Bewegte Grundschule als Antwort auf die veränderte Kindheit


Examensarbeit, 2005
122 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. I. Veränderte Kindheit
I.1.1 Historische Entwicklung von Kindheit
I.1.2 Familiäre Veränderungen
I.1.3 Veränderte Freizeit
I.1.4 Medienkonsum
I.1.5 Veränderte Umgebung
II. Folgen der veränderten Kindheit und Gründe für eine Bewegte Grundschule
II.1.1 Konzentrationsmangel und Lernschwierigkeiten
II.1.2 Gesundheitsschwächen
II.1.2.1 Haltungsschwächen
II.1.2.2 Übergewicht und Adipositas (Fettsucht)
II.1.2.3 Ausdauerschwäche
II.1.3 Wahrnehmungsschwierigkeiten
II.1.3.1 Störung der Sinneswahrnehmung
II.1.3.2 Körperwahrnehmungsstörungen
II.1.3.3 Störungen der Umweltwahrnehmung
III. Bewegte Schule
III.1 Bewegte Schule (Urs Illi)
III.1.1 Kritikpunkte
III.2 Bewegungsfreudige Schule (Heinz Aschebrock)
III.2.1 Kritikpunkte
III.3 Bewegungsfreundliche Schule (Reiner Hildebrandt-
Stramann)
III.3.1 Kritikpunkte
III.4 Bewegte Schule (Rüdiger Klupsch-Sahlmann)
III.4.1 Kritikpunkte
III.5 Bewegte Schulkultur (Ralf Laging)
III.5.1 Kritikpunkte
IV. Die Bewegte Schule in der Praxis
IV.1 Das bewegte Schulleben
IV.2 Die bewegten Pausen
IV.3 Der bewegte Unterricht
IV.4 Der Sportunterricht

C. Vorstellung einer Bewegten Grundschule
I. Der Interviewleitfaden
II. Die Schule und ihre Ausstattung
II.1 Allgemeine Angaben
II.2 Personelle Ausstattung
II.3 Ausstattung der Schule
III. Das pädagogische Gesamtkonzept
IV. Die Schule als Bewegungsraum
IV.1 Im Unterricht
IV.2 Außerunterrichtliche Aktivitäten
V. Ergebnis der Studie

D. Resümee

E. Literaturverzeichnis

F. Abbildungsverzeichnis

G. Anhang

A. Einleitung

Mens sana in corpore sano! Schon die alten Römer wussten, dass in jedem gesundem Körper ein gesunder Geist lebt. Dies ist leider bis zur heutigen Zeit wieder sehr in Vergessenheit geraten. Spätestens seit der Erfindung des Fernsehens leiden immer mehr Kinder an Bewegungsmangel. Daraus resultieren Probleme wie Haltungsschwächen, Übergewicht, Konditionsmangel, Koordinationsschwierigkeiten und vieles mehr. Dies ist natürlich alles andere als gesund. Kinder heute müssen sich im Alltag nicht mehr viel bewegen. Sie werden zur Schule und zu Freunden gefahren und können sich vor dem Fernseher oder Computer amüsieren. Dadurch sind gesundheitsschädliche Begleit­erscheinungen vorprogrammiert. Doch nicht erst in den letzten Jahren, in denen es den Kindern an Bewegung mangelt, wurde thematisiert, dass Bewegung das Lernen fördert. Schon Pestalozzi forderte für seine Schüler ein Lernen mit Kopf, Herz und Hand. Und so war es zu den Schulzeiten unserer Großeltern so, dass sehr viel Disziplin herrschte. Die Kinder damals waren jedoch schon dadurch, dass sie, wenn sie aufgerufen wurden, aufstehen und sich nach der Antwort wieder setzen mussten, mehr in Bewegung als Grundschulkinder derzeit. Gegenwärtig wird leider mehr und mehr der natürliche Bewegungsdrang der Kinder in der Schule unterdrückt, da er in der Regel störend wirkt. Lernen sollte nach den Erwartungen der Eltern und vieler Lehrer[1] im Sitzen geschehen, mit Disziplin und ohne störende Begleiterscheinungen. Doch gerade als Sportstudentin habe ich gelernt, wie wichtig Bewegung nicht nur für das Kind, sondern auch für das Lernen ist. So wird in dieser Abhandlung versucht, folgende Fragestellungen zu beantworten:

Inwiefern beeinflusst die Entwicklung unserer Kinder die Schule heute?

Was verändert unsere Kindheit heute und wie kann man als Lehrer und als Schule diese Veränderung für sich nutzen?

Wieso ist die Bewegte Grundschule eine richtige Antwort auf die veränderte Kindheit?

Zu Beginn dieser Arbeit wird die Veränderung der Kindheit beschrieben und definiert. Nach einem kurzen historischen Abriss über die Kindheit früher, wird vor allem die Veränderung der letzten 10 bis 15 Jahre dargelegt. Sie spielt in den letzten Jahren und bei der Entscheidung für eine Bewegte Grundschule eine große Rolle und wird aus diesem Grund in diesem Beitrag im besonderen Maße herausgestellt und bewertet.

Was hat sich grundlegend geändert?

Was beeinflusst unsere Kinder heute?

Warum bewegen sie sich immer weniger?

Wie verhalten Kinder sich heute in Spiel- und Alltagssituationen?

Warum ist dies alles anders als noch vor 20 Jahren?

Diese Fragen werden im Kapitel über die veränderte Kindheit beantwortet. Durch den ständigen Bewegungsmangel heute, ist es gerade deshalb für die Grundschulen eine wichtige Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Kinder in Bewegung kommen. Die ganzheitliche Förderung der Kinder sollte Körper, Seele und Geist betreffen.

Anschließend werden die Folgen der veränderten Kindheit deutlich herausgestellt; dadurch wird eine Begründung für die Bewegte Grundschule anschaulich. Die Folgen sind sehr unterschiedlich und breit gefächert. Sie werden aber im II. Kapitel aufgeführt und begründet. Es werden Argumente für eine quantitative und qualitative Verbesserung der schulischen Bewegungsmöglichkeiten aufgezeigt.

Auf die Beschreibung der veränderten Kindheit mit ihren Auswirkungen, folgt eine Beschreibung der Bewegten Schule.

Seit wann ist eine Bewegte Schule überhaupt im Gespräch?

Was genau ist eine Bewegte Schule ?

Wie sehen einzelne Konzepte aus und wie unterscheiden sie sich?

Um diese Fragen zu klären, werden einige Vertreter der bewegten Schulkonzepte vorgestellt. Was stellen sie sich unter der Bewegten Schule vor, was hat sich davon durchgesetzt? Dieses Kapitel zeigt, welche Autoren und Wissenschaftler sich im besonderen Maße für eine Bewegte Schule einsetzen und warum.

Nachdem theoretische Ziele und Konzepte einer Bewegten Grundschule aufgezeigt wurden, folgen in dieser Arbeit Beispiele für die praktische Umsetzung. Es wird aufgezeigt, wie verschiedene Schulen in Deutschland die didaktischen Konzepte interpretieren und umsetzen. Des Weiteren gibt es einige Praxistipps für den Unterricht, die Pausen, Wandertage und Schulfeste betreffen, an denen die vorgestellten Konzepte sinnvoll eingebracht werden können. Manche sind der gängigen Literatur entnommen, andere wurden mir in meinen Schulpraktischen Studien vorgestellt.

Zum Abschluss dieser Arbeit erfolgt ein Bericht über eine offene Ganztagsgrundschule in Duisburg. Diese Schule ist erst seit einem Jahr Ganztagsgrundschule und hat gerade den Umbau zu einer solchen als Chance für sich gesehen, ihre Bewegungskonzepte umzusetzen.

B. I. Veränderte Kindheit

Kindheit befindet sich in einem ständigen Wandel, doch so rasant wie in den letzten 20 Jahren, verbunden mit Industrialisierung, Medien-, Spielzeug- und Familienentwicklung, ist die Entwicklung vorher nie abgelaufen. In diesem Kapitel geht es darum zu zeigen, wie sich Kindheit im Laufe der Jahre verändert hat. Beginnend bei einem kurzen historischen Überblick der kindlichen Entwicklung seit dem Mittelalter bis heute, wo sich die Kindheit bedingt durch andere Familienverhältnisse, Großstädte und Medien stark verändert hat. Kinder haben in unserer Gesellschaft einen sehr schlechten Ruf. Sie gelten als nörgelnd, faul, unzufrieden und verwöhnt und das obwohl die Entwicklungsbedingungen heute besser zu sein scheinen als je zuvor. „Frieden, wirtschaftlicher Aufschwung, gute Bil­dungschancen für alle“[2] charakterisieren unsere Zeit. Dennoch gibt es zahlreiche Kriterien, die sich negativ auf die heutige Entwicklung der Kinder auswirken. Diese Abläufe werden in diesem Kapitel genauer aufgezeigt.

Die Folgen dieser Entwicklung sind genauso fatal wie breit gefächert. Es gibt Folgen, die auf die Konzentration und Lernfähigkeit der Kinder wirken, auf die Gesundheit der Schüler und auf deren Wahrnehmungsfähigkeit. Die Bewegte Schule hat die Aufgabe, den Folgen der veränderten Kindheit zu begegnen und sie zu bekämpfen. Aber hauptsächlich auch vorzubeugen und die Kinder, für die Bedeutung von Bewegung für die Gesundheit, zu sensibilisieren. Diese Aufgaben begründen die Forderung nach einer Bewegten Schule, deren Konzepte und Ideen im Anschluss an dieses Kapitel vorgestellt werden. Dieses Kapitel soll zusätzlich zeigen, warum eine Bewegte Schule in der heutigen Zeit überhaupt wichtig für die Kinder ist und wieso sie in den letzten Jahren immer stärker gefragt ist.

I.1.1 Historische Entwicklung von Kindheit

Den Begriff Kindheit gibt es noch nicht seit jeher. Im Mittelalter war es so, dass ein Kind „sobald es sich alleine fortbewegen konnte übergangslos zu den Erwachsenen gezählt“[3] wurde. Kinder mussten dadurch schon früh allerlei Verrichtungen in Haus und Garten durchführen. Auf sie wurde niemals besondere Rücksicht genommen, denn es gab eine große Anzahl von ihnen, da damals jede Familie viele Kinder hatte. Sie durften die gleichen Sachen tragen wie die Erwachsenen, sie nahmen an den gleichen Veranstaltungen teil und verrichteten dieselbe Arbeit.

„Kinder waren ein Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens, ohne dass sie eine eigene Rolle spielten. Ihre besonderen Bedürfnisse wurden nicht wahrgenommen. Stattdessen herrschte ein pragmatischer Umgang vor. Die Kinder sollten das lernen, was für ihr Erwachsenleben von Bedeutung sein würde.“[4]

Erst im 15. und 16. Jahrhundert entstand der Begriff Kindheit. Dort wurde zum ersten Mal das Kind als kindliches Wesen anerkannt. Mütter fanden Freude daran mit den Kindern zu spielen und auch ein Interesse an Erziehung, Vermittlung von Werten und Bildung kam auf. Jedoch war es in dieser Zeit so, dass nicht alle Kinder die gleichen Chancen auf eine richtige Kindheit hatten. Zunächst durften nur wohlhabende Kinder und vornehmlich Jungen ihr Kindsein auskosten. „In den armen Familien dauerte die Entflechtung der Welten erheblich länger. Dort dominierten Armut, Ausbeutung, Elend, Krankheit.“[5] Und so ging das Interesse an Kinderarbeit erst dann verloren, als Eltern sich selbst versorgen konnten und genug Geld verdienten. Kinder aus dieser Zeit waren ständig in Bewegung. Man hatte kaum Geld für Spielzeug, jedoch sehr viel Platz in der Natur und genügend Spielkameraden, mit denen man spielen, raufen, Wettkämpfe und Sport betreiben konnte.

Dies wurde durch die Entwicklung seit 1890/91 noch verstärkt. Denn seitdem wurde Kinderarbeit offiziell verboten. Zu dieser Zeit entwickelte sich auch das allgemeine Schulwesen und führte nun endgültig zu einer „Entmischung der Generationen“[6]. Von da an wird man als Kind oder Jugendlicher erst dann aus der Schule entlassen, wenn man die schulpflichtigen Jahre überstanden oder seinen gewünschten Schulabschluss gemacht hat.

Kindheit, wie wir sie heute kennen, hat sich also erst im Laufe der Jahrhunderte entwickelt. Festzustellen bleibt, dass Kinder in den beschriebenen Zeiten ständig in Bewegung sein mussten, um ihr Arbeitspensum zu schaffen, den oft weiten Schulweg zurück zu legen oder um mit Freunden spielen zu können. Leider ist dies heute in dem Maße nicht mehr der Fall. Viele Dinge haben sich für unsere Kinder geändert, so dass sie eben nicht mehr die Chance haben ihr Kindsein auszuleben. Man kann sogar von einer Rückentwicklung sprechen, die durch die nächsten Kapitel genauer aufgezeigt wird.

I.1.2 Familiäre Veränderungen

Das Familienbild, das auch heute immer noch in den meisten Köpfen verankert ist, sieht so aus: Vater, Mutter, zwei bis drei Kinder. Der Vater geht arbeiten und versorgt die Familie, die Mutter kümmert sich um den Haushalt, die Erziehung der Kinder und um schulische Belange. Dieses traditionelle Bild findet man jedoch nur noch selten verwirklicht.

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Abb. 1: Eheschließungen und Scheidungen in Bayern 1998 im Überblick[7]

Wie man an dieser Tabelle sieht, ist allein die Scheidungsrate beträchtlich; so wird inzwischen in Deutschland jede dritte Ehe geschieden[8]. In Großstädten ist es sogar jede zweite Ehe. Von diesen geschiedenen Ehen hat wiederum die Hälfte der Paare mindestens ein Kind unter 18 Jahren. Dies führt dazu, dass es immer mehr allein erziehende Elternteile gibt. Diese müssen, um ihre Familie ernähren zu können, einer Arbeit nachgehen. Für viele Eltern ist das logischerweise problematisch. Es gibt in Deutschland zwar mittlerweile schon sehr viele Ganztagsschulen, aber leider immer noch nicht genug, um allen Schülern den benötigten Platz zu sichern. „Für viele berufstätige Eltern und ihre Kinder bringt dieses fehlende Betreuungsangebot beträchtliche Unruhe in den Tagesablauf“[9]. Die Eltern müssen oft einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen und so sind die Kinder am Nachmittag auf sich alleine gestellt. Dadurch werden die Kinder öfter verpflichtet, Arbeiten im Haushalt zu übernehmen.

„War 1970 das Helfen im Haushalt bei den Kindern ganz ans Ende der Beschäftigung geraten und im Mittel knapp über einem Prozent, so sind Kinder heute mit fast 6% doch in häusliche Tätigkeiten eingespannt.“[10]

Diese Tätigkeiten nehmen einen Teil der vorhandenen Freizeit ein, den Kinder leider nicht zum Spielen und Toben, also zum Bewegen nutzen können. Aber nicht nur bei allein erziehenden Elternteilen ist dieses Phänomen zu verzeichnen. Immer mehr Mütter gehen zusätzlich zu ihrem Ehemann auch einer Erwerbstätigkeit nach. Spätestens wenn die Kinder in die Schule gehen sind die Mütter wieder bereit, sich ins Berufsleben zu integrieren. Dies hat oftmals zur Folge, dass Frauen bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gehen und die Kinder dadurch mehr in die Pflicht nehmen.

Aber nicht nur Eheprobleme und die Berufstätigkeit der Eltern haben das Kindsein verändert. Auch die Größe der Familien, insbesondere die seit Jahren in der Kritik stehende rückläufige Geburtenrate, beeinflusst viele Kinder ungemein. „Mehr als die Hälfte aller Haushalte mit Kindern haben Mitte der 80er Jahre nur ein Kind“[11]. Dies bedeutet, dass Kinder kaum noch Erfahrungen mit Geschwisterkindern haben.

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Abb. 2: Familien mit Kindern unter 18 Jahren nach Familientyp und Zahl der minderjährigen Kinder, 2000[12]

Diese Tabelle zeigt, dass die Anzahl der Kinder, sei es bei Ehepaaren oder nicht verheiraten Paaren überwiegend bei einem Kind liegt. Genauso ist bei den allein Erziehenden. Drei und mehr Kinder haben lediglich noch 11,7 % unserer Familien.

Um einen geeigneten Spielpartner zu finden, muss man oft mehrere Kilometer mit dem Fahrrad zurücklegen. Viele Kinder werden von ihren Eltern aber auch gefahren. Doch Freundschaften und andere soziale Kontakte sind vergänglich. Es bleibt festzuhalten: „je geringer die Zahl der Familienmitglieder, umso größer wird offensichtlich die Außenorientierung“[13]. Dies bedeutet, dass man in kleineren Familien mehr soziale Erfahrungen außerhalb seiner Familie macht. Ärgert man sich über andere Kinder, geht man einfach nicht mehr hin. Mit Geschwistern ist dies nicht möglich: mit ihnen ist man gezwungen zusammen zu leben und zu spielen. Dies führt zu einer nachlassenden Konfliktbereitschaft bei den Kindern, mit welcher sie sich erst wieder in der Schule beim täglichen Umgang mit den Mitschülern auseinander setzen müssen. Bei einem Geschwisterkind, muss man konfliktbereit sein, hat aber auch immer einen Mitspieler, mit dem man sich draußen und drinnen bewegen kann.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass das Leben in einer Familie nicht mehr so leicht ist wie vor 30 oder 40 Jahren. Kinder haben es schwerer mit wechselnden Partnern der Eltern oder mit neu in die Familie eingebrachten Geschwistern zu leben. Sich über die Familie in die Gesellschaft einzufinden wird daher natürlich immer komplizierter. Den Kindern wird von Anfang an mehr Verantwortung aufgetragen und vor allem Selbstständigkeit von ihnen verlangt. Dies lässt selten noch ein freies und unbeschwertes Kindsein zu.

I.1.3 Veränderte Freizeit

Kinder heute haben neben der Schule und den Hausaufgaben, die sie erledigen müssen, im Normalfall ebenso viel Freizeit. Sie ist in den letzten Jahren „objektiv immer mehr, aber subjektiv immer weniger geworden.“[14] Dies hängt damit zusammen, dass die Feizeit relativ stark verplant ist. Jeden Tag hat das Kind andere Verpflichtungen, denen es nachkommen soll. Montag Klavier, Dienstag Turnen, Mittwoch Schwimmen, Donnerstag Nachhilfe, Freitag Oma besuchen. So oder ähnlich lautet der Wochenplan nicht selten. Und vieles davon sind Verpflichtungen, die von den Eltern teuer bezahlt werden und deswegen nicht einfach so abgesagt werden können. Man kann sogar sagen, dass Kinder einer Art „Freizeitstress“ unterliegen. Auch dies ist ein Indiz dafür, dass das freie Spielen an sich für die Kinder immer weniger wichtig geworden ist. Stand es in den 70er Jahren noch an erster Stelle bei den Lieblingsfreizeitbeschäftigungen, so tritt es heute mehr und mehr in den Hintergrund. 1970 gaben die befragten Schüler an, egal ob weiblich oder männlich, dass sie überwiegend spielen. Die weiteren Aktivitäten kamen deutlich dahinter, wie man an der folgenden Tabelle beobachten kann. Auch die sportliche Betätigung spielte eine sehr große Rolle. Der Fernseher tauchte in dieser Befragung bei den Kindern überhaupt nicht auf, obwohl es ihn sicherlich in mehreren Familien bereits gab.

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Abb. 3: Freizeitbeschäftigungen von Münchner Volksschülern 1970[15]

Um die Veränderung der letzten Jahre zu beobachten, wurde im Jahre 1997 eine ähnliche Befragung nach den Lieblingsfreizeitaktivitäten von 6 - 10jährigen durchgeführt. Diese fand jedoch nicht in einer Landeshauptstadt sondern im Kreis Fürstenfeldbruck statt. Das heißt, dass den Kindern eigentlich mehr Platz zum freien Spiel zur Verfügung steht, als in einer Großstadt. Man sieht deutlich, dass das Spielen zwar

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Abb. 4: Freizeitbeschäftigung von Schülern in Fürstenfeldbruck 1997[16]

immer noch an erster Stelle steht, andere Aktivitäten aber viel dichter heran gerückt sind. Sportliche Aktivitäten und neue Freizeitbeschäftigungen wie Rollerblades und Skateboard fahren sind dazu gekommen. Aber auch das Fernsehen und das Spielen am Computer nehmen einen erheblichen Platz in der Gunst der Kinder ein. Wie bereits angesprochen und hier erneut verdeutlicht, müssen die Kinder der heutigen Zeit mehr im Haushalt helfen, als noch vor 30 Jahren.

Es ist zu beobachten, dass es mittlerweile unzählige Freizeitmöglichkeiten gibt, es aber keine mehr schafft bei den Kindern eine herausragende Position einzunehmen. Dies lässt die Vermutung zu, dass „die Kinder auch über die Mittel verfügen, so unterschiedlichen Beschäftigungen nachzugehen.“[17] Das unterstreicht auch die These von BRINKHOFF, der sagt, dass in den westlichen Industrienationen die Lebensbedingungen von Kindern so gut wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit sind.[18] Sie sind wohlhabender denn je und erhalten einen nicht gerade kleinen Betrag an Taschengeld, mit dem sie sich Cds, Computerspiele, Markenkleidung und andere Dinge kaufen können.

„Unter dem Gesichtspunkt des bloßen Besitzenwollens gerät das Sammeln von Gütern zur eigentlichen Beschäftigung und verdrängt die Entwicklung eigener Spielideen bzw. die produktive Ausgestaltung vorgegebener Spiele.“[19]

Diese Aussage stellt das ganze Dilemma dar. Kinder sind gut ausgestattet und müssen sich nicht mehr die Mühe machen eigene Spiele zu erfinden. Ein Beispiel hierfür ist auch die Barbie-Puppe. Schlank, rank und schön blond hält sie seit Jahren Einzug in die Kinderzimmer der Mädchen. Barbie hat ein Haus, einen Swimming-Pool, reitet gerne… Barbie ist eigentlich immer an der frischen Luft und in Bewegung. Doch trotzdem ist „der Bewegungsspielraum dieser Puppe sehr eingeschränkt.“[20] Anstatt ihre Fantasie spielen zu lassen und sich selber draußen zu bewegen, bleiben die Mädchen lieber im Haus, damit die Puppe keinen Schaden nimmt.

Aber das Freizeitverhalten hat sich leider nicht nur dahin gehend verändert, dass das Spiel und die sportlichen Aktivitäten nachgelassen haben. Es hat sich auch hin zum Fernsehen und zum Spielen am Computer gewandelt. Der Fernseher hat leider mittlerweile einen so großen Stellenwert eingenommen, dass er in einem gesonderten Kapitel behandelt wird.

Abschließend ist also zu sagen, dass Kinder zwar sehr viel Freizeit haben, diese aber schon lange nicht mehr so nutzen dürfen, wie sie es gerne möchten. Sie bekommen Aktivitäten aufdiktiert und dürfen sich selbst kaum Beschäftigungen aussuchen. Zusätzlich dazu ist die Fülle an Freizeitangeboten und Spielwaren derart groß, dass sie sich keine eigenen Gedanken mehr um ihre Zeit machen müssen. Alles wird vorgegeben, nichts wird mehr den Kindern selbst überlassen.

I.1.4 Medienkonsum

Jeder bundesdeutsche Haushalt besitzt mindestens einen Fernseher. In den meisten Haushalten stehen sogar zwei bis drei Geräte. Zusätzlich dazu ist „in den letzten Jahren die Ausstattung der Kinderzimmer mit elektronischen Medien drastisch gestiegen.“[21]

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Abb. 5: Besitz eigener elektronischer Geräte[22]

Wie man an dieser Tabelle aus dem Jahre 1993 sieht, besitzt jeder Dritte 9 - 10jährige schon einen eigenen Fernseher. Bei den auditiven Medien liegt der Wert fast doppelt so hoch. Im Kinderzimmer können die Kinder dann nahezu unkontrolliert alle Sendungen sehen und hören. Es kommt nicht selten vor, dass Kinderzimmer Medienparadiese sind, in denen jede erdenkliche Art von elektronischen Geräten zu finden ist. GLOGAUER fand 1993 in einer Untersuchung heraus, dass 43% der Kinder zwischen 6 und 8 Jahren fast täglich fernsehen. Darüber hinaus gucken 26% manchmal sogar nach 22 Uhr, oder morgens vor der Schule.[23] Summiert man all diese Fernsehgewohnheiten und bezieht auch Videofilme mit ein, kann man von einem wöchentlichen Fernsehkonsum von bis zu 40 Stunden und mehr ausgehen. Da diese Untersuchung 1993 stattfand und in den letzten Jahren keine aktuelle Erhebung mehr durchgeführt wurde, muss man davon ausgehen, dass die Zahlen sogar noch weiter gestiegen sind. Gerade am Wochenende werden die Daten auch nochmals übertroffen.

„Längst hat sich die […] mediale Reizüberflutung von bis zu 20 Fernsehstunden bei einem Großteil der Lehrerinnen und Lehrer zu der schon sprichwörtlichen Rede vom nervösen Montag entwickelt.“[24]

Denn nach einem Wochenende sind die Kinder oftmals besonders aufgewühlt, laut und aktiv. Es hat den Anschein, als wollen sie an diesen Montagen den Bewegungsmangel vom Wochenende ausgleichen. Unsere Kinder nehmen gar keine andere Umwelt mehr wahr, als die, die im Fernsehen gezeigt wird. Nicht selten unterstützen die Eltern diesen Medienkonsum noch. Denn die Kleinen scheinen vor dem Fernseher besser aufgehoben als in der bösen Welt draußen. Dabei ist die Welt doch auch grausam, weil uns das Fernsehen nichts anderes mehr zeigt. „Und wer pausenlos mit Bildern von Gewalt überschwemmt wird, muss Gewalt als Konfliktlöser anerkennen, will er sich nicht hilflos verloren im Feindesland fühlen.“[25]

Fernsehen bestimmt somit für viele Kinder den Tag. Es ist kein geregelter Tagesrhythmus von „Aufstehen, Frühstücken, Mittagessen, Hausaufgaben, Spiel, Abendessen, Gute-Nacht-Geschichte“[26] mehr vorhanden. Vielmehr bestimmen gewisse Fernsehsendungen den Ablauf eines Tages. Oftmals läuft der Fernseher auch nur nebenbei. Viele Tätigkeiten können während des Zuschauens erledigt werden.

Aber nicht nur der Fernseher tritt seinen Siegeszug in die Kinderzimmer an. Gewinner um die Gunst der Kinder sind natürlich auch die Computer, Game-Boys, Play-Stations und die vielen anderen elektronischen Geräte. Hier ist es so, dass die Kinder ihr Taschengeld für Spiele ausgeben, die sich die Eltern nicht näher ansehen. Es gibt in diesen Spielen Gewalt, Mord und Totschlag. Körperlich gefordert wird das Kind hier genauso wenig wie vor dem Fernseher. Es ist höchstens mit den Fingern aktiv und „anstelle der Körperkraft, die im Alltag kaum mehr gebraucht wird, gilt die schnelle Reaktion als Zeichen des Erfolgs“[27]

Neuartige Spiele, bei denen Kindern durch eine Kamera die Bewegungen des ganzen Körpers in das Spiel mit einbringen können, sollen unsere Kinder wieder mehr in Bewegung bringen. Ob dies wirklich eine Lösung sein kann, soll hier dahingestellt bleiben.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Kinder durch das Fernsehen und die anderen, zahlreichen medialen Angebote einfach verlernt haben sich zu bewegen. Sie bekommen Action, Freundschaften und Abenteuer ins Wohnzimmer oder sogar Kinderzimmer geliefert ohne sich dafür zu bemühen. Und vor allem ohne lästige Bewegung.

I.1.5 Veränderte Umgebung

Die Betonierung der Städte und dir damit verbundene Reduzierung von freien Flächen sowie die Intensität der Bebauung (Hochhäuser, Mehrfamilienhäuser) haben in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Dieses Phänomen ist nicht nur im Ruhrgebiet gegenwärtig, in nahezu jeder deutschen Großstadt geht es so zu. Und leider nehmen auch in dörflicher Umgebung Hausbau und Autodreck zu sowie die Grünflächen ab. Im Alltag der Kinder findet sich nahezu kein natürliches Bewegungsangebot mehr. Alles, was einem als Kind bleibt, sind künstlich herbeigeführte Spiel- und Bolzplätze. Und diese werden fast nur noch von Kindergartenkindern genutzt, da sie von Schulkindern in der Regel als langweilig abgelehnt werden.[28] Auch freie Rasenflächen bieten heute keine Spielmöglichkeit mehr; zu oft stoppen Schilder wie „Spielen verboten“ oder „Eltern haften für ihre Kinder“ den normalen Tatendrang und die Neugierde unserer Kinder. Oder die Wiese ist so mit Hundekot verdreckt, dass das Spielen keinen Spaß macht. Selbst die Schulhöfe, die für unsere Kinder gemacht wurden, zeigen sich in einem tristen Grau und werden nur ab und zu durch aufgemalte Straßen, Verkehrsschilder oder Hinkelkästchen bunter. Spielplätze werden zwar vermehrt errichtet, aber es fehlen den Kinder definitiv Freiräume und Grünflächen, auf denen sie frei spielen können, ohne vorgegebene Materialien. Diese Flächen verschwanden durch die Technisierung oder veränderten sich, so dass sie von Kindern nicht mehr benutzt werden können. In den 50ern und 60er Jahren trafen sich die Kinder noch draußen im Wald oder auf dem Fußballplatz, egal ob Sommer oder Winter. „Das gemeinsame Spielen mit den Nachbarskindern war in der Nachkriegszeit die wohl wichtigste Form außerfamiliärer Freizeit.“[29] Diese Spiele fanden ganz ungezwungen und ohne Zeitangabe oder Termindruck statt.

„Die Erfahrung spontaner, ungeplanter und natürlicher Begegnungs-, Bewegungs- und Spielerlebnisse außer Haus (auf der Straße, im Wald, in der Nachbarschaft) machen immer weniger Kinder.“[30]

Und auch die asphaltierten Straßen können zum Spielen nur wenig bis gar nicht mehr benutzt werden. Früher spielte man noch auf der Straße Handball oder Fußball, Gummi­twist, Seilchen oder man zog einfach die Rollschuhe an, mit denen man auch mit Stöcken und einem Ball hervorragend Rollhockey spielen konnte. Heute muss man solche Nischen, in denen man gut spielen kann, förmlich suchen, da die Straßen mittlerweile einfach zu gefährlich geworden sind. Zu viele Autos, Busse und LKW stören und verhindern sogar das Spielen. Da wird man eher von den Eltern zu den einzelnen Freunden oder Spiel­plätzen, welche weit auseinander liegen, gefahren. Der Abbau von Nischen, in denen sich die Kinder ausleben können, hat auch zur Folge, dass immer mehr Kinder erst gar nicht das Haus verlassen, um draußen zu spielen. Auch die Erwachsenen verschanzen sich mehr und mehr im Haus. Sie können ja dort viel besser ihre Kinder beaufsichtigen.

Außerdem treffen sich nicht mehr so große Gruppen von Kindern, denn Nachbarschaften in denen viele Kinder existieren gibt es kaum noch, höchstens in Neubaugebieten, wo junge Familien sich ein Eigenheim gekauft haben. In den meisten Fällen trifft man sich jedoch mit einem, maximal zwei Freunden. Auf eine Gruppe von Kindern stößt das Kind erst wenn es in den Kindergarten oder in die Schule kommt. Nur in Ausnahmefällen schon früher, nämlich dann, wenn es einen Sportverein besucht. Auch das Fehlen der größeren Gruppe führt zu immer weniger Bewegung, da man mit zehn oder zwölf Kindern viel mehr spielen und entdecken kann als zu zweit.

Ein weiterer Aspekt der veränderten Umgebung ist das „Verinselungsphänomen“. Verin­selung bedeutet, dass man in „von den Erwachsenen (pädagogisch) vorstrukturierten Sozialräumen“[31] aufwächst. Wohnung, Arbeit und Einkaufen ist nicht mehr in der näheren Umgebung möglich. Orte, an denen sich Kinder aufhalten, werden immer weiter ausein­ander gerissen und sind wie Inseln verstreut. Man hat keinen Aktionsradius mehr, den man sich als Kind selber erschließen kann. In dem beispielsweise das Haus oder die Schule im Mittelpunkt steht. Früher war es so, dass man den Radius dann kontinuierlich erweitern konnte. Das Kind durfte „ - zu Fuß, mit dem Roller oder Fahrrad - in einem immer größeren Radius von seinem Lebenszentrum weg, bis es das Dorf, das Viertel oder die Stadt kennt.“[32] Heute wird ein Kind von A nach B transportiert und kann seine Umwelt selber nicht mehr genau wahrnehmen. Das Kind kennt nur noch bekannte Inseln, aber keinen größeren Umkreis mehr.

Es bleibt festzuhalten, dass sich die Spielumgebung der Kinder in den letzten Jahren total gewandelt hat. Sie können nicht mehr überall da spielen, wo sie wollen und müssen ungemein auf den Straßenverkehr und andere Gefahren aufpassen. Sie können sich nicht mehr frei in ihrer Umgebung bewegen und sind so in ihrem natürlichen Taten- und Bewegungsdrang sehr eingeschränkt. Solche Erfahrungen sind kaum ersetzbar und haben natürlich Folgen für die Kinder.

II. Folgen der veränderten Kindheit und Gründe für eine Bewegte Grundschule

Die Veränderung der Kindheit hat zur Folge, dass sich auch die Schule wandeln muss. Dass sich die Kinder immer weniger bewegen, resultiert aus diesen Änderungen. Dadurch ist die Idee einer Bewegten Grundschule die erste folgerichtige Konsequenz. Bevor genauer auf die Folgen der veränderten Kindheit und die dadurch vorhandenen Begründungen für die Bewegte Schule eingegangen wird, werden noch kurz zusätzliche Faktoren genannt, die eine Bewegte Grundschule begründen. So ist es wissenschaftlich bewiesen, dass „die Bewegung und Wahrnehmung auch unerlässlich für die kognitive Entwicklung des Kindes ist“[33]. Denn die vielen Erfahrungen, die ein Kind in seiner Entwicklung macht, helfen bei der Intelligenzentwicklung. Auch die Tätigkeit des Gehirns wird durch Bewegung angetrieben. Es ist also nicht nur der Aspekt der veränderten Kindheit, der Bewegung in der Schule fordert. Dazu aber im folgenden Kapitel mehr. Bewegung kann man ebenfalls als Ausdruck des Körpers sehen. Durch Bewegung können Menschen kommunizieren. Schon im Säuglingsalter, bevor das Kind sprechen lernt, kommuniziert es mit uns.

„Sobald das Kind über etwas differenziertere Bewegungsmuster verfügt, gibt es seiner Umwelt gezielte motorische Signale wie zum Beispiel das Weisen mit der Hand auf einen Gegenstand, den das Kind anfassen möchte.“[34]

Die Gründe für eine Bewegte Grundschule sind vielfältig und sollen die Notwendigkeit dieser Idee unterstreichen. Wichtig ist jedoch zu sagen, dass die Folgen der veränderten Kindheit zwar auftreten, aber noch nicht der Regelfall sind. Nicht alle Kinder in Deutschland sind krank, haben Gesundheitsmängel oder bewegen sich zu wenig. Viele Kinder suchen und finden heute noch Möglichkeiten ihren Bewegungsdrang auszuleben. Es bleibt aber festzuhalten, dass es Probleme gibt und dass diese in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben.

II.1.1 Konzentrationsmangel und Lernschwierigkeiten

Durch einen übermäßigen Fernsehkonsum, durch zu viele Computerspiele und wegen der baulichen Veränderungen bewegen sich die Kinder heutzutage viel zu selten. Dabei hilft Bewegung nicht nur dem Körper, sie fördert auch die geistigen Fähigkeiten. Selbst Goethe soll seine besten Einfälle immer auf Spaziergängen gehabt und sogar einmal gesagt haben: „Wer sich bewegt, dem fällt das Denken leichter!“[35] Auch Erwachsene gehen umher, wenn sie denken müssen, malen Bildchen, wenn sie telefonieren und wackeln mit den Füßen, wenn sie am Schreibtisch sitzen. Der Körper reagiert ganz normal auf den Denkprozess. Eine Untersuchung aus dem Jahre 1981 zeigte bereits, dass Kinder im Vorschulalter einen höheren Intelligenzquotienten besaßen, wenn sie gut entwickelte Bewegungsfähigkeiten hatten.

Trotzdem wird von den Schülern heute immer noch verlangt, dass sie die 45 Minuten, die eine Schulstunde dauert, ruhig sitzen bleiben. Dabei wurde kürzlich erst bewiesen, dass Bewegung hilft, sich Dinge zu merken und zu lernen. Kurze Phasen der Bewegung können für Entspannung sorgen und dazu führen, dass die Schüler wieder besser zuhören.

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Abb. 6: Abhängigkeit der Merkfähigkeit beim Grad der Bewegung[36]

Wie man anhand dieser Tabelle erkennt, behalten Schüler, die etwas lesen ca. 10% vom Gelesenen. Die Merkfähigkeit steigt deutlich an, nämlich auf 50%, wenn man den Schülern Bilder oder Skizzen zeigt und dabei redet. 90% beträgt die Merkfähigkeit erst dann, wenn sie sich Dinge selber erarbeiten und praktisch anwenden können. Mit zunehmenden Grad der Bewegung steigt also die Merkfähigkeit erheblich. Ein guter Unterricht sollte daher stets so gestaltet sein, dass auch die Schüler angeregt werden etwas zu tun, selbst aktiv zu werden.

Warum bewegte Schüler leichter lernen? Dies hat etwas mit der Schaltung in unserem Gehirn zu tun. Nervenzellen kommunizieren über Signale miteinander mit Hilfe der so genannten Botenstoffe. Diese Signale werden über Kontaktstellen (Synapsen) in unser Gehirn geleitet. Synapsen verändern sich, das heißt sie lernen, je öfter sie die Infor­mationen erhalten. Werden sie also ständig neu aktiviert, so erinnern sie sich an die verschiedenen Situationen. Denn

„der erhebliche Bewegungsdrang des Kindes ist der Ausdruck eines phylogenetisch verankerten und ontogenetisch bedeutsamen Prozesses, der sicherstellt, dass möglichst viele Nervenzellen miteinander verschaltet werden und erhalten bleiben.“[37]

Man kann auch erkennen, dass Kinder beim Lernen eines neuen Buchstabens diesen mit dem Fuß, der Zunge oder dem Kopf mitschreiben. Erst nach und nach wird die Fähigkeit nur auf die Hand beschränkt.

Die Gehirne der Menschen heute unterscheiden sich von den Gehirnen der Menschen früher. Das liegt daran, dass die heutigen Gehirne viel mehr Reizen ausgesetzt sind, zum Beispiel durch stundenlangen Fernseh- und Computerkonsum.

„Intensive Reize führen einerseits zu mehr Gehirnaktivität, zu Synapsenbildung und damit zu neuen Denk- und Verhaltensweisen; sie führen jedoch andererseits auch zu einer höheren Reizschwelle und - verbunden mit mangelnder Bewegung und Entspannung - zu Konzentrations- und Lernschwierigkeiten.“[38]

Dadurch wird deutlich, warum sich Kinder in der Schule immer weniger konzentrieren können. Das Gehirn verlangt nach immer höheren Reizen, ehe es überhaupt in Aktion tritt. Ein Unterricht kann diese Anforderung nach erhöhten Reizen oft nicht leisten und so kommt es vor, dass die Informationen, die ein Lehrer vermittelt oft gar nicht erst das Gehirn des Schülers erreichen.

Das Gehirn hat nicht nur geistige Funktionen, es steuert auch die Bewegung des Menschen. Daher sind die körperliche Aktivität und die geistige Funktion des Hirns eng miteinander verbunden. „Deshalb ist es sinnvoll und notwendig, den Lernenden ganzheitlich anzusprechen“[39], dadurch wird das Gehirn durch die Bewegung immer weiter aktiviert. Es kommt zu einer besseren Durchblutung des Hirns und hilft dabei, „dass Nervenzellen neu verschaltet und besser miteinander vernetzt werden“[40]. Sogar das Aufstehen aus dem Bett durchblutet das Gehirn schon insoweit, dass dieser Vorgang eine höhere Hirntätigkeit mit sich bringt. Ein funktionierendes Netz zwischen Rückenmark, Nervenzellen und Gehirn trägt also dazu bei, dass sich Kinder besser konzentrieren und mehr behalten können. Prägt man sich Vokabeln zusätzlich zu einer bestimmten Bewegung ein, führt dies zu einem größeren Merkprozess. Es entsteht eine Art Memory Effekt.

Wichtig ist jedoch zu beachten, dass eine zu hohe Bewegungsintensität das Lernen eher negativ beeinträchtigt. Dies ist der Fall wenn die Bewegungsanforderung zu groß ist und die volle Konzentration auf der Bewegung liegt. Beim leichten Gehen oder Rad fahren ist dies jedoch nicht der Fall, die Bewegung erfolgt automatisiert und erfordert somit keine größere Aufmerksamkeit. Die Konzentration kann auf den Schulstoff gerichtet werden.

Doch nicht nur die positive Wirkung auf die Konzentrationsfähigkeit sollte ein Argument für die Bewegung sein. Sie trägt dazu bei, dass sich die Schulfreude, Selbstständigkeit, Lernbereitschaft, Motivation und Förderung der Kreativität erhöht[41]. Aggressionen werden abgebaut und die Klasse lernt anhand der Bewegung rücksichtsvoller miteinander umzu­gehen. Dies alles sorgt für ein besseres Lernklima im Klassenraum und fördert somit auch die Lernfähigkeit, denn wenn sich die Schüler im Verbund und in der Klasse wohler fühlen, lernen sie lieber und mit mehr Freude.

Ob Bewegung im Unterricht sinnvoll ist, wird trotzdem noch oft in Frage gestellt. Gerade Schulanfänger haben ein enormes Bewegungsbedürfnis, bringen aber auch eine hohe Lernbereitschaft mit. Die große Aufgabe einer Bewegten Schule ist es, dieses miteinander zu verbinden. Die Erkenntnis, dass „Bewegung beim Lernen und Denken nicht schadet, wenn die Bewegungsintensität moderat bleibt“[42] sollte sich die Lehrperson stets vor Augen halten, wenn sie einen bewegungsfreudigen Unterricht durchführt.

II.1.2 Gesundheitsschwächen

Die Folgen, die Bewegungsmangel auslöst, sind beträchtlich. Gerade die Gesundheit unserer Kinder leidet am meisten darunter. Nun sollte man sich bewusst machen, dass eine Bewegte Schule nicht alle, in diesem Kapitel separat aufgeführten Gesundheitsschäden, heilen kann. In vielen Fällen ist es aber so, dass die Bewegte Grundschule präventiv auf mögliche Ursachen wirken kann und nicht erst abwartet, bis Gesundheitsschäden eingetreten sind, deren Behebung dann viel zu schwer ist. Kinder verbringen heutzutage neun und mehr Jahre ihres Lebens in der Schule. Wenn diese von Anfang an darauf achtet, den Kindern Gesundheitsbewusstsein und -verhalten mit auf den Weg zu geben, werden solche Aspekte auch in ihrem späteren Leben für sie von Bedeutung sein. Die Schule wird für diese Aufgabe als ideal angesehen, „da sie als zentraler Lebensort Angebote und Gelegenheiten zum ganzheitlichen Erfahrungserwerb anbietet, die im Alltag nicht mehr möglich sind.“[43] Gesunde Kinder zu betreuen bedeutet auch, glückliche Kinder zu unterrichten. Wobei Glück natürlich nicht alleine von der Gesundheit abhängt, jedoch ein wichtiger Faktor ist. Denn Kinder, deren Bedürfnissen man Rechnung trägt sind nicht nur gesünder, sondern auch zufriedener, engagierter und sozial verträglicher. Leider sind durch die heutige Kindheit mit ihrem Bewegungsmangel so unzählige unterschiedliche Gesund­heitsschwächen aufgetreten. In diesem Kapitel wird speziell nur auf drei dieser Mängel eingegangen. Kurz angemerkt, Sportwissenschaftler reden nur von Mängeln oder Schwächen, wenn sie durch den Sport noch die Chance haben diese Fehler zu korrigieren. Liegen bei dem Kind schon Schäden vor, dann muss dringend ärztliche und therapeutische Hilfe hinzu gezogen werden. Die drei Mängel treten jedoch mit am häufigsten auf und können durch ein regelmäßiges Bewegungsprogramm verhindert werden. Es sind: Haltungsschwächen, Übergewicht und Ausdauerschwächen.

II.1.2.1 Haltungsschwächen

Haltung ist die ständige Anpassung des Körpers an die Umweltbedingungen. Körperhaltung wird von klein auf erlernt und kann daher auch falsch gelernt werden. Sie wird einfach nur nebenbei erlernt und niemals mit dem nötigen Bewusstsein.

Die Position, die Schüler heutzutage überwiegend einnehmen, ist das Sitzen. Dabei ist gerade das dauerhafte Sitzen eine der ungesündesten Körperhaltungen. Denn Haltung ist nicht nur, wie vielfach und irrtümlich gedacht wird, etwas Statisches. „Jede Körperhaltung wird fortlaufend durch eine Vielzahl differenzierter Bewegungsimpulse stabilisiert. Haltung ist Bewegung.“[44] Schon Grundschüler sitzen an ihren Schreibtischen 25-30 Stunden in der Woche. Zusätzlich dazu kommen noch die Fernsehstunden, das Mittagessen, die Fahrt zur Schule und zurück, sowie die Zeit am Computer, in denen sie sich nicht bewegen und nur sitzen. Diese Sitzhaltung belastet die Wirbelsäule ein Drittel mehr, als Bewegung oder Stehen. Kein Wunder also, wenn unsere Schüler schon in frühester Kindheit Haltungsschwächen haben. Die Muskeln, die für einen aufrechten Gang regelmäßig trainiert werden müssen, verkümmern. Und das sind nicht wenige. Allein die aufrechte Haltung ist ein Prozess an dem „mehr als 200 Knochen, mit mehr als 600 Muskeln“[45] beteiligt sind. Vielen von ihnen werden beim Sitzen nicht be- sondern entlastet. Dabei ist doch der gesamte menschliche Organismus auf ausreichende Bewegung und damit Muskelbelastung angewiesen. Die Muskeln werden, bei zu wenig Bewegung, nicht richtig ausgebildet oder bilden sich wieder zurück. Dies wird durch das Sitzen noch gefördert. Hierbei wird die Bandscheibe außerdem mehr belastet als beim Stehen. Als unsere Vorfahren noch als Jäger und Sammler unterwegs waren, waren sie zu Fuß pro Tag ca. 20-40 km unterwegs. Als krasser Gegensatz dazu kann man einen heutigen Schreib­tischarbeiter betrachten, dieser kommt „auf gerade einmal 400-700 m (inklusive Weg zur Arbeit, jedoch ohne Freizeitaktivitäten)“[46]. Dass auch unsere Kinder nicht viel mehr Bewegungsmeter haben ist klar. Sie werden zur Schule gefahren, spielen im Haus, werden zur Musikstunde gebracht… Und so wurde bereits von mehreren deutschen Krankenkassen bestätigt, dass bei 35-60% der Grundschulkinder schon Haltungsschwächen vorliegen. Dies bedeutet, dass viele Kinder nicht mal mehr in der Lage sind sich aufrecht zu halten. Wissenschaftler sprechen schon davon, dass der aufrechte Gang, den sich Menschen über Jahrmillionen angeeignet haben, vom Fall bedroht ist, da die Menschen nicht mehr in der Lage sind, den Gesetzen der Schwerkraft entgegenzuwirken. Und die Schüler sind von diesem Problem noch mehr betroffen als die Erwachsenen, denn der Sitzzwang trifft sie zu einem Zeitpunkt,

„zu dem der altersspezifische Bewegungsdrang im Wachstumsprozess für eine gesunde Ausreifung des Bewegungsapparates und des ganzen Organismus von entscheidender Bedeutung wäre.“[47]

Wenn die Menschen nun in jungen Jahren über Rückenschmerzen und andere Probleme klagen, wie wird es dann erst im Erwachsenenalter aussehen? Es ist keinesfalls verwunderlich, dass unser Gesundheitssystem den durch Bewegungsmangel entstehenden Kosten nicht mehr gewachsen ist, auch kein Wunder, dass die Rentenkassen leer sind, wenn viele jüngere Leute aufgrund chronischer Rückenbeschwerden erwerbsunfähig werden. Das größte Problem sind die mangelhaft ausgebildeten Muskelgruppen. Diese erschlaffen und verspannen. Es entsteht eine muskuläre Dysbalance. Denn nicht nur die Rückenmuskulatur ist der auslösende Faktor für Rückenschmerzen und Haltungs­schwächen. Auch die Bauchmuskeln spielen bei bestimmten Rückenbeschwerden eine beträchtliche Rolle. Die Hohlkreuzbildung kommt zustande, indem durch die schwache Bauchmuskulatur das Becken nach vorne gekippt und allmählich eine chronische Verkürzung der unteren Anteile des Rückenstreckers bewirkt wird.[48] Eine Folge ist, dass Schüler sich aus der Rückenlage nicht mehr in den Sitz heben können. Mehrere Rückenschulungsprogramme und Wirbelsäulengymnastiken überschwemmen den Markt. Doch sollte man diese mit äußerster Vorsicht genießen, wenn unausgebildete Lehrpersonen aus Krankenkassenbroschüren Übungen entnehmen. Oft macht man dann mehr falsch als richtig. Und genauso häufig wird vergessen, dass nicht allein die körperlichen Aspekte bei Haltungsschwächen eine Rolle spielen. Auch die Psyche sollte genauer untersucht werden, wenn man die Haltung verbessern will. Es stellt sich somit die Frage:

„Welchen Wert und welche Aussagekraft hat die noch so exakte Beschreibung der Haltung eines Menschen, wenn man in dem Zusammenhang kein Wort darüber verliert über dessen Lebensgeschichte, dessen Verletzungen, dessen Denken und Fühlen, dessen Empfindungen, dessen Wünsche, Sorgen und Ziele, über die Situation, in der er sich befindet?“[49]

Das Kind sollte als eine Einheit gesehen werden und nicht auf seinen Rücken, oder seine Muskelschwächen begrenzt werden. Manchmal genügt es schon, wenn man Kinder ausreden lässt oder ihnen Freiraum gibt sich zu entfalten. Sie wachsen innerlich und vielleicht auch äußerlich.

Früher hatten die Kinder noch genügend Möglichkeiten, sich draußen in der Natur zu bewegen. Sie konnten ihrem Bewegungsdrang freien Lauf lassen und dadurch das Stillsitzen in der Schule kompensieren. Heute müssen sie sich viel in ihrer Wohnung aufhalten oder auf künstlich angelegten Spielplätzen spielen. Somit steht die Schule vor der Aufgabe, das Stillsitzen außerhalb der Schule zu kompensieren. Dies kann sie durch konsequente und regelmäßige Bewegungspausen erreichen. Auch der Sportunterricht sollte ein „haltungsprophylaktisches Krafttraining“[50] sein. Wobei dieses Krafttraining keines­falls gestählte Kinderkörper bilden soll. Vielmehr kommt es darauf an, dass die Kinder lernen spielerisch lernen, etwas für ihre Gesundheit zu tun.

Haltungsschwächen, besonders solche, die durch das Sitzen hervorgerufen werden, können in einer bewegten Schule vielfach verhindert werden. Dies geschieht unter anderem durch alternative Schulmöbel. Zum einen gehören hierzu Schreibtische, die eine neigbare Tischplatte haben. Zum anderen geschieht dies durch verschiedene Sitzmöglichkeiten. Da wären beispielsweise Stühle, die unterschiedliche Sitzpositionen erlauben. Eine abge­schrägte Sitzfläche unterstützt die Beckenkippung, „so dass die Wirbelsäule bei Arbeiten am Tisch nicht mehr so stark gebeugt werden muss und eine einseitige Belastung der Bandscheiben verringert wird“[51]. Diese Sitzfläche kann aber auch im hinteren Bereich abgeflachter sein, damit die Schüler auch eine gute Haltung beim Zuhören einnehmen können.

Eine beliebte Sitzgelegenheit sind die Pezzi-Bälle. Kinder, die auf diesen Bällen sitzen, sind ständig in Bewegung und arbeiten so aktiv gegen eine statische Sitzhaltung an.

„Subjektives Sitzgefühl und Sitzkomfort werden auf den dynamischen Elementen durchwegs besser bewertet, die zusätzlichen Freiheitsgrade auf dynamischen Sitzelementen werden auch bei längerem Sitzen wirklich genutzt, ohne dass Aufmerksamkeit und Reaktionszeiten darunter leiden.“[52]

Zusätzlich dazu eignet er sich hervorragend für Gleichgewichts- und Entlastungsübungen. Einziger Kritikpunkt ist, dass wegen der fehlenden Rückenlehne, eine gut ausgeprägte Rückenmuskulatur vorhanden sein muss. Zudem sollte der Ball nicht den richtigen Stuhl ersetzen, sondern nur gelegentlich von den Schülern benutzt werden, da sonst ein dauerhaftes Sitzen auf dem Ball auch zu Verspannungen führt.

Ein guter bewegter Unterricht lässt das ständige Sitzen ohnehin nicht zu. Durch Laufdiktate, Rechenübungen mit Wurfspielen oder Bewegungspausen wird die Stunde in regelmäßige Konzentrations- und Entspannungsphasen unterteilt. Dies entlastet nicht nur den Körper vom ständigen Sitzen, sondern erhöht auch die Konzentrationsfähigkeit der Kinder. Es geht nicht nur um eine Veränderung der Sitzmöbel, vielmehr sollte man versuchen von der ersten Klasse an, den Kindern zu einem gesunden Sitzen zu verhelfen. Dies wird auch unterstützt durch eine ständige Veränderung der Sitzpositionen sowie einem Wechsel von Anspannung- und Entspannungsübungen während des Unterrichts.

II.1.2.2 Übergewicht und Adipositas (Fettsucht)

Übergewichtige Kinder gibt es erschreckenderweise in Deutschland immer mehr. „Von 1980 bis heute hat sich die Zahl der Schüler mit mindestens 30% Übergewicht um die Hälfte erhöht.“[53] Die Schuld daran tragen Fast-Food, Chips, süße Getränke und allem voran natürlich die mangelnde Bewegung der Kinder. Viele Kinder haben gar keine Lust mehr Sport zu treiben. Sie bleiben lieber zu Hause vor dem Fernseher sitzen. Andere wollen zwar gerne Sport treiben, werden aber im Sportunterricht oder im Verein von anderen Kindern wegen ihres Gewichtes ausgegrenzt und gehänselt. Diesen seelischen Grausamkeiten wollen sie sich nicht aussetzen und verkriechen sich lieber zu Hause. Oftmals wird übergewichtigen Kindern bereits in der Grundschule die Freude am Sport und an der Bewegung genommen. Ihnen wird dadurch in frühester Kindheit der Weg zu einem lebenslangen Sporttreiben versperrt.

Die Ursache von Übergewicht und Adipositas scheint auf den ersten Blick sehr einfach zu finden zu sein, nämlich eine positive Energiebilanz. Diese liegt vor, wenn die Energiezufuhr über dem Energieverbrauch liegt. Die Folge ist, dass der Körper die nicht verbrauchte Energie als Depotfett speichert. Heutzutage wird nicht mehr soviel Energie verbraucht wie noch vor vielen Jahren, dennoch essen viele Menschen genauso viel wie zu den Zeiten, in denen der Energieverbrauch noch über der Energiezufuhr lag. Natürlich spielen bei der Entstehung von Übergewicht genetische, psychische und soziale Faktoren sowie eine falsche Ernährung ebenfalls eine große Rolle. Doch liegt es weitestgehend am Bewegungsmangel, dass Übergewicht entsteht. Bewegungsmangel wird als „ungenügende körperliche Aktivität mit nachfolgender mangelhafter Belastbarkeit und unzureichender Stabilität zahlreicher Organe und ihrer Funktionen“[54] bezeichnet. Der Körper muss ständig belastet werden, um die körperliche Leistungsfähigkeit zu erhalten. Im Erwachsenenalter lässt der Bedarf an körperlicher Belastung nach. Bei Kindern allerdings braucht der junge Organismus mindestens 2-3 Stunden Bewegung täglich, um sich optimal zu entwickeln. Dazu bedarf es genügend Raum und Anreizen. Sind diese nicht gegeben, so hat dies zur Folge, dass Kinder immer übergewichtiger, aber auch immer unzufriedener werden.

Übergewichtige Kinder befinden sich in einem Teufelskreis: Sind sie stark übergewichtig und haben zum Beispiel aufgrund der fehlenden Bewegung Koordinationsprobleme, werden sie bei gemeinsamen Mannschaftsspielen eher die ungeliebteren Positionen bekommen, weniger angespielt werden und schnell die Lust an der Bewegung verlieren, da sie ja sowieso nicht richtig mitspielen dürfen. Dazu kommt, dass sie aufgrund dieser Enttäuschungen im Essen eine Ersatzbefriedigung sehen, was wiederum zu einer Gewichtszunahme führt und die Kinder immer passiver werden lässt.

Dieser Teufelskreis muss so früh wie möglich, am besten im Grundschulalter, durchbrochen werden. Auch übergewichtige Kinder müssen Spaß an der Bewegung finden.

Abschließend kann man sagen, dass Adipositas sich negativ auf die gesamte Entwicklung des Kindes auswirkt. Egal ob wir von der psychologischen oder der physiologischen Entwicklung ausgehen. Leider werden Kinder mit Übergewicht oftmals gemobbt und grausam behandelt. Durch die körperliche Betätigung im Schulsport, auf dem Pausenhof und im Klassenraum erfahren auch solche Kinder Bewegung als positiv und können Barrieren abbauen.

II.1.2.3 Ausdauerschwäche

Kinder mit einer mangelnden Ausdauer ermüden schnell und sind kaum belastbar. Dieser Konditionsmangel greift das Herz-Kreislauf-System an und führt zu schneller Ermüdung und Schwächung des gesamten Immunsystems. Die Kinder haben bei den geringsten Bewegungen schon einen schnellen Herzschlag und können sich nur langsam erholen. Kinder, die sich weniger bewegen, können auch weniger Sauerstoff aufnehmen. Die Folgen sind zuvor genannt worden. Einen Unterschied kann man bereits zwischen Kindern feststellen, die morgens mit dem Bus zur Schule fahren und denen, die das Fahrrad nehmen[55]. Die letzteren sind deutlich fitter und können morgens in den ersten Unter­richtsstunden schon mehr aufnehmen.

Auch Koordinationsmängel können durch verminderte Ausdauer eintreten. Eine geringe Leistungsfähigkeit beeinträchtigt die koordinativen Fähigkeiten der Kinder. Dies wiederum kann dazu führen, dass Kinder sich häufiger verletzen und höheren Unfallrisiken ausge­setzt sind. „Allein in Deutschland ereignen sich jährlich etwa 370000 Pausenhofunfälle“[56], die allein dadurch entstehen, dass bei Kindern mangelnde Ausdauer und damit verbunden fehlende koordinative und Gleichgewichtsfähigkeiten vorliegen. Sie wirken oft unge­schickt und tollpatschig, wenig beweglich und steif. Eine Vielzahl der Unfälle passiert durch Stürze, Stolpern, Ausrutschen und unabsichtliches Umrennen von Kindern. Es sieht so aus, dass die Kinder durch die fehlende Fitness oftmals einfache Alltagssituationen wie Klettern, Schwingen, Balancieren, ja sogar Laufen und Rennen nicht mehr bewältigen können. BÖS belegte diesen Fitness-Schwund in einer von ihm durchgeführten Studie. Er ließ Grundschüler im Alter von 6-10 Jahren einen Dauerlauf von 6 Minuten durchführen. Nach dem Lauf wurden die Ergebnisse notiert und der Durchschnittswert ermittelt. Den gleichen Test führte er 10 Jahre später durch und kam zu folgendem Ergebnis:

[...]


[1] Aus Gründen der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit auf die weiblichen Benennungen verzichtet. Gleichwohl beziehen sich Bezeichnungen wie z. B. Lehrer auf Männer und Frauen in gleicher Weise.

[2] Dordel, Sigrid: Bewegungsförderung in der Schule. Handbuch des Sportförderunterrichts. 4. Auflage. Dortmund: Verlag modernes lernen. 2003. S. 27

[3] Eickhorst, Annegret: Veränderte Kindheit … und Schule. Oldenburg: Carl von Ossietzky- Universitätsverlag 1998. S. 4

[4] http://www.uni-wuerzburg.de/sopaed1/koch/kindheit/hist.htm (Veränderte Kindheit - Qualitative und strukturelle Veränderung). 16.2.2005

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] Daele van den, Brigitte: Bildungsfragen sind Gesellschaftsfragen. Antworten auf eine veränderte Kindheit. München: Herbert Utz Verlag 2000. S. 61

[8] Vgl. ebd.

[9] Gutschmidt, Gunhild: Kinder in Einelternfamilien und Einzelkinder: In: Veränderte Kindheit - Veränderte Grundschule. Hrsg. von Maria Fölling-Albers. 7. Auflage. Frankfurt am Main: Arbeitskreis Grundschule e. V. 1997. S. 78 (= Beiträge zur Reform der Grundschule. Band 75)

[10] Daele van den, Brigitte: 2000. S. 103

[11] Eickhorst, Annegret: 1998. S. 7

[12] Engstler, Herbert / Menning, Sonja: Die Familie im Spiegel der amtlichen Statistik. Erweiterte Neuauflage. Erstellt im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Zusammenarbeit mit dem statistischen Bundesamt. 2003. S. 39

[13] Gutschmidt Gunhild: 1997. S. 83

[14] Daele van den, Brigitte: 2000. S. 100

[15] Ebd. S. 100

[16] Ebd. S. 102

[17] Ebd.

[18] Brinkhoff, Klaus Peter: Über die veränderten Bedingungen des Aufwachsens: Die Kindheit. In: Sportpädagogik 2. (1996). S. 8

[19] Eickhorst, Annegret: 1998. S. 8

[20] Daele van den, Brigitte: 2000. S. 119

[21] Zimmer, Renate: Bewegte Kindheit. Über den sozialen Wandel von Kindheit und die Auswirkungen auf das Bewegungs- und Körpererleben. In: Bewegte Kindheit. Hrsg. von Renate Zimmer. Schorndorf: Karl Hofmann Verlag. 1997. S. 23

[22] Ebd.

[23] Ebd. S. 24

[24] Brinkhoff, Klaus Peter: 1996. S. 8

[25] Nöstlinger, Christine: Draußen ist ja viel Böses. In: Bewegte Kindheit. Hrsg. von Renate Zimmer. Schorndorf: Karl Hofmann Verlag. 1997. S. 15

[26] Daele van den, Brigitte: 2000. S. 108

[27] Zimmer, Renate: 1997. S. 24

[28] Vgl. Sigrid Dordel. 2003. S. 31

[29] Schmidt, Werner: Fußball. Spielen – Erleben- Verstehen. Schorndorf: Karl Hofmann Verlag.
2004. (= Praxisideen. Schriftenreihe für Bewegung, Spiel und Sport.) S. 9

[30] Brinkhoff, Klaus Peter: 1996. S. 11

[31] Ebd.

[32] Dordel, Sigrid: 2003. S. 31

[33] Knauf, Tassilo / Politzky, Silke: Die Bewegte Grundschule. Idee und Praxis; vom Lehren mit allen Sinnen bis zur Phantasiereise. Baltmansweiler: Schneider Verlag Hohengehren. 2000. S. 5 (Da die vorliegende Arbeit nach den Regeln der neuen Rechtschreibreform verfasst ist, werden alle Zitate, die in der alten Rechtschreibung geschrieben wurden, entsprechend umgeändert. Der Inhalt bleibt dabei unverändert.)

[34] Ebd. S. 6

[35] zit. nach Oppolzer, Ursula: Bewegte Schüler lernen leichter. Dortmund: Verlag modernes lernen. Borgmann KG. 2004. S. 9

[36] Oppolzer, Ursula: 2004. S. 10

[37] Schädle-Schardt, Walter: Bewege dich beim Denken - Stört oder hilft körperliche Aktivität? In: Anspruch und Wirklichkeit des Sports in Schule und Verein. Hrsg. von Eckart Balz / Peter Neumann. Hamburg: Czwalina Verlag. 2000. S. 38

[38] Oppolzer, Ursula: 2004. S. 17

[39] Ebd.

[40] Thorbrietz, Petra: So üben Kinder Konzentration. In: Focus Schule. Heft 1. (2005). S. 13

[41] Vgl. Regensburger Projektgruppe: Bewegte Schule - Anspruch und Wirklichkeit. Grundlagen, Untersuchungen, Empfehlungen. Schorndorf: Karl Hofmann Verlag. 2001. (= Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport). S. 86

[42] Schädle-Schardt, Walter: 2000. S. 43

[43] Thiel, Ansgar / Teubert, Hilke / Kleindienst-Cachay, Christa: Die „Bewegte Schule“ auf dem Weg in die Praxis. Theoretische und empirische Analysen einer pädagogischen Innovation. 2. überarbeitete Auflage. Baltmannsweiler: Schneider Verlag. 2004. S. 31

[44] Dordel, Sigrid: 2003. S. 107

[45] Amberger, Herbert: Ursachen und Konsequenzen unbewegten Lebens - Pathomechanismen des Bewegungsmangels der Schulkinder. In: Bewegte Schule. Schulkinder in Bewegung. Hrsg. von Herbert Amberger. Schorndorf: Karl Hofmann Verlag. 2000. S. 21

[46] Ebd. S. 19

[47] Thiel, Ansgar / Teubert, Hilke / Kleindienst-Cachay, Christa: 2004. S. 32

[48] Vgl. Jürgen Weineck: Bewegungsmangel und seine Auswirkungen auf die psychophysische Leistungsfähigkeit. In: Bewegte Kindheit. Hrsg. von Renate Zimmer. Schorndorf: Karl Hofmann Verlag. 1997. S. 45

[49] Weitzer, Klaus: Haltung und Haltungsschulung: Ein theoretisches Modell und seine Bedeutung für die Praxis. In: Bewegte Schule. Schulkinder in Bewegung. Hrsg. von Herbert Amberger. Schorndorf: Karl Hofmann Verlag. 2000. S. 37

[50] Weineck, Jürgen: 1997. S. 45

[51] Hanneken, Arno: Bewegte Schule - Sitzen und Bewegen im Unterricht. In: Bewegte Kindheit. Hrsg. von Renate Zimmer. Schorndorf: Karl Hofmann Verlag. 1997. S. 55

[52] Seichert. Nikola: Sitz Still!? - Aktiv-dynamisches Sitzen in der Schule. In: Bewegte Schule. Schulkinder in Bewegung. Hrsg. von Herbert Amberger. Schorndorf: Karl Hofmann Verlag. 2000. S. 91

[53] Bös, Klaus: Sportunterricht - heute wichtiger als je zuvor. In: Anspruch und Wirklichkeit des Sports in Schule und Verein. Hrsg. von Eckart Balz / Peter Neumann. Hamburg: Czwalina Verlag. 2000. S. 46

[54] Brauer, Bernd M., Gottschalk, Klaus (Hrsg): Sportmedizin von A bis Z. 2. Auflage. Heidelberg, Leipzig: Johann Ambrosius Barth. 1996. S. 39

[55] Vgl. Sigrid Dordel: 2003. S. 351

[56] Regensburger Projektgruppe: 2001. S. 79

Ende der Leseprobe aus 122 Seiten

Details

Titel
Bewegte Grundschule als Antwort auf die veränderte Kindheit
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (FB 2)
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
122
Katalognummer
V55291
ISBN (eBook)
9783638502870
Dateigröße
1271 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit stellt zu Beginn die Veränderungen der Gesellschaft und der Umwelt, sowie die Bedeutung für die Kindheit dar. Anschließend werden 5 unterschiedliche Konzepte zur BEWEGTEN GRUNDSCHULE vorgestellt und kritisch betrachtet, bevor eine genaue Analyse der Praxisumsetzung erfolgt. Zum Abschluss gibt es eine kleine empirische Analyse zu einer BEWEGTEN GRUNDSCHULE in einer Großstadt des Ruhrgebiets.
Schlagworte
Bewegte, Grundschule, Antwort, Kindheit
Arbeit zitieren
Sybille Kaisers (Autor), 2005, Bewegte Grundschule als Antwort auf die veränderte Kindheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55291

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