Als die Rote Armee Fraktion im Mai 1972 ihren ersten terroristischen Anschlag verübte, folgte diesem umgehend ein Bekennerschreiben. Doch nicht nur die RAF bekannte sich schriftlich zu ihren Anschlägen, nach beinahe jedem Terroranschlag tauchen Bekennerschreiben auf. In diesen erklären sich Gruppen verantwortlich und erläutern die Gründe und Hintergründe ihres Anschlags. In der öffentlichen Wahrnehmung sind sie eng mit terroristischen Agitationsweisen verknüpft und fehlen sie nach einem Anschlag, wird vermerkt, „sie seien noch nicht eingegangen“.
Meist interessiert an den Bekennerschreiben allerdings nur, wer sich bekennt. Die Terrorismusforschung klammert sie weitgehend aus, wobei vor allem bei der Betrachtung von Terrorismus als Kommunikationsstrategie eine nähere Untersuchung der Bekennerschreiben interessante Ergebnisse verspricht. In dieser Arbeit soll das Bekennerschreiben deshalb auf seine kommunikationsstiftenden Funktionen hin untersucht werden.
Dabei soll zunächst vom Bekenntnis ausgegangen werden, laut Wolfgang Haubrichs eines der „mächtigsten und dauerhaftesten, wahrhaft abendländischen Denk- und Sprachmuster“.
Das Bekenntnis findet sich in vielen Bereichen gesellschaftlicher Operationen, dennoch ist es strukturell noch wenig erforscht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bekennen
2.1 Bekennen als Institution: Geständnis und Beichte
2.1.1 Geständnis
2.1.2 Beichte
2.2 Groß bist Du, Herr: Augustinus’ Confessiones
2.2.1 Bekenntnis als Autobiographie: Das doppelte Ich
2.2.2 Dreifach Bekennen: Augustinus’ Begriff der confessio
2.3 Einzig und allein Ich: Rousseaus Confessions
2.3.1 Bekehrungen: Augustinus und Rousseau
2.3.2 Bekenntnispublikum: Der doppelte Adressat
2.4 Bekenntniskommunikation
2.5 Funktionen des Bekennens
3. Bekennerschreiben
3.1 Die Verbreitung des Terrors
3.1.1 Das Denken besetzen
3.1.2 Zeloten und Assassine
3.1.3 Propaganda der Tat
3.1.4 Terrorismus als Nachrichtenereignis
3.2 RAF: Bekennerschreiben als Kommunikationsangebot
3.2.1 Die RAF als Autor
3.2.2 Das Scheitern der Bekenntniskommunikation
3.3 Ermittlungsbehörden: Bekennerschreiben lesen
3.3.1 Material
3.3.2 Text
3.4 Al Quaida: Bekennerschreiben als Ereignis
3.5 Funktionen des Bekennerschreibens
4. Falsche Bekenntnisse
4.1 Legendenbildung: Die Ripper Briefe
4.2 Bekenntniskaskade: Störungen des Bekennens
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Bekennerschreiben als spezifische Form des Bekennens und analysiert dessen kommunikationsstiftende Funktionen im Kontext terroristischer Strategien unter Rückgriff auf medienwissenschaftliche und soziologische Theorien.
- Historische Entwicklung von Bekenntnisformen (von Augustinus bis Rousseau)
- Struktur und Funktion der Bekenntniskommunikation
- Terrorismus als Kommunikationsstrategie und das "Besetzen des Denkens"
- Analyse von RAF-Bekennerschreiben und den Videos von Osama bin Laden
- Phänomenologie und Auswirkung falscher Bekenntnisse (Beispiel Jack the Ripper)
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Das Denken besetzen
Der Begriff Terrorismus hat sehr unterschiedliche Definitionen erfahren, was sich zum Teil aus einem geschichtlichen Bedeutungswandel des Wortes, zum Teil aus unterschiedlichen Ansichten über die Abgrenzung zu benachbarten Phänomenen ergibt. Seinen begrifflichen Ursprung hat der Terror im „régime de la terreur“, das zwischen März 1793 und Juni 1794 unter der Leitung Robespierres Tausende guillotinierte. Als Robespierre und seine Anhänger schließlich vom Nationalkonvent gestürzt wurden, stellte sich heraus, dass seine Gruppe lediglich aus 22 Mitgliedern bestand, die durch geschickte Taktik den Ausschuss für öffentliche Sicherheit der Revolution und damit faktisch ganz Frankreich kontrollierten. Mit der Begriffsbildung von terreur gingen auch einige Konnotationen in das Verständnis von Terror ein. Zunächst war der Begriff Terror positiv besetzt: Als Mittel zur Durchsetzung demokratischer Ideale gegen die Reaktionäre des ancien régime. So bezeichnete Robespierre in einer Rede vor der französischen Nationalversammlung den Terror als "nichts anderes als Gerechtigkeit, prompt, sicher und unbeugsam."
Das Ideal, zu dessen Durchsetzung der Terror führen sollte, war das einer - nicht sehr klar umrissenen - neuen und besseren Gesellschaft anstelle des herrschenden Systems. Das Vorgehen des régime de la terreur war organisiert und systematisch. Es erlaubte, zumindest für etwas mehr als ein Jahr, die Herrschaft von wenigen über ein ganzes Land.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz von Bekennerschreiben als kommunikative Strategie innerhalb der Terrorismusforschung ein und begründet den Untersuchungsschwerpunkt.
2. Bekennen: Dieses Kapitel erörtert die historischen Wurzeln des Bekennens, insbesondere die institutionelle Beichte und die autobiographischen Formen bei Augustinus und Rousseau.
3. Bekennerschreiben: Hier wird das Bekennerschreiben als moderne Sonderform des Bekennens analysiert, wobei besonders die RAF und Al Quaida als Fallbeispiele fungieren.
4. Falsche Bekenntnisse: Dieses Kapitel untersucht das Phänomen der falschen Bekenntnisse anhand der Ripper-Briefe und analysiert Störungen der Bekenntniskommunikation.
5. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung rekapituliert die Erkenntnis, dass Bekennerschreiben als kommunikative Medienereignisse fungieren, die zur Identitätszuschreibung und Steuerung von Diskursen genutzt werden.
Schlüsselwörter
Bekenntnis, Bekennerschreiben, Kommunikation, Terrorismus, RAF, Al Quaida, Augustinus, Rousseau, Medienereignis, Propaganda der Tat, Identität, Diskurs, Falsche Bekenntnisse, Jack the Ripper, Luhmann
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Struktur und Funktion von Bekennerschreiben und setzt diese in den Kontext der historischen Bekenntnistradition sowie der modernen Terrorismusforschung.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Formen des Ich-Sagens, die mediale Vermittlung von Terroranschlägen und die Frage, wie Terroristen ihre Identität durch Bekenntnisse konstruieren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie das Bekennerschreiben als Kommunikationsangebot fungiert, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und Anschlusskommunikation zu steuern.
Welche wissenschaftlichen Methoden finden Anwendung?
Die Autorin/der Autor nutzt medientheoretische Ansätze, insbesondere den Kommunikationsbegriff von Niklas Luhmann, sowie historische und forensisch-linguistische Perspektiven.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse institutionalisierter Bekenntnisformen, die Untersuchung terroristischer Bekennerschreiben (RAF, Al Quaida) und die Erforschung falscher Bekenntnisse.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind Bekenntniskommunikation, Propaganda der Tat, Biographiegenerator, Parasit und Ereignischarakter.
Wie unterscheidet sich das Bekenntnis bei Augustinus von dem der RAF?
Während Augustinus das Bekenntnis als religiösen Prozess der Selbsterkenntnis und Gotteslobpreisung begreift, nutzt die RAF es instrumentell als Kommunikationsangebot, um politische Forderungen zu stellen.
Warum sind falsche Bekenntnisse für das System der Bekenntniskommunikation relevant?
Falsche Bekenntnisse funktionieren als "Parasiten" oder produktive Störungen, die ebenfalls Ereignischarakter besitzen und daher von Medien als echte Bekenntnisse verarbeitet werden.
- Quote paper
- Bernhard Unterholzner (Author), 2006, Bekennerschreiben - Formate des Ich-Sagens von Augustinus bis Al Quaida, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55128