Die zweite Transformationskrise in Rumänien - Gesamtwirtschaftliche, regionale und sektorale Auswirkungen


Diplomarbeit, 2005

99 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zielsetzung und zentrale Fragestellungen der Arbeit
1.2 Methodischer Aufbau der Arbeit

2 Systemtransformation
2.1 Theoretische Aspekte der Systemtransformation
2.2 Theoretische Gründe einer Transformationskrise
2.3 Elemente der Systemtransformation
2.4 Transformationsstrategien
2.5 Privatisierung in Transformationsökonomien

3 Die wirtschaftliche Entwicklung Rumäniens
3.1 Die Ausgangslage der Transformationsstaaten in Mittelosteuropa
3.2 Die Ausgangssituation Rumäniens 1989
3.3 Die verschiedenen Phasen der Transformation
3.3.1 Die erste Transformationskrise (1989-1992)
3.3.2 Der erste wirtschaftliche Aufschwung (1993-1996)
3.3.3 Die zweite Transformationskrise (1997-1999)
3.3.4 Der zweite wirtschaftliche Aufschwung (2000-2005)

4 Bedeutende Faktoren des Transformationsprozesses
4.1 Die Entwicklung der Privatisierung
4.2 Die Entwicklung der Ausländischen Direktinvestitionen in Rumänien und ihre Bedeutung für den Transformationsprozess

5 Auswirkungen der zweiten Transformationskrise auf die Sektoralstruktur Rumäniens
5.1 Die Gesamtsektorale Entwicklung
5.2 Die Entwicklung der Landwirtschaft
5.3 Die Entwicklung der Industrie
5.4 Die Entwicklung des Dienstleistungssektors

6 Auswirkungen der zweiten Transformationskrise auf die Regionalstruktur Rumäniens
6.1 Auswirkungen der Transformation auf die Regionalstruktur
6.2 Die Veränderung der Regionalstruktur Rumäniens während der zweiten Transformationskrise

7 Die Systemtransformation Rumäniens im Vergleich zu anderen mittel- und osteuropäischen Staaten

8 Fazit
8.1 Zusammenfassende Beurteilung des rumänischen Transformationsprozesses
8.2 Perspektiven für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung des Landes

9 Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Makroökonomische Daten Rumäniens für die Jahre 1990 bis 1992

Tabelle 2 Makroökonomische Daten Rumäniens für die Jahre 1993 bis 1996

Tabelle 3 Makroökonomische Daten Rumäniens für die Jahre 1997 bis 1999

Tabelle 4 Makroökonomische Daten Rumäniens für die Jahre 2000 bis 2004

Tabelle 5 Anteil der Privatwirtschaft in den verschiedenen Sekto- ren in %

Tabelle 6 Bestand an Ausländischen Direktinvestitionen in Rumänien per 30. April 2003

Tabelle 7 Betriebsgrößenstruktur landwirtschaftlicher Betriebe in Rumänien 2002

Tabelle 8 Die Entwicklung der Industrieproduktion und der Arbeits- produktivität im Industriesektor 1996 bis 2000

Tabelle 9 Die Entwicklung der Industrieproduktion und der Arbeits- produktivität im Industriesektor 2000 bis 2003

Tabelle 10 Der Anteil der acht Entwicklungsregionen am BSP Rumäniens (in % für die Jahre 1997 bis 2001)

Tabelle 11 Transformationsfortschritt ausgewählter Staaten 1996 nach Klassifizierungssystem

Tabelle 12 Strukturindikatoren von Rumänien und den Vergleichs- staaten für das Jahr 2000

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Der Verlauf der J-Kurve

Abbildung 2 Sozialproduktentwicklung im Gradualismus und der Schocktherapie im Vergleich

Abbildung 3 BSP-Entwicklung in Rumänien 1988 bis 2004

Abbildung 4 Entwicklung der ADI in Rumänien 1990 bis 2004

Abbildung 5 Entwicklung der Sektoralstruktur für 1996 und 2000 in % vom BSP

Abbildung 6 Beschäftigung in Rumänien nach Sektoren für 1996 und 2000 in %

Abbildung 7 Entwicklung des BSP/Kopf in den 8 Entwicklungs- Regionen Rumäniens in % vom jeweiligen BSP/Kopf für Rumänien Gesamt von 1997-2001

Abbildung 8 Wanderungssalden in den rumänischen Bezirken 2000-2002

Abbildung 9 Verteilung der ADI in Rumänien 1991 bis 2000

Abbildung 10 Arbeitslosenquoten auf Bezirksebene am 31.12.2000

Abbildung 11 Entwicklung der ADI in ausgewählten Staaten

Abbildung 12 Entwicklung des BSP in ausgewählten Staaten

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Zielsetzung und zentrale Fragestellungen der Arbeit

Ende der 80er Jahre kam es zum Zusammenbruch des sozialistischen Systems in den mittel- und osteuropäischen Staaten des ehemaligen „Ostblocks“. Die einschneidenden Veränderungen betrafen sowohl das politische System als auch soziale und ökonomische Bereiche. Eine der wohl wichtigsten Umstellungen betraf die Transformation von einem zentral- verwaltungswirtschaftlichen in ein marktwirtschaftliches System. Dabei ist zu beachten, dass der Transformationsprozess in den einzelnen Ländern sich hinsichtlich gewählter Transformationsstrategie und Transformations- geschwindigkeit deutlich unterscheidet. Allgemein gilt, dass die betroffenen Volkswirtschaften in eine Transformationskrise mit sinkender Produktion und Beschäftigung geraten, um anschließend unter marktwirtschaftlichen Strukturen auf einen stabilen Wachstumspfad umzuschwenken (J-Kurven-Effekt) (vgl. Schätzl 2000, S. 132).

Der Transformationsprozess in Rumänien unterscheidet sich deutlich von den Transformationsprozessen anderer mittel- und osteuropäischer Staaten. Dem Zerfall der Zentralverwaltungswirtschaft folgte zunächst eine Transformations- krise mit einer sich anschließenden wirtschaftlichen Erholung wie in allen anderen Reformstaaten Mittelosteuropas (MOE)1 auch. Rumäniens Wirtschaft stürzte dann aber in eine weitere schwere Transformationskrise (1997 bis 1999) mit deutlichen Rückgängen des Bruttosozialproduktes begleitet von hohen Inflationsraten und hoher Arbeitslosigkeit. Erst im Jahr 2000 kehrte Rumänien auf einen Wachstumspfad zurück. In den folgenden Jahren konnten Wachstumsraten von ca. 5% BSP-Wachstum erreicht werden. Im Jahr 2004 betrug das Wirtschaftswachstum sogar 8,3%, die Inflationsrate lag erstmals seit dem Ende der Planwirtschaft mit 9,3% im einstelligen Bereich. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Gründe für Rumäniens Sturz in eine zweite Transformationskrise nach Jahren wirtschaftlichen Wachstums zu untersuchen und die Auswirkungen dieser Krise zu analysieren. Dabei werden sowohl die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen betrachtet als auch sektorale und regionale Entwicklungen. Folgende zentrale Fragestellungen sollen in dieser Arbeit beantwortet werden:

- Wieso geriet die rumänische Volkswirtschaft in eine zweite Transformationskrise und welches waren die Auslöser hierfür?
- Welche Auswirkungen hatte die zweite Transformationskrise für Rumänien gesamtwirtschaftlich gesehen?
- Welche Auswirkungen hatte die zweite Transformationskrise auf die verschiedenen Wirtschaftssektoren und die Sektoralstruktur?
- Welche Auswirkungen ergaben sich durch die zweite Transformationskrise für die Regionalstruktur? Welche Regionen sind Gewinner, welche Verlierer?
- Wie sind die Perspektiven für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung Rumäniens?

1.2 Methodischer Aufbau der Arbeit

Die Arbeit ist folgendermaßen aufgebaut: Dem einleitenden 1. Kapitel folgt im Kapitel 2 eine theoretische Einführung in die Systemtransformation. Dabei wird neben den Ursachen für Transformationsprozesse auch auf die verschiedenen Bestandteile und Aspekte der Systemtransformation sowie auf die verschieden Transformationsstrategien eingegangen. Dieses betrifft neben den Aspekten des „Timing“ und „Sequencing“ der Reformen auch die verschiedenen Möglichkeiten der Privatisierung.

Im 3. Kapitel wird zunächst die Ausgangssituation der Reformstaaten Mittel- und Osteuropas im Allgemeinen und Rumäniens im Speziellen zu Beginn des Transformationsprozesses im Jahr 1989 erläutert. Dadurch soll verdeutlicht werden, welchen Ausgangsschwierigkeiten Rumänien ausgesetzt war. Anschließend erfolgt eine Analyse der verschiedenen Phasen der rumänischen Transformation. Schwerpunkt bilden dabei der Zeitraum der zweiten Transformationskrise (1997-1999) sowie die Phase des folgenden wirtschaft- lichen Aufschwunges (2000-2005).

Das Kapitel 4 diskutiert die bedeutendsten Faktoren für den Verlauf der rumänischen Systemtransformation. Dabei geht es neben der Entwicklung und dem Ablauf der Privatisierungspolitik in Rumänien um die Akquirierung von ADI und die Bedeutung dieser für den Transformationsprozess.

In Kapitel 5 werden die Auswirkungen des Transformationsprozesses, speziell der zweiten Transformationskrise, auf die Sektoralstruktur Rumäniens untersucht. Welche Sektoren profitierten vom wirtschaftlichen und politischen Wandel, welche büßten Anteile am Bruttosozialprodukt ein? Außerdem werden die daraus resultierenden Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt betrachtet. Darauf aufbauend wird im 6. Kapitel analysiert, ob und in welchem Umfang der Transformationsprozess zu Auswirkungen auf die Regionalstruktur in Rumänien geführt hat. Haben sich bestehende regionale Disparitäten verringert oder kam es zu einer Verstärkung ökonomischer Divergenzen? Den Schwerpunkt der Untersuchung bildet auch in diesem Kapitel der Zeitraum der zweiten Transformationskrise (1997-1999).

In Kapitel 7 erfolgt ein Vergleich der Systemtransformation Rumäniens mit den Transformationsprozessen seiner Nachbarstaaten Bulgarien und Ungarn sowie Polen. Der Vergleich basiert dabei hauptsächlich auf den verschiedenen Transformationsstrategien sowie den Entwicklungen ausgewählter ökono- mischer Indikatoren wie BSP, ADI und der Beschäftigungs- und Sektoralstruktur.

Abschließend findet in Kapitel 8 anhand der dargestellten Entwicklungen eine zusammenfassende Beurteilung des rumänischen Transformationsprozesses statt. Die Ergebnisse der Arbeit werden durch das Aufgreifen der anfänglichen Fragestellungen zusammengefasst. Darüber hinaus wird ein Ausblick in die Zukunft Rumäniens gegeben, in dem wirtschaftliche Potenziale und Entwicklungsperspektiven aufgezeigt werden.

Die vorliegende Arbeit basiert auf sekundärstatistischen Daten. In den Transformationsstaaten Mittel- und Osteuropas mussten die Berichterstattungs- systeme weitgehend neu aufgebaut werden. Trotz großer Fortschritte bei der Erhebung und Verarbeitung statistischer Daten, sind die Statistiken häufig lückenhaft und teilweise inkonsistent. Teilweise kommt es zu Diskrepanzen zwischen verschiedenen Zahlenangaben, da gleiche Tatbestände von unterschiedlichen Institutionen nach verschiedenen Konzepten erfasst wurden. Darüber hinaus ist zu beachten, dass die Schattenwirtschaft, die in den Transformationsstaaten nach dem Zusammenbruch der Zentralverwaltungs- wirtschaften deutlich an Bedeutung gewann, sich den amtlichen Statistiken entzieht. Bedeutender als die reinen Zahlenangaben sind daher die Entwick- lungstrends der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung .

2 Systemtransformation

2.1 Theoretische Aspekte der Systemtransformation

Als Systemtransformation wird die Ablösung eines durch bestimmte Ordnungskriterien gekennzeichneten Systems durch ein anderes bezeichnet. Diese Aussage ist nicht auf die wirtschaftliche Ebene beschränkt, sondern beinhaltet ebenfalls eine Umwandlung der gesellschaftlichen und politischen Ordnungen (vgl. Karches/Menke 1998, S. 1). Im Fall der MOE-Staaten bedeutete der umfassende Transformationsprozess von Staat und Wirtschaft den Übergang von einer zentral gesteuerten Planwirtschaft (sozialistische Zentralverwaltungswirtschaft) zu einer modernen dezentralen, wettbewerblich organisierten kapitalistischen Marktwirtschaft. Der prinzipielle Unterschied zwischen den osteuropäischen und allen anderen Systemwechseln liegt in der Problematik, dass mindestens zwei, wenn nicht gar drei Transformations- prozesse im postkommunistischen Osteuropa gleichzeitig ablaufen (vgl. Merkel 1999, S. 377): Die politische Transformation (Übergang von der Diktatur zur Demokratie), die wirtschaftliche Transformation (der Wechsel von der Kommando- zur Marktwirtschaft) und in manchen Fällen die staatliche Transformation (Zerfall der Sowjetunion und Gründung neuer Staaten).

Dieser langwierige Prozess kann allerdings von Staat zu Staat unter recht differenzierten Rahmenbedingungen ablaufen: Unterschiede können sich in den Ausgangsbedingungen, der gewählten Strategie (gradueller Übergang versus „Schocktherapie“), dem tatsächlichen Ablauf und der Intensität der Systemtransformation bemerkbar machen. Da die Systemtransformation auf kein historisches Vorbild verweisen kann, muss sie aufgrund mangelnder Kenntnisse zudem ohne anwendbares historisches Lösungsmuster auskommen. Aufgrund dieser Einflüsse hat die Vielschichtigkeit der Systemtransformation es bisher unmöglich gemacht, eine allgemein gültige Theorie über diesen in relativ zahlreichen Ländern stattfindenden Prozess zu verfassen (vgl. Klein 1995, S. 13). Man meint damit eine Theorie, die die Veränderungen des Gesellschaftssystems und seiner Subsysteme beschreibt, die Ursachen für den Wandel erklärt und somit auch künftige Veränderungen zu prognostizieren erlaubt (vgl. Lösch 1993, S. 11).

Ungeachtet aller Besonderheiten der einzelnen Nationalstaaten gibt es drei grundlegende Aufgabenbereiche, die im Zuge der Systemtransformation bewältigt werden müssen (vgl. Schätzl 2000, S. 131):

- Die Herstellung eines breiten politischen und gesellschaftlichen Konsens über die Grundzüge, die Lastenverteilung und den zeitlichen Ablauf der Reformen. Dabei ist zwischen Konzepten des schlagartigen Übergangs („Schocktherapie“) und gradualistischen Transformationsansätzen zu unterscheiden.
- Die Schaffung geeigneter institutioneller Rahmenbedingungen: Ordnung der Güter und Faktormärkte, funktionierende Rechts-, Geldund Eigentumsordnungen, Aufbau einer leistungsfähigen staatlichen Verwaltung sowie nichtstaatlicher Institutionen.
- Die reale Anpassung der Volkswirtschaft. Umstellung von zentraler auf dezentrale Planung bei Produktion, Investition und Beschäftigung. Aufgrund des Fehlens einer allgemein anerkannten Theorie der Systemtransformation erscheint es sinnvoll, zwischen vier praktizierten Transformationsmodellen zu unterscheiden, die regional abgrenzbar sind:
- Das asiatische Modell einer „sozialistischen Marktwirtschaft“. Es werden zunehmend marktwirtschaftliche Elemente in das Wirtschaftssystem eingeführt, im politischen Bereich wird allerdings die kommunistische Diktatur erhalten.
- Das postsowjetische Modell. Es lässt sich kein klares Konzept erkennen. Die Nachfolgestaaten der Sowjetunion zeichnen sich noch immer durch ein hohes Maß an planwirtschaftlichen Strukturen aus. Zudem herrschen in der Verwaltung willkürliche Steuersysteme sowie Korruption. Die Transformation wird durch das Festhalten an den bekannten planwirtschaftlichen Strukturen und der alten Ideologie stark behindert.
- Das Reformmodell Osteuropa. Die betroffenen Länder Mittel- und Osteuropas haben vor allem mit endogenen Ressourcen marktwirtschaftliche Strukturen aufgebaut. Im politischen Bereich wurden die Staaten grundlegend demokratisiert.
- Der Sonderfall Ostdeutschland. Die neuen Bundesländer sind der Bundesrepublik Deutschland beigetreten. Mit dem Tag des Beitritts wurde das politische, ökonomische und soziale System der Bundesrepublik auf die neuen Bundesländer ausgedehnt. Unterstützt wurde der Transformationsprozess durch Transferzahlungen aus den alten Bundesländern (Schätzl 2000, S. 133).

Der Grund für das Einleiten der Systemtransformation war in allen vier Reformmodellen im Grunde sehr ähnlich: Das planwirtschaftliche System war Ende der 80er Jahre nicht mehr wettbewerbsfähig und grundlegend gescheitert. In der zentral geplanten Wirtschaft fehlte es an Anreizen zur Leistungs- motivation, es ergaben sich Produktionsengpässe und Versorgungsschwierig- keiten. Die Planwirtschaften konnten sich, um den ökonomisch desolaten Zustand abzuwenden, dem internationalen Wettbewerb nicht länger entziehen. In der ersten Phase der Systemtransformation waren alle MOE-Reformstaaten durch einen Rückgang der industriellen Produktion, des Bruttosozialproduktes und der Beschäftigung verbunden mit Preisniveausteigerungen gekennzeich- net. Diese Entwicklung war als zwangsläufige Begleiterscheinung des Übergangs von einer Plan- zu einer Marktwirtschaft erwartet worden. Demnach sollte sich das BSP in den Transformationsökonomien einer J-Kurve ent- sprechend entwickeln (vgl. Abb. 1), bei der einem vorübergehenden Produktionseinbruch eine wirtschaftliche Erholung mit beständigem Wachstum folgen soll (vgl. Bleuel 1996, S. 41).

In der Tat kam es in allen Fällen zu einer Anpassungskrise. Allerdings fiel diese um einiges stärker als ursprünglich angenommen aus, wobei sich die Entwicklung in den verschiedenen Ländern trotz unterschiedlich ausgeprägter Ausgangsbedingungen und Wirtschaftspolitiken zunächst in gewisser Weise ähnelte. Der Gesamtrückgang des BSP verlief in den Jahren von 1989 bis 1992 relativ einheitlich und belief sich in fast allen Volkswirtschaften Mittel- und Osteuropas auf ca. 20%. Allerdings wies die zeitliche Verteilung dieser Einbrüche von Beginn an unterschiedliche Muster auf.

Abbildung 1: Der Verlauf der J-Kurve

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Siebert 1992, S. 138

2.2 Theoretische Gründe einer Transformationskrise

Es wird angenommen, dass Volkswirtschaften zunächst im Verlauf der Systemtransformation aufgrund der während der Planwirtschaft entstandenen Vorbedingungen einen erheblichen wirtschaftlichen Einbruch erleiden, die so bezeichnete Transformationskrise. Werden marktwirtschaftliche Reformen vorangetrieben und Strukturen geschaffen, so kehren die Volkswirtschaften zu positivem Wachstum zurück. Dieser Prozess wird als J-Kurven-Effekt bezeichnet (vgl. Schätzl 2000, S. 132).

Der Verlauf der J-Kurve und damit der Transformationskrise hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab:

- Das Ausmaß der ursprünglichen Verzerrung bestimmt den Umfang des Anpassungsprozesses und damit auch des Produktions- und Beschäftigungseinbruches. Je stärker die ursprüngliche Verzerrung des Marktes war, desto gravierender ist der Produktionseinbruch.
- Durch die Gründung neuer Unternehmen kann der Produktions- und Beschäftigungseinbruch reduziert und das anschließende wirtschaftliche Wachstum verstärkt werden.
- Die Intensität des Schocks hängt von der wirtschaftlichen und politischen Strategie ab. Partielle Änderungen mildern den ökonomischen Einbruch ab, totale Veränderungen verstärken ihn.
- Ausmaß und Länge der Transformationskrise hängen von der Geschwindigkeit der wirtschaftlichen Reformen ab. Eine zügige Privatisierung der staatlichen Industrieunternehmen ermöglicht eine schnellere reale Anpassung.
- Die wirtschaftliche Anpassung wird durch Faktoren wie die Höhe der Kapitaltransfer, die Stabilität der Währung und des Wechselkurses und durch die Lohnentwicklung entscheidend beeinflusst.
- Die Stärke des wirtschaftlichen Einbruches hängt von dem Zustand anderer Länder ab, mit denen bedeutende Austauschbeziehungen bestehen. So wurde die Transformationskrise in Mittel- und Osteuropa durch den gleichzeitigen Zusammenbruch aller Volkswirtschaften im RGW-Raum überlagert (Siebert 1992, S. 139 f.).

2.3 Elemente der Systemtransformation

Um eine markwirtschaftliche Ordnung zu schaffen sind verschiedene zentrale Elemente notwendig. Über die Art der Elemente herrscht unter den Experten Einigkeit (vgl. Funke 1993, S.337; Apolte/Cassel 1991, S.46 f.), ganz im Gegenteil dazu, wie diese Elemente zu verwirklichen sind (vgl. Bohnet/Ohly 1992, S. 33).

Folgende Reformbereiche müssen bei der ökonomischen Transformation von der zentralen Plan- zur sozialen Marktwirtschaft berücksichtigt werden:

- Makroökonomische Stabilisierung
- Preis- und Marktreform
- Außenwirtschaft
- Privatisierung und Umstrukturierung
- Finanzmarkt
- Institutioneller Rahmen (vgl. Schüsselbauer 1998, S. 30 f.)

Voraussetzung für das Funktionieren einer marktwirtschaftlichen Ordnung ist die Umsetzung und systemkonforme Ausgestaltung der Reformen in allen aufgeführten Bereichen (vgl. Eucken 1990, S. 254 ff.). Die einzelnen Elemente sind miteinander verbunden, Zwischenschritte bei den Reformen führen zu wirtschaftlicher Instabilität. Je besser die einzelnen Reformen geplant und umgesetzt werden, desto effizienter wird die daraus resultierende Marktwirtschaft (vgl. Lösch 1990, S. 23). Die notwendigen Reformen lassen sich in drei aufeinander folgende Hauptphasen aufteilen:

1. Vorbereitung der Ingangsetzung des marktwirtschaftlichen Regelmechanismus durch die Schaffung der gesetzlichen Rahmenbedingungen und der organisatorischen und institutionellen Grundlagen für die Markwirtschaft.
2. Start des markwirtschaftlichen Allokationsmechanismus durch die Preisfreigabe und die Beseitigung von administrativen Wettbewerbsbeschränkungen sowie durch die außenwirtschaftliche Öffnung.
3. Stabilisierung des Geldwertes und der Produktion sowie Anpassung des Produktionsapparates der Volkswirtschaft an die veränderte Nachfragestruktur bei gleichzeitiger sozialer Absicherung der negativ vom Strukturwandel betroffenen Bevölkerung (vgl. Lösch 1996, S. 23).

2.4 Transformationsstrategien

Zur Umsetzung der in Kapitel 2.3 aufgeführten Reformelemente gibt es ganz unterschiedliche Strategien. Die Diskussion der Experten fokussiert sich dabei insbesondere auf das „Timing“, den zeitlichen Horizont der Reformen, das „Pacing“, die Bestimmung des Zeitbedarfs für Einzelmaßnahmen und das „Sequencing“, die Reihenfolge der wirtschaftspolitischen Einzelreformen (vgl. Lösch 1993, S. 33). Die daraus resultierende Transformationsstrategie muss neben den ökonomischen Aspekten allerdings auch die politische Durchsetzbarkeit der Reformen beachten. Hinsichtlich der „timing“-Problematik konzentriert sich die Diskussion auf überwiegend zwei gegensätzliche Konzepte, einerseits auf den „Gradualismus“ und andererseits auf die „Schocktherapie“ (vgl. Schneider 1992, S. 8).

Unter dem Transformationskonzept der „Schocktherapie“, auch als „big-bang“- Transformation bezeichnet, versteht man, dass der Transformationsprozess sofort begonnen wird, und dass alle wichtigen Reformen möglichst gleichzeitig zu Transformationsbeginn durchgeführt werden (vgl. Pappenberger 1995, S. 186). Dabei ist zu beachten, dass die einzelnen Reformelemente schnellstmöglich umgesetzt werden, um den gesamten Transformationsprozess im kürzest möglichen Zeitraum durchzuführen. Die Grundidee hinter einem derart umfassenden und schnellen Vorgehen bei der Systemtransformation ist, dass der marktwirtschaftliche Regelmechanismus nicht oder nur unvollständig funktioniert, wenn die Ordnungselemente der Marktwirtschaft nicht gemeinsam und gleichzeitig durch die Reformen geschaffen werden (vgl. Bleuel 1996, S. 114). Als Ergebnis solch umfassender Reformen stellt sich bei den Wirtschaftssubjekten, die sich auf die neuen Rahmenbedingungen einstellen müssen, ein Schock ein. Dabei ist entscheidend wie die einzelnen Wirtschaftssubjekte auf diesen Transformationsschock reagieren: Stellen sich die beteiligten Personen und Unternehmen auf die radikal veränderten Rahmenbedingungen ein, kann man von einem erfolgreichen Transformationsprozess ausgehen, werden hingegen die Anpassungs- möglichkeiten der Beteiligten überfordert, führt dieses zu ökonomischen, sozialen und politischen Problemen. Das Transformationskonzept der „Schocktherapie“ basiert auf Vorstellungen der neoklassischen Wirtschaftstheorie, die auf den marktwirtschaftlichen Allokationsmechanismus vertraut und die staatlichen Eingriffe grundsätzlich auf Ordnungspolitik, Infrastrukturpolitik und Wettbewerbspolitik begrenzt sehen möchte.

Im Gegensatz zur „Schocktherapie“ steht das Transformationskonzept des „Gradualismus“. Bei der gradualistische Strategie wird der Transformationsprozess erst nach einer ausreichenden Vorbereitung begonnen. Die einzelnen Reformelemente sollen nicht alle gleichzeitig zu Beginn des Transformationsprozesses umgesetzt werden, sondern erst nach und nach installiert werden. Dabei erfolgt die Umgestaltung der einzelnen Reformbereiche eher behutsam (vgl. Franzen/Haarland/Niessen 2005, S. 17). Durch diese Vorgehensweise sollen die anfallenden Anpassungskosten über einen längeren Zeitraum verteilt werden und die Anpassungskapazitäten nicht überfordert werden. Verfechter des „Gradualismus“ (z.B. Roland 1993; Kloten 1991) meinen, dass es für die Bevölkerung nach den Jahrzehnten des Sozialismus einfacher sei, eine dosierte Marktwirtschaft der kleinen Schritte einzuführen, um allmählich zu lernen, mit den Chancen und Risiken der Marktwirtschaft umzugehen. Darüber hinaus betonen sie den Zeitbedarf zur Planung der Reformschritte, zur Entwicklung wettbewerbsbegleitender Verhaltensweisen sowie zum Aufbau der Institutionen (vgl. Bleuel 1996, S. 115). Die Anhänger des Gradualismus sind davon überzeugt, dass alte und neue Regulationsmechanismen nebeneinander existieren müssen und versuchen, eine allzu tief greifende sozialökonomische Krise dadurch zu vermeiden, dass der Übergang zwischen den Systemen langsam und stetig gestaltet wird (vgl. Franzen/Haarland/Niessen 2005, S. 17). Ziel der gradualistischen Systemtransformation ist ebenfalls, wie bei der „Schock- therapie“, ein Abbau der bestehenden wirtschaftlichen Verzerrungen, welcher aber zeitgleich mit dem Aufbau neuer Produktionsstrukturen verlaufen soll. Diese Vorgehensweise impliziert einen längeren Transformationsprozess mit den damit verbundenen Inkonsistenzen, die sich aus dem Nebeneinander der Ordnungselemente der verschiedenen Wirtschaftssysteme ergeben. Die gradualistische Vorgehensweise beinhaltet eine wesentlich bedeutendere und aktivere Rolle des Staates während des gesamten Transformationsprozesses als bei der „Schocktherapie“.

Im Vergleich zur „Schocktherapie“ wird bei dem gradualistischen Transformationsmodell von einer weniger starken Anpassungskrise ausgegangen. Demgegenüber ist auch der folgende wirtschaftliche Aufschwung weniger stark ausgeprägt. Besonders negativ wirken sich hierbei die fortexistierenden Verzerrungen und die Inkonsistenzen des bestehenden Mischsystems auf die Sozialproduktentwicklung aus. Auch der politische Bereich wird von den beiden Strategien unterschiedlich gewertet. Die „Gradualisten“ versuchen gerade in der Frühphase der Transformation zu starke wirtschaftliche Einbußen zu vermeiden um den Rückhalt in der Bevölkerung nicht zu verlieren, spätere politische Widerstände werden als weniger bedeutend angesehen (vgl. Roland 1994, S. 32 ff.). Befürworter der „Schocktherapie“ (z.B. Lösch 1996; Jens 1993; Dornbusch 1991; Leipold 1991) versuchen die anfängliche politische Unterstützung gleich zu umfassenden Reformen zu nutzen, um eine neue marktwirtschaftliche Ordnung zu errichten, bevor es zu einem politischen Stimmungswandel kommt (vgl. Rosati 1991, S. 214 ff.).

Wenn man die politische Komponente aus der Entscheidungsfindung zur Transformationsstrategie herauslöst und nur die ökonomischen Auswirkungen analysiert, so ist nach dem Modell in Abbildung 2 zur BSP-Entwicklung in Transformationsökonomien die Größe der Flächen zwischen den beiden Kurven (Fläche A und Fläche B) zu vergleichen. Dabei ist zu beachten, dass die konkrete wirtschaftliche Entwicklung unsicher ist und damit die Kurvenverläufe natürlich nicht vorhersehbar sind. Intensität und Dauer der Transformationskrise sind genauso wenig planbar wie die Wachstumsgeschwindigkeit der Wirtschaft nach der Transformationskrise.

Abbildung 2: Sozialproduktentwicklung im Gradualismus und der

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Bleuel 1996, S. 116

Neben den beiden in der Literatur diskutierten Transformationsmodellen der „Schocktherapie“ und des „Gradualismus“ bieten sich grundsätzlich weitere Möglichkeiten an. So ist beispielsweise eine mehr oder weniger starke Vermischung aus beiden vorgestellten Konzepten denkbar. Eine Strategie, die sowohl gradualistische als auch Schock-Elemente beinhaltet. Eine weitere wichtige Frage, die vor Beginn des Transformationsprozesses entschieden werden muss, ist die des „Sequencing“. Das „Sequencing“ bestimmt die Reihenfolge der einzelnen Reformschritte (vgl. Pappenberger 1995, S. 40). Die Experten sind sich dabei uneinig, ob es das „Sequencing“ ermöglicht, aus den gemachten Erfahrungen und den theoretischen Überlegungen heraus eine allgemeingültige Sequenzempfehlung abzuleiten, oder ob sich die Frage nur auf einen konkreten Einzelfall bezogen beantworten lässt (vgl. Svindland 1992, S. 65). Einig ist man sich darüber, dass zwischen dem „Sequencing“ und dem „Timing“ einer Systemtransformation eine enge Verknüpfung besteht (vgl. Bohnet/Ohly 1992, S. 37; Delhaes/Fehl 1991, S. 438). Gleiches gilt für die Kriterien „Sequencing“ und „Pacing“: Während durch das „Sequencing“ lediglich die Reihenfolge der einzelnen Reformen festgelegt wird, bestimmt das „Pacing“ der einzelnen Reformelemente, ob diese zu einem bestimmten Stichtag oder über einen längeren Zeitraum eingeführt werden (Gradualismus versus „Schocktherapie“). Dadurch bestimmt das „Pacing“ ebenfalls, ob bestimmte Einzelreformen sich überschneiden oder ob eine Reform erst begonnen wird, wenn ein vorhergehender Reformschritt beendet worden ist (vgl. Pappenberger 1995, S. 41).

2.5 Privatisierung in Transformationsökonomien

Als Privatisierung im eigentlichen Sinne wird die teilweise oder gänzliche Übertragung eines staatlichen Betriebes oder einer sonstigen staatlichen Unternehmensform von Staats- in Privateigentum bezeichnet (vgl. Bös 1991, S. 2). Damit ist die Übertragung der Eigentumsrechte und der damit verbundenen Handlungs- und Verfügungsrechte von staatlichen Autoritäten an private Marktteilnehmer, sowohl natürliche als auch juristischen Personen, gemeint. Dieser Vorgang wird auch als materielle Privatisierung bezeichnet, die im Gegensatz zur formalen Privatisierung steht. Die bloße Umwandlung von volkseigenen Betrieben in Aktiengesellschaften, deren Anteile weiterhin beim Staat verbleiben, wird als formale Privatisierung bezeichnet (vgl. Quidde 1996, S. 80). Oberstes Ziel jedes Privatisierungsprozesses ist die Steigerung des gesamtwirtschaftlichen Wohlstandes durch eine effizientere Verteilung von Verfügungsrechten und einer knappheitsgerechteren Nutzung von Ressourcen (vgl. Hüttermann 1995, S. 25). Dabei sind positive Auswirkungen auf den Transformationsprozess lediglich durch die materielle Privatisierung, also den vollständigen Rückzug des Staates aus seiner Rolle als Eigentümer, zu erwarten. Zur Privatisierung der Staatsbetriebe in den MOE-Reformstaaten wurden meist unterschiedlichen Methoden angewendet:

- Die offene Versteigerung
- Die organisierte Suche nach potenziellen Investoren und der Verkauf auf dem Weg der Verhandlung
- Der bevorzugte Verkauf an die jeweiligen Manager (Management-Buy- Out) und/oder Mitarbeiter des Betriebes
- Die so genannte Coupon-Privatisierung, bei der die Bürger des entsprechenden Landes Coupons erhalten, die sie in Aktien und Anteile ihrer Wahl tauschen können (Baßeler/Heinrich/Utecht 2002, S. 80).

Zusätzlich wird in den meisten Transformationsökonomien zwischen der so genannten „kleinen“ und „großen“ Privatisierung unterschieden. Die kleine Privatisierung bezieht sich auf Klein- und Kleinstunternehmen, dabei ist die Definition von Land zu Land unterschiedlich. Generell gehören zu den kleinen Betrieben Einzelhandelsgeschäfte, Handwerks- und sonstige Dienstleistungsbetriebe oder auch Industriebetriebe mit wenigen Beschäftigten.

Die kleine Privatisierung ist relativ einfach durchführbar: Sie lässt sich dezentral organisieren, der Kapitalbedarf für die Käufer ist gering und die steigende Nachfrage nach Dienstleistungen in den Transformationsökonomien weist auf gute Geschäftsaussichten hin (vgl. Quidde 1996, S. 82). Im Gegensatz dazu gestaltet sich die große Privatisierung wesentlich schwieriger und damit auch langwieriger: Sie umfasst in der Regel alle großen und mittleren Betriebe, die nicht unter die kleine Privatisierung fallen. Ausgenommen sind Betriebe, die dem primären Sektor angehören und Unternehmen aus den strategischen Sektoren und monopolistischen Bereichen. Typischerweise handelt es sich hierbei um Industrieunternehmen. Die Probleme bei der großen Privatisierung beziehen sich auf Uneinigkeiten bezüglich des Umfangs der Privatisierung, der anzuwendenden Privatisierungsmethode, der Geschwindigkeit der Privatisierung sowie des Kreises der Nachfrager (vgl. Quidde 1996, S. 82). Darüber hinaus ist zu beachten, dass der wirtschaftliche Zustand der Betriebe meist sehr schlecht ist und die Produkte und Produktionsanlagen häufig veraltet sind.

Bezüglich der Bedingungen unter denen die Privatisierung durchgeführt werden soll, ergibt sich ein Konflikt. Da sich alle erwünschten Bedingungen meistens nicht gleichermaßen berücksichtigen lassen, müssen Kompromisse geschlossen werden. Die Bedingungen für die Privatisierung lauten:

- Die Privatisierung soll Kapital zur Finanzierung des Betriebes aufbringen
- Die Privatisierung soll technisches und wirtschaftliches Wissen (Know- How) einbringen
- Die Privatisierung soll eine effiziente Kontrolle der Betriebsführung gewährleisten
- Die Möglichkeit einer Beteiligung soll für alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen gewährleistet sein (vgl. Baßeler/Heinrich/Utecht 2002, S. 80).

Neben einer Effizienzsteigerung bei den zu privatisierenden Betrieben können auch beschäftigungs- und sozialpolitische Ziele in den Vordergrund der jeweiligen Privatisierungspolitik treten (vgl. Hüttermann 1995, S. 25). Weitere Ziele können der zeitliche Verlauf des Privatisierungsprozesses (graduelle Privatisierung versus „Big Bang“), die Maximierung der Verkaufserlöse und die Entscheidung Insider- versus Outsiderprivatisierung sein (vgl. Neimke 2002, S.138). Bei der Insiderprivatisierung erwerben vornehmlich das Management und/oder Arbeitnehmer Anteile eines ehemaligen Staatsbetriebes. Bei der Outsiderprivatisierung werden einzelne Anteile eines Unternehmens über den Kapitalmarkt veräußert oder in Form einer Massenprivatisierung durch die Vergabe von Gutscheinen an die Bevölkerung, die in Unternehmensteile umgetauscht werden können, vollzogen. Eine unterschiedliche Bewertung der Prioritäten führt deshalb auch zu unterschiedlichen Privatisierungsmethoden und -strategien.

3 Die wirtschaftliche Entwicklung Rumäniens

Um den Transformationsprozess in Rumänien verstehen zu können, wird zunächst die Ausgangslage der Transformationsstaaten in Mittel- und Osteuropa im Allgemeinen und von Rumänien im Speziellen erläutert. Die Einteilung der rumänischen Transformation in vier Phasen erfolgt nach ökonomischen Indikatoren und politischen Maßnahmen. Schwerpunkt bilden dabei der Zeitraum der zweiten Transformationskrise (1997-1999) sowie der nachfolgende wirtschaftliche Aufschwung.

3.1 Die Ausgangslage der Transformationsstaaten in Mittelosteuropa

Die Zentralverwaltungswirtschaften Mittel- und Osteuropas waren in den 80er Jahren durch eine zunehmende Wachstumsschwäche gekennzeichnet. Während diese Länder von 1960 bis 1980 noch reale Wachstumsraten von bis zu 7% verzeichnen konnten, verschlechterten sie sich in den Folgejahren zusehends bis im Jahre 1989 weitgehend Stagnation herrschte (vgl. Bleuel 1996, S. 7).

Zu den Ursachen, welche Faktoren dazu führten, dass Bestrebungen zur Reform des bestehenden Wirtschaftssystems zu einer gänzlichen Systemtransformation umschlugen, bestehen in der Literatur verschiedene Erklärungsansätze. So werden zum einen das zunehmende Verlangen der Bevölkerung nach mehr Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit (vgl. Molitor 1990, S. 12) und zum anderen die sich verstärkenden Funktionsschwächen der Zentralverwaltungswirtschaften (vgl. Peters 1990, S. 384) als zentrale Transformationsursachen aufgeführt.

Die zentrale Planung und Lenkung des gesamten Wirtschaftsprozesses war infolge unlösbarer Prognoseprobleme, Ressortegoismus der Ministerien und anderer Partialinteressen uneffizient und mündete häufig in völlig unkoor- dinierten ökonomischen Programmen (vgl. Pappenberger 1995, S. 10). Das zentralverwaltungswirtschaftliche System konnte die ihm übertragenen und mit zunehmender wirtschaftlicher Entwicklung komplexer werdenden Aufgaben der Planung und Koordination des Wirtschaftsgeschehens nicht hinreichend erfüllen, obwohl der Planungs- und Produktionsprozess im Sozialismus in vielfältiger Weise reformiert wurde. Als Folge einer solchen zentralen Planung ergaben sich starke Konflikte zwischen den einzelwirtschaftlichen und den gesamtwirtschaftlichen Zielen, was sich in bewusster Leistungszurückhaltung der Arbeitnehmer und somit in einer sehr geringen Produktivität niederschlug (vgl. Thieme/Eckermann 1991, S. 183f.). Dieses führte wiederum zu einer qualitativ und quantitativ sehr schlechten Güterversorgung. Die mangelnde ökonomische Effizienz der Zentralverwaltungswirtschaften ergab sich weiterhin aus der fehlenden freien Preisbildung, wodurch die Preisstruktur verzerrt wurde und die Güter nicht gemäß ihrer Knappheit verwendet wurden. Innerhalb des zentral festgelegten Preissystems fand kein rationeller Umgang mit den Ressourcen statt, da die Unternehmen weichen Budgetrestriktionen unterlagen und die Kostenseite bei Produktionsentscheidungen vernachlässigt wurde (vgl. Bleuel 1996, S. 8). Zur Verzerrung der Wirtschaftsstruktur trugen die Konzentration auf die Industrieproduktion und die völlige Vernachlässigung des Dienstleistungssektors bei. Die Ineffizienz der Zentralverwaltungswirtschaften Mittel- und Osteuropas begründete sich weiterhin in der mangelhaften Innovationstätigkeit. Produkt- und Prozessinnovationen fanden in den sozialistischen Betrieben Osteuropas sehr viel seltener statt als in den marktwirtschaftlich organisierten Unternehmen Westeuropas. Da die Staats- unternehmen weder durch den Wettbewerb noch vor finanziellen Einbußen gefährdet waren, wurden Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten (F&E) kaum vorangetrieben. Innovationstätigkeiten waren in den staatlichen Planvorgaben nicht vorhergesehen, vielmehr gefährdete Forschungsarbeit die Planerfüllung. Deshalb drängten die Betriebe vor allem auf Erweiterungsinvestitionen, und weniger nach Ersatzinvestitionen, um den Output ohne Rücksicht auf die Produktivität zu steigern. Die Erhaltung veralteten Produktionskapitals führte nicht nur zu einer relativ geringen Kapitalproduktivität, sondern auch zu einer sinkenden Arbeitsproduktivität, da Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten einen relativ hohen Anteil von Arbeitern in Anspruch nahmen (vgl. Kandziora 1995, S. 50 ff.). Baßeler/Heinrich/Utecht (2002, S. 78) nennen des weiteren folgende Gründe für den Effizienzmangel sozialistischer Planwirtschaften:

- Die Kumulation von Fehlplanung und Planuntererfüllung
- Die Neigung „strategische Reserven“ zu bilden um bei ausbleibenden Lieferungen weiter produzieren zu können
- Der schrittweise Übergang zu bilateralen Tauschgeschäften zwischen Betrieben und Endverbrauchern
- Die „Tonnenideologie“, die Neigung Produktionsziele die in Gewicht,
Menge usw. formuliert werden, durch die Produktion besonders schwerer, besonders großer oder besonders vieler Produkte zu erfüllen
- Die ausgeprägte Beharrungstendenz in Planungsbehörden und Betrieben: Fehler werden schwerer erkannt und wenn überhaupt, nur mühsam beseitigt.

Die aufgeführten Mechanismen führten zur wirtschaftlichen Leistungsschwäche der Zentralverwaltungswirtschaften in Mittel- und Osteuropa. Dieses äußerte sich neben einem veralteten Kapitalstock und einer mangelhaften Güterbereitstellung in einer niedrigen Qualität der Produkte, einer geringen Produktdiversifizierung und einem überdurchschnittlichen Ressourcenverbrauch (vgl. Bleuel 1996, S. 9).

Der Übergang zur Marktwirtschaft bedeutete für die bestehenden Unternehmen in den Transformationsökonomien eine abrupte Veränderung nahezu aller Rahmenbedingungen: Mit dem Ende der Planwirtschaft verloren die Unternehmen ihre monopolistische Position, die sie innerhalb des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) innehatten. Neben dem Wegbrechen der Exportmärkte änderte sich das gesamte Preisgefüge für die Unternehmen. Steigenden Faktorpreisen, die bisher verzerrt waren und künstlich niedrig gehalten wurden, standen jetzt wegen der intensiven Konkurrenz meist sinkender Produzentenpreise bei den handelbaren Gütern gegenüber (vgl. Siebert 1992, S. 131). Die Preise für Arbeit, Grund- und Rohstoffe,

[...]


1 Die Gruppe der Reformstaaten Mittel- und Osteuropas umfasst im Kontext dieser Arbeit die MOE-10 Staaten. Als MOE-10 Staaten werden Slowenien, die Tschechische Republik, Ungarn Polen, Estland, die Slowakische Republik, Rumänien, Litauen, Lettland und Bulgarien bezeichnet (vgl. Schätzl 2000, S. 293).

Ende der Leseprobe aus 99 Seiten

Details

Titel
Die zweite Transformationskrise in Rumänien - Gesamtwirtschaftliche, regionale und sektorale Auswirkungen
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Geographisches Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
99
Katalognummer
V55074
ISBN (eBook)
9783638501200
ISBN (Buch)
9783638709200
Dateigröße
954 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit basiert auf aktuellen sekundärstatistischen Daten und beinhaltet zahlreiche Tabellen und Grafiken.
Schlagworte
Transformationskrise, Rumänien, Gesamtwirtschaftliche, Auswirkungen
Arbeit zitieren
Ole Mathies Hackfurth (Autor), 2005, Die zweite Transformationskrise in Rumänien - Gesamtwirtschaftliche, regionale und sektorale Auswirkungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55074

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