Quellenexegese für den rechtsgeschichtlichen Grundlagenschein

Corpus Iuris Civilis (Digesten, Institutionen); Hugo Grotius (De iure belli ac pacis libri tres); Österreichisches ABGB; Rudolph von Jhering (Das Schuldmoment im römischen Privatrecht)


Hausarbeit, 2002

18 Seiten, Note: 15 Punkte


Leseprobe

1. Corpus Iuris Civilis, Digesta 9, 2, 1 (Ulpianus libro octavo decimo ad edictum)

Lex Aquilia omnibus legibus, quae ante se de damno iniuria locutae sunt, derogavit, sive duodecim tabulis, sive alia quae fuit : quas leges nunc referre non est necesse. Quae lex Aquilia plebescitum est, cum eam Aquilius tribunus plebis a plebe rogaverit.

Übersetzungshilfe

(Ulpian im 18. Buch zum Edikt)

Die Lex Aquilia hat alle Gesetze aufgehoben, die vor ihr Regeln über einen widerrechtlich zugefügten Schaden enthalten haben, sei es die (einschlägige) Bestimmung des Zwölftafelgesetztes, sei es irgendein anderes Gesetz, das es gab. Eine Wiedergabe dieser Gesetze ist jetzt nicht mehr notwendig. Die Lex aquilia ist ein Plebiszit, weil sie der Volkstribun Aquilius bei der Plebs beantragt hat.

2. Corpus Iuris Civilis, Institutiones, 4, 3 pr., 2, 3, 7

Damni iniuriae actio constituitur per legem Aquiliam. Cuius primo capite cautum est, ut si quis hominem alienum alienamve quadrupedem quae pecudum numerum sit iniuria occiderit, quanti ea res in eo anno plurimi fuit, tantum domino dare damnetur.

(2) Iniuria autem occidere intellegitur, qui nullo iure occidit, itaque latronem occidit., non tenetur, utique si aliter periculum effugere non potest.

(3) Ac ne is quidam hac lege tenetur, qui casu occidit, si modo culpa eius nulla invenitur: nam alioquin non minus ex dolo quam ex culpa quisque hac lege tenetur.

(7) Imperitia quoque culpae adnumeratur, veluti si medicus ideo servum tuum occiderit, quod eum male secuerit aut perperam ei medicamentum dederit.

Übersetzungshilfe

Die Klage wegen widerrechtlichen Schadens beruht auf der Lex Aquilia. In ihrem ersten Kapitel wird bestimmt, dass derjenige, der einen fremden Sklaven oder ein fremdes vierfüßiges Tier, das zum Herdenvieh zählt, widerrechtlich tötet, verurteilt wird, dem Eigentümer so viel zu zahlen, wie die Sache in diesem Jahr maximal wert gewesen ist.

(2) Widerrechtlich tötet, wie man annimmt, wer ohne jedes Recht tötet. Deshalb haftet nicht, wer einen Räuber tötet, jedenfalls dann nicht, wenn er der Gefahr nicht anders entgehen kann.

(3) Und es haftet nach diesem Gesetz auch nicht, wer zufällig tötet, vorausgesetzt nur, dass sich bei ihm keinerlei Verschulden findet. Im übrigen haftet man nach diesem Gesetz für Vorsatz ebenso wie für Fahrlässigkeit.

(7) Auch Unerfahrenheit wird zum Verschulden gerechnet, wie zum Beispiel, wenn ein Arzt einen Sklaven dadurch tötet, dass er ihn schlecht operiert oder ihm ein Medikament falsch verabreicht.

3. Hugo Grotius (1583 – 1645), De iure belli ac pacis libri tres (1625)

Liber II, Caput XVII: De damno injuriam dato et obligatione quae inde oritur

(I) Supra diximus ejus quod nobis debetur fontes esse tres, pactionem, maleficium, leges. ... . Veniamus ad id quod ex maleficio naturaliter debetur. Maleficium hic appellamus culpam omnem, sive in faciendo sive in non faciendo, pugnantem cum eo quod aut homines communiter aut pro ratione certae qualitatis facere debent. Ex tali culpa obligatio naturaliter oritur, si damnum datum est nempe ut id resarciatur.

(II) Damnum ... est ... , cum quis minus habet suo, sive illud suum ipsi competit ex mera natura, sive accedente facto humano, puta dominio aut pacto sive ex lege. Natura homini suum est vita ..., corpus, membra, fama, honor, actiones propriae.

(XXII) ... quia pecunia communis est rerum utilium mensura.

Übersetzungshilfe

Buch 2, Kapitel 17: Über widerrechtlich zugefügten Schaden und die Verpflichtung, die hieraus entsteht

(I) Oben haben wir über die drei Gründe des Schuldens gesprochen:

Vertrag, Delikt, Gesetz. Kommen wir jetzt zu dem, was uns natürlicherweise aus dem Delikt geschuldet wird. Delikt nennen wir jede Schuld bestehend im Tun oder Unterlassen, die dem widerspricht, was die Menschen entweder allgemein oder nach Maßgabe ihrer besonderen Eigenschaft zu tun gehalten sind. Aus einer solchen Schuld entsteht natürlicherweise die Verbindlichkeit, den verursachten Schaden zu ersetzen.

(II) Schaden ist, wenn jemand weniger an seinem Vermögen hat, sei es, dass ihm sein Vermögen aus der bloßen Natur zusteht, sei es, dass es ihm durch eine menschliche Handlung, kraft des Eigentums, eines Vertrages oder kraft Gesetzes gebührt. Kraft der Natur besitzt der Mensch sein Leben, seinen Körper, seine Glieder, seine Ruf, Ansehen und eigene Handlungen.

(XXII) ... weil das Geld allgemeiner Maßstab aller nutzbaren Dinge ist.

4. Österreichisches Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch v. 1811

§1293

Schade heißt jeder Nachteil, welcher jemandem an Vermögen, Rechten oder seiner Person zugefügt worden ist.

§1294

Der Schade entspringt entweder aus einer widerrechtlichen Handlung, oder Unterlassung eines andern; oder aus einem Zufalle. Die widerrechtliche Beschädigung wird entweder willkürlich, oder unwillkürlich zugefügt. Die willkürliche Beschädigung aber gründet sich teils in einer bösen Absicht, wenn der Schade mit Wissen und Willen; teils in einem Versehen, wenn er aus schuldbarer Unwissenheit, oder aus Mangel der gehörigen Aufmerksamkeit, oder des gehörigen Fleißes verursacht worden ist. Beides wird ein Verschulden genannt.

§1295

Jedermann ist berechtigt, von dem Beschädiger den Ersatz des Schadens, welchen dieser ihm aus Verschulden zugefügt hat, zu fordern; der Schade mag durch Übertretung einer Vertragspflicht, oder ohne Beziehung auf einen Vertrag verursacht worden sein.

§1296

Im Zweifel gilt die Vermutung, dass ein Schade ohne Verschulden eines andern entstanden sei.

5. Rudolph von Jhering (1818 – 1892), Das Schuldmoment im römischen Privatrecht, 1867, S.40:

„Nicht der Schaden verpflichtet zum Schadensersatz, sondern die Schuld.“

Erläuterungen zur Vorgehensweise

Alle Quellentexte beziehen sich im Grundsatz auf das Schadensrecht, natürlich anders, wie wir es heute aus dem Zivilrecht kennen. Untersucht man und vergleicht die jeweiligen Texte miteinander, kann man die Entwicklung dieses zivilrechtlichen Instituts nachvollziehen.

Besonderes Augenmerk war dabei auf die grundsätzliche Bedeutung des Corpus Iuris Civilis, den Beitrag Hugo Grotius´ zur Wandlung des Naturrechts und die rechtsideologischen Tendenzen des österreichischen ABGB gerichtet.

Ebenso wird die rechtsphilosophische Ausrichtung von Rudolph von Ihering anhand dieses Themas mitberücksichtigt und schließlich der Vergleich zu unserem BGB, beziehungsweise dem Deliktsrecht, wie wir es heute kennen, gezogen.

Dabei wurden die einzelnen Quellentexte nach Herkunft, Autor, kurzer Texterklärung, Inhalt und Interpretation aufgegliedert.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Quellenexegese für den rechtsgeschichtlichen Grundlagenschein
Untertitel
Corpus Iuris Civilis (Digesten, Institutionen); Hugo Grotius (De iure belli ac pacis libri tres); Österreichisches ABGB; Rudolph von Jhering (Das Schuldmoment im römischen Privatrecht)
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Quellenexegese Wintersemester 2001/2002
Note
15 Punkte
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V54978
ISBN (eBook)
9783638500449
ISBN (Buch)
9783638776820
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Corpus Iuris Civilis (Digesten, Institutionen), Hugo Grotius (De iure belli ac pacis libri tres), Österreichisches ABGB, Rudolph von Jhering (Das Schuldmoment im römischen Privatrecht)
Schlagworte
Quellenexegese, Grundlagenschein, Quellenexegese, Wintersemester
Arbeit zitieren
Sebastian Knabben (Autor), 2002, Quellenexegese für den rechtsgeschichtlichen Grundlagenschein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54978

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