangel und Holzverbrauch wie in Nepal durch Trekking-Tourismus). Doch auch hier ist der Verkehr durch die energieaufwendige Reise zum Urlaubsziel der destruktivste Faktor
- Die Zerstörung von Naturräumen äußert sich in Form von geschädigten Biotopen und Ökosystemen, welche die Lebensgrundlagen von Tieren und Pflanzen darstellen
- Die ästhetischen Wirkungen (beispielsweise durch Zersiedlung) sind problematisch, da sie vorzugsweise Landschaften treffen, die besonders schön und/oder besonders fragil sind. Das „subjektive Empfinden der visuellen Belastung“ ist für den Tourismus von ganz entscheidender Bedeutung.

Unter einer Vielzahl von Autoren besteht folgende Konsenz: Global betrachtet richtet der Ferntourismus insbesondere durch die Reise mit dem Flugzeug sehr bedenkliche klimatische Umweltschäden an. Auf lokaler Mikroebene steht oft eine notwendige Limitation von Besucherzahlen und anderer umwelt- und ressourcenschonender Aktivitäten im Konflikt mit dem als kurzfristig wichtiger erscheinenden Ziel touristischen Wachstums [vgl. Pleumarom 1997, 83]. Doch zugleich kann der Fremdenverkehr auch erhaltende, im ökologischen Sinn positive Kräfte entfalten [vgl. Hennig 1997, 112]: Paradoxerweise zerstört der Tourismus nämlich sein eigenes und entscheidendes Kapital – das intakte Landschaftsbild und den Lebensraum der Einheimischen in den Zielgebieten [vgl. Stock 1997, 28]. Will er dieses Spannungs­verhältnis [siehe: Kapitel 2.2.2] langfristig überdauern, so muss er sich die Bewahrung seiner überlebensnotwendigen Ressourcen zum Ziel machen.

2.1.3.2 Ökonomische Auswirkungen

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Auf den ersten Blick sind die wirtschaftlichen Effekte des Tourismus im Allgemeinen überaus positiv. Bei 33 % der Entwicklungsländer stellt das Reisewesen die Haupteinnahmequelle der dringend benötigten Devisen dar [vgl. Studienkreis für Tourismus 2000, 23]. Doch die Statistiken täuschen, stellt Hennig fest. Es existiere ebenso ein hoher Devisenabfluss durch die Einfuhr von Konsumgütern aus den Industrieländern[17]. Für die anspruchsvollen Gäste müssen Nahrung, Treibstoff, und Luxusgüter für teures Geld importiert werden [vgl. Hennig 1997, 153]. Die so genannte „Sickerrate“ der Deviseneinnahmen, die zur Finanzierung importierter Leistungen wieder in die Industrieländer abfließt, liegt bei etwa 50 bis 70 % [vgl. Studien­kreis für Tourismus 2000, 53]. Erhöht wird dieser Prozentsatz, wenn der Besitz in der Hand ausländischer Investoren liegt, die teils noch ihre landeseigenen Mitarbeiter be-schäftigen [vgl. Stock 1997, 34]. Ein solcher Kapitaltransfer ausländischer Unternehmen [siehe: Kapitel 6.2 – Hotelplanung eines französischen Investors in Llachón] und der Kapital­abfluss ins Ausland (von ausländischen Firmen erstellte Infrastruktur, Gehälter ausländischer Führungs­kräfte, Ausgaben für Tourismuswerbung etc.) werden als „leakage“[18] tituliert. Darüber hinaus ist das touristische Produkt nicht lagerfähig, seine Angebotsmengen (wie Hotel­zimmer) sind starr und die Kapazitätsgrenzen fix. Die Konsequenz ist ein Anbieter­verhalten, das als „Markt-Segmentierung“ bezeichnet wird. Das heißt, dass man durch niedrigere Preise versucht, auch in der Nebensaison eine maximale Auslastung der gegebenen Kapazitäten zu erreichen [vgl. Hennig 1997, 154 ff.]. Die wirtschaftlichen Effekte auf lokaler Ebene sind zudem oft durch eine unzureichende Ausbildung der Bevölkerung begrenzt. Daraus resultieren unqualifizierte Beschäftigungen, mangelhafte Partizipations- und Verteilungsstrukturen. Trotz dieser Einschränkungen können sich für die lokale Bevölkerung neue Einkommens­quellen im (Kunst-)Handwerk, im Servicebereich und zum Teil in der Landwirtschaft[19] ergeben [vgl. BMZ 1995, 7 ff.]. Der Fremdenverkehr hat hohe Ausstrahlungs- oder „Multiplikatoreffekte“ auf andere Branchen (z.B. Baubranche, Verkehrssektor, Bekleidungs­sektor, Unterhaltungsindustrie), doch Statistiken können den Anteil nur unzureichend ausweisen, weil die Wertschöpfung nicht immer eindeutig den jeweiligen Nutzungen zugerechnet werden kann. Eindeutige ökonomische Bilanzen, die nicht nur die privaten Gewinne, sondern auch die kommunalen, staatlichen und sozialen Folgekosten ausweisen, fehlen fast völlig. Noch schwieriger, laut Prahl, sind solche Bilanzen zu erstellen, die auch noch die Kosten für die Erhaltung bzw. Wiederinstandsetzung der Umwelt einbeziehen [vgl. 2002, 289 ff.].

Die ökonomischen Effekte in den Zielgebieten werden erzeugt durch [vgl. Lexikon der Geographie 2002, 362]:

- die Produktionsfunktion – Einnahmen und Umsätze in Betrieben der Beherbergung, der Kultur, des Verkehrs etc. bewirken Wertschöpfungseffekte
- die Finanz- und Zahlungsbilanzfunktion – Touristische Nachfrage und räumliche Konsum- und Kaufkraftverlagerung bewirken Zahlungsbilanz- bzw. Reisedevisen­effekte
- die Beschäftigungsfunktion – Schaffung von Arbeitsplätzen, Strukturwandel auf dem Arbeits­markt etc. bewirken Beschäftigungseffekte
- die Einkommensfunktion – Touristische Nachfrage bewirkt Einkommenseffekte und durch Kaufkraft- und Konsumverlagerung Multiplikatoreffekte
- die räumliche Ausgleichsfunktion – Standortanforderungen von Freizeit und Tourismus bevorzugen periphere, strukturschwache Räume, führen zum Abbau räumlicher Disparitäten und bewirken so Ausgleichs- und Infrastruktureffekte

Festzuhalten gilt, dass nicht einmal 5 % der weltweiten Gesamteinnahmen auf die Ent­wicklungs­­länder (ohne den ostasiatisch-pazifischen Raum) entfallen. Und dennoch kann die relative Bedeutung des Fremdenverkehrs für die ärmeren Länder sehr groß sein: Auf Barbados etwa erwirtschaftet der Tourismus 70 % des Bruttosozialprodukts (zum Vergleich: in Deutschland 0,7 %) [vgl. Hennig 1997, 150]. Für Hennig sind Tempo und Ausmaß der touristischen Erschließung entscheidend. Sie sollten in einem vernünftigen Verhältnis zur Struktur des Reisegebiets stehen. Eine forcierte Entwicklung sei nicht gut, nur ein langsames und gut geplantes Vorgehen würde positive Effekte bringen [vgl. Hennig 1997, 150 ff.].

2.1.3.3 Soziokulturelle Auswirkungen

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Die mit hohen Erwartungen verbundenen Hoffnungen auf Entwicklungshilfe und Völkerver­ständigung konnte der Fremdenverkehr in den Entwicklungsländer meistens nicht erfüllen [vgl. Studienkreis für Tourismus 2000, 36]. Allgemein gültige Aussagen über die Bewertung der sozialen, politischen und kulturellen Auswirkungen des Tourismus auf die Zielgebiete können laut Vorlaufer nicht getroffen werden. Zu viele gesellschaftliche Komponenten des jeweiligen Entwicklungslandes und seiner spezifischen Region spielen dabei eine Rolle [vgl. 1996, 201]:

Der Grad der touristischen Beeinflussung hängt zum einen von der Art des Tourismus ab. Anzunehmen ist, dass Strand- und Vergnügungstourismus massivere soziokulturelle Effekte auslöst als Ökotourismus. Grundsätzlich ergeben sich aber dieselben negativen bzw. positiven Begleiterscheinungen, die lediglich in ihrer Geschwindigkeit, mit welcher ein Gebiet erschlossen wird, in der Quantität der Besucher und in der Intensität im Kontakt relevante Unterschiede aufweisen [vgl. BMZ 1995, 85].

Die soziokulturellen Effekte in den Zielgebieten verknüpfen sich vor allem mit Einflüssen auf die Bevölkerung, die Siedlungen und das gesellschaftliche Leben. Zu den Wirkungen auf die Bevölkerung gehören unter anderem Veränderungen in der Beschäftigtenstruktur, in der Altersstruktur, in der Sozialstruktur (etwa durch ortsfremde Personengruppen wie Saisonarbeiter) und in der Lebens- und Wohnqualität (verbesserte Infrastruktur). Siedlungs­geographisch zeigen sich die Effekte unter anderem in räumlicher Konzentration der touristischen Nachfrage, was zum Struktur- und Funktionswandel bestehender Siedlungen sowie zum Entstehen neuer Siedlungsformen (wie Feriendörfern) führen kann [vgl. Lexikon der Geographie 2002, 362]. Am einschneidensten jedoch sind sicherlich die Einflüsse auf das gesellschaftliche Leben und dessen Strukturen durch die unausweichliche „interkulturelle Konfrontation“ [vgl. Maurer & Wetterich in: Informationszentrum Dritte Welt 1986, 18]. In diesem Kontext spricht man von der „Akkulturation“, der gegenseitigen Beeinflussung zweier unterschiedlicher Kulturen und Denkweisen beim Aufeinandertreffen – bedingt durch den Fremdenverkehr [vgl. Studienkreis für Tourismus 2000, 37]. Die unterschiedlichen Auswirkungen der Akkulturation werden hier nur kurz thematisiert, da im Exkurs-Kapitel [siehe: Kapitel 7.4] dann ausführlicher darauf eingegangen werden soll. Die sozialen und gesellschaftlichen Folgen sind oft dann besonders negativ, wenn die kulturelle Distanz zwischen Reisenden und Bereisten sehr groß ist. Vorurteile und Missverständnisse können kaum behoben werden, da in vielen Fällen sprachliche Barrieren fast unüberwindliche Hürden darstellen [vgl. Prahl 2002, 285 f.]. Doch laut Friedl lebt die Reiseindustrie genau von dieser kulturellen Distanz. Sie idealisiere die Bereisten als „edle Wilde“, als Repräsentanten eines gesellschaftlichen Idealzustandes und verachte sie zugleich als rückständige, primitive Barbaren [vgl. Friedl 2002, 69 f.]. Ein Teil der traditionellen Kultur in den bereisten Regionen wird für die Touristen in Form von Folklore oder Reiseandenken kommerziell umgeformt und lediglich zur bloßen Show herabgestuft. Heilige Orte und private Räume werden den Touristen geöffnet und verlieren so ihre ursprüngliche Bedeutung, kritisiert Prahl [vgl. 2002, 287]. Besonders bei jungen Menschen aus der Zieldestination kommt es häufig zu einem erhöhten Bedürfnis nach Konsum und sozialem Aufstieg durch die Imitation und Identifikation mit Verhaltens- und Denkmustern der Besucher [vgl. Studien­kreis für Tourismus 2000, 37]. Die Folgen der neu geschaffenen Konsum­bedürfnisse können zu steigender Kriminalität, Bettelei und Prostitution führen. Wenn die Touristen in wenigen Tagen Geldsummen verprassen, die der lokalen Bevölkerung vielleicht ein Jahr lang das Existenzminimum sichern könnten, kann dies wohl nicht ausbleiben. Da für die Bereisten der verschwenderische Wohlstand der Touristen kaum als Ausnahmezustand erkennbar und dieser Zustand trotz verzweifelter Anstrengung kaum zu erreichen ist, fördert er das Gefühl der Minderwertigkeit und Unterlegenheit [vgl. Maurer & Wetterich in: Informations­zentrum Dritte Welt 1986, 19].

Vor allem in den 70er Jahren wurden zahlreiche Arbeiten über derartig ausnahmslos negative soziokulturelle Effekte des Tourismus verfasst. Im letzten Jahrzehnt hat sich jedoch diese negative Sichtweise etwas relativiert. Laut Vorlaufer belegen zahlreiche weltweite Feldstudien, dass ganz im Gegenteil das Interesse der Touristen an der heimischen Kultur bei den Gastgebern eine Rückbesinnung auf das kulturelle Erbe, eine Neubewertung und Wiederbelebung alter Bräuche erweckt [vgl. Vorlaufer 1996, 202 f.]. Ebenso kann der Tourismus eine Auflösung bzw. Dynamisierung erstarrter Sozialstrukturen[20] bewirken oder kann zu kultureller Identitätsfindung und dem Erhalt religiöser Rituale beitragen [vgl. Lexikon der Geographie 2002, 362].

2.1.4 Tourismuspolitische Strukturen

„…Gewiss, es ist wichtig, dass jeder einzelne aus dem Informationsstand, den er hat, die Konsequenzen zieht, die sich für sein eigenes Leben und für seine Einschätzung von politischen Fragen aufdrängen. Aber es ist überhaupt nicht einsichtig, warum das nur jeder einzelne tun soll“ [MÄder in: Informationszentrum Dritte Welt 1986, 102].

Tourismuspolitik, das ist die Schaffung und Veränderung von Rahmenbedingungen und Instrumenten durch staatliche Stellen zur Förderung und Steuerung des Tourismus [vgl. Lexikon der Geographie 2002, 360]. Tourismus findet auf verschiedenen räumlichen Ebenen statt, von den Quellgebieten in den Industrieländern über die nationalen Zentren in den Entwicklungsländern und Regionen bis hin zu den eigentlichen kommunalen Zielgebieten. Auf jeder dieser Ebenen können entwicklungspolitische Interventionen ansetzen, bei der Vermarktung in den Industrieländern, der nationalen Tourismuspolitik der Zielländer, bei regionalen Entwicklungsstrategien oder bei der Besucherlenkung in den Zielgebieten [vgl. BMZ 1995, 39]. Da sich der Tourismus als Querschnittsaufgabe über verschiedene Teilpolitiken (z.B. Wirtschaft, Umwelt, Kultur, Gesundheit, Raumentwicklung, Verkehr etc.) erstreckt, wird die Formulierung und Durchsetzung einer eigenständigen Tourismuspolitik verkompliziert [vgl. Lexikon der Geographie 2002, 360]. Zudem werden Freizeit und Tourismus individuell wie gesellschaftlich hoch bewertet und oft mit Freiheit gleichgesetzt, was keine steuernden Eingriffe und Begrenzungen zu erlauben scheint [vgl. Prahl 2002, 285].

Bei der Entwicklung des Tourismus kommt dem Staat eine wichtige Rolle zu[21], denn für den permanenten Fremdenverkehr muss eine gewisse Infrastruktur des Transports und der Kommunikation, sowie ein ausreichendes Gesundheitswesen gewährleistet sein. Sehens­würdigkeiten wie Baudenkmäler oder landschaftliche Besonderheiten sind zu schützen und zu erhalten [vgl. Hennig 1997, 154 f.]. Um den Schutz der Natur zu garantieren, so Meyer, bedarf es strikter staatlicher Regelungen. Nur so kann sich jeder einzelne darauf verlassen, dass auch das Handeln aller anderen dem Schutz der Natur verpflichtet ist [vgl. Meyer 2003, 154]. Vor allem in Lateinamerika sind nach Angaben des BMZ zu niedrige Nutzungs­gebühren Ursache dafür, dass die Schutzgebietsverwaltungen nur wenig vom Tourismus­geschäft profitieren [vgl. BMZ 1995, 7]. Dem Ressourcenverbrauch, der Umwelt­verschmutzung, der Gefährdung von Naturräumen lässt sich durch politische Vorgaben und entsprechende Planung entgegenwirken. Unlösbar scheinen allerdings unter den derzeitigen Rahmenbedingungen die mit dem Transport verbundenen Probleme. Zumindest für den Ferntourismus ist das Flugzeug unverzichtbar [vgl. Hennig 1997, 123].

Auf kommunaler Ebene befinden sich die örtlichen Gemeinschaften auf einer ständigen Gratwanderung. Einerseits muss eine gewisse Eigenverantwortlichkeit (Partizipation der lokalen Bevölkerung) bestehen, damit sich der Kapitalabfluss in Grenzen hält. Andererseits ist eine weit reichende Zusammenarbeit im Tourismus die Basis für beständige Besucherströme [vgl. Hennig 1997, 144]. Auf nationaler Ebene ist die teils bedingungslose Förderung des Tourismus in den Entwicklungsländern nicht ganz freiwillig, denn es besteht eine permanente und wachsende Verpflichtung, mit steigenden Touristenzahlen die nötigen Devisen zu beschaffen und Schulden zu tilgen [vgl. D´Sa 1998a In: Friedl 2002, 100]. Eine Beziehung der wirtschaftlichen und finanziellen Abhängigkeit, die durch den reichen „Norden“ forciert wird, da die Vergabe von Krediten der Industrieländer fast immer mit der Erfüllung politischer Kriterien verknüpft ist. Und diese Bedingungen decken sich zumeist mit den Vorstellungen von Reiseveranstaltern [vgl. Friedl & Schriefl 2000 In: Friedl 2002, 83].

Ein besonders wichtiges Investitionskriterium ist die politische Stabilität. Da sich der Konsum des touristischen Produkts grundsätzlich am Ort der Produktion vollzieht, der Käufer sich also zum Produkt hinbewegen muss, macht dies den Tourismus abhängig von nicht-kontrollier­baren Variablen politischer und sozialer Art. Kriege, politische Unruhen, terror­istische Anschläge wirken sich laut Hennig auf den Fremdenverkehr sehr viel nachhaltiger aus als auf andere Wirtschaftsbereiche [vgl. 1997, 163] und die Liste wird immer länger:

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York, vom 11. April 2002 in Djerba (Tunesien) und vom 13. Oktober 2002 auf Bali. Die SARS[22] -Epidemie Ende Februar 2003 in China und der Irak-Krieg im Jahr 2003. Die Terror­anschläge am 11. März 2004 in Madrid und die Flutkatastrophe im Indischen Ozean am 26. Dezember 2004. Die Terroranschläge am 7. und 21. Juli 2005 in London und am 23. Juli in Scharm el Scheich (Ägypten), der verheerende Hurrikan am 29. August an der Küste von New Orleans und erneute Terroranschläge auf Bali am 1. Oktober 2005.

Die tragischen Ereignisse der letzten Jahre forderten unzählige Menschen­leben und verbreiteten weltweit Angst und Schrecken. Für den globalen Fernreiseboom brachten sie insgesamt betrachtet nur jeweils kurze Einbrüche[23]. In der Regel lässt die Sehnsucht nach der Ferne die Angst vor diffusen Risiken rasch wieder vergessen, schreibt Friedl [vgl. 2002, 18]. Doch gerade weil die touristischen Ziele in Folge der Globalisierung oft austauschbar sind, reagieren die Touristenströme punktuell sehr sensibel auf solche Gefahren. Dies wird mit weiteren Anstrengungen der bereisten Regionen in Form von Imagepflege, Werbung, Sonderkonditionen oder verstärkten Sicherheitsvorkehrungen zu verhindern versucht [vgl. Prahl 2002, 288]. Zusätzliche Belastungen, die gerade in den ärmeren Ländern der Dritten Welt langfristig kaum tragbar sind. Für die kleinen Tourismusanbieter in den jeweiligen Zielgebieten bedeutet eine Naturkatastrophe, ein Terroranschlag oder Krieg jedoch meist das sofortige wirtschaftliche Aus – abgesehen vom menschlichen Leid durch solch tragische Ereignisse.

Durch den Prozess der Globalisierung ist nicht nur der Konkurrenzdruck unter den Zielgebieten größer geworden, es ergeben sich auch zunehmend Investitionen aus dem Ausland, welche zu Kapitalverflechtungen und Kooperationen führen. Laut Petermann ist die Nischenorientierung eine mögliche Strategie, um gegen den zunehmenden Konkurrenzdruck zu bestehen [vgl. Petermann 1999 in: Friedl 2002, 99]. An die Stelle der Staaten treten immer mehr global operierende Akteure in Form supranationaler Organisationen [siehe: Tabelle 4].

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Grenzenlose Freiheit dank GATS[24] ? Durch das freie Handelsabkommen im Dienstleistungsbereich ist ein erbarmungsloser Wettbewerb unter den Gastländern ausgebrochen, die ihren Tourismus aufgrund von Deregulierung und Liberalisierung für fremde Unternehmen öffnen müssen [vgl. Kreib & Ulbrich 1997, 130]. In der gegenwärtigen Situation der internationalen Tourismuspolitik ist eine Dominanz des WTTC bzw. der Transnationalen Unternehmen (TNCs) gegenüber dem einzelnen Nationalstaat unüber­sehbar. Eine Entwicklung, die im fundamentalen Widerspruch zu einem der Kernprinzipien der Nach­haltigkeit steht, nämlich demokratisch legitimierte Regulierung durch lokale Parti­zipa­tion. Darum werden nach Meinung von Friedl internationale Formen von Kooperationen und Allianzen zwischen Regierungen, zwischenstaatlichen Orga­nisa­tionen und NGOs für eine Rückgewinnung politischer Gestaltungskompetenz immer wichtiger [vgl. 2002, 113 ff.]. Naturschutz und Tourismus sind aus diesem Grund verstärkt in die Entwicklungs­zusammenarbeit mit einbezogen worden [siehe: Kapitel 6.2 – Naturschutz­projekte in der Region Puno durch die Kooperation mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW)].

2.2 Nachhaltigkeit

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Würde man die 4,7 Milliarden Jahre Erdgeschichte auf die Zeitspanne von nur einem Jahr komprimieren, dann entspräche ein menschliches Leben gerade einmal der flüchtigen Dauer einer halben Sekunde [vgl. Ellenberg 1997, 3 f.]. Eine halbe Sekunde im Zeitraum eines gesamten Jahres. Und dennoch betreibt der Mensch einen rabiaten Raubbau an den natürlichen Ressourcen, als wäre sein Handeln ohne jeglichen moralischen Zweifel gerechtfertigt und gefährdet damit das Fortbestehen eines uralten Ökosystems.

Nachhaltigkeit anzustreben, muss das generelle Ziel von Umwelteingriffen sein. Dies wird der Tourismus konsequenter anstreben müssen, auch wenn er nie in die Illusion fallen sollte, er könne gänzlich umweltneutral werden, so Ellenberg. Vor allem im eigenen Interesse fordern einige Industrieländer den Schutz der natürlichen Ressourcen in den Reiseländern der Dritten Welt. Dieser „edle Schutzgedanke“ rangiert in den Entwicklungsländern allerdings hinter der Notwendigkeit, Devisen zu beschaffen und Schuldentilgung anzustreben [vgl. Ellenberg 1997, 274 f.]. Die Schulden sind das Ergebnis einer asymmetrischen und abwegigen Beziehung[25], die aus einer vergangenen Kolonialzeit herrührt und bis heute Bestand hat.

[...]


[1] Die touristische Destination entspricht dem Zielort oder -gebiet einer Reise. Dies kann ein Unterkunftsbetrieb, eine Stadt, eine Region oder ein Land sein [vgl. Lexikon der Geographie 2002, 361].

[2] Isla de Taquile heißt ins Deutsche übersetzt die Insel Taquile und Península de Capachica steht für die Halbinsel Capachica. Die spanischen Namen und ihre deutschen Übersetzungen werden in dieser Arbeit gleichberechtigt verwendet.

[3] Die Begriffe Tourismus und Fremdenverkehr sollen hier synonym verwendet werden. In der deutschen Sprache wurde lange an dem Begriff Fremdenverkehr festgehalten, um sich gegen französische oder angloamerikanische Einflüsse zu wehren. Der Begriff unterstellt vorab, dass die Touristen Fremde bleiben werden oder wollen. In den meisten wissenschaftlichen Disziplinen wie auch im Alltagsgebrauch hat sich daher die Bezeichnung Tourismus durchgesetzt [vgl. Prahl 2002, 235]

[4] Gemeint ist die Zeit des Barock und der Romantik bzw. des Klassizismus.

[5] Der Ausbau von Wegenetzen durch die Römer erleichtert die ohnehin erschwerlichen Reisebedingungen zu Fuß oder zu Pferd. Bei den Seefahrernationen reiste man auch mit Schiffen [vgl. Knebel 1960, 12 in: Freyer 1990, 22].

[6] Pilger, Geschäftsleute und später auch junge Adlige auf ihrer „Grand Tour“ durch Europa gelten als „Fossil“ des Touristen. Ihr Motiv war die Bildung und das Vergnügen [vgl. Knebel 1960, 12 in: Freyer 1990, 22].

[7] Thomas Cook veranstaltet 1841 die erste Pauschalreise, an welcher 570 Personen teilnehmen. Die Bahnreise startet von Leicester ins zehn Meilen entfernte Loughborough; eine organisierte Hin- und Rückreise mit Tee, Rosinenbrötchen und Blasmusik für einen Schilling [vgl. Freyer 1990, 23].

[8] Der Tourismus erfährt mit dem Ausbau des Post- und Kommunikationswesens im 19. Jahrhundert und der Entwicklung und Verbesserung des europäischen Verkehrswesens einen gewaltigen Schub. Dies ermöglichen die Innovationen der Eisenbahn, des Dampfschiffes und ein höherer Wohlstand durch die Industrialisierung [vgl. Freyer 1990, 22].

[9] Mit Hilfe der nationalsozialistischen Organisation „Kraft durch Freude“ wird 1933 ein Reichsausschuss für Fremdenverkehr gegründet. Der deutsche Reiseboom entsteht, erhält jedoch mit Beginn des 2. Weltkrieges wiederum einen jähen Einbruch [vgl. Freyer 1990, 24 f.].

[10] Der Begriff „Dritte Welt“ wird historisch auf die Einteilung in Erste Welt (westliche Industrieländer) und Zweite Welt (östliche Industrieländer) bezogen, so dass die Entwicklungsländer dann als historisch jüngste Ländergruppierung als Dritte Welt erscheinen. Der Begriff ist nicht etwa im Sinne einer Rangordnung („drittrangig“) zu verstehen. Einige Autoren haben die ärmste Teilgruppe, die „am wenigsten entwickelten Länder“ noch als „Vierte Welt“ ausgegliedert [vgl. BpB 1996 - 252, 6].

[11] Der Begriff „sanfter Tourismus“ stammt aus den 80er Jahren und wird heute eher als Integrativer oder Nachhaltiger Tourismus bezeichnet [vgl. Friedl 2002, 22].

[12] Tourismusstatistik dient der Erfassung von Reiseströmen, Reiseverhalten, durchschnittlicher Aufenthaltsdauer, Kapazitätsauslastung und Tourismusintensität [vgl. Lexikon der Geographie 2002, 361].

[13] Für die Charakterisierung des Treibhauspotenzials wird CO2 als Referenzwert benutzt und die anderen treibhausrelevanten Gase (z.B. Methan, Kohlen­monoxid, flüchtige organische Verbindungen, Stickoxide) werden nach wissenschaftlich hergeleiteten Umrechnungsfaktoren in CO2-Äqui­valente umgerechnet. CO2-Äquivalente sind für den globalen Treibhauseffekt und die Zerstörung der Ozonschicht verantwortlich [vgl. Ilr 2002].

[14] Die Steuerbefreiung für Kerosin basiert auf dem seit 1949 geltenden Chicagoer Luftverkehrsabkommen, das von fast allen Staaten der Erde unterzeichnet wurde [vgl. Friedl 2002, 59].

[15] Seit dem 1. Januar 2004 haben die Staaten der Europäischen Union das Recht, eine Kerosinsteuer für den inländischen Flugverkehr einzuführen. Diskutiert wird eine Besteuerung in Höhe von 0,65 Euro/Liter, was dem Bundeshaushalt eine Einnahme von 350 Mio. Euro einbringen würde und das Wachstum des inländischen Flugverkehrs abschwächen würde. Doch bislang steht noch immer ein Regierungsbeschluss dazu aus [vgl. BUND 2005].

[16] Fernreisen per Frachtschiff statt per Flugzeug sind weit ökologischer, wenn auch teurer und sehr zeitaufwendig: Ab 100 Euro pro Tag bei voller Verpflegung vermittelt „Lernidee Reisen GmbH“ Fahrten von Rotterdam nach New York in acht Tagen oder nach Australien in einem Monat [Krause 1999 in: Friedl 2002, 208].

[17] Die Bezeichnung „Industrieländer“ wird der zunehmend vom Dienstleistungssektor und neuerdings von der „Informationsgesellschaft“ geprägten „postindustriellen“ Realität der Länder nicht mehr gerecht. Sie wird aber gleichwohl weiter verwendet [vgl. BpB 1996 - 252, 6].

[18] Wörtlich aus dem Englischen übersetzt, bedeutet leakage – Leck, undichte Stelle oder ein Durchsickern [vgl. Langenscheidt 1990, 341].

[19] Der Tourismus zieht nicht nur Arbeitskräfte an, er streitet auch mit beispielsweise der Landwirtschaft um Boden und Wasser [vgl. Maurer & Wetterich in: Informationszentrum Dritte Welt 1986, 59].

[20] Die Rolle des männlichen Familienoberhaupts wird in vielen traditionellen Gesellschaften geschwächt und in fast allen traditionell geprägten Regionen bringt der Tourismus eine größere Unabhängigkeit für die jüngere Generation [vgl. Hennig 1997, 143].

[21] Ständig greift die Politik in die Möglichkeiten der Menschen zur Gestaltung ihrer Freizeit ein; so setzt die Steuer- wie die Sozialpolitik indirekt fest, über wie viel Geld die Menschen in ihrer Freizeit verfügen können. Die Verkehrspolitik nimmt Einfluss auf Mobilität und Reiseverhalten. Die Währungspolitik entscheidet indirekt darüber, was das Geld im Ausland wert ist. Mit Baugesetzen wird auf räumliche Bedingungen der Freizeitverwendung eingewirkt und die Umweltpolitik beschränkt und lenkt die Nutzung der Natur [vgl. Prahl 2002, 298 f.].

[22] SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome – Schweres akutes Atemnotsyndrom), eine atypische Lungenentzündung breitete sich von China ausgehend Ende Februar 2003 in kürzester Zeit durch globalen Reiseverkehr in mehr als ein Dutzend Ländern auf mehreren Kontinenten aus [vgl. Medicine-Worldwide 2003].

[23] Nach zwei schwachen Vorjahren hat sich der internationale Ferntourismus 2004 eindrucksvoll als Wachstumsbranche zurückgemeldet und verzeichnete ein Plus der internationalen Touristenankünfte von fast 10 %. Der weltweite Luftverkehr nahm sogar um 15 % zu [vgl. IHK Frankfurt 2005].

[24] Das GATS – General Agreement on Trade in Service – ist das erste multilateral ausgehandelte Abkommen mit rechtlich durchsetzbaren Regeln für den freien Handel mit Dienstleistungen. Das am 1. Januar 1995 in Kraft getretene Regelinstrument ermöglicht einen nahezu freien Marktzutritt aller ausländischer Partner [vgl. Friedl 2002, 127 f.].

[25] Entwicklungsländer haben im Vergleich zu Industrieländern unbestreitbare Defizite und besondere Probleme was die Lebensqualität angeht, sie sind aber keineswegs auf allen Gebieten unterentwickelt oder „rückständig“. Einige Entwicklungsländer können zum Beispiel auf Hochkulturen zurückblicken, die jahrtausende alt sind [vgl. BpB 1996 - 252, 7].

Ende der Leseprobe aus 168 Seiten

Details

Titel
Probleme des nachhaltigen Tourismus am Titicacasee in Perú: Isla de Taquile und Península de Capachica
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Geographie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
168
Katalognummer
V54944
ISBN (eBook)
9783638500241
ISBN (Buch)
9783638882804
Dateigröße
4105 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit beinhaltet neben der deutschen auch eine englische und spanische Zusammenfassung.
Schlagworte
Probleme, Tourismus, Titicacasee, Perú, Beispiel, Isla, Taquile, Península, Capachica
Arbeit zitieren
Diplom-Geograph Stefan Siehl (Autor), 2005, Probleme des nachhaltigen Tourismus am Titicacasee in Perú: Isla de Taquile und Península de Capachica, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54944

Kommentare

  • Gast am 19.4.2008

    Hilfe.

    Hallo mein Name ist Mirtha,

    ich komme aus Peru, Ich besuche jeztz das Kolleg und dafür möchte ich Berichte und Studie, wie deine, lesen, ich werde die wirtschaftliche Lage meines Landes darstellen, es ist aber kein Diplomarbeit, oder etwas in der Art, und außerdem bin ich nicht in der Lage die Preise zu bezahlen. Wenn Sie mir dabei helfen könnten, werde ich sehr dankbar sein, wenn nicht bedanke mich trotzdem, denn ich weiß, das deine Arbeit ist, aber trotzdem wollte ich es versuchen. bedanke mich auch für das Interess in meiner Heitmat.

    Vielen Dank nochmal

    Mirtha

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