Gattungsproblematik und Protagonistenfrage in Franz Kafkas 'Vor dem Gesetz'


Seminararbeit, 2002

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Gattungsproblematik
2.1 Begriffsklärung der Parabel
2.2 „Vor dem Gesetz“: Parabel oder Antiparabel?

3 Protagonistenfrage
3.1 Mann vom Lande
3.2 Türsteher
3.3 Abschließende Feststellung

4 Schlussgedanke

5 Bibliographie
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Franz Kafka (1883 – 1924) schrieb eigenartige Romane, vor allem aber eine große Anzahl an verwirrenden und abstrakten Erzählungen. Das Grundthema seiner Prosa ist der aussichtslose Kampf eines männlichen Einzelgängers gegen alltägliche, aber auch verborgene, mystische Mächte, welche den Protagonisten meist sehr hart verurteilen.

In einer seiner extrem kurzen Erzählungen „Vor dem Gesetz“, welche Teil des Romans „Der Prozeß“ ist, geht es um einen einfachen (ungebildeten) Mann vom Lande der zum Gesetz möchte, jedoch verwährt ihm ein Türsteher, der vor den offenen Toren des Gesetzes scheinbar nur auf ihn gewartet hat, den Eintritt. Von dem Wächter eingeschüchtert, verbringt der Mann den ganzen Rest seines Lebens vor diesen Toren und erst kurz bevor er stirbt, offenbart ihm der Türhüter, dass er, der Mann, der einzige war, der durch diese Tore ins Gesetz hätte hineinkommen können.

Diese Erzählung war für Kafka persönlich von besonderer Bedeutung: Nachdem er diesen Text niedergeschrieben hatte, empfand er ein tiefes „Zufriedenheits- und Glücksgefühl[1], was er sonst bei keinem seiner Prosastücke je erlebte. Man sagt auch, dass es seine „tiefsten Geheimnisse [birgt] und Kafkas Eigenstes [wiederspiegelt]“[2].

Kafka war selbst immer ein Einzelgänger und wurde vor allem von seinem dominanten Vater sein ganzes Leben lang insofern beeinflusst, dass seine Werke, so wie auch dieses, voller Unterwürfigkeit und Angst, Frustration und Depression sind. Das Thema der bedrückenden Schuld des Protagonisten, welches sich wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte zieht, tritt am deutlichsten gegen Ende der Geschichten auf. Kafka schafft in allen seinen Romanen und Erzählungen eine alptraumartige und bedrückende Atmosphäre. Dies gelingt ihm, indem er die Realität mit der Phantasie vermischt und beides in eine Art groteske Ironie versetzt.

Es stellen sich bei Kafkas Werken viele verschiedene Fragen, interpretatorische, wie auch stilistische. Die meisten Diskussionen über Interpretationen sind nur unter Berücksichtigung seiner Biographie und Psyche möglich. Bei stilistischen Fragen scheint es einfacher zu sein, jedoch wenn man sich intensiv mit ihnen befasst, ist es schwerer als erahnt.

Wenn man beispielsweise Franz Kafkas „Vor dem Gesetz“ zum ersten Mal (in seiner eigenständigen Form, also nicht als Teil seines Romans „Der Prozess“) liest, würde man wahrscheinlich behaupten, dass es sich bei diesem Text eindeutig um eine Parabel handelt und der Protagonist sicherlich der Mann vom Lande ist.

2 Gattungsproblematik

Eine große Zahl an Literaturkritikern bezeichnet Franz Kafkas Erzählung „Vor dem Gesetz“ auch als eine Parabel. Jedoch wenn man sich die unabdingbaren Formelemente dieser Gattung vor Augen hält, stellt sich die Frage, ob dies bei Kafkas Erzählung wirklich der Fall ist. Dies soll in den nächsten Punkten näher erörtert werden.

Um feststellen zu können, ob es sich bei Kafkas Erzählung um eine Parabel handelt, ist eine Begriffserklärung nötig.

2.1 Begriffsklärung der Parabel

Die Parabel (griech. parabole = Vergleichung, Gleichnis) im klassischen Sinne ist eine lehrhafte Erzählung, bei der es sich hauptsächlich um die Vermittlung von richtigen beziehungsweise falschen Verhaltensweisen vor allem der christlichen Welt (Bibelgleichnisse) handelt. Die Bedeutung dargestellter Situationen ist manchmal nicht direkt genannt, da sie vorrangig in Form von bekannten Motiven, bildhafter Verkleidung, Metaphern, Verdichtungen und ähnlichem vermittelt wird.

Generell gilt, dass der Inhalt in mindestens einem, möglichst aber in mehreren Vergleichspunkten mit einem bestimmten Thema aus einem anderen Vorstellungsbereich relativ deutlich erkennbar übereinstimmt, vom dargestellten Gegenstand abgelöst und somit zu einer eigenständigen Erzählung wird.

Die Charaktere in der Parabel sollten keine Eigennamen besitzen, sowie die Zeit eine unbestimmte sein, da sonst ein Analogieschluss auf fortwährend bestehende Menschentypen beziehungsweise immer wieder vorkommende Situationen und Verhältnisse nicht möglich ist.

Inhaltlich handelt es sich bei den meisten Parabeln um alltägliche Verrichtungen, die eine selbstverständliche Überzeugungskraft nach sich ziehen.

Eines der wichtigsten Elemente der Parabel ist die Schlusspointe, welche die Moral der Erzählung ausspricht und meist einen Hinweis auf die zu übertragende Ebene gibt.

Eine typische Parabel beispielsweise ist Gotthold Ephraim Lessings weltbekannte Ringparabel in seinem Stück „Nathan der Weise“ (1780). Hierbei vergleicht der Protagonist Nathan die drei Weltreligionen (Christentum, Judentum und Islam) mit drei Ringen eines Vaters, welche dieser seinen drei Söhnen am Sterbebett überreicht, wobei jedoch nur einer der Ringe der Wahre ist.

Bei dieser klassischen Parabel wird die dahinter verborgene Botschaft sogar direkt beim Namen genannt, was eine Gattungszuordnung offensichtlich macht.

Jedoch bezeichnet weder einer der Charaktere des Romans „Der Prozess“ die Türhütergeschichte als Parabel, Gleichnis oder ähnlichem, noch hat sich Franz Kafka in irgendeiner Form zu der Gattungsfrage, wenn diese zu seinen Lebzeiten überhaupt schon gestellt wurde, geäußert. Dies macht es sicherlich nicht einfach Kafkas Erzählung einer Gattung zugehörig zu machen.

2.2 „Vor dem Gesetz“: Parabel oder Antiparabel?

Kafka veröffentlichte schon 1915 „Vor dem Gesetz“ als eigenständige Erzählung in der Prager zionistischen Wochenschrift „Selbstwehr“ und fügte sie zwei Jahre später in seinen Sammelband „Ein Landarzt“ (1916) hinzu. Und erst nach seinem Tode wurde bekannt, dass diese Erzählung ein sehr wichtiger Teil des Romans „Der Prozess“ und „zweifellos (...) dessen Dreh- und Angelpunkt sowie ein Schlüssel zu seinem Verständnis“[3] darstellt. Schon damit ist einer der Elemente der Parabel erfüllt: die Erzählung ist aus dem Roman herausgelöst und ist als eine selbstständige Darstellungsform zu sehen.

Was auch für den Parabelcharakter sprechen könnte ist, dass die zwei Personen in der Erzählung keine Eigennamen besitzen und der Text im Präsens geschrieben ist, was einen Analogschluss möglich macht.

Was jedoch am meisten für den Parabelcharakter spricht, ist der inhaltliche Kontext in dem Roman „Der Prozess“, in dem man diese Erzählung sehen kann: Sie wird dem Protagonisten Joseph K. von einem Geistlichen erzählt, so dass K. seine Situation und Handlungen aus einem anderen Blickpunkt sehen kann und diese nochmals gründlich überdenkt. Somit hat diese Erzählung zweifellos einen lehrhaften Charakter, was am deutlichsten für die Form einer Parabel spricht.

Trotz eindeutiger parabolischer Merkmale ist dieser Text jedoch eher als eine Binnenerzählung zu sehen, da ebenso auch Kennzeichen anderer Gattungen vorhanden sind:

Beispielsweise kann man ein Merkmal der Fabel entdecken: Der Mann vom Lande spricht mit den Flöhen im Pelz des Türhüters. Zwar wird nicht eindeutig gesagt, ob die Flöhe ihm antworten oder dergleichen, ebenso ist aber auch nicht klar gesagt, dass sie nicht reagieren.

Auch die Gattung des Witzes könnte gemeint sein: Der Versuch des Mannes mit den Flöhen im Pelz des Türhüters zu reden und die Tatsache, dass er fast sein ganzes Leben vor den Toren des Gesetzes verbringt, einfach nur um einzutreten und nicht hereinzukommen, kann eindeutig als Übertreibung gesehen werden.

Die Erzählung birgt auch einige Kennzeichen des Märchens: sprachlich ist sie einfach zu verstehen. Der Mann vom Lande wird vor ein Problem gestellt, welches für ihn schierbar nicht lösbar ist, was oft Themen von Märchen darstellen (beispielsweise ein Drachenkampf, die Öffnung des Sesam oder das Lösen eines Banns). Die Darstellung des Geheimnisvollen ist auch ein wichtiges Merkmal des Märchens, welches in der Erzählung aufkommt: Das Gesetz wird mystisch sowie nicht greifbar dargestellt und am Ende der Erzählung zu einem unauslöschlichen Glanz reduziert.

[...]


[1] Franz Kafkas ‚Prozess’. (Bern: Peter Lang Verlag, 1989) 316.

[2] Bruggisser, Andreas 316.

[3] Eschweiler, Christian. „Der verborgene Hintergrund in Kafkas ‚Der Prozeß’“, (Bonn: Bouvier Verlag, 1990) 78.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Gattungsproblematik und Protagonistenfrage in Franz Kafkas 'Vor dem Gesetz'
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
13
Katalognummer
V55138
ISBN (eBook)
9783638501699
ISBN (Buch)
9783638775601
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gattungsproblematik, Protagonistenfrage, Franz, Kafkas, Gesetz, Proseminar
Arbeit zitieren
Nina Bergner (Autor), 2002, Gattungsproblematik und Protagonistenfrage in Franz Kafkas 'Vor dem Gesetz', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55138

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