Analphabetismus. Ursachen, Bewältigungsstrategien und Fallstudie anhand eines narrativen autobiographischen Interviews


Hausarbeit, 2005

57 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Forschungsinteresse
1.2. Methode
1.3. Selbstkritik

2. Einführende Bemerkungen

3. Analyse
3.1. Strukturelle Beschreibung

4. Literaturnachweis:

5. Anhang: Transkription des Interviews

1. Einleitung

1.1. Forschungsinteresse

Im Rahmen meines Soziologie-Studiums besuchte ich zwei Semester lang die am Institut für Soziologie angebotene „Forschungswerkstatt qualitative Sozialforschung“, um Kenntnisse im Bereich der Erfassung und Auswertung narrativer Interviews zu erlangen. Während dieser Zeit entwickelte ich ein persönliches Interesse am Phänomen des Analphabetismus, das wider eigenen Erwartens in Deutschland selbst heutzutage noch stark ausgeprägt zu sein scheint. „Nach Schätzungen des Deutschen UNESCO-Institutes sind zwischen 0,75 und 3% der erwachsenen deutschen Bevölkerung in der Bundesrepublik funktionale Analphabeten.“ (Städtische Volkshochschule Magdeburg, S. 6)

Diese Zahlen erstaunten mich so sehr, dass ich beschloss, Kontakt mit Analphabeten aufzunehmen, um Bereitwillige unter ihnen zu interviewen. Über die Städtische Volkshochschule, welche seit 1993 zahlreiche Alphabetisierungskurse durchführt, fand ich Zugang zu einer sehr heterogenen Gruppe von etwa 15 Teilnehmern, von denen sich letztlich zwei bereiterklärten, mir in jeweils einem Interview ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Eines der beiden geführten Interviews fand nach langer Recherche- und Motivationsarbeit mit einer Seniorin im Januar 2004 statt, es bildet die Grundlage dieser Hausarbeit.

Mein Forschungsinteresse richtete und richtet sich dabei primär auf die Ursachen von Analphabetismus sowie alltägliche Handlungsstrategien und Bewältigungsmuster der Betroffenen. Denn als `Outsider` kam mir der Analphabetismus von erwachsenen Menschen in unserer „Wissensgesellschaft“ sehr fremd vor.

Die Volkshochschule erläutert in ihrem Programmheft dazu: „Unter funktionalen Analphabeten versteht man Menschen, die sich an Aktivitäten, bei denen Lesen, Schreiben und Rechnen erforderlich ist, nicht beteiligen können und die damit von einer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben weitgehend ausgeschlossen sind“ (ebd.)

Diese Erklärung ist doch sehr bedeutungsrelevant. Mitglied einer Gesellschaft und dennoch weitgehend vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen zu sein: das erzeugt ein nicht akzeptables Spannungsfeld. Es verlangt nach Abhilfe, nach Verbesserungen der Situation von Analphabeten, die erst dann möglich erscheinen, wenn Hintergründe und die Tragweite dieser Thematik bewußt werden. Diese Hausarbeit soll einen kleinen Beitrag zum Verständnis der Ursachen von Analphabetismus leisten und Erleidensprozesse von Betroffenen verdeutlichen.

1.2. Methode

Das autobiographische narrative Interview, das als qualitative Methode der Sozialforschung von Fritz Schütze entwickelt worden ist, erweist sich zur Untersuchung des Forschungsgegenstandes als geeignet und sinnvoll und soll daher hierbei eine Anwendung finden. Diese Form der sozialwissenschaftlichen Biographieforschung orientiert sich am interpretativen Paradigma und hat zum Ziel, den Zusammenhang zwischen faktischen Lebensereignissen des Biographieträgers und dessen eigenen biographischen Deutungen und Interpretationen aufzudecken. Denn negative Ereignisverkettungen wie Arbeitslos-Werden, Alkoholiker-Werden, Psychiatrischer-Patient-Werden seien nicht jenseits des Umstandes begreifbar, dass sie die Identität des Biographieträgers zentral angriffen und gerade unter dem Aspekt des persönlichen Schicksals wirksam seien. Vielmehr hänge vieles, manchmal alles davon ab, wie der Biographieträger die negative Ereignisverkettung erfahre und wie er sie theoretisch verarbeite. (vgl. Schütze, 1983, 284)

In Anlehnung an Fritz Schütze (vgl. ebd.) ist es mein Bemühen, die interpretierenden theoretischen Anstrengungen meiner Informantin in den Zusammenhang faktischer Lebensläufe einzubetten. Dieses soll in zwei Schritten erreicht werden. Im ersten, längeren Abschnitt dieser Arbeit widme ich mich der strukturellen Beschreibung des erhobenen Datenmaterials. Die Analyse der einzelnen Sinneinheiten erfolgt dabei methodisch nach Froschauer (114ff.) als auch Südmersen. Über eine Paraphrasierung vordergründiger Informationen äußerlich erkennbarer Sequenzen gelange ich zu Hypothesen über Funktionen der Äußerungen für die Informantin im Interview selbst, um plausible Intentionen wie Rechtfertigungen oder Schutzbehauptungen zu rekonstruieren.

Darüber hinaus wird versucht, latente Momente aufzudecken, indem auf die Verwendung von vagen Begriffen geachtet und weiterhin die Frage gestellt wird, was spezifische Wortwendungen als auch sprachliche Besonderheiten wie Generalisierungen, Satzabbrüche und bestimmte grammatische Konstruktionen (Aktiv, Passiv) in dem jeweiligen engeren Kontext bedeuten können. Gleichzeitig liegt ein Focus auf dem Auftreten und der Beschreibung weiterer Handlungsträger wie Familienmitglieder und Arbeitskollegen, um Rückschlüsse ziehen zu können auf „aussagen-implizite Rollenbeziehungen“ (Froschauer, 115), dies alles mit dem Ziel herauszufinden, welche Handlungs- und Denkweisen die Lebensgeschichte der Informantin beeinflußt und gestaltet haben.

Schlußendlich stellt der zweite Schritt den Versuch einer biographischen Gesamtformung dar,

es wird „die lebensgeschichtliche Abfolge der erfahrungsdominanten Prozesßstrukturen in den einzelnen Lebensabschnitten bis hin zur gegenwärtig dominanten Prozeßstruktur herausgearbeitet.“ (Schütze, 1983, 286) Dabei sollen unter Hinzuziehung relevanter Kategorien wie zeitgeschichtlicher Umstände, sozialstruktureller Bedingungen, der Schul-sozialisation etc. Strukturaussagen analytisch abstrahiert und miteinander in Beziehung gesetzt werden. Der Sozialwissenschaft liegen bereits wissenschaftliche Ergebnisse aus empirischen Untersuchungen zu den Ursachen von Analphabetismus vor. Von den dort aufgestellten Thesen als heuristisches Arbeitsmittel ausgehend werden diese in Relation gesetzt zu den Ergebnissen der Analyse des hier vorliegenden Datenmaterials, um die bereits formulierten Thesen zur Entstehung von Analphabetismus (vgl. Drecoll, 51ff.) zu falsifizieren oder zu verifizieren.

1.3. Selbstkritik

Dieses Interview mit Frau Grau, deren Name wie üblich aus Gründen des Datenschutzes von mir geändert worden ist, ist für mich zugleich das zweite von mir durchgeführte. Aufgrund einiger Ungeübtheit haben sich methodische Fehler eingeschlichen, die bedauert werden. Mein Vorsatz, der Befragten im narrativen Teil das nahezu gesamte Sprechmonopol zuzugestehen, wurde nicht konsequent durchgehalten. So ist einzugestehen, dass ich des öfteren eigenmächtig in das Erzählgerüst der Informantin eingriff, indem ich neue Themenpotenziale vorzeitig vorgab. Wenn dies auch zum Teil aus einer Verlegenheit der Informantin und damit verbundenen längeren Sprechpausen entstand, so erweist sich dies für die Auswertung dennoch als nachteilig. Schütze benennt in diesem Zusammenhang Kommunikationsinterventionen des Interviewers. So unterscheidet er zwischen „einerseits inhaltlichen Reaktionen des Zuhörers, die innerhalb der thematischen Bereiche der vom Erzähler hervorgebrachten Redegegenstände liegen“ und „andererseits der Einbringung von Redegegenständen, die der Zuhörer ... eigenmächtig von sich aus und thematisch diskontinuierlich zur bisherigen Erzähldarstellung in den Kommunikationsablauf einbringt.“ Beide Formen fanden in dem durchgeführten Interview Anwendung, doch gerade „Die letzteren Interventionen können in datenermittelnden bzw. aufklärenden Erzählinstitutionen wie der des narrativen Interviews verheerende Folgen haben. Denn der Informant fühlt sich dann in der Regel bemüßigt, an die aus seiner Sicht im Vergleich zur eigenen Thematisie-rungslinie sehr viel wichtigeren fremdthematisierenden Fragen und Bemerkungen des Befragenden anzuknüpfen.“ (Schütze, 1987, 38) Diese gemachten Fehler sind im Interview selbst leicht erkennbar. Sie werden innerhalb der strukturellen Beschreibung angeführt, um einen Hinweis zu geben auf damit verbundene mögliche Abweichungen der Erzähllinie der Informantin und den sich daraus ergebenden Konsequenzen.

2. Einführende Bemerkungen

Den Kontakt zu meiner Informantin fand ich über die an der Städtischen Volkshochschule Magdeburg angebotenen Alphabetisierungskurse. Nach monatelangen Bemühungen, über die Administration, insbesondere die zuständigen Fachbereichsleiter, Zugang zu den Teilnehmern zu bekommen, durfte ich einer solchen Veranstaltung beiwohnen. Diese sehr heterogene Gruppe setzte aus weiblichen und männlichen Teilnehmern gleichermaßen zusammen und wies eine Verteilung des Alters von ca. 20 Jahren bis ca. 65 Jahren auf. Eine jüngere Teilnehmerin hatte eine unfallbedingte starke Geh- und Sprechbehinderung, eine weitere war afrikanischer Abstammung. Nachdem ich durch die Kursleiterin als Student der hiesigen Universität vorgestellt worden war, erörterte ich den ca. 15 Teilnehmern mein Interesse an den Biographien von Analphabeten, mit der Bitte, sich die Teilnahme an einem Interview zur eigenen Biographie zu überlegen. Meine spätere Informantin Frau Grau machte mir gegenüber sogleich einen offenen Eindruck und bekundete mir nach dem Kurs ihre Bereitschaft zu einem Interview. Etwa drei Wochen später nahm ich telefonischen Kontakt auf und vereinbarte einen Termin zur Erhebung des Interviews, nach Wunsch und beiderseitigem Einverständnis in ihrer häuslichen Umgebung.

3. Analyse

3.1. Strukturelle Beschreibung

Sequenz 1: Seiten II/1- IV/9 (Erklärung Zahlen: von Seite/Zeile bis Seite/Zeile)

Diese Einstiegssequenz ist geprägt durch eine anfängliche Verlegenheit meiner Informantin.

Meiner Aufforderung, etwas über ihre Lebensgeschichte zu erzählen, begegnet sie mit der Äußerung, dass dies nicht so einfach sei. Auch meine Frage nach ihrem Geburtstag scheint diese Verlegenheit nicht abstellen zu können, so dass ich nach ihrer Herkunft Schlesien frage, worüber mir sie im Vorgespräch bereits berichtet hatte. Dieser Erzählstimulus scheint geeignet, da Frau Grau ohne einführende Bemerkungen sofort mit Schilderungen über das Fluchtgeschehen zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Schlesien in das Interview einsteigt. So erzählt sie vom gescheiterten Versuch ihrer Herkunftsfamilie, mit einem Flüchtlingszug ins innerdeutsche Kernland zu gelangen:

Seite II:

29 G: Ja. Naja, wo se alle dann aufgeteilt wurden ja. Ja, da sollten denn ja die Transporte nach
30 Deutschland, und überall wurden se ja denn hinjebracht.
31 I: Mmmh.
32 G: Nun, unser Transport der war voll, da durften keine mehr rein. Der eine Bruder war
33 drinne, und wir viere mit Mutter standen draußen. Ja nu hat se erstmal versucht, den
34 wieder rauszuholen.

Seite III:

7: G. . da hat se versucht den
8 rauszukriegen da ham welche geholfen und durchs Fenster rausjegeben.
9 I: Mmmh.
10 G: Nun durften wer nich mit! Und da ham se denn die was jeblieben sind die ham se denn
11 in Polen verteilt, alles was polnisch nachher war.

Zum Zeitpunkt dieser Geschehnisse ist Frau Grau fünf Jahre alt. Es liegt die Schlußfolgerung nahe, dass dies die ersten Erinnerungen der Informantin sind. Ihre Erlebnisse sind sicherlich geprägt von existenziellen Ängsten als auch täglich erlebtem Grauen und Verlust, wenngleich sich diese Sequenz äußerlich durch ein Fehlen starker Gefühlsbetontheit bzw. Emotionalität auszeichnet und sich in dieser Hinsicht in alle weiteren Sequenzen einreiht. Als Ereignis- bzw. Handlungsträger werden die Mitglieder ihrer Herkunftsfamilie eingeführt: ihre Mutter - die sie des öfteren liebevoll „Mutti“ (vgl. IV/9) nennt - als auch ihre Geschwister. Diese bilden ihren personellen Bezugsrahmen, gleichwohl das kollektive Gedächtnis von persönlich Erlebtem. Offensichtlich ist das Nichterwähnen ihres Vaters in diesem Zusammenhang. Er wird erst in der siebten Sequenz als „im Kriech geblieben“ (vgl. XVIII/17) erwähnt. Die Intention dieser ersten Schilderungen der Informantin wird mit Blick auf den weiteren Verlauf deutlich. Die Familie gehört zu einem Teil der nach Kriegsende in Schlesien verbleibenden Deutschen, welche dort auf polnischen Gutshöfen verteilt werden. Entscheidend hinsichtlich des späteren Analphabetismus der Informantin ist ihre Äußerung über politische Restriktionen in der Nachkriegszeit, die ihr den regulären Schuleintritt im Alter von sieben Jahren verbieten:

Seite III/18-33:

18 G: . Und da wurden wir denn überall verteilt, uffe Güter und /
19 nich. Und da durften wer ja denn ebend erste Jahre nich zur Schule, ja, die Deutschen
20 durften inne polnische nich (4)
21 I: Das war dann sieben-n-vierzig? Müßten Sie praktisch inne
22 Schule jekomm sein, ja?
23 G: Ja, und da durften wer ja nich.
24 I: Gar nich. Da durfte gar kein
25 Deutscher in die Schule?!
26 G: Gar kein Deutscher inne polnische Schule.
27 I: Und deutsche Schulen
28 gabs nich?
29 G: Da gabs ja keine deutschen Schulen. Naja, nachher, die Jungs, wo se nachher
30 zwölfe vierzehn warn da mußten se ja arbeiten, die Geschwister, ja.
31 I: Mmmh. Und da
32 mußten Sie sicherlich auch irgendwie mithelfen?!
33 G: Naja mußten wer alle, nich. .

Diese Äußerungen erklären dem Interviewer erste Ursachen des sich später abzeichnenden Analphabetismus und dienen der Informantin darüber hinaus als Plausibilisierung. Sie verdeutlichen Frau Graus Problembewußtsein über die Äußerlichkeit, ja Schicksalhaftigkeit eben dieser Umstände, die nicht nur ihr, sondern einer ganzen Alterskohorte (Generation) den Schulbesuch versagen, indem sie mit Nachdruck wiederholt: III/23: „Ja, und da durften wir ja nich!“ Weiterhin machen die Aussagen deutlich, dass diese fehlende Möglichkeit erster normativer institutionalisierter Handlungsabläufe im Bildungsbereich fremdausgelöst und ein sich später einstellendes Defizit in ihrer Schreib- und Lesekompetenz daher nicht einem mangelnden Willen oder gar fehlendem Intellekt der Informantin geschuldet ist. Die sich anschließenden Schilderungen stützen diese Situationsdefinition von kollektivem Schicksal. Eine mögliche private Vermittlung von Lese- und Schreibkenntnissen, sei es innerhalb der eigenen Herkunftsfamilie oder durch Bekannte bzw. Nachbarn als informelle Netzwerke, scheidet aus mehreren Gründen aus. Zum einen sind die in Schlesien verbliebenen Deutschen nicht unmittelbar benachbart, sondern – wahrscheinlich auch enteignet und bei der polnischen Bevölkerung untergebracht – „überall verteilt, uffe Güter und / nich.“ (III/18f.) Zum anderen sind sie alle in tägliche landwirtschaftliche und häusliche Arbeiten eingebunden, so auch die Informantin und deren Familienmitglieder. Aus diesen fremdausgelösten Abweichungen von normativen Entwicklungsmöglichkeiten erwächst der Informantin sehr früh ein negatives Verlaufskurvenpotential, das sich trotz einer teilweisen Aufhebung des Schulverbotes für deutsche Kinder in Schlesien fortsetzt:

Seiten III/33-IV/6:

33: G: Und wo ich nachher durfte, zur Schule
1 gehen da, da bin ich ein Jahr inne polnische jegangen.
2 I: Auch mit deutschen Kindern?
3 G: Auch
4 ja, alle Kinder, inne polnische eben. Durftest de denn bloß polnisch lernen. Nu ein Jahr
5 bin ich jegangen. Denn war ich krank ein Jahr, und nachher mußt ich arbeiten mit zwölfe
6 dreizehn. Da gings ja denn nich mehr. (4)

Erstens erfährt das Erlernen der Schriftsprache eine wesentliche Einschränkung dadurch, dass sie bei ihrem späteren Schulbesuch in Schlesien „bloß polnisch lernen“ (IV/4) darf. Dabei begreift sie sich als Teil ihrer peer-group, welche als LeidensgenossInnen fungieren. Sie signalisert dies dem Interviewer letztlich auch durch Verwendung der 2. Person „du“ (vgl. ebd.), womit sie möglicherweise nicht nur emotionale Nähe zum Interviewer herzustellen versucht, sondern in dessen Perlukotion auch eine theoretische Rollenübernahme der Informantin selbst zu intendieren scheint. Zugleich verbirgt sich hinter dieser Operationalisierung auch „die Anstrengung des Erzählers als ehemaligen Ereignis- oder gar Geschichtenträger, den Ereignissen und Erlebnissen die Erkenntnis allgemeiner und charakteristisch-besonderer Merkmale und Zusammenhänge abzuringen.“ (Schütze, 1987, 191)

Zweitens nennt Frau Grau eine längere Krankheitsphase von einem Jahr, die ihr einen weiteren Schulbesuch unmöglich macht. Umstände oder Verlauf dieser Krankheit werden nicht näher ausgeführt, ihre Erwähnung in diesem Zusammenhang stellt lediglich eine weitere Erklärung über die Entstehung des Analphabetismus` der Informantin dar, und zwar dadurch, dass sie indirekt äußert, das im ersten Schuljahr erworbene Wissen, gerade Hinblick auf Schreib- und Lesekenntnisse, nicht ausgebaut und gefestigt haben zu können. Drittens verhindert ihre schon angedeutete Einbindung in Arbeitsverpflichtungen nach Überwindung der Krankheit eine Wiederaufnahme des Schulbesuches. Die Charakterisierung dieser Arbeit als Verpflichtung drückt sich schlußendlich in ihre Äußerung: „Da gabs denn nix, und da sind wer denn immer arbeiten jegangen“ (IV/8f.), bevor die Informatin zu einer weiteren Erzählepisode übergeht, die sich mir als zweite Sequenz darstellt.

Sequenz 2: Seiten IV/9 – V/22

In dieser Sequenz kommen drei Sinneinheiten zum Tragen: erstens die Bemühungen der Mutter, samt ihren Kindern nach Deutschland umzusiedeln, zweitens die Arbeit der Informantin nach Ankunft in der DDR und drittens das Kennenlernen ihres späteren Ehemannes. Doch zunächst zur ersten Sinneinheit. Den Einstieg beginnt Frau Grau mit einem Konstruktionsabbruch:

Seite IV:

9: G: und denn ham se denn immer / Mutti hat denn immer versucht
10 eben zu finden, die hatte ja noch Geschwister ja.
11 I: Mmmh.
12 G: Und einer war drüben, n
13 Schwarer, von mein Vati der Bruder, und ihr Bruder war hier in Q-Dorf, und da hatten
14 wirs rausjekricht beim Roten Kreuz, gabs ja damals auch schon hier, in Polen auch, Rote
15 Kreuz, und da ham mer uns da erkundigt meine Mutti, und da hat ses rausjekricht, und da
16 wurde dann erstmal Brief, ja.
17 I: Mmmh.
18 G: Briefkontakt, aber er hatte hier auch keine / früher
19 gabs ja auch nich so Wohnungen wie sie wollten nich, gabs ja auch nich.

Unklar bleiben Inhalt und Absicht dieser selbst-unterbrochenen Äußerung. Es kann jedoch angenommen werden, dass die Wohn- und Lebensverhältnisse der gesamten Familie der Informantin auf einem polnischen Gut unzureichend waren und dass die einzelnen Familienmitglieder gegebenenfalls sogar Repressalien seitens der polnischen Besitzer ausgesetzt waren und daher der Wunsch nach einer eigenen Wohnung, zumindest jedoch nach einer Unterbringung bei deutschen Bekannten oder gar Verwandten in Schlesien, größer wurde. So schildert Frau Grau die erfolgreichen Bemühungen ihrer Mutter um Kontaktaufnahme zu Angehörigen in Deutschland. Die ebenfalls abgebrochene Aussage über Bemühungen eines Onkels der Informantin, deren Familie zu helfen, stützt diese Annahme: „Briefkontakt, aber er hatte hier auch keine / “ (IV/18). Das Wort „Wohnung“ fällt zwar im nächsten Satz als eingebettete Erklärung der damaligen sozialen Verhältnisse an den Interviewer, würde aber den vorherigen Satz sinnvoll abschließen, weshalb davon ausgegangen werden kann, dass es sich im grammatischen Sinne um eine Art überspannter Ellipse handelt, resultierend aus einem immanenten „Überschlagen“ erinnerter Wirklichkeit der Informantin. Weiterhin führt Frau Grau aus:

Seiten IVf.:

24 G: Das muss so Fünfziger, fünfzig, fünfundfünfzig / hat se erste Mal Kontakt jehabt.
25 Fünfundfünfzig. Ja und er hat ja so schnell wie möglich hat er alles besorgt nich. Hat er
26 ne Wohnung da in Q-Dorf. Und Papiere, musste ja auch alles fertig jemacht werden. Ne
27 und denn hatten se uns das jeschickt, ja, hatte der das jeschickt, und der von drüben vom
28 Westen hatte nachher ne Woche später jeschickt.
29 I: Aaah ! Und, eh da hatten Sie sich
30 dann schon entschieden!
31 G: Ja, wir mußten ja schnell Entscheidung treffen nich. Da hat Mutti
32 jesacht, naja, denn fahrn wer nach, ehm in die DDR.
33 I: Mmmh.
1 G: Naja. Was blieb uns über nich?
2 I: Hat se sich denn später mal geärgert?
3 G: Naja, geärgert kann
4 man nich saren weil man ja nich wußte och nich, nich, was da drüben is wußten se ja och
5 nich. Das kann man jetzt sagen, dass es da besser war, nich, nach die Wende, da kann
6 man denn erst sagen. Nich, wenn es da wär denn wärs vielleicht ganz anders jekomm.
7 Irgendwie. Nun sind wir leider in der DDR gelandet, naja, nun warn wer da. Und denn
8 rüber erstmal, wieder mit n Zuch, ohne irgendetwas. Hatten se ja bloß des Zeuch was se
9 am Leibe auch hatten, so Möbel konnten se ja nich mitbringen, hatten se ja nich das Geld
10 dazu, es das se denn noch den Transport oder das Auto bezahlen für die Möbel.
11 I: Mmmh.
12 G: Naja, hatte erstmal mein Onkel jeschrieben, kommt man erstmal, wir werden schon
13 sehen, ja.

Das Ergebnis dieser Bemühungen ist ein Umzug der (Rest-) Familie in das Grenzgebiet zwischen Ost- und Westdeutschland auf Seite der DDR. Als weiteres Schicksal kann die Äußerung der Informantin betrachtet werden, dass die „Einladung“ eines weiteren Angehörigen aus dem Westen Deutschlands „nachher ne Woche später“ (IV/28 ) eintraf, nachdem die Entscheidung zugunsten einer Umsiedelung in die DDR bereits gefallen war, und dies mit der sich anschließenden rhetorischen Frage der Informantin: „Naja. Was blieb uns über nich?“ (V/1) Diese impliziert eine nachgeschobene negative Bewertung der Umsiedlung in die DDR in Relation zur verpaßten Chance einer verspätet angebotenen Umsiedlung nach Westdeutschland. Leider stelle ich als Interviewer anschließend anstatt einer offenen Frage, wenn in diesem Teil des Interviews bereits überhaupt sinnvoll, eine geschlossene, um eine Ergebnissicherung zu initiieren. Damit gebe ich der Bewertung durch die Informantin durch das von mir vorgegebene Potenzial allerdings eine bestimmte indizierte Richtung, was Neutralität verhindert und daher im narrativen Interview zu vermeiden ist, da es den Charakter einer offenen, spontanen Stegreiferzählung schmählert.

In Beantwortung der Frage des Interviewers nach einem ärgerlichem Bedauern der Mutter verneint Frau Grau dies zunächst mit dem Hinweis darauf, nicht gewußt zu haben, „was da drüben is“ (V/4) und einer – auf sie selbst bezogenen - retrospektiven allgemeinen Einschätzung über bessere Verhältnisse im Westen Deutschlands. Diesem – wahrscheinlich erst durch den Interviewer induzierten - Problembewußtsein verleiht Frau Grau Ausdruck, indem sie ergebnissichernd feststellt: „Nun sind wir leider in der DDR gelandet“ (V/7) Dennoch liegt die Vermutung nahe, dass sie das Verbleiben in der DDR grundsätzlich nicht als negativ betrachtet, da sie diese Bewertung eher spontan und unkalkuliert äußert. Weiterhin kann aufgrund der Vagheit ihres Kommentars, dass es im Westen Deutschlands vielleicht ganz anders gekommen wäre (vgl. V/6), angenommen werden, dass ein permanentes Problem-bewußtsein mit Gefühlen der Benachteiligung gerade hinsichtlich eines vermuteten besseren zweiten Bildungssektors in der BRD mit der Chance auf rechtzeitigere Alphabetisierung sehr wahrscheinlich nicht bestanden hat. Deshalb kann hier ein Verlaufskurvenpotentail ausgeschlossen werden, das aus einer derartigen Deutung durch den Biographieträger hätte entstehen können. Vielmehr werden die Prozesstrukturen von den schwierigen Umständen des Neuanfangs in der DDR dominiert und charakterisiert.

Sequenz 3: Seiten V/23 – VI/3

In dieser Sequenz führt die Informantin ihren späteren Mann erstmals im Interview ein, um in einer Hintergrundkonstruktion zu erläutern, dass sie den bis dahin in der LPG erarbeiteten Lohn anscheindend deshalb zurückzahlen musste, weil sie ihren Arbeitsvertrag vorzeitig beendete, um mit ihrem Mann nach X-Stadt zu ziehen. Die in Konstruktionsabbrüchen geschilderte Darstellung:

Seite VI:

1 G: Ja! Naja die ham jesacht die ham uns jegeben, aber nu habe ich ja nich einjehalten,
2 vielleicht fünf Jahre. Früher ma / man war ja eben nich / nich. Man hat jedacht naja /
3 denn war de Grenze da. (6)

drückt eine große Verärgerung und Ohnmacht darüber aus, nicht um den eigenen Arbeitslohn gekämpft zu haben. Hinter dieser Äußerung verbirgt sich möglicherweise ein Gefühl generell empfundener Ohnmacht der Informantin in bürokratischen und Rechtsfragen, die letztendlich auch dem Analphabetismus geschuldet ist. Hinweise darauf finden sich im Geäußerten selbst. Indem sie sagt: „die ham jesacht“ und weiterhin „vielleicht fünf Jahre.“ (vgl. ebd.), offenbart die Informantin dem Interviewer, dass sie sehr wahrscheinlich kein Wissen über den exakten Inhalt ihres Arbeitsvertrages – bezüglich Dauer und Sanktionen bei vorzeitigem Ausscheiden - hatte. Es folgt ein Konstruktionsabbruch: „man war ja eben nich / nich. Man hat jedacht naja / ...“ (vgl. ebd.), der zum einen deutlich ein Schamgefühl, eine Verlegenheit der Informantin signalisiert, zum anderen aufgrund des Unausgesprochenen interpretative Freiräume läßt. In eigener Fortsetzung der unvollständigen Äußerungen kann etwas stehen wie: „Man war ja eben nich / ...“ - `belesen` oder `gebildet genug, um angemessen Widerspruch hätte anzumelden können`. „Man hat jedacht naja“ könnte fortgesetzt werden mit `das scheint zwar nicht ganz mit rechten Dingen zuzugehen, aber ich war ja machtlos` bzw. vergleichbarem Inhalt.

Der Gebrauch des Generalisierungsoperators „man“ verdeutlicht zusammen mit dem Gebrauch des Perfekts „war“ eine Distanzschaffung bezüglich der Selbstwahrnehmung der Informantin zum Zeitpunkt des Interviews im Verhältnis zu erinnerten Selbstwahrnehmung der jungen 18-jährigen Frau Grau als Analphabetin. Indem die Informantin diese Episode benutzt, um das Kennenlernen ihres späteren Ehemannes chronologisch in die Handlungsabläufe einzubetten, verdeutlicht sie zugleich implizit weitere negative Auswirkungen des Analphabetismus` auf wichtige normative Handlungs-kompetenzen. Die näheren Umstände, die sie veranlaßten, das selbst verdiente Geld zurück-zahlen zu müssen, bleiben im weiteren Verlauf des Interviews ungeklärt. Dennoch kann angenommen werden, dass die Rückzahlung entgegen ihrem Gerechtigkeitssinn, doch in Ermangelung besseren Wissens im Sinne eines Argumentationspotenzials geschah. Vermutlich werden Selbstvorwürfe und Selbstzweifel sie in dem einen oder anderen Moment bestimmt haben.

Sequenz 4: VI/4 – VII/18

Diese vierte Sequenz kann als fremdinitiierte eingebettete Hintergrundkonstruktion verstanden werden. Aufgrund einer längeren Erzählpause der Informantin am Ende der dritten Sequenz, die - wie plausibel anzunehmen ist - einem Schamgefühl geschuldet ist, gebe ich als Interviewer nun ein weiteres Themen-potential vor, das sich inhaltlich anschließt, indem es auf ihren Ehemann verweist. Mit Hilfe einer maximalkondensierten Personenidentifikation wird dieser als – von Beruf – „Grenzer“ beschrieben, um den Wohnortwechsel der Informantin von Q-Dorf nach X-Stadt zu plausibilisieren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Analphabetismus. Ursachen, Bewältigungsstrategien und Fallstudie anhand eines narrativen autobiographischen Interviews
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Soziologie)
Veranstaltung
Angewandte Qualitative Sozialforschung - Forschungswerkstatt
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
57
Katalognummer
V55167
ISBN (eBook)
9783638501958
ISBN (Buch)
9783656787488
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Hausarbeit wurde nach Benotung durch den Dozenten von mir entsprechend korrigiert. Neben der eigentlichen Arbeit - der Analyse eines Interviews mit einer ehemaligen Analphabetin - befindet sich im Anhang die vollständige Transkription des Interviews/Datenmaterials.
Schlagworte
Analphabetismus, Ursachen, Bewältigungsstrategien, Fallstudie, Interviews, Angewandte, Qualitative, Sozialforschung, Forschungswerkstatt
Arbeit zitieren
Dennis Hippler (Autor:in), 2005, Analphabetismus. Ursachen, Bewältigungsstrategien und Fallstudie anhand eines narrativen autobiographischen Interviews, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55167

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