Die Neue Sachlichkeit in Karlsruhe und München


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

28 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

I. Gliederung

II. Einleitung

III. Der Begriff „Neue Sachlichkeit“ und die Mannheimer Ausstellung

IV. Künstlerische Ausgangslage

V. Neue Sachlichkeit in Karlsruhe
1. Allgemeines
2. Karl Hubbuch
3. Georg Scholz
4. Wilhelm Schnarrenberger

VI. Neue Sachlichkeit in München
1. Allgemeines
2. Alexander Kanoldt
a. Französische Einflüsse
b. Italienische Einflüsse
3. Heinrich Maria Davringhausen
4. Carlo Mense
5. Georg Schrimpf
6. Walter Schulz-Matan

VII. Kontakt zu Künstlern in anderen Zentren

VIII. Zur Frage der Bedeutung des neusachlichen Stilllebens

IX. Schlussbetrachtung

X. Literaturverzeichnis

II. Einleitung

„Die plumpen Kritzeleien von Kannibalen finden hier Nachahmung. Mit Kunst hat das blitzwenig wenig zu tun.“[1] So rezensiert das Karlsruher Tageblatt vom 2. Januar 1919 eine Ausstellung der dort ansässigen Gruppe „Rih“.

So sehr die Ikonographie der Karlsruher Künstler auch einen solchen Kommentar provozieren mag, ist es unmöglich, ihn auch auf die neu- sachlichen Maler in München zu übertragen. Worin genau die Differenzen zwischen Karlsruher und Münchner Neuen Sachlichkeit liegen, wie sie entstehen und wie gravierend sie tatsächlich sind, dies möchte ich in dieser Hausarbeit ausführen.

Dazu werde ich mich dem bisherigen künstlerischen Schaffen einiger Protagonisten zuwenden, auf die Frage, wie isoliert die Zentren München und Karlsruhe zu betrachten sind, eingehen und außerdem versuchen fest- zustellen, wo die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den Stillleben beispielsweise Alexander Kanoldts und den kritischen Zeichnungen Karl Hubbuchs liegen.

III. Der Begriff „Neue Sachlichkeit“ und die Mannheimer Ausstellung

Der Begriff „Neue Sachlichkeit“ wird 1922 vom Direktor der Mannheimer Kunsthalle, Gustav Hartlaub, eingeführt. Bekanntheit erlangt der Begriff 1925 durch eine große Ausstellung des Museums, die anschließen in ver-schiedene Städte weiterwandert, wo sie sich mit der Zeit so stark verändert, dass Hartlaub sie nicht mehr als Fortsetzung der von ihm initiierten Ausstellung anerkennt. Hartlaub zeigte 124 Werke, von denen die Münchner Künstler 50 Werke beisteuern, was zeigt, wo Hartlaubs Prioritäten liegen.

Was genau unter den Begriff „Neue Sachlichkeit“ zu fassen ist, ist strittig. Wie weit kann eine gängige Definition wie die, die „Neue Sachlichkeit“ bezeichne die „Tendenzen des Nach-Expressionismus, die zu einer betont neutralen, unpersönlichen, objektiven Sicht auf die gegenständliche Welt“[2] zurückkehrten, auf alle Künstler angewendet werden, die gemeinhin unter dem Begriff „Neue Sachlichkeit“ zusammengefasst werden?

Hartlaub unterscheidet zwei Flügel: „Ich sehe einen rechten, einen linken Flügel. Der eine konservativ bis zum Klassizismus, im Zeitlosen Wurzel fassend, will nach so viel Verstiegenheit und Chaos das Gesunde, Körperlich-Plastische in reiner Zeichnung nach der Natur, vielleicht noch mit Übertreibung des Erdhaften, Rundgewachsenen wieder heiligen. Michelangelo, Ingres, Genelli, selbst die Nazarener sollen Kronzeugen sein. Der andere Flügel, grell, zeitgenössisch, weil weniger kunstgläubig, eher aus Verneinung der Kunst geboren, sucht mit primitiver Feststellungs-, nervöser Selbstentblößungssucht Aufdeckung des Chaos, wahres Gefühl unserer Zeit.“[3]

Also stellt Hartlaub die Existenz erstens einer eher konservative Richtung fest, die zum Klassisch - Idealischen tendiert und eine überzeitliche Dar-stellung anstrebt. Diese Gruppierung neigt der italienischen Malerei in der Nachfolge Giorgio de Chiricos zu. Die Vertreter dieser Richtung schaffen Bilder, die zumindest auf den ersten Blick als idyllisch zu bezeichnen sind. Im Gegensatz dazu malen die Künstler des veristischen Flügels keine Para- diese, sondern eine Paradieslosigkeit, die sozialkritisch die Missstände der Gesellschaft wie kapitalistische Ausbeutung und Prostitution kritisch und in einer pointierten Bildsprache aufzeigt.

Hartlaubs Ausstellung ist populär. Weniger in Bezug auf die Besucher-zahlen, die eher mittelmäßig sind,[4] sondern besonders dadurch, dass sie „weitergereicht“ wird. Vor allem deshalb hat sich der Name „Neue Sach-lichkeit“ etabliert. Zwar gibt es viele alternative Vorschläge, aber nur zwei Termini können sich neben dem der „Neuen Sachlichkeit“ einigermaßen halten: zum einen der 1925 von Franz Roh eingeführte Begriff des „Magischen Realismus“, der besonders für die an der italienischen „Pittura Metafisica“ orientierten deutschen Künstler wie Christian Schad, Georg Schrimpf oder Carlo Mense zutrifft.[5] Diese Begriffsschöpfung umfasst aber nicht so viele und unterschiedliche Künstler wie der diffusere Begriff „Neue Sachlichkeit“ sonder gilt eben nur für eine bestimmte Gruppierung, für den klassischeren, „rechten“ Flügel. Des Weiteren kann sich auch der Begriff „Verismus“ behaupten, dessen Künstler vornehmlich aus dem Expressionismus und dem Dadaismus zur Neuen Sachlichkeit stoßen und den „linken“, den sozialkritischen Flügel bilden.[6]

Die Versuche, Kategorien zu schaffen und die Künstler diesen zuzuordnen, sind sehr vielfältig, beinahe jeder Autor ergeht sich in neuen Vorschlägen. Geblieben ist der Begriff Neue Sachlichkeit, ob er nun genau die Inhalte und Mittel der unter ihm zusammengefassten Maler verdeutlicht oder nicht.

IV. Künstlerische Ausgangslage

Die neue Sachlichkeit ist keine totale Kehrtwende, sie ist aus einer konstanten Fortentwicklung aus der Kunst vor allem der ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts entstanden. Eine Stilrichtung, sofern man hier von einem einheitlichen Stil überhaupt sprechen kann, entsteht nie isoliert aus dem Nichts. Sie ist immer entweder eine Fortentwicklung oder eine Ablehnung. Beides ist aber eine Reaktion.

Von einer Stilrichtung kann man aber nur sprechen, wenn mehrere Künstler vergleichbare künstlerische Ausdrucksmittel nutzen. Um also die Entstehung der Neuen Sachlichkeit besser einschätzen zu können, lohnt es sich, einen Blick auf die Biografie einiger Vertreter zu werfen. Was haben die Künstler geschaffen, bevor sie zur Neuen Sachlichkeit stoßen? Waren sie der abstrakten Malerei vorher schon abgeneigt oder entwickeln sie diesen Ausdrucksweise erst im Zuge der allgemeinen Abwendung von der Abstraktion in Europa?

Tendenzen einer Abwendung von einer abstrakten Darstellungsweise zeigen sich in der europäischen Malerei schon in den letzten Jahren des ersten Weltkrieges, in Deutschland verstärken sich diese Tendenzen zu einer stärker gegenstandsbezogenen Malerei um 1920. Dieser Vorgang ist ein Prozess, der Einflüsse aus verschiedenen Richtungen aufnimmt.[7] Zwei Wege zu einer scheinbar illusionslosen, jedenfalls aber gegenständlichen Malweise lassen sich zumindest für die Münchener und Karlsruher Szene feststellen. Zum einen gibt es diejenigen Künstler, die im ersten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhundertes an den Akademien studieren. Zum anderen findet sich eine zweite Generation, die in den 20er Jahren studiert und von den Künstlern der Neuen Sachlichkeit der älteren Generation unterrichtet wird.

Zu der ersten Generation gehört Karl Hubbuch (1891 - 1971), der von 1908 – 1912 an der Karlsruher Akademie studiert. Einen ersten Eindruck von der Kunst der europäischen Modernen erhält er bei der Ausstellung der „Neuen Künstlervereinigung München“ 1910 in Karlsruhe. Dort werden u. a. kubistische Landschaften von Picasso und Braque ausgestellt. Obwohl er zu den älteren Malern der Neuen Sachlichkeit gehört, übergeht er unzeitgemäß die aktuellen Strömungen von Expressionismus, Dadaismus, Kubismus und Futurismus. Zunächst schafft er naive, erzählende Bilder aus der unmittel-baren Nachkriegszeit, ab 1922 dann die typischen, kritischen Zeichnungen. Obwohl sich sein Zeichenstil natürlich verändert, ist er unabhängig von Moden und nicht in Stilepochen einteilbar.

Heinrich Maria Davringhausen (1894 - 1970) entzieht sich dem Zeitgeist nicht so gänzlich wie Hubbuch. Sein malerisches Frühwerk ist geprägt von jugendstilhaften Elementen[8], bis er 1912 die Sonderbundausstellung in Köln besucht, wo ihn vor allen Dingen van Gogh und Munch beeindrucken. 1913 / 14 studiert er an der Kunstakademie Düsseldorf, wo Carlo Mense sein lebenslanger Freund wird und wo er vorwiegend expressionistisch malt.[9] Der rheinische Expressionismus, der sich an Fauvismus, Kubismus und Futurismus orientiert, beeinflusst sein Werk in Farbigkeit und Komposition. Nach dem ersten Weltkrieg gehört er zum Umkreis der entscheidenden kulturrevolutionären Erneuerer um „Die neue Jugend“, „Dada“ und die „Novembergruppe“ in Berlin. In Düsseldorf tritt er dem „Jungen Rheinland“ bei. Bis er 1915 er nach Berlin zieht, verläuft seine künstlerische Ent-wicklung also entsprechend den vorherrschenden Ausdrucksweisen. Aber schon 1915 / 16 entwickelt Davringhausen eine neusachliche Bildsprache, indem er eigenwillig und gegen den Zeitstil rein sachliche Porträts von Bekannten und Freunden schafft.[10] Nachdem er mit den Bildnissen des Jahres 1915 als erster junger Maler in Berlin den Expressionismus über-wunden und Porträts in neuer Gegenständlichkeit gemalt hat, greift er nochmals zurück auf die expressive, futuristisch aufgeladene Formen- sprache, die damals in Berlin, vor allem in Herwarth Waldens Galerie und Zeitschrift „Der Sturm“ maßgeblich ist.[11][12]

Der ersten älteren Generation von Künstlern der Neuen Sachlichkeit gehört auch Wilhelm Schnarrenberger (1892 – 1966) an. Er studiert von 1911 - 16 an der Kunstgewerbeschule in München. Nach impressionistischen Anfäng-en schafft er ab 1914 Lithographien, die sich von Kubismus und Futurismus inspiriert zeigen.

Eine ähnliche Vergangenheit weist ein weiterer Protagonist der ersten Gene-ration der Neusachlichen auf: Alexander Kanoldt (1881 – 1939), der ab 1901 an der Karlsruher Akademie studiert, erst in der Zeichenklasse, dann in der Malklasse. Seine frühen Farblithographien, die eine Spezialität der Karlsruher Akademie sind, zeigen teilweise einen starken Hang zu Spätromantik und Symbolismus.[13] Einige seiner Werke erinnern an Caspar David Friedrich und vor allem an Arnold Böcklin, den sein Vater, der Deutsch-römer Edmund Kanoldt, verehrt. 1906 orientiert sich Alexander Kanoldt völlige neu. Angeregt durch die Wanderausstellung „Französische Künstler“, die in diesem Jahr in Karlsruhe stattfindet und bei der die wichtigsten Werke des Post- und Neoimpressionismus, darunter Paul Signac, Georges Seurat und Vincent van Gogh, gezeigt werden, malt er zunächst neoimpressionistisch.[14] Von 1906 an ist er Meisterschüler an der Karlsruher Akademie, bis er 1909 nach München umzieht. Hier gehört er bald zum engsten Zirkel der jungen Avantgarde und setzte sich mit dem Kreis um Alexej von Jawlensky und Wassily Kandinsky auseinander.[15] Kanoldt gehört zu den Mitbegründern der „Neuen Künstler-Vereinigung München“ und wird deren Sekretär. An der ersten Ausstellung der NKVM war er mit sechs Gemälden und zehn Zeichnungen beteiligt. 1911 kommt es zu Spannungen in der NKVM, die Gruppe teilt sich auf. Kanoldt rezipiert als einer der ersten Maler in Deutschland kubistische Elemente und lässt sich von Picasso, Braque und Derain inspirieren.[16] 1913 regt ihn der italienische Ort San Gimignano mit seinen Geschlechtertürmen zu kubistischer Architekturdarstellung an. Nachdem er am zweiten Weltkrieg teilgenommen hat, reist er 1920 nach Italien, Dalmatien und Südtirol, dort entstehen die ersten Stillleben in rein neusachlichem Stil.

Wie Kanoldt hat auch Carlo Mense (1886 – 1965) seine künstlerischen Anfänge im Expressionismus. Mense studiert von 1905 - 09 in Düsseldorf und Berlin. Er wird 1911 Mitglied der Kölner Sezession und ist 1912 auf der dortigen Sonderbundausstellung vertreten. Im Jahr 1913 beteiligt er sich an der Ausstellung der Rheinischen Expressionisten in Bonn.

Auch Georg Schrimpf (1889 – 1938) gehört zu der älteren Generation der Maler der Neuen Sachlichkeit. Er malt ab 1909 in München expressionistisch. Während des ersten Weltkrieges hält Schrimpf sich in Berlin auf, wo er weiterhin expressionistisch malt, einige seine Bilder werden im „Sturm“, im „Anbruch“ und in Paul Westheims „Kunstblatt“ veröffentlicht.

Viele Werke besonders von Künstlern der zweiten Generation werden im zweiten Weltkrieg zerstört, so ist beinahe das gesamte Oeuvre Hanna Nagels verloren. Rudolf Dischinger (1904 – 1988) gehört dieser zweiten Generation Neusachlicher an. Als er von 1924 bis 1927 unter anderem bei Karl Hubbuch und Georg Scholz an der Karlsruher Akademie studiert, lernt er die neusachliche Ausdrucksweise, wie auch Otto Lais (1897 – 1988) und Hanna Nagel (1907 – 1975) in den 20er Jahren an der Karlsruher Akademie unterrichtet werden.

Es ist also festzustellen, dass einige Maler der älteren Generation ein expressionistisches, futuristisches oder kubistisches Frühwerk schaffen. Sie werden in ihrem künstlerischen Ausdruck maßgeblich von den neuen, modernen Strömungen beeinflusst, die ab 1906 in großen Ausstellungen in Deutschland zu sehen sind. Spuren von Rousseau, dem Kubismus Picassos und Braques finden sich sowohl im Personalstil, als sie auch die Entwik-klung der Formensprache der Neuen Sachlichkeit begünstigen. Dennoch ist daneben als Ausnahme Karl Hubbuch zu nennen, der seinem exakten Zeichenstil treu bleibt und keine tief greifenden, stilistischen Änderungen in seinem Ausdrucksstil durchläuft.

[...]


[1] Zitiert nach Presler 1992, S. 59.

[2] Maur / Henning 2004, S. 174.

[3] Ein neuer Naturalismus??. Eine Umfrage des Kunstblatts, in: Das Kunstblatt, Jg. 6, 1922, S. 369 – 414, 390. Zitiert nach Peters 1998, S. 16.

[4] Vgl. Buderer 1994, S. 11.

[5] Vgl. Maur / Henning 2004, S. 174.

[6] Vgl. Michalski 1994, S. 20.

[7] Vgl. Michalski 1994, S. 16: „Anti-expressionismus“. Andere Quellen sprechen aber nicht von so einer starken Gegensätzlichkeit.

[8] Beispiel: Pubertät“, 1912.

[9] Beispiel: Kirche, 1913.

[10] Beispiel: Porträt Dr. Döhmann, 1915.

[11] Vgl. Eimert 1995, S. 43.

[12] Beispiel: Kreuzigung, 1916.

[13] Beispiele: Abend, Farblithographie, 1902,

Einsamkeit, Farblithographie, 1902

[14] Beispiel: Morgensonne, Öl auf Leinwand, 1907.

[15] Beispiel: Sitzende Frau am Tisch, Bleistift und Aquarell, um 1909 – 1910.

[16] Beispiel: Mühle am Eisack, Kreide, um 1911.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Neue Sachlichkeit in Karlsruhe und München
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Kunsthistorisches Seminar)
Veranstaltung
Neue Sachlichkeit
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
28
Katalognummer
V55017
ISBN (eBook)
9783638500760
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neue, Sachlichkeit, Karlsruhe, München, Neue, Sachlichkeit
Arbeit zitieren
Marie von Massow (Autor), 2005, Die Neue Sachlichkeit in Karlsruhe und München, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55017

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