Die "Säulen des Tempels" in spätmittelalterlichen Chroniken der Stadt Metz


Essay, 2006

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Die Autoren, ihre Zeiten und ihre Werke: Der Untersuchungsgegenstand

II. Die Kurfürsten: Die Rolle in den Quellen

III. Gewichtungen und Gewicht: Art und Intention der Darstellungen

IV. Literatur

I. Die Autoren, ihre Zeiten und ihre Werke: Der Untersuchungsgegenstand

Seit Kaiser Karl IV. Mitte des 14. Jahrhunderts zum endgültigen Abschluss der Verhandlungen zur Goldenen Bulle die Stadt Metz besucht hatte, beschäftigten sich die spätmittelalterlichen Chroniken der Metzer Historiographie immer wieder mit diesem Ereignis. Die Antworten auf die Frage, wie in diesen Quellen die damaligen Akteure dargestellt werden, ist für die Einschätzung der Perspektive bestimmter sozialer Gruppen auf die Herrschaftsstrukturen des Alten Reiches von besonderer Relevanz.

Diese Frage an die Perspektive der Chronisten wird auf die Rolle der Kurfürsten in den Schilderungen über den Besuch Kaiser Karls IV. in der Stadt Metz (1355/56) focussiert. Für die vorliegende Arbeit sind daher Auszüge dreier spätmittelalterlicher Chroniken von Metz ausgewählt worden, obwohl es durchaus weitere vergleichbare Quellen[1] gibt: Zunächst sei ein Ausschnitt von „Les coroniques parlans de l’empereur Hanrey cuien de Luxembourg et de sa descendue“[2] von Jaique Dex und seinem Sohn vorgestellt, die wahrscheinlich zwischen 1434 und 1438 entstanden. Diese Kompilation besteht aus drei Teilen, von denen der erste den Zug Heinrichs VII. nach Rom beschreibt,[3] und der zweite Abschnitt durch Lieder und Gedichte den 4-Herren-Krieg illustriert.[4] Der anschließende Prosateil gibt die hier eigentlich interessierende Chronik über eine Periode von 1308-1437 wieder.

Letztere Darstellung beruht auf schriftlichen und mündlichen Quellen sowie eigenen Erlebnissen, deren französischsprachige Schilderung unter dem historischen Einfluss der Ablösung des „pays-entre-deux“ (Lothringen) vom Heiligen Römischen Reich Dt. Nat. unter Kaiser Siegmund stand. In der Perspektive eines vermögenden Patriziers, dessen Familie jedoch erst wenige Generationen in Metz ansässig ist, steht er für ein aufstrebendes, junges Bürgertum der Stadt. Seine Rolle als Gesandter an den Hof Kaiser Siegmunds des Frommen lässt die Intention des Autors dieser als Geschenk und Schmeichelschrift für den Kaiser gedachten Metzer Chronik daher zusätzlich in einer Form von Selbstlegitimation vermuten.

Der Kaiser hat im Verständnis dieser Chronik sowohl die weltliche als auch die geistliche Macht inne, wird zu seiner Würde selbstverständlich gewählt und nimmt zweifelsohne auch die kaiserlichen Reservatsrechte wahr. Über Karl IV. stellt der Autor die weltliche Seite als glanzvoll, seine geistliche Verantwortung allerdings als geprägt von Schwächen dar. Eine solche Darstellung könnte darin begründet sein, dem religiösen Kaiser, zu dessen Hof Jaique Dex entsandt war, besonders zu gefallen. Zudem wird der Leserkreis seiner Chronik auch im Metzer Stadtbürgertum zu finden sein.

Für eine weitere Perspektive steht Philippe de Vigneulles,[5] der seine Chronik zwischen 1500 und 1528 verfasst haben dürfte und erfolgreicher Kaufmann in Metz war. Er verfolgt in erster Linie die Absicht, eine Stadtchronik mit Eindrücken der französischen Geschichte zu schreiben. Die Chronik des Vigneulles ist französischsprachig und eher für ein weltliches, breites Publikum verfasst, in dem man Metzer Stadtbürger vermuten könnte. Die hier zu untersuchenden Beschreibungen des kaiserlichen Besuches in Metz von 1355/56 sind in eine volkssprachliche Welt- und Stadtchronik der Geschichte von der Welterschaffung bis 1525 eingebettet. Philippe de Vigneulles bediente sich bei den Inhalten der etwa hundert Jahre zuvor verfassten Chronik von St. Thiébault (St. Theobald) und schöpfte für die spätere Zeit aus Metzer Quellen mündlicher und schriftlicher Überlieferung.

Die besagte „Chroniques, ou Annales du Doyen de S. Thiébaut de Metz“[6] wurde zwischen den Jahren 1429 und 1445 in Metz von einem mit Namen nicht bekannten Dekan des Metzer Stifts St. Theobald der Priorie Saint Supplice geführt. Sie behandelt in der Mischung aus einer Sammlung von Urkunden (Chartular) und einer Stadtchronik die Geschichte von Metz zwischen den Jahren 1229 und 1445. Dabei beginnt die Chronik mit einer Liste von Schöffen von Metz, fügt einige knapp gehaltene Verträge bei und erhöht im weiteren Verlauf zunehmend den Detailgrad ihrer Inhalte. Ob der Beginn der Niederschrift von 1429 und die Aufnahme der historischen Inhalte mit dem Jahr 1229 zusammenhängen, kann nur vermutet werden.

Interessant wäre für die Einschätzung der Intention des Autors, ob die Wahl des Jahres 1229 mit in den 1220er Jahren bestehenden Streitigkeiten zwischen dem Grafen von Bar, dem Herzog von Ober-Lothringen und dem Hause Champagne in der Grafschaft Metz zusammenhängt, die sowohl Metz als auch die geistlichen Einrichtungen der Region stark vereinnahmten und beeinflussten.[7] Denn die Grafschaft Metz sollte in den 1220er Jahren vom Grafen der Champagne übernommen werden, wogegen 1221 ein Bürgervertrag der Metzer mit Herzog Matthaeus II. von Lothringen geschlossen wurde. Der 1229 am Krieg gegen den Grafen von Bar beteiligte Graf Theobald von der Champagne stand im Bündnis mit Mathaeus. Dennoch standen ihnen sowohl der Bischof von Metz wie auch die Stadt Metz militärisch zur Seite. Zur Festigung des Bündnisses wurden am 22. Oktober 1229 Enge Verträge unterzeichnet. Die Namensähnlichkeit zwischen dem Grafen und dem Metzer Stift sowie der gewählte Beginn der Chronik lassen weitere Nachforschungen diesbezüglich als ertragreich vermuten. Im Laufe seiner Herrschaft in Lothringen musste Mathaeus II. gegenüber der Geistlichkeit zunehmend Verpflichtungen eingehen. Nicht zuletzt wäre daher die Beziehung zum Jahr 1429 eine interessante weiterführende Frage. Eine tiefergehende Betrachtung kann allerdings im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden.

Die Chronik ist wohl vorwiegend für die Metzer Stiftskanoniker selbst geschrieben worden und hebt daher bezüglich der Anwesenheit Karls IV. in Metz die Bedeutsamkeit der Kirche hervor. Vorlagen für seine Niederschrift findet der Chronist in drei älteren Schriften von R.R.P.P. Tiercelins von Nancy, einem M. Guichard aus Metz und der Chronik eines Celestiner-Vaters, eines Bettelordens, über Metz. Dabei handelt es sich um drei sehr ähnliche Chroniken, deren nähere Beziehungen zueinander noch nicht geklärt sind. Mündliche Überlieferungen stellen gewiss ebenfalls eine Grundlage für die Quelle dar

[...]


[1] So werden hier „La Chronique de Metz de Jacomin Husson“ vom Anfang des 16. Jahrhunderts (vor 1525) und „La Chronique dite de Praillon“, zwischen 1540 und 1550 entstanden, ausgeklammert.

[2] Wolfram, Georg (Hg.): Die Metzer Chronik des Jaique Dex (Jacques D’Esch) über die Kaiser und Könige aus dem Luxemburger Hause, Metz 1906; S. 302-308, 309-312.

[3] aus der Sicht seines Begleiters Simon de Maville

[4] Jaique Dex entnahm diese einer Sammlung seiner Frau.

[5] In der Edition von Bruneau, Charles (Ed.): La chronique de Philippe Vigneulles, Bd. 2, Metz 1929; S. 36-38.

[6] Hier die Ausgabe bei Calmet, Augustin: Chroniques, ou Annales du Doyen de S. Thiébaut de Metz, in: Ders. (Ed.): Histoire de Lorraine qui comprend ce qui s’est passé de plus memorable dans l’Archevêche de Trèves, & dans les Evêches de Metz, Toul et Verdun, depuis l’entrée de Jules César dans les Gaules, jusqu’ á la Cession de la Lorraine, arrivée en 1737 inclusivement, Bd. 5, Nancy 1752 ; Sp. V-CXVI.

[7] Mohr, Walter: Geschichte des Herzogtums Lothringen, Saarbrücken 1979; Bd. 3, S. 55-75. Auch online unter: http://www.genealogie-mittelalter.de/lothringen/matthaeus_2_herzog_von_lothringen_1251_chatenois/mohr.html [Stand: 19.01.2006].

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die "Säulen des Tempels" in spätmittelalterlichen Chroniken der Stadt Metz
Hochschule
Universität Hamburg  (Historisches Seminar - Arbeitsbereich Mittelalter)
Veranstaltung
Die historiographische Rezeption der "Goldenen Bulle von 1356"
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
11
Katalognummer
V55268
ISBN (eBook)
9783638502672
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Quellen-Arbeit untersucht die Frage, mit welcher Perspektive die spätmittelalterlichen Chroniken der Gegend von Metz die deutschen Reichsstrukturen des Hlg. Röm. Reiches wahrnahmen - insbesondere die Rolle der Kurfürsten. Auszug aus der Bewertung: "Ihre Ausarbeitung stellt gekonnt wesentliche Beobachtungen zusammen, die zu der These führen, dass die Schilderungen den Publikumsinteressen angepasst worden seien. [...] Eine Benotung im noch sehr guten Bereich (1,3) erscheint angemessen."
Schlagworte
Säulen, Tempels, Chroniken, Stadt, Metz, Darstellung, Kurfürsten, Heiligen, Römischen, Reiches, Berichten, Chroniken, Jahrhunderts, Besuch, Kaiser, Karls, Metz, Rezeption, Goldenen, Bulle
Arbeit zitieren
Nico Nolden (Autor), 2006, Die "Säulen des Tempels" in spätmittelalterlichen Chroniken der Stadt Metz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55268

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die "Säulen des Tempels" in spätmittelalterlichen Chroniken der Stadt Metz



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden