Sind arme Menschen weniger Wert als reiche? Der Wert "statistischer Leben" / Are Poor People Worth Less Than Rich People? Disaggregating the Value of Statistical Lives


Seminararbeit, 2005
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Wert eines statistischen Lebens
2.1 Konzeptionelle Grundlagen
2.2 Bestimmung des Wertes eines statistischen Lebens
2.3 Bewertungsergebnisse

3. Heterogenität des Wertes eines statistischen Lebens
3.1 Warum Individualisierung?
3.2 Bestimmungsfaktoren des Wertes eines statistischen Lebens
3.3 Theoretische Konsequenzen der Heterogenität

4. Praktische Relevanz und Ausblick

Anhang

Literaturverzeichnis

Darstellungsverzeichnis:

1. Lohn-Risiko Diagramm

2. Studien zum Wert eines statistischen Lebens

3. Bewertungen eines statistischen Lebens verschiedener Organisationen in den USA

4. Kosten pro statistisch gerettetem Leben

1. Einleitung

Verschiedenste Institutionen planen Programme und Maßnahmen zur Reduktion von Risiken für Gesundheit und Leben des Menschen. Der Staat und seine Organe sind hierbei besonders aktiv. Häufig treten diese Organe regulierend im Bereich Gesundheits-, Verkehrs-, Umwelt- sowie Kriminalitätspolitik auf. Solche Programme sind zum Teil mit enormen Kosten verbunden. Neben den unmittelbaren Staatsausgaben entstehen häufig externe Kosten, wie zum Beispiel Anpassungskosten für neue technische Standards.1 Die Kosten dieser staatlichen Programme tragen die Bürger entweder über direkte Kostenbelastungen durch den Staat oder Einwirkungen auf Verträge mit Dritten.

Wie jedes staatliches Handeln sollten auch diese Programme zur Steigerung der sozialen Wohlfahrt der Gesellschaft beitragen. Um dies sicherzustellen, muss der Wert des Erfolges die Kosten der Maßnahme übersteigen. Bevor ein Programm umgesetzt wird, sollte daher seine Vorteilhaftigkeit im Rahmen einer KostenNutzen Analyse geprüft werden.

Da nun in diesem Bereich der Erfolg einer solchen Maßnahme konkret darin besteht, Gesundheit oder Menschenleben zu erhalten, muss diesem Erfolg auch ein monetärer Wert zugeordnet werden. Würde eine staatliche Maßnahme den Tod von 200 Menschen mittels einer vorherigen Reduktion eines bestimmten Risikos verhindern, müssten diese 200 Leben, monetär bewertet, den Kosten für die Risikoreduktion gegenübergestellt werden.2

In diesem Zusammenhang wird mit dem „Wert eines statistischen Lebens“ der Erfolg pro statistisch gerettetem Leben bezeichnet. Bei dem „Wert eines statistischen Lebens“ handelt sich hierbei um ein Konzept, dass eben die monetäre Bewertung von statistischen Leben ermöglichen soll.

Mittlerweile besitzen solche ökonomischen Kosten-Nutzen Analysen, die sich auf die Bewertung des menschlichen Lebens mittels dieses Konzeptes stützen, in vielen Staaten Praxisrelevanz.3

In den folgenden Kapiteln werden Zusammenhänge rund um das Konzept „Wert des statistischen Lebens“ dargestellt: Ausgehend von einer theoretischen Erläuterung des „Wert eines statistischen Lebens“ sollen aktuelle Untersuchungsergebnisse vorgestellt und neuere Entwicklungen der Disziplin aufgezeigt werden. Dabei wird mit Bezug auf den Titel dieser Arbeit auch auf die Frage einzugehen sein, ob im Kontext des Wertes eines statistischen Lebens arme Menschen weniger wert sind als reiche Menschen.

Die folgende Betrachtung des Konzeptes „Wert eines statistischen Lebens“ nimmt eine rein immanente Perspektive ein, und diskutiert nicht, ob die Schlussfolgerungen dieser Theorie, bzw. diese selber mit den moralischen und verfassungsmäßigen Grundsätzen unserer Gesellschaft evtl. in Konflikt stehen.

2. Der Wert eines statistischen Lebens

2.1 Konzeptionelle Grundlagen

Ein statistisches Leben ist ein unbestimmtes, nicht personalisiertes Leben. Bei einem Risiko eines tödlichen Unfalls von 1/1000 für jeden einer Gruppe bestehend aus 1000 Personen, ergäbe sich ein Verlust von einem statistischen Leben für dieses Risiko.

Mit dem Wert eines statistischen Lebens wird daher auch nicht einer bestimmten Person, etwa einem guten Freund, ein monetärer Wert zugewiesen. Vielmehr handelt es sich um den Wert des Lebens eines unbestimmten Individuums in Abgrenzung zu dessen mögliche m zukünftigen Tod eben durch ein bestimmtes Todesrisiko. Dieser Wert wird durch die Zahlungsbereitschaft der Gruppenmitglieder für die Vermeidung des lebensbedrohlichen Risikos bestimmt.4

Zur Verdeutlichung soll folgendes Beispiel dienen: Mit einem Risiko von 1/10000 wäre jeder durch Unfall vom plötzlichem Tod bedroht. Auf Nachfrage wären Person jeweils bereit, 500 Euro für die Eliminierung ihres Risikos zu zahlen. Hätte man 10000 solcher Informationen in einer Gruppe gesammelt, könnte man auf die Zahlungsbereitschaft zur Erhaltung eines statistischen Lebens schließen, indem man alle individuellen Zahlungsbereitschaften summiert: In diesem Fall ergäbe sich 5 Millionen Euro Zahlungsbereitschaft zur Erhaltung eines statistischen Lebens. Dem entspricht dann auch der Wert eines statistischen Lebens.5 Läge die Zahlungsbereitschaft eines jeden nur bei 200 Euro, ergäbe sich ein Wert eines statistischen Lebens von 2 Millionen Euro.

Bei gleicher Zahlungsbereitschaft aller Gruppenmitglieder zur Vermeidung eines bestimmten Risikos kann der Wert eines statistischen Lebens daher formal folgendermaßen dargestellt werden: Der Wert eines statistischen Lebens ergibt sich aus der maximalen Zahlungsbereitschaft für die Risikoreduktion, geteilt durch die Eintrittswahrscheinlichkeit des Todes oder Ereignisses.6 Damit kann festgestellt werden, dass die Bestimmung des Wertes eines statistischen Lebens auf die eigene Bewertung von Leben und Risiko der entsprechenden Individuen einer Gruppe ausgerichtet ist. Eine von außen erfolgende Zuweisung eines Wertes gehört nicht in das Modell des Wertes eines statistischen Lebens. Wie die eigenen Bewertungen praktisch gemessen und zur Bestimmung des Wertes eines statistischen Lebens genutzt werden können, wird im folgenden Kapitel 2.2 dargestellt.

2.2 Bestimmung des Wertes eines statistis chen Lebens

Im Beispiel aus Kapitel 2.1 wurde der Wert eines statistischen Lebens im Rahmen einer Befragung zu Handelspräferenzen bei möglichem Tausch zwischen Todes- Risiko und Vermögen bestimmt. Würden die Befragten ihrem Leben einen unendlichen Wert beimessen, müssten sie entsprechend dieser Präferenz eine unendlich hohe Zahlungsbereitschaft diesbezüglich haben und ihr gesamtes Vermögen für die Reduzierung und Abwendung eines Risikos eintauschen wollen.7 Nun wurde im Beispiel aber von begrenzten Zahlungsbereitschaften der Befragten berichtet, sodass auch ein begrenzter Wert für ein statistisches Leben bestimmt werden konnte. Befragungen sind aus Kostengründen nur für eine sehr kleine Datenbasis durchführbar, gleichzeitig sind durch Fehlanreize bei Befragung die gewonnenen Daten und Informationen zur Zahlungsbereitschaft qualitativ minderwertig.8

Hochwertiger sind Daten aus tatsächlicher wirtschaftlicher Tätigkeit. In einer Vielzahl von Transaktionen ist das Risiko eines Todes durchaus Bestandteil der Transaktion, auch wenn es in diesen nicht explizit im Vordergrund steht: Eine große Zahl von Produkten wird zum Beispiel mit unterschiedlichen Sicherheitsausführungen verkauft. Diese Sicherheitsausstattungen sollen das Risiko eines tödlichen Unfalls in Zusammenhang mit dem Produkt reduzieren. Das sich diese erweiterten Sicherheitsausstattungen genauso wie andere Zusatzausstattungen in einem erhöhten Preis widerspiegeln, wird allgemein akzeptiert. So verwundert es nicht, dass ein Auto mit Airbags teurer ist, als eines ohne diese Airbag-Ausstattung. Gleichzeitig ist die Bereitschaft, für diese optionalen Airbags zusätzlich unendlich viel zu bezahlen, nicht vorhanden. Indem jeder Mensch selbst entscheidet, wie viel zusätzliche Sicherheit er zu welchem Preis erwirbt, bewertet er damit gleichzeitig sein Leben vor dem Hintergrund des entsprechenden Todesrisikos. Mit ähnlichen Beobachtungen hat sich schon Adam Smith in seiner Analyse kompensierender Lohnd ifferenziale beschäftigt. Smith beobachtete dabei allerdings nicht den Güter- sondern den Arbeitsmarkt, und vermutete, dass risikoreichere Arbeit durch höheren Lohn ausgeglichen wird. Auf dieser Theorie bauen die praktischen Möglichkeiten zur Bewertung eines statistischen Lebens auf:

Es müssen Märkte identifiziert werden, auf denen Transaktionen mit Bestandteilen von lebensbedrohlichen Risiken getätigt werden. Hierbei haben ausreichend Daten zur Verfügung zu stehen, um die vorhandenen Zahlungsbereitschaften für die Reduzierung lebensbedrohlicher Risiken von denen für andere Eigenschaften zu trennen.9 Aus den Wahrscheinlichkeiten der tödlichen Risiken und den beobachteten Risiko bezogenen Zahlungsbereitschaften kann dann der Wert eines statistischen Lebens berechnet werden.

Die praktischen Untersuchungen der letzten 30 Jahre gliedern sich dabei in zwei Gruppen. Weniger beachtet wird die Gruppe der hedonischen Preisstudien, während ein Großteil der Aufmerksamkeit auf hedonische Lohn Analysen fällt.10 Diese letzte Form der Analyse sowie der hinter ihr stehende Ansatz kompensatorischer Lohndifferenziale soll im Folgenden näher beschrieben werden:

Angenommen wird, dass Unternehmen dann bereit sind zusätzliche Sicherheit für ihre Angestellten zu gewähren, wenn die ihnen entstehenden Aufwendungen durch Lohnverzicht der Angestellten ausgeglichen wird. Hierdurch können sie den Gewinn konstant zu halten. Gleichzeitig kann Sicherheit nur zu steigenden Grenzkosten bereitgestellt werden. In dem Lohn-Risiko-Diagramm der Abbildung 1. sind diese Bedingungen in den Isogewinnkurven FF (Firma 1) und GG (Firma 2) dargestellt.

Darstellung 1.: Lohn-Risiko-Diagramm

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Spengler, H.: Kompensatorische Lohndifferenziale und der Wert eines statistischen Lebens in Deutschland a.a.O., S. 7

[...]


1 Eine Tabelle mit Beispielen von staatlichen Maßnahmen zur Reduzierung von Todesrisiken und deren Kosten pro gerettetem Leben befindet sich im Anhang.

2 Viscusi, W. Kip and Gayer, Ted; Safety at Any Price?, in Regulation, Vol. 25, No. 3, 2002, S. 56

3 Spengler, Hannes; Kompensatorische Lohndifferenziale und der Wert eines statistischen Lebens in Deutschland, Darmstadt Discussion Paper in Economics No. 133, August 2004, S. 3

4 Viscusi, W. Kip and Gayer, Ted; Safety at Any Price?, a.a.O., S. 56

5 Viscusi, W. Kip; The value of life in legal contexts: survey and critique, in: American Law Economics Review V2 N1 2000, S. 201

6 Viscusi, W. Kip; The value of life in legal contexts: survey and critique, a.a.O., S. 202

7 Ebenda, S. 7

8 Viscusi, W. Kip and Gayer, Ted: Safety at Any Price?, a.a.O., S. 57

9 Durch diese Form der Bereinigung werden Datenreihen geschaffen, die für so genannte hedonische (d.h. qualitätsbereinigte) Untersuchungen geeignet sind.

10 Viscusi, W. Kip; The value of life in legal contexts: survey and critique, a.a.O., S. 203

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Sind arme Menschen weniger Wert als reiche? Der Wert "statistischer Leben" / Are Poor People Worth Less Than Rich People? Disaggregating the Value of Statistical Lives
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut Recht der Wirtschaft)
Veranstaltung
Seminar zur ökonomischen Analyse des Rechts
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V55083
ISBN (eBook)
9783638501279
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bestimmung und Interpretation des "value of statistical lives".
Schlagworte
Sind, Menschen, Wert, Leben, Poor, People, Worth, Less, Than, Rich, Disaggregating, Value, Statistical, Lives, Seminar, Analyse, Rechts
Arbeit zitieren
Julien Kleiner (Autor), 2005, Sind arme Menschen weniger Wert als reiche? Der Wert "statistischer Leben" / Are Poor People Worth Less Than Rich People? Disaggregating the Value of Statistical Lives, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55083

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