Jeder Theologe, jeder Mensch, der einen Bibeltext erforscht und versucht, ihn mit seiner Umwelt zu verbinden, merkt manchmal nicht, dass er von einer bestimmten Position, von einer Reihe von Vorurteilen ausgeht. Jeder von uns hat eine Basis, eine Grundlage für sein Bibelverständnis. Jeder benutzt ein gewisses hermeneutisches Prinzip. Manchmal offenbart sich dieses Prinzip nicht eindeutig. Aber bei der Auslegung lenkt es immer unser Denken. Dies Prinzip legt auch die Form und die Art unserer Weitergabe der biblischen Botschaft fest.
In dieser Arbeit wird das Kreuz Jesu als das hermeneutische Prinzip, als die Grundlage fürs Verständnis, für die Auslegung und Weitergabe der biblischen Botschaft darzustellen versucht. Diese Darstellung beansprucht nicht eine fertige Hermeneutik zu liefern. Sie setzt sich zum Ziel einen kurzen Überblick über die
Bedeutung des Kreuzes für das Verständnis der biblischen Botschaft zu geben.
Das Christentum ist von Anfang an fest an das Symbol der römischen
Hinrichtung gebunden. Das Kreuz ist zu einer Art Visitenkarte des Glaubens an Christus geworden. Das Kreuz unterscheidet die christliche Religion von den anderen Religionen und positioniert sich auch innerhalb des Christentums unterschiedlich. Deswegen ist es nicht verkehrt, den christlichen Glauben angesichts dieses Kreuzes immer neu zu durchdenken und ihn immer neu darauf zu orientieren.
In der Arbeit wird zuerst ein Einblick in „die Geschichte“ des Verständnisses des Kreuzes binnen der christlichen Kirche gewährt. Dann wird die Aufmerksamkeit auf „den Vater“ der Kreuzestheologie, nämlich Martin Luther gelenkt, der als einer der ersten Theologen das Kreuz als allgemeines hermeneutisches Prinzip verstanden
hat. Der zentrale Teil der Arbeit ist den Neutestamentlern des 20 Jahrhunderts gewidmet. Das adventistische Kreuzverständnis krönt die theologische Darstellung.
Im abschließenden Teil der Arbeit werden einige Einwände gegen die Kreuzeshermeneutik diskutiert.
Die Arbeit endet mit dem Aufruf, die dargestellte Hermeneutik ernst zu nehmen und sich vom Geheimnis des Kreuzesgeschehens faszinieren zu lassen.
Inhaltsverzeichnis
1 Das Kreuz im Christentum
1.1 „Die Religion“ des Kreuzes
1.2 Kreuzesmystik und Volksglaube
1.3 Die biblische Begründung der Hermeneutik des Kreuzes
1.3.1 Die christozentrische Hermeneutik Jesu
1.3.2 Paulinische Theologie des Kreuzes
1.3.3 Fazit
2 Die Kreuzestheologie Luthers
2.1 Die Wirkung der Kreuzestheologie auf das Verständnis der Selbstoffenbarung Gottes
2.2 Das Wesen des Glaubens und die Beziehung zu Gott im Glauben durch das Prisma der Theologie des Kreuzes
2.3 Der Ausdruck der biblischen Versöhnungslehre durch die Kreuzestheologie
2.4 Die Kreuzestheologie als das tägliche Leben, Sterben und Auferstehen eines Gläubigen unter dem Kreuz
2.5 Die Bedeutung der Prinzipien
3 Die Hermeneutik des Kreuzes im 20. Jahrhundert
3.1 Die Bedeutung des Kreuzes für Rudolf Bultmann
3.2 Dietrich Bonhoeffer
3.3 Oscar Cullmann
3.4 Jürgen Moltmann
4 Kreuzestheologie in der adventistischen Hermeneutik
4.1 Stellung des Kreuzes in den ersten Glaubensbekenntnissen
4.2 Refokussierung der Adventbotschaft im 19. Jahrhundert
4.3 Bekenntnis zur christozentrischen Auslegung im 20. Jahrhundert
5 Die Einwände gegen die Hermeneutik des Kreuzes
5.1 Die Einschränkung Luthers: "Was Christum treibet"
5.2 Die gegenwärtige Erfahrung des Kreuzes zählt
6 Die Hermeneutik des Kreuzes – die Chance der christlichen Theologie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, das Kreuz Jesu Christi als zentrales hermeneutisches Prinzip für das Verständnis, die Auslegung und die Weitergabe der biblischen Botschaft darzustellen. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern die Theologie des Kreuzes als notwendige Grundlage dienen kann, um den christlichen Glauben in seiner Tiefe neu zu orientieren.
- Historische Entwicklung des Kreuzesverständnisses in der christlichen Kirche.
- Die Kreuzestheologie Martin Luthers als historischer Ausgangspunkt.
- Moderne hermeneutische Ansätze von Bultmann, Bonhoeffer, Cullmann und Moltmann.
- Die Implementierung einer christozentrischen Hermeneutik in der adventistischen Tradition.
- Kritische Auseinandersetzung mit Einwänden gegen die Kreuzeshermeneutik.
Auszug aus dem Buch
1.1 „Die Religion“ des Kreuzes
Das Christentum wird mit Recht als „die Religion des Kreuzes“ bezeichnet. Das Christentum hat seinen Ursprung im Kreuzesgeschehen. Zu jener Zeit war das Kreuz kein Zeichen des Sieges, kein Triumphzeichen an Kirchen, kein Ehrenzeichen, sondern ein Zeichen für Widerspruch und Ärgernis. Das Bekenntnis zu diesem Zeichen brachte oft genug Ausstoßung und Tod. Die Worte des Paulus in 1. Kor 1,23 sind deswegen buchstäblich zu verstehen. Der christliche Glaube an den Gekreuzigten musste auf Juden und Römer wohl als fortgesetzte Gotteslästerung wirken. Und gerade diese Lästerung hebt das Christentum aus allen anderen Religionen hervor. Das Kreuz ist „das eigentlich Unreligiöse des christlichen Glaubens.“ Das Kreuz unterscheidet den christlichen Glauben von den Religionen. Der Kreuzesglaube schützt den christlichen Glauben auch vor dem eigenen Aberglauben.
Nietzsche sah das Christentum allein beim Gekreuzigten stehen. Er kritisierte das Christentum und seine Kritik gipfelt in dem Satz: „im Grunde gab es nur einen Christen, und der starb am Kreuz. Das »Evangelium« starb am Kreuz. Was von diesem Augenblick an »Evangelium« heißt, war bereits der Gegensatz dessen, was er gelebt: eine »schlimme Botschaft«, ein Dysangelium.“ In dieser Aussage betont Nietzsche die tiefe „Torheit“ des Wortes vom Kreuz (1. Kor 1,18).
Dem Christentum und vor allem der Theologie wird vorgeworfen, dass dies Ärgernis des Kreuzes verharmlost wird. „Wir haben das Ärgernis des Kreuzes mit Rosen umkränzt. Wir haben eine Heilstheorie daraus gemacht. Aber das ist nicht das Kreuz.“ Doch gerade dieses Ärgernis macht das Christentum aus. Gerade im Leiden am Kreuz, im Leiden Gottes verbirgt sich das Geheimnis des Glaubens. Erst das Christentum hat uns „die göttliche Tiefe des Leidens“ erschlossen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Das Kreuz im Christentum: Das Kapitel erläutert den Ursprung des Christentums im Kreuzesgeschehen und definiert das Kreuz als zentrales, jedoch oft verharmlostes Ärgernis, das die Essenz des Glaubens ausmacht.
2 Die Kreuzestheologie Luthers: Es wird analysiert, wie Luther die Kreuzestheologie als Gegenentwurf zur damaligen Theologie der Herrlichkeit entwickelte und sie zum fundamentalen Prinzip seiner Theologie erhob.
3 Die Hermeneutik des Kreuzes im 20. Jahrhundert: Dieses Kapitel betrachtet die Ansätze von Bultmann, Bonhoeffer, Cullmann und Moltmann, die das Kreuz als eschatologisches und heilsgeschichtliches Zentrum neu interpretierten.
4 Kreuzestheologie in der adventistischen Hermeneutik: Der Autor beschreibt die Entwicklung der adventistischen Theologie von einer anfänglichen Vernachlässigung des Kreuzes hin zu einer bewussten christozentrischen Schriftauslegung.
5 Die Einwände gegen die Hermeneutik des Kreuzes: Hier werden kritische Anfragen, insbesondere zu Luthers „Kanon im Kanon“ und Bultmanns Überbetonung der Existenzialität, diskutiert und reflektiert.
6 Die Hermeneutik des Kreuzes – die Chance der christlichen Theologie: Das abschließende Kapitel plädiert dafür, das Kreuz als universelles, befreiendes Prinzip zu begreifen, das die Theologie vor Subjektivität schützt und sie auf die Schwachheit Gottes ausrichtet.
Schlüsselwörter
Kreuzestheologie, Hermeneutik, Martin Luther, Adventismus, Christozentrik, Gekreuzigter Gott, Heilsgeschichte, Rudolf Bultmann, Dietrich Bonhoeffer, Jürgen Moltmann, Schriftauslegung, Erlösung, Leiden Gottes, Evangelium.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Kreuz Jesu Christi als hermeneutisches Prinzip, das als Schlüssel für das Verständnis und die Auslegung der gesamten biblischen Heiligen Schrift dienen soll.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit behandelt die geschichtliche Entwicklung des Kreuzesverständnisses, Luthers Theologie, moderne neutestamentliche Ansätze sowie die Entwicklung einer christozentrischen Hermeneutik innerhalb der adventistischen Kirche.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Kreuzesgeschehen als Grundlage für eine Theologie dienen kann, die sich radikal auf den Ursprung des christlichen Glaubens ausrichtet, statt bei einer reinen Theorie zu verharren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine systematisch-theologische Analyse, die historische Quellen, reformatorische Dogmatik und neutestamentliche Exegese im 20. Jahrhundert vergleichend betrachtet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Luthers Kreuzestheologie, die Darstellung bedeutender Theologen des 20. Jahrhunderts und die Anwendung dieser hermeneutischen Prinzipien auf den adventistischen Kontext.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Kreuzestheologie, Hermeneutik, Christozentrik, Heilsgeschichte und das Verständnis der biblischen Offenbarung durch den Gekreuzigten.
Wie bewertet der Autor die adventistische Tradition in Bezug auf das Kreuz?
Der Autor kritisiert frühere Vernachlässigungen des Kreuzes in der adventistischen Geschichte, begrüßt jedoch die neuere Entwicklung hin zu einer explizit christozentrischen Theologie als notwendige Korrektur.
Was ist der Kern der Kritik an Luthers Ansatz?
Die Kritik bezieht sich auf Luthers subjektive Auswahl innerhalb der Bibel, das sogenannte „Was Christum treibet“, welches zu einer unzulässigen Verkürzung der Gesamtaussage der Schrift führen kann.
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- Dimitry Husarov (Author), 2006, Überlegungen zur Hermeneutik des Kreuzes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55066