Die europäische Zukunft der Türkei


Seminararbeit, 2005

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Hintergrund der deutsch-türkischen Beziehungen
2.1 Seldschuken, Deutsche und Osmanen bis 1683
2.2 Preußen und das Osmanische Reich
2.3 Die neu gegründete Türkei, die Weimarer Republik und zweiter Weltkrieg
2.4 Nachkriegsordnung, Westintegration, Assoziationsabkommen

3. Das derzeitige deutsch-türkische Verhältnis
3.1 Politische Beziehungen
3.1.1 Deutschland und der EU-Beitrittswunsch der Türkei
3.1.2 Institutionalisierung der bilateralen politischen Beziehungen
3.1.3 Kurdenproblematik, Terrorismus und Rechtsradikalismus
3.2 Wirtschaftliche Beziehungen
3.2.1 Außenhandel, Direktinvestitionen und Joint Ventures
3.2.2 Entwicklungshilfe
3.2.3 Tourismus
3.3 Wirtschaftliche Voraussetzungen für einen Türkei-Beitritt
3.4 Kulturell-gesellschaftliche Beziehungen
3.5 Die geographische Lage der Türkei

4. Einwanderung, Menschenrechte und die Zukunft der Türkei
4.1 Türken in Deutschland
4.2 Türkische Migration und Integration der vergangenen Jahrzehnte in Deutschland
4.3 Menschenrechte und Demokratie in der Türkei
4.4 Vorurteile der deutschen Bevölkerung

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

7. Internetquellen

1. Einleitung

Deutschland ist nicht nur in den Handels- und Wirtschaftsbeziehungen der wohl wichtigste Partner der Türkei, sondern auch ihr wichtigster Partner auf ihrem Weg in die Europäische Union. Dies hat im Anschluss an eine Vielzahl von Reformen in der Türkei 1999 in Helsinki dazu geführt, dass der Türkei der offizielle Kandidatenstatus zur EU- Mitgliedschaft zugesprochen wurde. Doch nun entstehen erneut Zweifel an der Richtigkeit des angesetzten Termins und dem Beginn der Beitrittsverhandlungen.

In dieser Arbeit soll es um die deutsch-türkischen Beziehungen und ihre Bedeutung für das türkische Streben nach voller EU-Mitgliedschaft gehen. Nach einem knappen historischen Überblick werden die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen der Republik Türkei mit der Bundesrepublik Deutschland herausgearbeitet. Von Deutschland als wohl mächtigstem EU- Mitglied wird in der Türkei vor dem Hintergrund der deutsch-türkischen Freundschaft besonderer Einsatz zu Gunsten der seit 1963 angestrebten Mitgliedschaft der Türkei in der EU erwartet. Vor diesem Hintergrund soll der derzeitige Stand der Türkei auf ihrem Weg in die Europäische Union erläutert werden. Weiterhin soll eine Einschätzung der deutschen Einstellung zu den derzeitigen Mitmenschen und vielleicht künftigen EU-Mitgliedern erfolgen. Denn gerade die subjektive Stimmung kann das Verhältnis auch im politischen Bereich beeinflussen und diese scheint gerade nach dem 11. September nicht all zu positiv zu sein. Zum Schluss sollen die Ergebnisse evaluiert und eine Prognose über die Erfolgsaussichten der Türkei auf ihrem Weg in die Europäische Union aufgestellt werden.

2. Historischer Hintergrund der deutsch-türkischen Beziehungen

Etwa 800 Jahre alt sind die deutsch-türkischen bzw. deutsch-osmanischen Beziehungen und seit mehr als 300 Jahren haben Deutsche und Türken nicht mehr aufeinander geschossen. Dies ist vor dem Hintergrund der zahlreichen blutigen Kriege, die in den letzten Jahrhunderten auf dem Europäischen Kontinent stattgefunden haben, durchaus bemerkenswert und sicherlich ein Grund dafür, dass man insgesamt von außergewöhnlich innigen bilateralen Beziehungen zwischen den beiden Ländern sprechen kann.[1]

2.1 Seldschuken, Deutsche und Osmanen bis 1683

Friedrich Barbarossa I., Kaiser des Heiligen Reiches, kam bereits im 12. Jahrhundert im Rahmen des dritten Kreuzzuges nach Konya und schloss nach großen Siegen über die Seldschuken mit Sultan Kilicarslan II. einen Friedens-vertrag, der Barbarossa freie Weiterreise nach Kilikien sicherte, auf welcher dieser allerdings im Fluss Göksu ertrank.[2] Unter den zahlreichen Fürstentümern, die durch den Zerfall des Seldschukenreiches entstanden waren, gelang es jenem der Osmanen schnell die Vorherrschaft zu erlangen und bis Ende des 17. Jahrhunderts ein riesiges Imperium aufzubauen, das über große Teile des Europäischen Kontinents herrschte.

Die deutsche Politik gegenüber den Osmanen war vor dem Hintergrund realer Bedrohung eher ängstlich und militärisch geprägt, dennoch gab es bereits erste politische Beziehungen. Als Wien im Jahre 1683 unter der Führung Kara Mustafa Paschas belagert wurde, kämpften deutsche Fürstentümer unter der Führung des Kronprinzen Ludwigs von Hannover gegen die Osmanen und der langsame Niedergang des Osmanischen Reiches begann. Gleichzeitig soll hier festgestellt werden, dass es seitdem keine gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Türken mehr gegeben hat.

2.2 Preußen und das Osmanische Reich

Die ersten Glückwünsche zur Gründung des Königtums Preußen und zur Krönung Friedrich I. im Jahre 1701 kamen aus Istanbul und eine erste türkische Delegation, bestehend aus 15 Personen unter der Leitung Asim Efendis, legte den Grundstein für die später für beide Seiten so wichtigen türkisch-preußischen Beziehungen. Unter der Führung Friedrich Wilhelms I., der von 1713 bis 1740 regierte, wurde ein Freundschaftsvertrag geschlossen. In diese Zeit fällt auch der erste Austausch von Diplomaten. So wurde 1721 der erste preußische Verbindungsoffizier und 1755 der erste politische Gesandte in die Türkei geschickt, während 1763 der erste türkische Gesandte in Berlin eintraf.[3] Nachdem Ende des 18. Jahrhunderts der Freundschafts-vertrag zwischen Preußen und der Türkei erneuert worden war, kam es zu einer Verstärkung der bilateralen Beziehungen. Nun wurden neben den politischen auch militärische, kulturelle und wirtschaftliche Kooperationen forciert. Zahlreiche preußische Militärexperten kamen im 19. Jahrhundert ins Osmanische Reich, um die inzwischen nicht mehr zeitgemäße Armee zu reorganisieren und den Niedergang des Osmanischen Reiches aufzuhalten.[4] Zu nennen sind hier sicherlich vor allem Helmuth von Moltke (1835-1839) und Colmar von der Goltz (1883-1896).[5] Auch osmanische Offiziere kamen nach Preußen bzw. nach 1871 nach Deutschland zur Ausbildung.[6] Neben der Kolonialpolitik seines Nachfolgers Kaiser Wilhelm II., der seit 1888 regierte, haben auch der 1840 geschlossene deutsch-osmanische Handelsvertrag und die Gründung der abendländischen Gesellschaft in Leipzig dazu beigetragen, dass 1888 mit dem Bau der Bagdadbahn begonnen wurde. Dieser wurde von Kaiser Wilhelm II. vor allem deshalb initiiert, um zu den Bodenschätzen in Südostanatolien vorzudringen und neue Märkte vor allem für die deutsche Rüstungsindustrie zu erschließen. Deutsches Geld und deutsches Geschick waren maßgeblich für den Erfolg des Projektes Bagdadbahn.[7] Die ausgesprochen ausgeprägte Türkeipolitik Kaiser Wilhelms II., seine Besuche im Osmanischen Reich in den Jahren 1889 und 1898, die Einrichtung deutscher Schulen und Krankenhäuser in Istanbul und die Tatsache, dass bereits 1913 in Berlin etwa 1300 Türken lebten, prägten zur Jahrhundertwende die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und dem Osmanischen Reich.[8] Dass die zwischen 1908 und 1918 herrschende Bewegung der säkularen Jungtürken um Talat, Enver und Kemal Pasa, mit Ausnahme Kemals sehr deutschfreundlich eingestellt war, erklärt warum die Osmanen im Ersten Weltkrieg, wenn auch nach anfänglicher Neutralität, auf Seiten des Deutschen Reiches standen. Nach der gemeinsamen Niederlage der Deutschen und der Osmanen und den für beide Staaten mit erheblichen Gebietsverlusten verbundenen Friedensverträgen von Versailles und Sèvres, kam es zu einer Unterbrechung der deutsch- osmanischen Beziehungen. Während Deutschland den Vertrag von Versailles annahm, akzeptierte die Türkei den Vertrag von Sèvres nicht und der erfolgreiche Befreiungskrieg Mustafa Kemals begann.[9]

2.3 Die neu gegründete Türkei, die Weimarer Republik und zweiter Weltkrieg

Ein Jahr nach der Gründung der Republik Türkei wurden mit dem Vertrag von Lausanne im Juli 1924 die noch heute gültigen Staatsgrenzen der Türkei und ihre völkerrechtliche Souveränität festgeschrieben. Dies stellte die Grundlage für die kemalistischen Reformen dar. 1924 wurden Kalifat und Religionsministerien abgeschafft und das Bildungswesen in staatliche Hände überführt. In den folgenden Jahren wurde verordnet, westliche Kleidung zu tragen, der gregorianische Kalender und die lateinische Schrift eingeführt, die Rechte der Frauen gestärkt und die bessere Ausbildung breiter Volksmassen angestrebt. Letztendlich war unter der Führung Mustafa Kemals, der bis zu seinem Tod 1938 im Amt blieb, innerhalb weniger Jahre aus dem islamisch geprägten Osmanischen Reich, die laizistische Republik Türkei geworden.[10] Diese „Verwestlichung“ oder besser Hinwendung zu Europa, führte 1929 zu einem neuen Handelsabkommen zwischen der Türkischen Republik und Deutschland und es wurden wieder diplomatische Beziehungen zueinander aufgenommen, die allerdings auf einem zu vernachlässigenden Niveau stattfanden.[11]

Aus den Erfahrungen des ersten Weltkrieges, als die Osmanen auf Seiten der Deutschen gekämpft und mit ihnen verloren hatte, hatte die Türkei geschlossen, nicht mehr an der Seite anderer Mächte kämpfen zu wollen. Atatürks Nachfolger im Amt des Staatspräsidenten Ismet Inönü, verhielt sich deshalb lange Zeit neutral und unterhielt noch bis August 1944 diplomatische Beziehungen zu Deutschland. Zahlreiche Deutsche Intellektuelle fanden während des zweiten Weltkrieges in der Türkei Schutz vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und waren maßgeblich an der Modernisierung der Türkei in Atatürks Sinne beteiligt. Stellvertretend seien hier der spätere Rektor der Freien Universität Berlin Ernst Hirsch, der Mediziner Rudolf Nissen, der spätere Berliner Bürgermeister Ernst Reuter[12] oder auch der Schriftsteller Carl Zuckmayer[13] genannt. Dennoch bleibt festzuhalten, dass die türkische Öffentlichkeit und vor allem auch die türkische Presse sehr deutschlandfreundlich gesinnt war und nicht selten einen Kriegseintritt der Türkei auf deutscher Seite forderte.[14] Sehr zögerlich zeigte sich die Türkei bezüglich einer Kriegserklärung an Deutschland. Erst Anfang 1945 erklärte die Türkei Deutschland den Krieg, was dazu führte, dass man bereits im April 1945 in San Francisco Gründungsmitglied der Vereinten Nationen wurde.[15]

2.4 Nachkriegsordnung, Westintegration, Assoziationsabkommen

Gleich nach dem Krieg kam es zu Friktionen zwischen der Sowjetunion und der Türkei, da die UDSSR Stützpunkte an gemäß dem Montreuxvertrag von beiden Staaten zu überwachenden Meerengen einrichten und Grenzkorrekturen an der sowjetisch-türkischen Grenze vornehmen wollte. Dies führte dazu, dass die Türkei fortan ihre ursprünglich neutrale Außenpolitik aufgab, sich immer stärker gen USA und Europa orientierte, ein Mehrparteiensystem einrichtete, die Wirtschaft liberalisierte und 1952 der NATO beitrat.[16] Zunächst hatte es zwar Widerstände gegen einen Beitritt der Türkei zur westlichen Verteidigungsallianz gegeben, doch als die Türkei im Koreakrieg auf Seiten der USA stand, wurde sie auch gegen den Widerstand einiger Europäischer Länder, die eine weitere Verschärfung des Ost- Westkonfliktes befürchteten, in die NATO aufgenommen. Bis zum Zerfall desselben gehörte die Türkei -fest in die westliche Gemeinschaft eingebunden- zusammen mit Großbritannien, dem Irak, Pakistan und dem Iran dem streng pro- amerikanischen Bagdadpakt an, der sich später ohne die Beteiligung des Iraks zur „Central Treaty Organization“ (CENTO) entwickelte. Auch der neu gegründeten Bundesrepublik gelang nach dem Krieg unter Bundeskanzler Adenauer die Westintegration, weshalb man durchaus sagen kann, dass die Türkei und die BRD außenpolitisch seit 1949 recht ähnliche Prozesse durchliefen. Bereits 1952 tauschte man Diplomaten aus, was zusammen mit Staatsbesuchen des Bundeskanzlers Adenauer im Jahre 1954 und des Bundespräsidenten Heuss in der Türkei zu einer erneuten Vertiefung der Beziehungen zwischen den beiden wirtschaftlich stark unter dem Krieg leidenden Staaten führte. Im Jahre 1961 trat das „Abkommen zur Anwerbung türkischer Arbeitskräfte für den deutschen Arbeitsmarkt“ in Kraft.[17] Bis zum Anwerbestopp 1973 kamen so zigtausend Gastarbeiter in die bundesrepublikanischen Fabriken. 1963 wurde in Ankara von der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Türkei das so genannte Assoziations-abkommen beschlossen, das bereits eine langfristige Beitrittsperspektive der Türkei zur EWG enthielt und für das Jahr 1986 eine weitgehende Freizügigkeit für türkische Arbeitnehmer enthielt. Außerdem bildete das Assoziationsabkommen die Grundlage für die 1995 beschlossene Zollunion der EG mit der Türkei.[18] Die Türkei war 1963 somit UNO, NATO und CENTO Mitglied und zudem assoziiertes Mitglied der EWG.

[...]


[1] Vgl. Botschaft der Türkei in Berlin: Türkei und Deutschland, Geschichte.

http://www.tuerkischebotschaft.de/de/turkei/geschichte.htm. 19.03.2005.

[2] Vgl. ebd

[3] Vgl. ebd.

[4] Akkaya, Çigdem (Hrsg.)/ Özbek, Yasemin/Sen, Faruk: Länderbericht Türkei. Darmstadt 1998. Seite 98.

[5] Botschaft der Türkei in Berlin: Türkei und Deutschland, Geschichte. http://www.tuerkischebotschaft.de/de/trde/geschichte 22.03.2005.

[6] Akkaya, Çigdem (Hrsg.)/ Özbek, Yasemin/Sen, Faruk: Länderbericht Türkei. Darmstadt 1998. Seite 99.

[7] Vgl. ebd. Seite 98.

[8] Botschaft der Türkei in Berlin: : Türkei und Deutschland, Geschichte.

http://www.tuerkischebotschaft.de/de/turkei/geschichte.htm. 22.03.2005.

[9] Steinbach, Udo: Geschichte der Türkei. München 2000. Seite 26ff.

[10] Vgl. ebd., Seite 21f.

[11] Botschaft der Türkei in Berlin: Türkei und Deutschland, Geschichte.

http://www.tuerkischebotschaft.de/de/turkei/geschichte.htm. 19.03.2005

[12] Müller, Hildegard: Deutsche Bibliothekare im türkischen Exil 1933-1945. In: Bibliothek;

Forschung und Praxis 1997/03. http://www.bibliothek-saur.de/1997_3/326-329.pdf. 21.03.2005.

[13] Kaya, Semiran: Die Heimatlosen der Kolonie B. In: Ausländer in Deutschland 2000/01,

http://www.isoplan.de/aid/2000-1/geschichte.htm. 21.03.2005.

[14] Sen, Faruk: Türkei4. München 1996. Seite 41-43.

[15] Steinbach: Geschichte der Türkei. Seite 40f.

[16] Sen, Faruk: Türkei4. München 1996. Seite 43-49.

[17] Botschaft der Türkei in Berlin: Türkei und Deutschland, Geschichte.

http://www.tuerkischebotschaft.de/de/turkei/geschichte.htm. 21.03.2005.

[18] Auswärtiges Amt: Beziehungen EU – Türkei: http://www.auswaertiges-amt.de/www/de/laenderinfos/laender/laender_ausgabe_html?type_id=14&land_id=176. 21.03.2005.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die europäische Zukunft der Türkei
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Fachbereich Gesellschaftswissenschaften )
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
26
Katalognummer
V54993
ISBN (eBook)
9783638500562
ISBN (Buch)
9783656567967
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zukunft, Türkei
Arbeit zitieren
Ruth Hasberg (Autor), 2005, Die europäische Zukunft der Türkei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54993

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