[...] Nach Goethes „Italienischer Reise“ galten im 19. Jahrhundert Burckhardts „Cicerone“ und
Gregorovius „Wanderjahre in Italien“ als Klassiker der Italienliteratur. Die Werke setzen
jedoch unterschiedliche Schwerpunkte. „Cicerone“ bezieht sich eher auf die italienische
Kunstgeschichte, bei Goethe steht Rom und die Antike bzw. Renaissance im Mittelpunkt,
Gregorovius legt den Fokus auf die Geschichte. Er liefert keinen allgemeinen Überblick,
sondern greift einzelne Landschaften und Orte heraus und erläutert dann den historischen
Kontext dieser „Szenerien“. Der Untertitel seines hier untersuchten Werkes lautet denn auch:
„Figuren, Geschichten, Leben und Szenerie aus Italien“. Wegen seiner Kenntnisse
italienischer Geschichte und Mentalität, der tiefen Verbundenheit seinem Arbeitsgegenstand
gegenüber und nicht zuletzt auf Grund seines jahrzehntelangen Aufenthaltes in Italien wird
Gregorovius auch als Exempel eines „Deutsch-Römers“ bezeichnet.
Die Italiendarstellung in den „Wanderjahren“ kann als Beispiel interkulturellen Arbeitens und
Wirkens bezeichnet werden; die vorliegende Arbeit beschreibt im Lichte dieser These
Entstehung des Werkes, die Herangehensweise und Art des Reisens des Autors sowie den
historischen Kontext und die politischen Ansichten von Gregorovius. Als wichtigste Quellen dienten mir die von Eberhard Haufe herausgegebene Sammlung
„Deutsche Briefe aus Italien. Von Winckelmann bis Gregorovius.“ mit aussagekräftigen
Briefen von Gregorovius an seinen Freund und Staatssekretär Hermann von Thile, der
Aufsatz „Goethe und Gregorovius vor der italienischen Landschaft.“ von Herbert Lehmann,
sowie das für dieses Thema wegweisende Werk „Ferdinand Gregorovius und Italien. Eine
kritische Würdigung.“, das von Arnold Esch und Jens Petersen herausgegeben wurde und
mehrere Aufsätze diverser Autoren zum Thema enthält.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Begriffsbestimmung „Interkulturalität“
2. Der Autor und Entstehung der „Wanderjahre“
3. Die historische Landschaftsbeschreibung- Interkulturelle Merkmale in der Motivation und Herangehensweise
4. „Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter“ (erschienen 1859-1872)
5. Vergleich Goethe und Gregorovius
5.1 Romantik- Realismus in den „Wanderjahren“
6. Gregorovius´ Einstellung zu Italien
7. Gregorovius politische Ansichten in den „Wanderjahren“
8. Die Art des Reisens im Wandel der Zeit und Auswirkungen auf die Wahrnehmung
9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Werk „Wanderjahre in Italien“ von Ferdinand Gregorovius unter dem Aspekt interkultureller Herangehensweisen. Dabei wird analysiert, inwieweit Gregorovius durch seine persönliche Lebensweise, seine historische Kontextualisierung und sein tiefes Interesse an der italienischen Kultur Klischeebilder überwand und ein vorurteilsfreies, authentisches Italienbild vermittelte.
- Analyse der interkulturellen Arbeitsweise und Forschungsmethodik des Autors.
- Vergleich der Italiendarstellung zwischen Gregorovius und Johann Wolfgang von Goethe.
- Untersuchung des Wandels von einer romantischen hin zu einer realistischen Perspektive.
- Einfluss der persönlichen Reiseart und Daueraufenthalte auf die Wahrnehmung fremder Kulturen.
- Einbettung der politischen Überzeugungen Gregorovius in den historischen Rahmen des 19. Jahrhunderts.
Auszug aus dem Buch
Die historische Landschaftsbeschreibung- Interkulturelle Merkmale in der Motivation und Herangehensweise
Ausgangspunkt für Gregorovius´ Schilderungen ist immer das persönliche Erlebnis, er wandert, trifft auf die Menschen und nimmt an traditionsreichen italienischen Festen teil. Seine Beschreibungen sind scharf beobachtend, behalten das Wesentliche im Auge und werfen manchmal einen lächelnden Seitenblick auf Begleitumstände, dies jedoch nie auf arrogante oder abschätzige Art und Weise.
Seine Ausführungen folgen einer erkennbaren Struktur: Erst kommt die Beschreibung, dann eine Erklärung durch Erläuterung des geschichtlichen Hintergrundes, also eine Einordnung des Gesehenen in einen historischen Kontext. Die Geschichte dient dem Verständnis und der Erläuterung der Gegenwart. Zudem geht Gregorovius für seine Zeit sehr vorurteilsfrei an die sonst gemiedene „dunkle Epoche“ des Mittelalters heran und legt Wert auf die Vermittlung des italienischen Lebensgefühls. Er widersteht jedoch der Gefahr, unkritisch im Italienischen aufzugehen und schafft es, sich eine gewisse Distanz zu bewahren, eine wissenschaftliche Herangehensweise fern einer reinen romantischen Verklärung. Er ist sich über die Unterschiede der Nationen durchaus im Klaren, auch in der Beurteilung historischer Gegebenheiten, und nimmt eine historische Einordnung vor, anstelle von bloßem Verzeichnen. Seine Werke waren laut Paul Kehr „Führer durch Rom und Italien für viele gebildete Deutsche.“
Damit verbunden ist viel Recherche in Archiven und fundiertes Hintergrundwissen, Gregorovius stellte jeden Ort, den er besuchte, in den Zusammenhang der Geschichte und sah ihn mit den Augen des Dichters. Der Einfluss, den der geschichtliche Blickwinkel Gregorovius auf die Wahrnehmung Italiens hatte, wird an vielen Stellen des Buches deutlich, die Beschreibung einer Szenerie mit anschließender Erläuterung der historischen Hintergründe und Zusammenhänge und die Einbettung in einen geschichtlichen Kontext kann als Stilprinzip oder genereller Aufbau des Werkes betrachtet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema und die These, dass Gregorovius eine interkulturelle Herangehensweise in seinen „Wanderjahren“ praktizierte.
1.1. Begriffsbestimmung „Interkulturalität“: Definition von Interkulturalität als offene, vorurteilsfreie Haltung und wechselseitiges Verständnis zwischen Kulturen.
2. Der Autor und Entstehung der „Wanderjahre“: Biografischer Abriss von Ferdinand Gregorovius und Entstehungsgeschichte der aus Zeitungsartikeln gewachsenen „Wanderjahre“.
3. Die historische Landschaftsbeschreibung- Interkulturelle Merkmale in der Motivation und Herangehensweise: Analyse der Struktur von Gregorovius' Reisebeschreibungen, die persönliches Erleben mit historischer Einordnung verbinden.
4. „Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter“ (erschienen 1859-1872): Betrachtung seines Hauptwerkes und der methodischen Schwierigkeiten sowie der historischen Bedeutung als Nicht-Italiener.
5. Vergleich Goethe und Gregorovius: Gegenüberstellung der beiden Klassiker der Italienliteratur mit Fokus auf deren unterschiedliche Schwerpunkte und stilistische Ansätze.
5.1 Romantik- Realismus in den „Wanderjahren“: Untersuchung der stilistischen Entwicklung des Autors über die Jahre hinweg von einer romantischen zu einer sachlicheren Beobachtung.
6. Gregorovius´ Einstellung zu Italien: Analyse der tiefen Sympathie für Italien bei gleichzeitiger Wahrung der eigenen deutschen Identität.
7. Gregorovius politische Ansichten in den „Wanderjahren“: Darstellung der politischen Einordnung des Autors zwischen preußischer Heimat, Freiheitsbestrebungen und der italienischen Einigungsbewegung.
8. Die Art des Reisens im Wandel der Zeit und Auswirkungen auf die Wahrnehmung: Reflexion über die Bedeutung der Reiseform und Zeitinvestition für die Qualität der interkulturellen Erfahrung.
9. Fazit: Zusammenfassende Würdigung von Gregorovius als Vermittler zwischen Kulturen, der durch eigene Anschauung Klischees entgegenwirkte.
Schlüsselwörter
Ferdinand Gregorovius, Wanderjahre in Italien, Interkulturalität, Italienbild, Kulturvergleich, Geschichte, Rom, Reisekultur, 19. Jahrhundert, Johann Wolfgang von Goethe, Identität, Historismus, Nationalbewegung, Landschaftsbeschreibung, Mittelalter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Werk „Wanderjahre in Italien“ von Ferdinand Gregorovius hinsichtlich seiner interkulturellen Qualität und seiner Rolle bei der Prägung des deutschen Italienbildes im 19. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Methode der historischen Landschaftsbeschreibung, die biographische Prägung des Autors, das Verhältnis zwischen deutschem und italienischem Kulturkreis sowie der Einfluss des Reisestils auf die Wahrnehmung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Gregorovius durch eine offene, vorurteilsfreie und tief fundierte Herangehensweise ein authentisches Bild Italiens vermittelte, das sich deutlich von klischeehaften Reiseberichten seiner Zeit abhob.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und kulturwissenschaftliche Analyse, die Textauszüge aus den „Wanderjahren“ und Briefwechseln mit zeitgenössischen Quellen und Forschungsliteratur verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Herangehensweise des Autors, vergleicht ihn mit Goethe, beleuchtet seine politische Haltung im Kontext der europäischen Einigungsbewegungen und diskutiert die Auswirkungen des Reisens als "Langsames Reisen".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Interkulturalität, Historismus, Italienbild, Identität und die literarische Verarbeitung von Reiseerlebnissen definiert.
Warum wird die Rolle der Eisenbahn im Werk thematisiert?
Die Eisenbahn dient als Kontrastpunkt zur traditionellen, langsameren Reiseform, da Gregorovius davon ausging, dass das "echte" Italien-Erlebnis an die Mühen und die Intensität des langsamen Unterwegsseins gebunden ist.
Inwiefern beeinflusste das Scheitern der Revolution von 1848 das Werk?
Die Enttäuschung über die politischen Zustände in Preußen motivierte Gregorovius zur Flucht nach Italien, wobei das Land für ihn später zur Projektionsfläche für seine politischen Hoffnungen und Analysen zur nationalen Einigung wurde.
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- Jan Wirschal (Author), 2004, Ferdinand Gregorovius. Interkulturalität in der Italiendarstellung in Wanderjahre in Italien., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55050