Beobachtungen zu Josef Winklers "Friedhof der bitteren Orangen"


Wissenschaftlicher Aufsatz, 1995
75 Seiten, Note: 1

Leseprobe

GLIEDERUNG / INHALTSVERZEICHNIS

1) "Das Leid eines Bauernbuben" - Autobiographie, Fiktion oder Selbststilisierung?

2) Josef Winklers Moosbrugger - Eine kleine Quellenkunde des "Friedhofs der bitteren Orangen"

3) Der "wohlbekannte Masochist" - Zur publizistischen Aufnahme des "Friedhofs der bitteren Orangen"

4) Zur ‘juristischen Rezeption’ - Ein Exkurs

Nachwort

Bibliographie

Verwendete Abkürzungen

1) "Das Leid eines Bauernbuben"- Autobiographie, Fiktion oder Selbststilisierung?

Eine Konstante in der noch nicht sehr umfangreichen Josef Winkler-Forschung - wie auch generell in der naturgemäß noch sehr kurzen Rezeptionsgeschichte - ist die dort mehrheitlich vertretene Auffassung, daß das Winklersche Œuvre dem Genre der Autobiographik zuzurechnen sei.[1]

So begreift etwa Rainer Fribolin in seiner 1989 in Buchform erschienenen Dissertation das bis dahin vorliegende Winklersche Romanwerk[2] als "moderne bäuerliche Kindheitsautobiographik"[3] und nimmt konsequenterweise die Existenz eines "mit dem Autor identischen Ich-Erzählers"[4] an. Dabei ergibt sich aber das methodische Problem, daß man für diese Operation - so man sich zu den "Vertretern der Autobiographie-Auffassung"[5] zählen lassen wollte - aus einer Fülle von Ich-Erzählern (aber auch Er-Erzählern) nur einem einzigen (quasi Haupt-)Ich-Erzähler den Preis der Totalidentität mit dem Autor zuerkennen dürfte. Denn Erzählform und Erzählstandpunkt changieren im Winklerschen Œuvre beständig. So auch im "Friedhof der bitteren Orangen".

Eine weitere methodische Crux des ‘Fribolinschen Verfahrens’, also eines ausschließlich autobiographischen Zuganges zum Winklerschen Werk, liegt darin, daß Interpreten wie Fribolin zwar die "bisher zwölfhundertseitige Kindheitsbeschreibung des Autors"[6] kennen, nicht aber die Kindheit Josef Winklers. Letztere wird ganz einfach aus ersterem abgeleitet und im Anschluß daran Totalidentität beider postuliert. So wenn etwa Fribolin seiner Interpretation ganz konventionell ein Kapitel "Zu Leben und Werk" voranstellt, in dem zu lesen ist:

"Josef Winkler wird am 3.3. 1953 in dem kleinen Dorf Kamering nahe

Villach im österreichischen Kärnten geboren. Er ist das vierte von sechs

Kinder. Nach der Volksschule besucht er in Villach die Handelsschule, die er nicht zu Ende führt, arbeitet anschließend in verschiedenen Büros,

tritt dann in die Abendhandelsakademie ein, schließt auch diese nicht ab.

Er liest und schreibt schon als Jugendlicher sehr viel, kaum etwas anderes vermag ihn zu interessieren."[7]

Zur Untermauerung dieses biographischen Materials verweist Fribolin in einer Fußnote auf die Seiten "300 ff."[8] des Roman "Muttersprache". Ebenso verwegen wird unter anderem die - angebliche - Tatsache, daß "der Autor seelisch nicht zur ersehnten Ruhe finden kann"[9] oder daß er "acht Jahre lang Ministrant"[10] war, einzig und allein aus den Texten extrahiert. Weitere

Quellen für ein solch fundiertes biographische Wissen - immerhin verfügt der Interpret sogar über eine Art von Innensicht, indem er nämlich weiß, daß "der Autor seelisch nicht zur ersehnten Ruhe finden kann"- werden nicht genannt. Solche quasi außerliterarischen Quellen wären im übrigen aber auch gar nicht so leicht aufzufinden, da die biographische Faktenlage zu Winkler - ganz im Gegensatz zu den überreichen literarischen Selbstzeugnissen und Selbststilisierungen im Winklerschen Œuvre - als äußerst dünn[11] zu bezeichnen und noch keine Biographie[12] vorhanden ist. So findet sich etwa in dem 1991 erschienenen Handbuch "Literarisches Leben in Österreich" der IG Autoren im "Autoren/Autorinnenverzeichnis"[13] unter dem Eintrag "WINKLER Josef"[14] nur die Kameringer Adresse des Autors, sein Geburtsdatum und sein Geburtsort. Als Schwerpunkte seiner Tätigkeit werden - kaum überraschend - unter dem Sigle "L"[15] Literatur und unter den Subsiglen "P"[16] und "R"[17] Prosa und Roman genannt. Aber auch diese Daten - bis auf die unbestreitbare Tatsache, daß Josef Winkler als Romancier und Prosaist tätig ist - können streng genommen nicht als objektiv gelten, da die Einträge im genannten Autorenverzeichnis auf Angaben der Autoren selbst beruhen. Weiters liegt ein mit 22.1.1983 datierter und vom Autor unterfertigter "Lebenslauf"[18] vor, in dem es über Kindheit und Jugend, also den die Rezeption vor allem beschäftigenden Teil des Winklerschen Curriculum vitae, heißt:

"Am dritten März 1953 wurde ich als Sohn bäuerlicher Eltern in

Kamering bei Paternion, Kärnten, geboren. Ich besuchte die achtklassige

Dorfvolksschule, trat in die Handelsschule Villach über und arbeitete zunächst im Büro der Molkerei Spittal und Villach. Danach arbeitete ich im Betrieb des Eduard-Kaiser-Verlages in Klagenfurt, schließlich trat ich 1973 in den Dienst der Verwaltung der neugegründeten Hochschule und jetzigen Universität für Bildungswissenschaften. 1978 stieß Martin Walser auf mein erstes Romanmanuskript "Menschenkind" und brachte es zu Dr. Unseld, Suhrkamp Verlag."[19]

Die Problematik, das auch dies wieder ‘nur’ ein Selbstzeugnis ist, bleibt unvermindert bestehen. Das gilt auch für zwei größere Interviews aus den Jahren 1979 bzw. 1980 in der Kleinen Zeitung[20] bzw. in der Kärntner Tageszeitung[21], in denen auch Biographisches zur Sprache kommt, sowie für den weitgehend autobiographischen Aufsatz Winklers "Das einzige Mittel, dem Entsetzen zu entgehen, besteht darin, sich dem Entsetzen zu überlassen.", der 1992 in der "zeitschrift für brauchbare texte und bilder" Wespennest erschienen ist.

Gut dokumentiert ist hingegen, wie nicht anders zu erwarten, Josef Winkler als Person des öffentlichen Interesses, als renommierter Autor, Literaturpreisträger, Stadtschreiber usw.[22]

Was wir jedoch mit der vorangegangenen, relativ umfassenden Aufzählung und Würdigung diverser biographischer Materialien gezeigt zu haben glauben, ist, daß es um einen halbwegs objektiven, aus vom Autor unabhängigen Quellen geschöpften Kenntnisstand über Winklers Curriculum vitae vor dem Erscheinen seines Romanerstling "Menschenkind" eher schlecht bestellt ist. Was wir bis dahin über Josef Winkler wissen, wissen wir von Josef Winkler. Nun lehrt uns die Literaturgeschichte aber, daß - ein germanistischer Gemeinplatz - biographische Angaben der Autoren sehr oft mit Vorsicht zu genießen sind[23]. Dichter dürfen lügen. Auch Josef Winkler hat diese Erkenntnis in seinem Werk durchaus reflektiert, wenn es etwa in seinem Debütroman heißt:

"Dichter lügen alle. In ihren Lügen steckt oft die ganz Wahrheit. Ein

Dichter, der nicht lügt, beweist nur seinen falschen Charakter."[24]

Das Leben eines Autors wird sich daher im allgemeinen nicht 1:1 in seinem Werk widerspiegeln[25], und wir hegen daher die Befürchtung, daß die Majorität der Josef Winkler-Forscher möglicherweise auf interpretativen Irrwegen wandeln dürfte. Denn Wendelin Schmidt-Dengler ist ja unbedingt zuzustimmen, wenn er konstatiert:

"[...] wie bei wenigen andren Autoren versucht man bei Josef Winkler den

Zugang zu seinem Werk von der Person des Autors her zu gewinnen."[26]

Winklers Literatur steht "unter der Signatur der Authentizität"[27], in seinen Texten vermeint nicht nur die Forschung "wahre Geschichte[n]"[28] zu erkennen.

Wir jedoch schließen uns eher Andrea Kunne an, die da gemeint hat:

"Obwohl sich Übereinstimmungen zwischen dem Leben der

Hauptpersonen und dem des realen Autors Josef Winkler keineswegs

leugnen lassen, und wir die Präsenz einiger autobiographischer Elemente

- wie Namens- und Altersgleichheit, bäuerliche Herkunftswelt,

Schreibtätigkeit, mitmenschliche Beziehungen - nicht

abstreiten wollen, möchten wir uns von denjenigen Interpreten

distanzieren, die das Œuvre als ganzes als "Autobiographie" verstanden

haben wollen. Daß Winkler fünf seiner Texte mit der

Gattungsbezeichnung "Roman" versehen hat, ist für uns Grund genug, sie

auch als solche, d.h. in erster Linie fiktional, zu rezipieren."[29]

2) Josef Winklers Moosbrugger- Eine kleine Quellenkunde des "Friedhofs der bitteren Orangen"

Es ist wohl wenig damit gewonnen, wenn man den "Friedhof der bitteren Orangen" als Montageroman klassifiziert.[30]

"Das ist nicht nur richtig beobachtet, sondern vor allem gut gemeint, gut

gemeint mit uns, die wir ständig unterwegs sind, um unseren Texten ein

Heimatrecht und eine Aufenthaltsgenehmigung in den Bereichen der

Genres und Gattungen zu verschaffen."[31]

Aber es mag vielleicht von Interesse sein, wie der Autor in diesem Text aus Texten, diesem intertextualen Gesamtkunstwerk, seine Materialien verarbeitet hat. An einem Korpus von zwei Belegen aus dem Text wollen wir möglichst exemplarisch herauszuarbeiten versuchen, wie Josef Winkler mit seinen Quellen umgeht.

Zunächst aber wollen wir - in höchst kursorischer Manier - die verwirrende Vielfalt an Quellen im Text aufsuchen und zu bestimmen versuchen. Seine Quellen aus der - deutschsprachigen, italienischen, russischen und japanischen - ‘Höhenkammliteratur’ gibt Winkler in einem eigenen Anhang auf der letzten Seite des Romans an. Genannt werden der Name des Dichters, vom dem das jeweilige Zitat[32] stammt, und die Seite, auf der sich das Zitat findet:

"Zitiert werden Luigi Pirandello (Seite 80 und Seite 423), Ossip

Mandelstam (Seite 85 und Seite 336), [...] Boris Pilnjak (Seite 387)."[33]

Im Romantext selbst sind diese Zitate dann allesamt kursiv und unter Anführungszeichen gesetzt. Als Beispiel sei hier eine Anleihe aus Franz Kafkas "Brief an den Vater" angeführt:

"Ein anderes Mal hatte ich die Vorstellung, daß meine Vater in eine Bar

kommt und mich am Ohr auf eine Straße hinauszieht, so daß ich danach,

aus der Bar gehend, eine Zeitlang meine Hand an das glühende Ohr legte.

"Manchmal stelle ich mir die Erdkarte ausgespannt und Dich quer über

sie hingestreckt vor." Während der Ackermann abends im Stall [...]"[34]

Auf die Intertextualität dieser Zitate, auf ihre Auswirkungen auf benachbarte Textbestandteile und auf das Romanganze insgesamt, können wir im Rahmen dieser Arbeit schon aus Platzgründen leider nicht eingehen. Die Funktion dieser literarischen Gewährsmänner für den Romancier Winkler aber hat Wendelin Schmidt-Dengler - in Betrachtung des Romans "Muttersprache", aber wohl exemplarisch auch auf den "Friedhof der bitteren Orangen" übertragbar - einsichtig gemacht.

"[...] durch sie ist der Autor zum Schreiben gekommen, sie sind seine

Stützen und seine Anwälte, mit denen er sich gegen die feindliche

Umwelt zu schützen imstande ist."[35]

Die Wirkungen und Auswirkungen von Literatur werden - im Gegensatz zur postmodernen Auffassung, die in der Literatur wohl nur mehr ein elitär-gelehrtes Verwirrspiel, ein Enigma, sieht - vom Ich-Erzähler im "Friedhof der bitteren Orangen" generell sehr hoch veranschlagt:

"Damals las ich den Abschied von den Eltern von Peter Weiss und spürte,

daß sich auch in mir der Abschied von meinen Eltern zu vollziehen

begann. Von diesem Augenblick an wuchs ich wieder. Hätte ich damals den Abschied von den Eltern nicht gelesen, so hätte ich die Körpergröße eines Zwölfjährigen erreicht, nicht mehr."[36]

Dank der Lektüre ist dem Ich-Erzähler also das Schicksal des Blechtrommlers Oskar erspart geblieben: Man ist, was man liest.

"[...] aber ich stieß zu dieser Zeit auf die Bücher von Peter Weiss und

Wolfgang Borchert, ich las Camus, Sartre, Hemingway und Oscar Wilde.

Diese Literatur veränderte mein Leben, wie ich heute selber schreibend

und lesend mein Leben immer wieder verändere. Vom Zufall des

Gelesenen hängt es ab, was man ist, so Elias Canetti. Mein Sieg ist

verbal, so Jean Genet."[37]

Die literarische Sozialisation beginnt - allerdings schon in Interferenz mit einem moderneren Medium als dem Buch - natürlich mit Karl May[38]:

"Wir blickten fasziniert auf das Bücherregal und sagten zur Lehrerin, daß

sie uns aus Villach ein Karlmaybuch mitbringen soll. Wenige Tage später

brachte sie den Ölprinzen und Zobeljäger und Kosak. Wir begannen um

den Ölprinzen zu raufen, von dem wir schon gehört hatten, da um diese

Zeit in der österreichischen Provinz die neuen Karlmayfilme anliefen.

Wir würfelten, und zu meiner Überraschung gewann ich den Ölprinzen.

Zuhause legte ich mich aufs Bett und las das Buch [...] in wenigen Tagen

und Nächten aus."[39]

Diese Hinwendung zur Literatur steht total konträr zu iliterarischen Herkunft des Ich-Erzählers:

"Unter dem Christbaum aber lagen immer nur die notwendigsten Dinge,

ein paar Unterhosen, Strümpfe, ein Hemd, aber kein einziger Schilling

[für den Buchkauf; M. W.]. Für Bücher haben wir kein Geld, das wäre

noch schöner! sagte die Mutter, die in ihrem ganzen Leben kein Buch

gelesen hatte."[40]

Ein nicht im erwähnten Anhang genannter literarischer Gewährsmann des Romanciers Winkler findet sich mitten im Text und wird dort explizit vor dem von ihm entlehnten Zitat, einem Gedicht, - das allerdings nicht kursiv gesetzt ist - genannt:

"[...] meine auf einem Gedicht von Robert Musil liegende

tintenbeschmierte Füllfeder. "Und die Schwester löste von dem Schläfer /

Leise das Geschlecht und aß es auf / Und sie gab ihr weiches Herz, das

rote / Ihm dafür und legte es ihm auf.""[41]

Ebenfalls im erwähnten Anhang wird von Josef Winkler die für den "Friedhof der bitteren Orangen" wohl quantitativ wie auch qualitativ wichtigste Quelle genannt:

"Die zitierten Gebetssprüche stammen aus den Gebetsbüchern meiner

Großmutter."[42]

Im Roman selbst wird sogar der Titel eines dieser Gebetbücher angeführt und dieses religiöse Werk noch mit den Angaben, daß es mindestens 951 Seiten haben und das Gebet "Beherzige, o Seele!" enthalten dürfte, näher bestimmt[43]:

"In dem Gebetbuch Leben und Leiden Christi, in dem meine Großmutter,

die Enznoma, immer wieder las, liegt seit mehreren Jahrzehnten schon auf

der Seite 951 über dem Gebet, Beherzige, o Seele! eine zerquetschte,

eingetrocknete Fliege."[44]

"Immer wieder" hat offenbar auch der Autor Winkler in antiquierten Gebetbüchern gelesen. Mit den daraus gewonnenen, erzkatholischen Lesefrüchten hat er jedenfalls den "Friedhof der bitteren Orangen" ganz massiv versetzt. Als schon aus Platzgründen einzigen Hinweis auf den intertextualen Gebrauch dieser zitierten Gebete vermerken wir hier nur, daß Winkler in sehr vielen der dreiundvierzig Kalendergeschichten[45] - vom laufenden Text und voneinander abgegrenzten, narrativen Texteinheiten - zu Beginn und der einundvierzig zu Ende des Buches Sein und Schein einer vorkonziliaren[46] Kirche, einer vorkonziliaren Katholizität kontrastiert. Der Schein wird in diesen kurzen narrativen Sequenzen durch ein Zitat aus den erwähnten Gebetbüchern (und vor allem durch deren archaische Sprache) markiert, das Sein im allgemeinen durch eine Moritat.

"IN MODICA wurde ein Scheintoter, der nach altem Volksglauben nur

vom Teufel wiedererweckt sein konnte und während des Begräbnisses,

bevor das Sargoberteil auf das Sargunterteil gelegt wurde, seine Augen

aufschlug, seinen Oberkörper hob, sich mit seinen Händen links und

rechts am Sargrand festhielt und verwirrt um sich blickte, im Beisein des

Priesters, der Ministranten und Trauergäste vom Kirchendiener mit einem

Eisenkruzifix totgeschlagen. Sofort wurde die blutüberströmte Leiche mit

dem Kruzifix in den Sarg zurückgedrückt, der Sarg geschlossen, gebetlos

in die Grube hinabgelassen und zugeschaufelt. Gedenke der

unaussprechlichen Freude, welche dein allerheiligster Leib empfing, als

er in einem Augenblick wieder lebendig und mit deiner verherrlichten

Seele vereinigt wurde. Gedenke der unaussprechlichen Schönheit, mit

welcher dein vorher verwundeter und entstellter Leib begabt wurde, als

er aus dem Grab, wie eine Rose aus der Knospe, hervorging."[47]

In dieser extremen Kontrastierung vermeinen wir auch eine didaktische und moralische Absicht erkennen - und damit zugleich den Terminus Kalendergeschichte halten - zu können. Denn mit Jan Knopf definieren wir die Kalendergeschichte als eine

"[...] kurze, überschaubare Prosaerzählung, deren Gegenstand eine dem

Leben des Volkes entnommene unterhaltende oder nachdenkliche

Begebenheit ist, und zwar mit lehrhafter und moralischer Tendenz

[...]".[48]

Die "Begebenheiten" aus "dem Leben des Volkes", die Moritaten entnimmt Winkler sehr oft der Presse. Die Zeitung als moderne Chronik, Josef Winkler als literarischer Chronist der ganz gewöhnlichen wie der ganz ungewöhnlichen Todesfälle.

"IN EINEM ÖSTERREICHISCHEN KINO, das Invalidenkino genannt

wird, erhängte sich ein neunzehnjähriger Kärntner hinter der

Kinoleinwand. Erst als man im Kino nach mehreren Tagen den

Verwesungsgeruch wahrnahm, wurde der Selbstmord entdeckt. Tod in

Cinemascope! schrieb die Kärntner Tageszeitung."[49]

In der folgenden Kalendergeschichte, deren publizistische Quelle wir aufgefunden haben, wird nicht nur das Presseerzeugnis konkret genannt, sondern es erfolgt auch eine auf den Tag genaue Datierung des blutigen Ereignisses. Wir werden zu prüfen haben, ob uns Winkler hier einen ‘Grubenhund’[50] serviert oder eine tatsächliche Zeitungsmeldung montiert hat.

"UNSCHULDIG ist nach meinem Dafürhalten nicht der, dem Kraft zur

Sünde fehlt, sondern einer, der ohne Gewissenspein zu sündigen vermag."

Der Kunstmaler sagte nach dem, wie es hieß, Sexualmord eines

siebzehnjährigen Heimzöglings aus Oberösterreich an einem

neunjährigen Knaben, der tot aus dem Schilf geborgen wurde und dessen

Gesicht bereits von Blutegeln verunstaltet war, Endlich kommen wieder

Blutegel in die Zeitung! Der Siebzehnjährige wurde in allen vier

Anklagepunkten, Verbrechen der versuchten Unzucht mit Unmündigen,

Vergehen der versuchten Nötigung zur Unzucht, Verbrechen des Mordes

und Vergehen der Störung der Totenruhe - er hatte nach der Tat das

Geschlecht des toten Buben betastet -, von den acht Geschworenen

einstimmig für schuldig gesprochen. Er wurde zu zwölf Jahren

Freiheitsstrafe und zum Ersatz der Kosten des Verfahrens verurteilt. Der

Kronenzeitungsjournalist schrieb: "Der Mörder des neunjährigen Axel:

Ein Milchgesicht. Der Psychiater sagt, Mitterlehner sei geistig

zurückgeblieben, fast schwachsinnig, und das sieht man auch: 17jährige

sehen heutzutage anders aus. ›Freddy‹ heißt er, nicht Alfred, und das

paßt. Freddy Mitterlehner, ein Bub mit dem Gesicht eines 14jährigen,

noch ohne Bartwuchs, still und verschlossen. Und wüßte man nicht um

das Grauenhafte seiner Tat, wüßte man nicht, wie schrecklich die letzten

drei Minuten im Leben des neunjährigen Axel Fischer waren - man wäre

versucht zu sagen: Mörder sehen anders aus. Aber irgendwann, schon in

frühester Kindheit, ist irgendetwas schiefgelaufen im Hirn dieses Freddy

Mitterlehner, er entwickelte eine geistige Abnormität mit homosexuellen

Tendenzen. Am 22. Oktober 1987 schließlich kam diese gestörte

Persönlichkeit zum Ausbruch - und just in diesem Augenblick lief ihm der

blonde Axel Fischer über den Weg..." Statt des Journalisten wurde

der siebzehnjährige Freddy Mitterlehner in eine Anstalt für abnorme

Rechtsbrecher eingeliefert."[51]

Hinter dieser ‘Literatur aus dem Zettelkasten’ stehen unseres Erachtens mindestens zwei Zeitungsberichte (des "Kronenzeitungsjournalisten"). Der eine - Rezipient ist die Figur des Kunstmalers - berichtet wohl am "22. Oktober 1987" - oder ein, zwei Tage später - über die Entdeckung der Tat und des Täters, der andere wohl einige Monate später über den Mordprozeß. Tatsächlich titelt die Kronenzeitung am 1. März 1988 "Der Mörder des neunjährigen Axel: ein Milchgesicht"[52]. Im Untertitel (der rein graphisch eigentlich als Obertitel ausgeführt ist) heißt es dann:

"Mord im Schilf. Der 17jährige Freddy Mitterlehner in Steyr (OÖ) vor

den Geschworenen. Er weiß bis heute nicht, was er getan hat."

Lead und Haupttext lauten dann wie folgt:

[...]


[1] Kärntner Bauernkalender 1980, S. 67

[2] "Menschenkind" 1979 (Taschenbuchausgabe 1981), "Der Ackermann aus Kärnten" 1980 (Taschenbuchausgabe 1984), "Muttersprache" 1982 (Taschenbuchausgabe 1984), "Die Verschleppung. Njetotschka Iljaschenko erzählt ihre russische Kindheit" 1983, "Der Leibeigene" 1987 (Taschenbuchausgabe 1990). Mittlerweile sind erschienen: "Friedhof der bitteren Orangen" 1990 (Taschenbuchausgabe 1992) und "Das Zöglingsheft des Jean Genet" 1992 (Taschenbuchausgabe 1994).

[3] Fribolin: Winkler, S. 3

[4] Ebd., S. 169

[5] Kunne: Heimat, S. 259

Kunne zählt zu diesen "Vertretern der Autobiographie-Auffassung" Claus-Ulrich Bielefeld, Rainer Fribolin, Jürgen Oelkers und Karl Wagner. Unseres Erachtens gehören auch Werner Brettschneider und Dirck Linck in diese illustre Reihe.

[6] Fribolin: Winkler, S. 171

[7] Ebd., S. 165

[8] Ebd., S. 165

[9] Ebd., S. 167

[10] Ebd., S. 171

[11] Kein Wunder bei einem so jungen Autor.

[12] Ganz im Gegensatz etwa zu Peter Handke. Siehe: Haslinger, Adolf: Peter Handke. Jugend eines Schriftstellers. Salzburg, Wien: Residenz 1992

[13] Ruiss, Vyoral: Leben, S. 429

[14] Ebd., S. 706

[15] Ebd., S. 706 bzw. S. 430 (Verzeichnis der Abkürzungen und Siglen)

[16] Ebd., S. 706 bzw. S. 430

[17] Ebd., S. 706 bzw. S. 430

[18] Als unpublizierte, maschinenschriftliche Abschrift in der Kritikensammlung der Wiener Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur vorhanden.

[19] Winkler: Lebenslauf, S. 1

[20] Geführt von Siegmund Kastner und am 18.11.1979 ebendort publiziert.

[21] Geführt von Arnulf Ploner und in drei Teilen am 17., 19. und 21.9.1980 ebendort publiziert.

[22] Eine unsystematische (und ungeordnete) Auswahl:

Zur Zuerkennung und Verleihung des Würdigungspreises für Literatur 1992 des österreichischen Bundesministeriums für Unterricht und Kunst siehe unter anderem:

Kärntner Tageszeitung vom 3.1.1993, Tiroler Tageszeitung vom 31.12.1992, Oberösterreichische Nachrichten ebenfalls vom 31.121992, Neue Kronen Zeitung vom 1.1.1993, Salzburger Nachrichten vom 5.2.1993, Neue Zürcher Zeitung vom 9.2.1993, Neue Vorarlberger Tageszeitung vom 2.1.1993.

Zum Ehrenbeleidigungsprozeß des Kameringer Jägers und Gendarmeriebeamten Hubert Granitzer versus Josef Winkler siehe unter anderem:

Der Standard vom 5.7.1990, Kärntner Tageszeitung vom 30.6.1990, Kleine Zeitung vom 24.11.1990.

Zur Verleihung des "Preises der Arbeit" der Kärntner Kammer für Arbeiter und Angestellte an Winkler siehe unter anderem:

Kärntner Tageszeitung vom 3.5.1990, Kleine Zeitung vom 3.5.1990.

Zur Zuerkennung eines Robert-Musil-Stipendiums an Josef Winkler siehe unter anderem:

Der Standard vom 12.6.1990 und vom 19.7.1990, Wiener Zeitung vom 13.6.1990, Kleine Zeitung vom 19.7.1990.

Zum Indienreisenden Winkler siehe unter anderem:

Kleine Zeitung vom 7.5.1994, Kleine Zeitung vom 13.8.1994.

Zum Stadtschreiberamt Winklers in Bergen-Enkheim siehe unter anderem:

Frankfurter Rundschau (Ausgabe D) vom 9.6.1994 und vom 5.9.1994, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9.6.1994 und 5.9.1994, Hamburger Abendblatt vom 5.9.1994, Tiroler Tageszeitung vom 5.9.1994, Salzburger Nachrichten vom 5.9.1994, Neues Volksblatt vom 20.6.1994, Kleine Zeitung vom 9.6.1994, Neue Vorarlberger Tageszeitung vom 9.6.1994, Kärntner Tageszeitung vom 10.6.1994.

Zur Produktion "Schlachthof für Engel" des Wiener Tanztheaters "Homunculus" nach Winklers Romanvorlage "Menschenkind" siehe unter anderem:

Tiroler Tageszeitung vom 18.3.1994, Neues Volksblatt vom 23.9.1993, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.1.1992, Salzburger Nachrichten vom 11.1. 1992 und vom 13.1.1992, Falter vom 17.1.1992, Kurier vom 9.1.1992 und vom 11.1.1992. Profil vom 7.1.1992, Der Standard vom 13.1.1992, Wiener Zeitung vom 11.1.1992, Die Presse vom 25.1.1992.

[23] Man denke etwa nur an Heinrich Heines Koketterie mit seinem Geburtsdatum oder an Joseph Roths Selbststilisierung zum gewesenen k.u.k.-Offizier (zu seiner eigenen Figur Trotta sozusagen - abgesehen einmal vom ‘Anti-Heldentod’ der Romanfigur in den ersten Tagen des I.Weltkrieges).

[24] Winkler: Menschenkind, S. 151 [Zitiert nach: Kunne: Heimat, S. 259]

Franz Haas hat genau diese Stelle als Zitat decouvriert:

"Und er [Winkler M. W.] zitiert damit fast im Wortlaut sein erklärtes

Vorbild Jean Genet und dessen Aufforderung, das zu entdecken, was der

Dichter verbergen wollte."

Haas: Demolierung, S. 26

[25] So hat etwa die private, sexuelle Vorliebe Heimito von Doderers für ans Bett gefesselte Nonnen und lateinisches Bettgeflüster - die uns dankenswerterweise von Dorothea Zeemann in ihrem Buch "Jungfrau und Reptil" überliefert worden ist - in seinem Werk, soweit es mir bekannt ist, keine Spuren hinterlassen.

[26] Schmidt-Dengler: Zeichen, S. 57

[27] Ebd., S. 57

[28] Kärntner Bauernkalender 1980, S. 67

[29] Kunne: Heimat, S. 260

[30] Diese doch etwas exzentrische Kapitelüberschrift spielt darauf an, daß etwa auch Robert Musil bei der Konzeption der Figur des Sexualmörders Moosbrugger aus dem "Mann ohne Eigenschaften" ganz massiv auf Zeitungsberichte über einen damals aktuellen Mordfall zurückgegriffen hat.

[31] Schmidt-Dengler: Zeichen, S. 63

Dieser ironische Kommentar Wendelin Schmidt-Dengler gilt eigentlich Andrea Kunne, die Josef Winklers Œuvre "an die Grenze des zeitgenössischen autoreflexiven Künstlerromans" gerückt hat.

Kunne: Heimat, S. 298

[32] Wir müssen zugeben, daß wir nicht untersucht haben, ob Winkler diese literarischen Gewährsmänner texttreu zitiert hat. Wir nehmen aber an, da sich unter den Zitierten so mancher Suhrkamp-Autor befindet, daß hier das Lektorat dieses Verlages auf korrekte Zitation geachtet hat.

[33] Winkler: Friedhof, S. 424

[34] Ebd., S. 238

[35] Schmidt-Dengler: Zeichen, S. 62

[36] Winkler: Friedhof, S. 205

[37] Ebd., S. 203 - 204

[38] Erst vor wenigen Jahren wurden Winnetou und Old Shatterhand durch Nintendo und ähnlichen elektronischen Krimskrams abgelöst. Vielleicht ist das auch - wäre hier ironisch anzumerken - gut so: Wenn man nämlich Arno Schmidt folgt, der diesem Gedanken ein dickes Buch abgerungen hat, ist Karl May ja besonders in seinen erschöpfenden Landschaftsbeschreibungen ein homoerotischer Schwerenöter sondergleichen und damit als Jugend-Autor wohl disqualifiziert.

[39] Winkler: Friedhof, S. 198

[40] Ebd., S. 199

[41] Ebd., S. 192

[42] Ebd., S. 424

[43] Es ist für uns ein ziemliches Ärgernis, daß es uns trotz dieser Angaben nicht gelungen ist, des betreffenden Gebetbuches in der Bibliothek der Katholisch-Theologischen Fakultät der Alma Mater Rudolphina habhaft zu werden.

[44] Winkler: Friedhof, S. 306

Diese Stelle ist für uns auch ein Beispiel des zwar verqueren, aber doch vorhandenen Winklerschen Humors.

[45] Friedbert Aspetsberger bezeichnet diese relativ selbständigen narrativen Sequenzen als "Fundstücke" und bringt diese mit dem Winklerschen Leitmotiv des "Straßennotizbuch[es], auf dem die ausgetrockneten und eingekleideten Leichen der Bischöfe und Kardinäle aus den Priesterkorridor der Kapuzinerkatakomben in Palermo aufgeklebt sind" in Zusammenhang.

Aspetberger: Subversion, S. 50

Der Klappentext der (Hardcover-)Erstausgabe der "Friedhofs der bitteren Orangen" bezeichnet unsere Kalendergeschichten als "[...] gräßlich unterhaltende Unglücks- und Todesgeschichten, wie sie in keinen Kalender gehen [...]".

[46] Vor dem zweiten Vatikanischen Konzil, vor Papst Johannes, dem XXIII., dem das Buch auch gewidmet ist.

[47] Winkler: Friedhof, S. 37

[48] Knopf: Kalendergeschichte, S. 11

Im 20. Jahrhundert muß die Kalendergeschichte auch längst nicht mehr tatsächlich für einen Kalender geschrieben worden sein, um das Gattungsmerkmal zu erfüllen.

"[...] daß Brechts oder Grafs [Oskar Maria Grafs; M. W.] "Kalendergeschichten" jemals für einen Kalender, auch für einen "imaginären", geschrieben worden wären, wage ich - auch trotz fehlender Zeugnisse der Autoren - zu bestreiten."

Knopf: Kalendergeschichte, S. 19

[49] Winkler: Friedhof, S. 381

[50] Diesen Begriff prägte natürlich Karl Kraus.

[51] Winkler: Friedhof, S. 380

[52] Neue Kronen Zeitung vom 1.3.1988, S. 12 - 13

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Beobachtungen zu Josef Winklers "Friedhof der bitteren Orangen"
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Romane in Österreich nach 1980
Note
1
Autor
Jahr
1995
Seiten
75
Katalognummer
V54979
ISBN (eBook)
9783638500456
ISBN (Buch)
9783638688055
Dateigröße
664 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Literaturwissenschaftlicher Aufsatz über den 1993 erschienenen Roman "Friedhof der bitteren Orangen" von Josef Winkler
Schlagworte
Beobachtungen, Josef, Winklers, Friedhof, Orangen, Romane
Arbeit zitieren
Mag. Manfred Wieninger (Autor), 1995, Beobachtungen zu Josef Winklers "Friedhof der bitteren Orangen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54979

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