Mein Forschungsinteresse richtet sich dabei primär auf die Ursachen von Analphabetismus sowie alltägliche Handlungsstrategien und Bewältigungsmuster der Betroffenen. Denn als `Outsider` kam mir der Analphabetismus von erwachsenen Menschen in unserer „Wissensgesellschaft“ sehr fremd vor.
Im Rahmen meines Soziologie-Studiums besuchte ich zwei Semester lang die am Institut für Soziologie angebotene „Forschungswerkstatt qualitative Sozialforschung“, um Kenntnisse im Bereich der Erfassung und Auswertung narrativer Interviews zu erlangen. Während dieser Zeit entwickelte ich ein persönliches Interesse am Phänomen des Analphabetismus, das wider eigenen Erwartens in Deutschland selbst heutzutage noch stark ausgeprägt zu sein scheint. „Nach Schätzungen des Deutschen UNESCO-Institutes sind zwischen 0,75 und 3% der erwachsenen deutschen Bevölkerung in der Bundesrepublik funktionale Analphabeten.“ (Städtische Volkshochschule Magdeburg, S. 6)
Diese Zahlen erstaunten mich so sehr, dass ich beschloss, Kontakt mit Analphabeten aufzunehmen, um Bereitwillige unter ihnen zu interviewen. Über die Städtische Volkshochschule, welche seit 1993 zahlreiche Alphabetisierungskurse durchführt, fand ich Zugang zu einer sehr heterogenen Gruppe von etwa 15 Teilnehmern, von denen sich letztlich zwei bereiterklärten, mir in jeweils einem Interview ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Eines der beiden geführten Interviews fand nach langer Recherche- und Motivationsarbeit mit einer Seniorin im Januar 2004 statt, es bildet die Grundlage dieser Hausarbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Forschungsinteresse
1.2. Methode
1.3. Selbstkritik
2. Einführende Bemerkungen
3. Analyse
3.1. Strukturelle Beschreibung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Ursachen von funktionalem Analphabetismus sowie die alltäglichen Bewältigungsstrategien der betroffenen Person im Kontext ihrer Lebensgeschichte. Ziel ist es, durch die Analyse eines narrativen autobiographischen Interviews ein tieferes Verständnis für die Erleidensprozesse und die lebensweltliche Integration von Analphabeten in einer modernen Wissensgesellschaft zu entwickeln.
- Biographische Ursachenanalyse von Analphabetismus
- Alltägliche Handlungsstrategien und Bewältigungsmuster
- Einfluss soziostruktureller Bedingungen und Migration
- Rolle von familiären und informellen Netzwerken
- Transformation von Selbstbildern durch Alphabetisierung
Auszug aus dem Buch
3.1. Strukturelle Beschreibung
Sequenz 1: Seiten II/1- IV/9 (Erklärung Zahlen: von Seite/Zeile bis Seite/Zeile)
Diese Einstiegssequenz ist geprägt durch eine anfängliche Verlegenheit meiner Informantin. Meiner Aufforderung, etwas über ihre Lebensgeschichte zu erzählen, begegnet sie mit der Äußerung, dass dies nicht so einfach sei. Auch meine Frage nach ihrem Geburtstag scheint diese Verlegenheit nicht abstellen zu können, so dass ich nach ihrer Herkunft Schlesien frage, worüber mir sie im Vorgespräch bereits berichtet hatte. Dieser Erzählstimulus scheint geeignet, da Frau Grau ohne einführende Bemerkungen sofort mit Schilderungen über das Fluchtgeschehen zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Schlesien in das Interview einsteigt. So erzählt sie vom gescheiterten Versuch ihrer Herkunftsfamilie, mit einem Flüchtlingszug ins innerdeutsche Kernland zu gelangen:
Seite II:
29 G: Ja. Naja, wo se alle dann aufgeteilt wurden ja. Ja, da sollten denn ja die Transporte nach 30 Deutschland, und überall wurden se ja denn hinjebracht.
31 I: Mmmh.
32 G: Nun, unser Transport der war voll, da durften keine mehr rein. Der eine Bruder war 33 drinne, und wir viere mit Mutter standen draußen. Ja nu hat se erstmal versucht, den 34 wieder rauszuholen.
Seite III:
7: G. ..... da hat se versucht den 8 rauszukriegen da ham welche geholfen und durchs Fenster rausjegeben.
9 I: Mmmh.
10 G: Nun durften wer nich mit! Und da ham se denn die was jeblieben sind die ham se denn 11 in Polen verteilt, alles was polnisch nachher war.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Das Kapitel stellt das Forschungsinteresse des Autors dar, welches durch die Konfrontation mit der Problematik des funktionalen Analphabetismus während des Soziologie-Studiums entstand.
1.1. Forschungsinteresse: Hier wird der Zugang zur Informantin über Alphabetisierungskurse beschrieben und die Motivation zur Untersuchung der Ursachen und Bewältigungsstrategien erläutert.
1.2. Methode: Der Autor erläutert den Einsatz des autobiographischen narrativen Interviews nach Fritz Schütze als geeignetes Instrument zur Rekonstruktion biographischer Prozesse.
1.3. Selbstkritik: Es werden methodische Fehler bei der Interviewführung reflektiert, insbesondere das unbewusste Eingreifen des Interviewers in das Erzählgerüst.
2. Einführende Bemerkungen: Dieses Kapitel gibt einen Einblick in den Kontaktaufnahmeprozess zur Informantin und die Rahmenbedingungen der Interviewsituation.
3. Analyse: Im Hauptteil wird das Interview analysiert, um die Entstehungsbedingungen des Analphabetismus und die alltägliche Lebensführung der Informantin darzustellen.
3.1. Strukturelle Beschreibung: Dieser Abschnitt unterteilt das Interview in Sequenzen und analysiert diese im Hinblick auf biographische Wendepunkte und Bewältigungsstrategien.
Schlüsselwörter
Analphabetismus, Narratives Interview, Biographieforschung, Bewältigungsstrategien, DDR, Schlesien, Migration, funktionale Analphabeten, Alltag, Sozialisation, Identität, Bildung, Arbeitswelt, Handlungsfähigkeit, Scham
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse eines narrativen autobiographischen Interviews einer Person mit funktionalem Analphabetismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entstehungsursachen des Analphabetismus im Kontext von Krieg, Vertreibung und Migration sowie die Bewältigung des Alltags durch die Betroffene.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die lebensgeschichtlichen Hintergründe der Informantin zu rekonstruieren und zu verstehen, wie sie trotz ihres Handycaps Bewältigungsstrategien im beruflichen und privaten Bereich entwickelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt das autobiographische narrative Interview nach Fritz Schütze zur Datenerhebung und führt eine sequenzielle Analyse des Materials durch.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden verschiedene Erzählsequenzen der Informantin detailliert analysiert, von der Kindheit in Schlesien über die Umsiedlung in die DDR bis hin zur späten Alphabetisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Analphabetismus, Biographieforschung, Bewältigungsstrategien, Migration und soziale Identität.
Wie bewertet die Informantin ihre Schullaufbahn?
Die Informantin sieht den mangelnden Schulbesuch als schicksalhaft an, bedingt durch politische Restriktionen, Krieg und die Notwendigkeit, frühzeitig zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen.
Welche Rolle spielt der Ehemann bei der Bewältigung des Alltags?
Der Ehemann agiert bis zu seinem Tod als zentraler Unterstützer und "informeller Vormund", der die Informantin bei Behördengängen und schriftlichen Aufgaben entlastet.
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- Dennis Hippler (Author), 2005, Analphabetismus. Ursachen, Bewältigungsstrategien und Fallstudie anhand eines narrativen autobiographischen Interviews, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55167