Ferdinand Gregorovius. Interkulturalität in der Italiendarstellung in Wanderjahre in Italien.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Begriffsbestimmung „Interkulturalität“

2. Der Autor und Entstehung der „Wanderjahre“

3. Die historische Landschaftsbeschreibung- Interkulturelle Merkmale in der Motivation und Herangehensweise

4. „Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter“ (erschienen 1859-1872)

5. Vergleich Goethe und Gregorovius
5.1 Romantik- Realismus in den „Wanderjahren“

6. Gregorovius´ Einstellung zu Italien

7. Gregorovius politische Ansichten in den „Wanderjahren“

8. Die Art des Reisens im Wandel der Zeit und Auswirkungen auf die Wahrnehmung

9. Fazit

Literatur

1. Einleitung

„Kein Deutscher nach Goethe hat das deutsche Italienbild so tief und nachhaltig beeinflusst wie Gregorovius.“[1] Solch ein Einfluss auf das Bild einer anderen Kultur kann negativ, klischeehaft und vorurteilsvoll erfolgen oder im besten Fall Ergebnis eigener Beobachtungen sein, des Bemühens und der Bereitschaft, sich auf eine andere Kultur offen und unvoreingenommen einzulassen. Ferdinand Gregorovius ist ein Vertreter der letztgenannten Kategorie, solche Merkmale einer interkulturellen Herangehensweise will die vorliegende Arbeit in dem hier untersuchten Werk „Wanderjahre in Italien“[2] nachweisen.

Nach Goethes „Italienischer Reise“ galten im 19. Jahrhundert Burckhardts „Cicerone“ und Gregorovius „Wanderjahre in Italien“ als Klassiker der Italienliteratur. Die Werke setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte. „Cicerone“ bezieht sich eher auf die italienische Kunstgeschichte, bei Goethe steht Rom und die Antike bzw. Renaissance im Mittelpunkt, Gregorovius legt den Fokus auf die Geschichte. Er liefert keinen allgemeinen Überblick, sondern greift einzelne Landschaften und Orte heraus und erläutert dann den historischen Kontext dieser „Szenerien“.[3] Der Untertitel seines hier untersuchten Werkes lautet denn auch: „Figuren, Geschichten, Leben und Szenerie aus Italien“. Wegen seiner Kenntnisse italienischer Geschichte und Mentalität, der tiefen Verbundenheit seinem Arbeitsgegenstand gegenüber und nicht zuletzt auf Grund seines jahrzehntelangen Aufenthaltes in Italien wird Gregorovius auch als Exempel eines „Deutsch-Römers“ bezeichnet.[4]

Die Italiendarstellung in den „Wanderjahren“ kann als Beispiel interkulturellen Arbeitens und Wirkens bezeichnet werden; die vorliegende Arbeit beschreibt im Lichte dieser These Entstehung des Werkes, die Herangehensweise und Art des Reisens des Autors sowie den historischen Kontext und die politischen Ansichten von Gregorovius.

Als wichtigste Quellen dienten mir die von Eberhard Haufe herausgegebene Sammlung „Deutsche Briefe aus Italien. Von Winckelmann bis Gregorovius.“[5] mit aussagekräftigen Briefen von Gregorovius an seinen Freund und Staatssekretär Hermann von Thile, der Aufsatz „Goethe und Gregorovius vor der italienischen Landschaft.“[6] von Herbert Lehmann, sowie das für dieses Thema wegweisende Werk „Ferdinand Gregorovius und Italien. Eine kritische Würdigung.“[7], das von Arnold Esch und Jens Petersen herausgegeben wurde und mehrere Aufsätze diverser Autoren zum Thema enthält.

1.1 Begriffsbestimmung „Interkulturalität“

Kulturen sind offene Systeme, die sich wechselseitig beeinflussen. Der Begriff „Interkulturalität“ meint hier eine gegenüber der anderen Kultur offene und vorurteilsfreie Aufgeschlossenheit, die von einem wechselseitigen Geben und Nehmen geprägt ist. Voraussetzungen dafür sind Interesse an der anderen Kultur, die Hinterfragung von Klischeevorstellungen und die Bereitschaft, sich einen eigenen, unvoreingenommen Eindruck zu verschaffen.[8] Diese Merkmale treffen auf das untersuchte Werk zu, wie im Laufe der vorliegenden Arbeit gezeigt werden soll.

2. Der Autor und die Entstehung der „Wanderjahre“

Der Lyriker, Erzähler und Dramatiker Ferdinand Adolf Gregorovius, im Volksmund auch Ferdinand Fuchsmund genannt, wurde 1821 in Neidenburg in Ostpreußen geboren und starb 1891 in München. Sein Vater war Justizrat, Ferdinand studierte Theologie und Philosophie, also nicht etwa Geschichte, wie seine bekanntesten Werke vermuten lassen könnten.[9] So strebte er zunächst auch kein Historiker-Dasein an, sondern eine Schriftstellertätigkeit.

1852 unternahm er seine erste Reise nach Italien, zunächst für acht Jahre, endgültig nach Deutschland zurückgekehrt ist er aber erst nach 22 Jahren, Italien bildete also mehr als zwei Jahrzehnte den Mittelpunkt in seinem Leben und Werk.[10]

Ferdinand Gregorovius schrieb zwischen 1852 und 1890 insgesamt 184 Artikel für die „Augsburger Allgemeine Zeitung“[11], aber auch Tagebuch und Briefe. Die „Wanderjahre“ entstanden aus diesen eigentlich unabhängigen Artikeln für die „Augsburger Allgemeine“ und geben trotz ihrer langen Entstehungszeit ein recht einheitliches Bild ab. 1854 beschloss er die „Geschichte Roms im Mittelalter“ zu beschreiben, was schließlich zu seiner Lebensaufgabe wurde.[12] Nach Beendigung dieses Mammutwerkes löste er sich allmählich von Italien.[13] 1874 zog er nach München und wandte sich dem Orient und Griechenland zu; 1889 beendete er das Pendant zu seinem Rom-Werk, die „Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter. Von der Zeit Justinians bis zur türkischen Eroberung.“.[14] Gregorovius besuchte jedoch immer noch jährlich Italien und wurde 1876 gar zum ersten deutschen Ehrenbürger Roms ernannt.[15]

Eine derartige Fokussierung auf Italien in Leben und Werk, sowie sein jahrzehntelanger Aufenthalt in jenem Kulturkreis, implizieren bereits auf dieser biographischen Ebene eine Herangehensweise, die geprägt ist von interkulturellen Merkmalen: Sein Interesse gegenüber Italien ist gewaltig, er taucht gänzlich ein in die Lebenswirklichkeit der Italiener und beweist durch seine profunden Kenntnisse der Geschichte eine über die Oberfläche hinausgehende, intensive Beschäftigung mit der anderen Kultur. Die Hinterfragung von Klischees und eventuellen Vorurteilen scheint bei einem derart engen Kontakt über einen so langen Zeitraum kaum vermeidbar. Gregorovius ging seine Arbeit mit leidenschaftlicher Begeisterung an, die Geschichte von Rom galt Gregorovius als „das Resultat eines Lebens und das Produkt innerer Leidenschaft“.[16]

3. Die historische Landschaftsbeschreibung- Interkulturelle Merkmale in der Motivation und Herangehensweise

Ausgangspunkt für Gregorovius´ Schilderungen ist immer das persönliche Erlebnis, er wandert, trifft auf die Menschen und nimmt an traditionsreichen italienischen Festen teil. Seine Beschreibungen sind scharf beobachtend, behalten das Wesentliche im Auge und werfen manchmal einen lächelnden Seitenblick auf Begleitumstände,[17] dies jedoch nie auf arrogante oder abschätzige Art und Weise.

Seine Ausführungen folgen einer erkennbaren Struktur: Erst kommt die Beschreibung, dann eine Erklärung durch Erläuterung des geschichtlichen Hintergrundes, also eine Einordnung des Gesehenen in einen historischen Kontext. Die Geschichte dient dem Verständnis und der Erläuterung der Gegenwart. Zudem geht Gregorovius für seine Zeit sehr vorurteilsfrei an die sonst gemiedene „dunkle Epoche“ des Mittelalters heran und legt Wert auf die Vermittlung des italienischen Lebensgefühls.[18] Er widersteht jedoch der Gefahr, unkritisch im Italienischen aufzugehen und schafft es, sich eine gewisse Distanz zu bewahren, eine wissenschaftliche Herangehensweise fern einer reinen romantischen Verklärung.[19] Er ist sich über die Unterschiede der Nationen durchaus im Klaren, auch in der Beurteilung historischer Gegebenheiten, und nimmt eine historische Einordnung vor, anstelle von bloßem Verzeichnen. Seine Werke waren laut Paul Kehr „Führer durch Rom und Italien für viele gebildete Deutsche.“[20]

Damit verbunden ist viel Recherche in Archiven und fundiertes Hintergrundwissen, Gregorovius stellte jeden Ort, den er besuchte, in den Zusammenhang der Geschichte und sah ihn mit den Augen des Dichters. Der Einfluss, den der geschichtliche Blickwinkel Gregorovius auf die Wahrnehmung Italiens hatte, wird an vielen Stellen des Buches deutlich, die Beschreibung einer Szenerie mit anschließender Erläuterung der historischen Hintergründe und Zusammenhänge und die Einbettung in einen geschichtlichen Kontext kann als Stilprinzip oder genereller Aufbau des Werkes betrachtet werden. Die Bedeutung einer historischen Einordnung äußert Gregorovius zum Beispiel im Kapitel über die „Campagna von Rom“:

„Der Eindruck eines großen Landschaftsgemäldes erhöht sich für den Denkenden, wenn er es mit der Geschichte zu verbinden weiß, oder wenn es überhaupt von dieser belebt wird: dies lateinische Tal zu unsern Füßen ist nun aber der Schlüssel zum Königreich Neapel; es ist die Heerstraße der Völker des Mittelalters.“[21]

[...]


[1] Arnold Esch und Jens Petersen: Vorwort. In: Ferdinand Gregorovius und Italien- Eine kritische Würdigung. Herausgegeben von Arnold Esch und Jens Petersen. Max Niemeyer Verlag Tübingen 1993. S.VII.

[2] Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien. Mit siebenundzwanzig zeitgenössischen Illustrationen. Einführung von Hanno-Walter Kruft. Verlag C.H.Beck München, 2.Auflage 1967.

[3] Hanno-Walter Kruft: Einführung. In: Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien. Mit siebenundzwanzig zeitgenössischen Illustrationen. Einführung von Hanno-Walter Kruft. Verlag C.H.Beck München, 2.Auflage 1967. S. IX.

[4] Hanno-Walter Kruft: Der Historiker als Dichter. Zum 100.Todestag von Ferdinand Gregorovius. In: Bayerische Akademie der Wissenschaften. Sitzungsberichte. Jahrgang 1992. Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. München 1993. Heft 2, S.4.

[5] Eberhard Haufe (Hg.): Deutsche Briefe aus Italien. Von Winckelmann bis Gregorovius. Gesammelt und herausgegeben von Eberhard Haufe. Christian Wegner Verlag, Hamburg 1965.

[6] Herbert Lehmann: Goethe und Gregorovius vor der italienischen Landschaft. In: Sitzungsberichte der wissenschaftlichen Gesellschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Band 3, Jahrgang 1964, Nr.5. Franz Steiner Verlag GmbH, Wiesbaden 1967.

[7] Arnold Esch und Jens Petersen: Ferdinand Gregorovius und Italien- Eine kritische Würdigung. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1993.

[8] Begriffsbestimmung folgt den im Seminar „Interkulturelle Germanistik/ Sprach-, Kommunikations-, und Mediengeschichte. Interkulturalität in Literatur und Bildender Kunst.“ vom WS 2003/04 bei Prof. Dr. Bernd Thum erarbeiteten Merkmalen von Interkulturalität.

[9] Kruft: Einführung. In: Gregorovius: Wanderjahre in Italien. S. XIII.

[10] Ebd. S. XIV.

[11] Jens Petersen: Ferdinand Gregorovius als Mitarbeiter der Augsburger „Allgemeinen Zeitung.“ Ausgewählte Textbeispiele. In: Ferdinand Gregorovius und Italien- Eine kritische Würdigung. Herausgegeben von Arnold Esch und Jens Petersen. Max Niemeyer Verlag Tübingen 1993. S.253.

[12] Kruft: Einführung. In: Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien. S. XV.

[13] Ebd. S. XVI.

[14] Ebd. S. XVII.

[15] Alberto Forni: Der Erfolg von Gregorovius in Italien. In: Ferdinand Gregorovius und Italien- Eine kritische Würdigung. S. 25.

[16] Kruft: Einführung. In: Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien. S. XVII.

[17] Ebd. S. X.

[18] Ebd. S.XI.

[19] Ebd. S.XIII.

[20] Jens Petersen: Das Bild des zeitgenössischen Italien in den Wanderjahren von Ferdinand Gregorovius. In: Ferdinand Gregorovius und Italien- Eine kritische Würdigung. S.74.

[21] Gregorovius: Wanderjahre in Italien. S.283/284.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Ferdinand Gregorovius. Interkulturalität in der Italiendarstellung in Wanderjahre in Italien.
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Literaturwissenschaften)
Veranstaltung
Interkulturelle Germanistik/ Sprach-, Kommunikations-, und Mediengeschichte. Interkulturalität in Literatur und Bildender Kunst.
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
21
Katalognummer
V55050
ISBN (eBook)
9783638500999
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ferdinand, Gregorovius, Interkulturalität, Italiendarstellung, Wanderjahre, Italien, Interkulturelle, Germanistik/, Sprach-, Kommunikations-, Mediengeschichte, Interkulturalität, Literatur, Bildender, Kunst
Arbeit zitieren
Jan Wirschal (Autor), 2004, Ferdinand Gregorovius. Interkulturalität in der Italiendarstellung in Wanderjahre in Italien., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55050

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