In einer Franz Kafkas (1883 – 1924) extrem kurzen Erzählungen „Vor dem Gesetz“, welche Teil des Romans „Der Prozeß“ ist, geht es um einen einfachen (ungebildeten) Mann vom Lande, der zum Gesetz möchte, jedoch verwährt ihm ein Türsteher, der vor den offenen Toren des Gesetzes scheinbar nur auf ihn gewartet hat, den Eintritt. Von dem Wächter eingeschüchtert, verbringt der Mann den ganzen Rest seines Lebens vor diesen Toren und erst kurz bevor er stirbt, offenbart ihm der Türhüter, dass er, der Mann, der einzige war, der durch diese Tore ins Gesetz hätte hineinkommen können.
Diese Erzählung war für Kafka persönlich von besonderer Bedeutung: Nachdem er diesen Text niedergeschrieben hatte, empfand er ein tiefes „Zufriedenheits- und Glücksgefühl“ , was er sonst bei keinem seiner Prosastücke je erlebte. Man sagt auch, dass es seine „tiefsten Geheimnisse [birgt] und Kafkas Eigenstes [wiederspiegelt]“ .
Kafka war selbst immer ein Einzelgänger und wurde vor allem von seinem dominanten Vater sein ganzes Leben lang insofern beeinflusst, dass seine Werke, so wie auch dieses, voller Unterwürfigkeit und Angst, Frustration und Depression sind. Das Thema der bedrückenden Schuld des Protagonisten, welches sich wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte zieht, tritt am deutlichsten gegen Ende der Geschichten auf. Kafka schafft in allen seinen Romanen und Erzählungen eine alptraumartige und bedrückende Atmosphäre. Dies gelingt ihm, indem er die Realität mit der Phantasie vermischt und beides in eine Art groteske Ironie versetzt.
Es stellen sich bei Kafkas Werken viele verschiedene Fragen, interpretatorische, wie auch stilistische. Die meisten Diskussionen über Interpretationen sind nur unter Berücksichtigung seiner Biographie und Psyche möglich. Bei stilistischen Fragen scheint es einfacher zu sein, jedoch wenn man sich intensiv mit ihnen befasst, ist es schwerer als erahnt.
Wenn man beispielsweise Franz Kafkas „Vor dem Gesetz“ zum ersten Mal (in seiner eigenständigen Form, also nicht als Teil seines Romans „Der Prozess“) liest, würde man wahrscheinlich behaupten, dass es sich bei diesem Text eindeutig um eine Parabel handelt und der Protagonist sicherlich der Mann vom Lande ist. Diese Gattungsproblematik sowie die Protagonistenfrage sollen nun im folgenden näher erörtert werden.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 GATTUNGSPROBLEMATIK
2.1 BEGRIFFSKLÄRUNG DER PARABEL
2.2 „VOR DEM GESETZ“: PARABEL ODER ANTIPARABEL?
3 PROTAGONISTENFRAGE
3.1 MANN VOM LANDE
3.2 TÜRSTEHER
3.3 ABSCHLIEßENDE FESTSTELLUNG
4 SCHLUSSGEDANKE
5 BIBLIOGRAPHIE
5.1 PRIMÄRLITERATUR
5.2 SEKUNDÄRLITERATUR
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Gattungszugehörigkeit und die Rollenverteilung der Protagonisten in Franz Kafkas Erzählung „Vor dem Gesetz“. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob der Text klassisch als Parabel zu klassifizieren ist oder ob aufgrund vielfältiger stilistischer Merkmale eine eindeutige Zuordnung ausgeschlossen werden muss, während gleichzeitig die zentrale Identität der handelnden Personen kritisch hinterfragt wird.
- Analyse der Parabel als literarische Gattung im Vergleich zu Kafkas Text
- Untersuchung von Elementen der Groteske, des Märchens und des Witzes in der Erzählung
- Charakterisierung des „Mannes vom Lande“ in Bezug auf dessen Ungebildetheit und Rolle
- Detaillierte Betrachtung des „Türstehers“ und dessen Doppelrolle im Geschehen
- Kritische Würdigung der Protagonistenfrage und der Interpretation als Gesamtsystem
Auszug aus dem Buch
3.2 Türsteher
Betrachtet man jedoch den Türhüter genauer, scheint er eine komplexere Figur als der Mann vom Lande zu sein und kann somit viel eher als Protagonist gesehen werden.
Allein von der äußeren Form spricht vieles für den Türsteher als Hauptfigur: Er wird kurz nach dem Gesetz im ersten Satz der Erzählung aufgeführt; der Mann vom Lande dahingegen erst im zweiten. Auch wird das äußere Erscheinungsbild des Wächters bis in jedes kleinste Detail beschrieben: sein Pelzmantel, seine große Spitznase, sein langer, tatarischer Bart und sogar die Flöhe, die sich in seinem Pelz befinden werden angesprochen, wohin gegen der Mann skizzenhaft, leer und ohne jegliches Aussehen und Persönlichkeit bleibt.
Der Türhüter wird in dieser extrem kurzen Erzählung ganze 21 Mal genannt, der Mann vom Lande jedoch nur neun Mal und mit seinem vollen Titel „Mann vom Lande“ taucht er sogar nur zwei mal auf. Den Türsteher gibt es auch viel länger als den Mann vom Lande. Es scheint ihn schon seit immer und ewig zu geben. Es ist anzunehmen, dass er schon lange vor der Ankunft des Mannes vor den Toren des Gesetzes steht und zeigt auch im Verlaufe des ganzen Textes, im Gegensatz zum Mann vom Lande, keine einzigen Anzeichen der Alterung.
Dadurch wirkt er zeitlos aber auch unecht, was ihn zu einer teilweise mystischen Figur macht. An der Schwelle des Gesetzes scheinen sich Menschenzeit und Ewigkeit zu begegnen. Der Türsteher stellt eine Art Vermittlerperson zwischen dem Mann vom Gesetz und dem abstrakt gewordenen Gesetz selbst dar. Aber anstatt dass dieser dem Mann hilft und ihm zur Seite steht, wie es eigentlich die Aufgabe eines Vermittlers ist, ist er hart, gnadenlos und unerbittlich.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung stellt den Kontext von Kafkas Werk dar und führt in die Bedeutung der Erzählung „Vor dem Gesetz“ sowie die biografischen Hintergründe ein.
2 GATTUNGSPROBLEMATIK: Dieses Kapitel prüft die Gattungsmerkmale der Parabel und diskutiert, inwiefern Kafkas Text dieser Klassifizierung entspricht oder durch Elemente von Fabel, Witz und Groteske entzieht.
2.1 BEGRIFFSKLÄRUNG DER PARABEL: Es werden die klassischen Definitionen der Parabel als lehrhafte Erzählung erarbeitet, um einen Vergleichsrahmen für Kafkas Werk zu schaffen.
2.2 „VOR DEM GESETZ“: PARABEL ODER ANTIPARABEL?: Hier wird analysiert, ob die Erzählung aufgrund ihrer literarischen Vieldeutigkeit und der Einbettung in den Roman „Der Prozess“ eher als Parabel oder als Binnenerzählung mit anderen Gattungskennzeichen zu werten ist.
3 PROTAGONISTENFRAGE: Das Kapitel widmet sich der Frage, welche der beiden zentralen Figuren als eigentlicher Protagonist anzusehen ist.
3.1 MANN VOM LANDE: Eine Untersuchung des Mannes vom Lande, seiner Charakteristik als „Amhorez“ und seiner Funktion innerhalb der Erzählung.
3.2 TÜRSTEHER: Eine Analyse der komplexen Figur des Türstehers, seiner zeitlosen, fast mystischen Darstellung und seiner Doppelrolle im Geschehen.
3.3 ABSCHLIEßENDE FESTSTELLUNG: Das Kapitel schließt mit dem Fazit, dass keine der beiden Figuren als alleiniger Protagonist fungiert, sondern beide gleichwertig für eine generelle Problematik stehen.
4 SCHLUSSGEDANKE: Der Schlussgedanke unterstreicht die Offenheit der Interpretation und weist auf Kafkas eigene Mahnung hin, den Text nicht mit groben Interpretationen zu überlagern.
5 BIBLIOGRAPHIE: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur zur Arbeit.
5.1 PRIMÄRLITERATUR: Auflistung der direkt herangezogenen Werke von Franz Kafka.
5.2 SEKUNDÄRLITERATUR: Auflistung der verwendeten wissenschaftlichen Quellen zur Interpretation.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, Vor dem Gesetz, Der Prozess, Parabel, Antiparabel, Protagonist, Mann vom Lande, Türsteher, Gattungsproblematik, Literaturwissenschaft, Interpretation, Existentialismus, Groteske, Vermittlerfigur, Jiddisch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der literaturwissenschaftlichen Analyse von Franz Kafkas Erzählung „Vor dem Gesetz“ unter besonderer Berücksichtigung ihrer Gattung und der Rollenverteilung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Gattungsmerkmale (Parabel vs. andere Formen), die Charakterisierung der Figuren sowie der inhaltliche Kontext innerhalb des Romans „Der Prozess“.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, ob der Text eine klassische Parabel ist und wer in der Erzählung als zentraler Protagonist zu betrachten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philologische Textanalyse unter Einbeziehung von Sekundärliteratur zur Gattungstheorie und Interpretation der Werke Kafkas.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Gattungsproblematik und führt eine detaillierte Gegenüberstellung und Charakterisierung des Mannes vom Lande und des Türstehers durch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Kafka, Parabel, Gattungsproblematik, Protagonist und literarische Analyse zusammenfassen.
Warum wird der Begriff „Amhorez“ zur Charakterisierung des Mannes vom Lande herangezogen?
Der Begriff, der den ungebildeten Menschen beschreibt, dient der Deutung des geistigen Anspruchs und Intellekts des Mannes, was Kafkas bewusster Wortwahl im Entstehungskontext entspricht.
Welche Bedeutung kommt der „Doppelrolle“ des Türstehers zu?
Die Doppelrolle verdeutlicht die Komplexität und Unvereinbarkeit des Türstehers, der einerseits das Gesetz hütet, sich andererseits aber korrupt verhält, was seine Rolle als bloße Nebenfigur infrage stellt.
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- Nina Bergner (Author), 2002, Gattungsproblematik und Protagonistenfrage in Franz Kafkas 'Vor dem Gesetz', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55138