Sprachkontakt: Ein Vergleich der soziolinguistischen Situation im Elsass und in Luxemburg. Unter besonderer Berücksichtigung von Code-switching im Elsass


Hausarbeit, 2001
39 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sprachkontakt
2.1 Sprachkontaktphänomene
2.2 Code-switching
2.2.1 Der Einfluss soziolinguistischer Faktoren auf das Sprachverhalten – erklärt am Beispiel von Code-switching
2.2.2 Die Bedeutung von Code-switching

3 Elsass und Luxemburg
3.1 Geschichte der Sprachsituation
3.1.1 Die historische Entwicklung im Elsass
3.1.2 Die historische Entwicklung in Luxemburg
3.2 Soziolinguistische Gegenwart
3.2.1 Die Situation im Elsass
3.2.2 Die Situation in Luxemburg

4 Code-switching im Elsass
4.1 Dialog 1
4.2 Dialog 2
4.3 Dialog 3
4.4 Resultate

5 Diskussion und Schluss

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Luxemburg und das Elsass haben eine grosse Gemeinsamkeit: Sie liegen beide an der deutsch-französischen Sprachgrenze. Noch im 19. Jahrhundert wäre es kaum falsch gewesen zu behaupten, dass sie damit in einer sehr ähnlichen soziolinguistischen Lage seien, denn in beiden Gebieten wurden damals im privaten Gebrauch vor allem deutsche Dialekte ver-wendet, die keine eigene Standardsprache bildeten. Für den öffentlichen Gebrauch wurden Französisch und Deutsch verwendet. Die politische und gesellschaftliche Entwicklung seither hat aber dafür gesorgt, dass sich die Situation in den beiden Gebieten heute weitgehend unter-scheidet: Gehört das Elsass seit 1945 (wieder) zu Frankreich und ist dadurch einem starken Prozess der Französisierung ausgesetzt, so wurde im unabhängigen Luxemburg der mosel-fränkische Dialekt zu einer eigenen Standardsprache ausgebaut, freilich ohne die beiden bedeutenden Sprachen Französisch und Deutsch ganz zu verdrängen.

Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass der Gebrauch der vorhandenen Sprachen in diesen beiden Gebieten sich heute stark unterscheidet. Für das Elsass hat Gardner-Chloros[1] nachgewiesen, dass heute in derVerwendung des deutschen Dialekts grosse Unsicherheiten bestehen und er in vielen Situationen zu Gunsten des Franzö-sischen aufgegeben wird. In Luxemburg dagegen ist, so Berg[2], das sprachliche Selbstbewusst-sein stärker denn je.

Ziel dieser Arbeit ist es darzustellen, wie sich die soziolinguistische Situation im Elsass und in Luxemburg heute darstellt, was also die sprachlichen und ausserlinguistischen Rah-menbedingungen sind. Ein wichtiger Akzent liegt dabei auf der Untersuchung von Code-switching im Elsass. Zu diesem Zweck sollen verschiedene wissenschaftliche Konzepte zum Sprachkontakt allgemein und zum Code-switching im Besonderen geprüft werden. Sowohl die historische Entwicklung der Situation in den beiden Gebieten als auch der heutige soziale, rechtliche, politische, wirtschaftliche, einstellungsmässige und sprachliche Zustand sind Un-tersuchungsgegenstand.

2 Sprachkontakt

Eine grundlegende Definition von Sprachkontakt hat schon Weinreich in seinem Klassiker "Sprachen in Kontakt"[3] aufgestellt: Sprachen stehen miteinander in Kontakt, wenn sie von denselben Personen abwechselnd gebraucht werden. Der Kontakt zwischen den Sprachen findet aber nicht nur in der einzelnen Person statt, sondern auch beim Kontakt verschieden-sprachiger Gruppen. Am deutlichsten zeigt sich dies entlang Sprachgrenzen, wo häufig ganze Bevölkerungsgruppen bilingual sind. Die Vorstellung, dass Sprachkontakt etwas Seltenes sei, ist verbreitet, aber falsch: Schon Weinreich[4] betont, dass sprachliche Gemeinschaften nie homogen und kaum je in sich abgeschlossen seien. Dieser Vorstellung begegnet man bereits bei Hugo Schuchardt[5], der der Ansicht war, dass es keine völlig ungemischten Sprachen gebe, während Max Müller[6] noch davon ausging, dass es keine Mischsprachen gebe. Tatsächlich ist heute anerkannt, dass sowohl historisch als auch gegenwärtig alle Sprachen und Sprach-varietäten mit andern Sprachen in Kontakt stehen und damit für Kontaktphänomene ein weites Feld besteht. Dem entspricht, dass Zwei- oder Mehrsprachigkeit (verstanden als mehr oder weniger gleich gute Kompetenzen in mehr als einer Sprache) weltweit sehr verbreitet sind. Dass dem in Europa nicht mehr so ist und Sprachen hier oft als geschlossene, klar unter-scheidbare Systeme verstanden werden, schreibt Bechert[7] der Ausbreitung und Durchsetzung überregionaler Schriftsprachen seit dem Beginn der Neuzeit zu – verstärkt durch das Auf-kommen des Nationalstaats im 19. Jahrhundert. Sprachen, die miteinander in Kontakt stehen, beeinflussen sich auf verschiedene Weise gegenseitig, wobei sowohl sprachstrukturelle als auch ausserlinguistische, gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie das Prestige der verschie-denen Sprachen in der Bevölkerung, die Loyalität zu ihnen, ihre mögliche Verteilung auf Ver-wendungsdomänen und die Sprachkompetenzen der Sprecherinnen und Sprecher die Art und Stärke der gegenseitigen Beeinflussung prägen.

2.1 Sprachkontaktphänomene

Ein wichtiges Phänomen von engem Sprachkontakt in mehrsprachigen Gruppen ist Code-switching, das Hinundherwechseln zwischen zwei oder mehreren Sprachen innerhalb von Gesprächen oder sogar innerhalb einzelner Äusserungen. Gardner-Chloros[8] bezeichnet Code-switching als linguistisches Konstrukt, das für die Sprecherinnen und Sprecher von geringer Relevanz ist, weil sie es nicht von andern Sprachkontaktphänomenen wie Entlehnung (borro-wing), Interferenz und Pidginisierung unterscheiden. Tatsächlich geschehen Sprachkontakte oft unbewusst. Savić[9] betont, dass sich Code-switching nicht losgelöst von andern Sprach-kontakterscheinungen analysieren lässt. Es sollen hier daher verschiede Arten der gegen-seitigen Beeinflussung von Sprachen in Kontaktsituationen dargestellt werden.

Eine der wichtigsten Erscheinungen von Sprachkontakt ist die Entlehnung. Entlehnungen sind auf verschiedenen Ebenen möglich; am einfachsten zu erkennen ist lexikalischer Lehn-einfluss[10], der sich weiter unterteilen lässt in Lehnwörter, die in eine Sprache oder Varietät übernommen und dann morphologisch angepasst werden, Lehnbildungen[11], die nach einem fremdsprachigen Vorbild mit Material der entlehnenden Sprache gebildet werden, und Lehn-bedeutungen[12], also die Zufügung neuer Bedeutungen zu bereits bestehenden Wörtern. Bei-spiele für diese drei Fälle im Deutschen sind "Fenster" aus Lateinisch "fenestra" als Lehnwort, "Wolkenkratzer" zu Englisch "sky scraper" als Lehnbildung und "realisieren" in Anlehnung an Englisch "to realize" in der (neueren) Bedeutung "erkennen, wahrnehmen", die als Lehn-bedeutung neben "verwirklichen" trat.[13] Entlehnungen unterscheiden sich von Code-switching vornehmlich durch zwei Tatsachen: Sie sind in der entlehnenden Sprache integriert, werden also wie Erbwörter flektiert und damit nicht immer als übernommene Wörter wahrgenommen, und sie sind so verbreitet, dass sie auch von einsprachigen Sprecherinnen und Sprechern ver-wendet werden.[14] Sie sind kein individuelles Phänomen und es fehlt ihnen der Ad-hoc-Charakter echter Code-switches.[15] Lehnwörter können jedoch sozial konventionalisierte Code-switches sein, wenn sie durch mehrsprachige Sprecherinnen und Sprecher in eine Sprache gekommen sind. Entlehnungen finden nicht nur im Lexikon statt; ebenso betroffen sein können andere Ebenen der Sprachstruktur wie Syntax, Morphologie, Phonetik und Phonologie.[16] Diese Beeinflussungen setzen einen stärkeren Kontakt voraus als lexikalische Einflüsse.[17]

Substrat-, Superstrat- und Adstrateinflüsse sind die Überreste einer früheren Kontakt-situation zwischen zwei Sprachen nach dem Aussterben einer der Sprachen. Es handelt sich dabei um frühere Entlehnungen aus der Sprache einer kulturell oder sozial überlegenen, unter-legenen oder gleichstarken Bevölkerung. Derartige Einflüsse sind aber nicht mehr aktiv und für die vorliegende Arbeit daher von geringem Interesse.

Das Zusammentreffen mehrerer Sprachen muss nicht notwendigerweise zum Sprach-wechsel einer Bevölkerungsgruppe führen. Zwei Sprachen können auch über längere Zeit nebeneinander existieren, selbst wenn grosse Teile der Bevölkerung bilingual geworden sind. Grundsätzlich unterschieden werden muss hier zwischen Bilingualismus und Mehr-sprachigkeit: Bilingualismus steht für die Tatsache, dass Einzelpersonen oder ein Teil der Bevölkerung in einem mehrsprachigen Gebiet mehr als eine Sprache als Muttersprache beherrschen, in diesen Sprachen also annähernd gleich gute Kenntnisse haben. Mehrsprachigkeit dagegen meint, dass eine Person oder ein Teil einer Bevölkerung zwar mehrere Sprachen aktiv beherrscht, aber dennoch nur eine Muttersprache hat. Hier unterscheiden sich also die Kompetenzen in den einzelnen Sprachen deutlich, selbst wenn die Zweitsprache sehr gut beherrscht wird. In Bezug auf Bilingualismus ganzer Bevölkerungen ist Mackes[18] der An-sicht, dass es im Normalfall ökonomischer ist, eine Sprache aufzugeben. Längerfristiger Bilingualismus setzt wahrscheinlich voraus, dass jeder Sprache eigene Bedeutungen und Funktionen, also Domänen, zugewiesen werden. Eine Sonderform der Domänenzuweisung ist die Diglossie: Hier handelt es sich um eine Aufteilung strukturell eng verwandter Sprachen oder Varietäten auf unterschiedliche Anwendungsgebiete. Prominentes Beispiel dafür ist die Deutschschweiz mit Schweizerdeutsch als fast ausschliesslicher mündlicher Sprachform und Standarddeutsch als einziger verbreiteter schriftlicher Sprachvariante.

In manchen Situationen engen Sprachkontakts entstehen Pidgin- und Kreolsprachen: Haben die Bewohnerinnen und Bewohner eines Gebiets gegenseitig unverständliche Her-kunftssprachen und steht keine Drittsprache als Lingua franca zur Verfügung, so kann sich aus den an der Kontaktsituation beteiligten Sprachen eine strukturell vereinfachte Misch-sprache entwickeln. Derartige Sprachen werden Pidgins genannt. Wird diese Sprache für Nachfahren der ersten Generation im Kontakt zur Muttersprache, so entwickelt sie eine eigene Grammatik und die Sprache wird zu einer Kreolsprache.

2.2 Code-switching

Code-switching bezeichnet den Wechsel zwischen Sprachen oder Sprachvarietäten innerhalb einer Gesprächssequenz. Voraussetzung für Code-switching ist Mehrsprachigkeit zumindest in einem Teil der Bevölkerung. Code-switching hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Swit-chen zwischen verschiedenen Varietäten oder auch Registern einer Sprache bei Einsprachi-gen[19], ist aber ein Gruppenphänomen[20] ; im Allgemeinen wird es nur verwendet, wenn alle an einem Gespräch Beteiligten bilingual sind. Code-switching wird verhindert, wenn auf eine Drittsprache als Lingua franca ausgewichen wird.[21] Gardner-Chloros[22] betont, dass Code-switching auch dann nur eine unter vielen Möglichkeiten für den Umgang mit Sprachkon-taktsituationen ist, wenn alle Voraussetzungen für Code-switching gegeben sind.

Heute werden im Allgemeinen nur noch Formen des Sprachwechsels zu Code-switching gezählt, die eine einzelne Person macht. Ausgeschlossen ist damit das Phänomen, dass zwei Personen in einem Gespräch konstant eine andere Sprache verwenden. Diese Art der Sprach-mischung ist häufig in Bevölkerungen zu beobachten, die einen Sprachwechsel durchmachen, wenn die Zielsprache bereits Muttersprache jüngerer Generationen ist.[23] Ebenfalls meistens nicht zum Code-switching gezählt wird der Wechsel der Sprache im Zusammenhang mit einem eindeutigen Themenwechsel nach längeren Gesprächsphasen. Eigentliches Code-switching tritt stets innerhalb von Gesprächsphasen auf.

Code-switching galt in der wissenschaftlichen Diskussion, so etwa bei Labov[24], lange als idiosynkratisches Phänomen ohne Regelhaftigkeit. Savić[25] erwähnt aber, dass diese Sicht heute durch verschiedene Studien widerlegt ist und Code-switching demnach als regelge-steuertes Verhalten Mehrsprachiger gelten muss. Das bedeutet, dass Code-switching im Gespräch sinngebend verwendet werden kann. Code-switching ist auch kein Zeichen man-gelnder Sprachkompetenz in beiden beteiligten Sprachen, wie Sankoff und Poplack[26] betonen. Wie oben schon erwähnt, lässt sich Code-switching mit dem Wechseln zwischen verschie-denen Stilebenen und lexikalischen Alternativen in einsprachiger Rede vergleichen[27], das ebenfalls bedeutungstragend im Gespräch werden kann. Verschiedene Register ein und derselben Sprache werden von Sprechenden je nach Gesprächspartner, Sprechsituation, Stil und Sprechtempo eingesetzt.[28]

Eine Sonderform des Sprachkontakts betrifft daher das Code-switching zwischen Varietäten einer Sprache und die gegenseitige Beeinflussung solcher Varietäten. Bechert[29] erwähnt, dass dieser intrasprachliche Kontakt etwas ganz Normales ist und wie der inter-sprachliche Kontakt sprachliche Neuerungen ermöglicht, allerdings durch Sprachein-stellungen wie das Prestige, das den einzelnen Varietäten zugeschrieben wird, behindert werden kann. Diese Beeinflussung durch Spracheinstellungen besteht auch bei intersprach-lichen Kontakten. Es stellt sich ohnehin die Frage, zu welchem Grad die an einem Code-switching beteiligten Sprachen oder Varietäten für die sprechende Person als eigenständige Systeme wahrgenommen werden. Eine gewisse Vermischung in der Repräsentation verschie-dener Sprachsysteme bei bilingualen Personen ist wahrscheinlich. Als Beweis dafür führt Gardner-Chloros[30] an, dass zweisprachige Kinder gemischtsprachige Aussagen machen, bevor sie sich bewusst sind, dass sie zwei Sprachen sprechen. Sie erwähnt auch, dass eine Vermischung der beiden Sprachsysteme möglicherweise nur teilweise eintritt.[31]

Code-switching tritt sowohl im Fall des Sprachwechsels einer ganzen Bevölkerungs-gruppe als auch als längerfristige Kommunikationsstrategie auf; beide Varianten sind empirisch nachweisbar. Als sprachliches Phänomen kann es aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Hauptsächlich werden dabei zwei Aspekte unterschieden: Nach der Bedeu-tung und den Auftretensformen von Code-switching einerseits, nach sprachinternen und sprachexternen Faktoren, die zu Code-switching führen, andererseits. Die Frage, ob Code-switching überhaupt eine Bedeutung hat, stammt aus der Zeit, als noch angenommen wurde, Code-switching sei ein regelloses Verhalten bilingualer Sprecherinnen und Sprecher, die möglicherweise in allen ihren Sprachen ungenügende Kompetenz besässen. Einigkeit herrscht heute darüber, dass Code-switching Bedeutung tragen kann, aber nicht muss, und Avarez-Cáccama[32] schlägt deshalb vor, nur bedeutungstragende Wechsel als Code-switching zu bezeichnen.

Morpho-syntaktische Regeln bestimmen, welche Code-switchings in einzelnen Sprachen möglich sind. Diese Regeln können zwischen verschiedenen Sprachen erheblich differieren. Die wohl häufigste Art von Code-switching ist das lexikalische Switching[33], bei dem einzelne Wörter aus der einen Sprache in eine Rede der andern Sprache eingebaut werden – Wörter, die in dieser Sprache nicht integriert sind. Daneben können ganze Phrasen oder sogar ganze Sätze und Redeteile[34] der einen Sprache entnommen und in eine Rede in der andern Sprache eingesetzt werden. Es wird hier weiter danach unterschieden, ob innerhalb eines Satzes (bzw. im Fall von intraclause Switching sogar innerhalb eines Teilsatzes oder eines Satzglieds) oder nur zwischen ganzen Sätzen geswitcht wird (intra- und intersententiales Code-switching).[35] Intrasententiales Code-switching sowie Code-switching innerhalb eines Wortes stellen die grössten Ansprüche an die Koordination zweier beteiligter Sprachen, weil hier zwei gramma-tikalische Systeme weit stärker in Einklang gebracht werden müssen, als wenn nur einzelne Wörter oder aber ganze Sätze geswitcht werden.[36] Dennoch berichtet Gardner-Chloros[37], dass Switching innerhalb von Teilsätzen ebenso oft vorkommt wie zwischen Teilsätzen.

2.2.1 Der Einfluss soziolinguistischer Faktoren auf das Sprachverhalten – erklärt am Beispiel von Code-switching

Neben diesen rein linguistischen Faktoren, die Code-switching beeinflussen, gibt es Faktoren, die mehr von den Sprechenden abhängen. So ist die Wahrscheinlichkeit für ein Switching bei einem Turn-taking im Gespräch höher. Durch ihr einleitendes Switching markiert die Person, die das Reden übernimmt, deutlich, dass sie jetzt an der Reihe ist. Ein häufiger Grund für Code-switching ist das Triggering[38]: Hier folgt der Wechsel nach einem Auslösewort.[39] Der typische Fall für Triggering ist, dass der sprechenden Person ein bestimmtes Wort nur in der zweiten Sprache einfällt und sie daher für die weitere Rede die Sprache wechselt.

Dass gänzlich extralinguistische Faktoren von grosser Bedeutung für die Erklärung von Code-switching sind, ist die Ansicht vieler Forschenden auf dem Gebiet.[40] Diese mehr sozio-linguistischen Erklärungen für das Auftreten von Code-switching können dabei nach Faktoren auf der Ebene des sprechenden Individuums und Faktoren auf der Makroebene der Sprach-gemeinschaft unterschieden werden. Zu den Faktoren, die für die ganze Gemeinschaft gelten, gehört das Verhalten gegenüber Personen, deren Sprachkenntnisse unbekannt sind.[41] Für ver-schiedene Sprachgemeinschaften gibt es auch sehr genaue Vorstellungen, welche Sprache in welcher Situation als "normal" und welche als "markiert" gilt.[42] Dieses Bewusstsein für mar-kierten und unmarkierten Sprachgebrauch hängt eng zusammen mit der Verteilung verschie-dener Sprachen oder Varietäten auf unterschiedliche Sprachgebrauchsdomänen. Dass in mehrsprachigen Gemeinschaften die einzelnen Sprachen oder Varietäten spezifisch auf Do-mänen verteilt sein können, wurde schon früh in der Sprachkontaktforschung erkannt. Fishman[43] ist der Ansicht, dass mehrsprachige Sprecherinnen und Sprecher in verschiedenen Sprechsituationen die eine oder andere Sprache sprechen, weil sie diese in der einen Situation besser beherrschen oder weil der Gebrauch der andern Sprache in dieser Situation als unan-gemessen gelten würde. Schmidt-Rohr[44] unterscheidet neun Bereiche des Sprachgebrauchs: Familie, Spielplatz/Strasse, Schule, Kirche, Literatur, Zeitung, Heer, Gericht und Verwaltung, während Barker[45] nur in familiäre/intime, informelle, formelle und gruppenübergreifende Funktionen der Sprache aufteilt. Berg[46] bezeichnet diese beiden Einteilungen als institu-tionelle und sozialpsychologische Sprachdomäneneinteilung und weist darauf hin, dass sich die beiden Einteilungen teilweise decken. Nelde[47] erwähnt, dass aus sprachökonomischen Gründen nur wenige Sprachbereiche den freien Wechsel innerhalb verschiedener Varianten zulassen. Gardner-Chloros[48] zeigt aber auf, dass keine universelle Einteilung der Domänen möglich ist, weil sich die Verteilung von Sprachgemeinschaft zu Sprachgemeinschaft unter-scheiden und auch innerhalb einer Gemeinschaft verändern kann.[49] So dürfte heute der Be-reich Kirche für viele westeuropäische Sprachgemeinschaften stark an Bedeutung verloren haben.[50] Häufig erwähnt wird in der Literatur, dass die Sprache oder Varietät, die als stilis-tisch tiefer gilt (also häufig der Dialekt im Gegensatz zur Standardsprache) für öffentlich-keitsfernere und gefühlsbetontere Domänen verwendet wird, während der höheren Varietät offizielle und intellektuellere Domänen vorbehalten sind.

[...]


[1] Gardner-Chloros (1991)

[2] Berg (1993)

[3] Weinreich (1976)

[4] Weinreich (1976, S. 9)

[5] Schuchardt (1884), zit. nach Thomason/Kaufman (1988, S. 1)

[6] Müller (1871), zit. nach Thomason/Kaufman (1988, S. 1)

[7] Bechert (1991, S. 12)

[8] Gardner-Chloros (1995, S. 86)

[9] Savić (1996, S. 23)

[10] Bechert 1991, S. 69

[11] Weinreich (1976, S. 73) unterscheidet weiter zwischen Lehnübersetzungen im eigentlichen Sinn, die dem Vorbild genau nachgebildet sind, etwa „Gipfelkonferenz“ aus Englisch „summit conference“, und Lehnübertragungen, die weniger strikt nachgebildet werden, wie „Wolkenkratzer“ zu Englisch „sky scraper“.

[12] Weinreich (1976, S. 71f.) spricht hier von semantischer Erweiterung bestehender Wörter.

[13] Glück (2000, S. 402f.)

[14] Savić (1996, S. 59)

[15] Gardner-Chloros (1991, S. 162)

[16] Thomason/Kaufman (1988, S. 37)

[17] Thomason/Kaufman (1988, S. 67)

[18] Mackes (1968), zit. nach Grosjean (1982, S. 37)

[19] Muhr (1985, S. 287)

[20] Bechert (1991, S. 1)

[21] Anderson (1983, S. 331)

[22] Gardner-Chloros (1991, S. 1f.)

[23] Gardner-Chloros (1991, S. 32)

[24] Labov (1971), zit. nach Savić (1996, S. 31)

[25] Ebd.

[26] Poplack (1981), . nach Savić (1996, S. 38f.)

[27] Grosjean (1982, S. 152), Alvarez-Cáccama (1998, S. 42); auch Muhr (1985, S. 287) glaubt an eine Ähnlichkeit zwischen Switches inter- und intrasprachlicher Art. Gardner-Chloros (1991, S. 46) steht dieser Vorstellung allerdings skeptisch gegenüber, weil für sie nicht schlüssig ist, ob diese beiden Phänomene psychologisch vergleichbar sind.

[28] Bechert (1991, S. 10)

[29] Bechert (1991, S. 81)

[30] Gardner-Chloros (1991, S. 43)

[31] Ebd.; Weinreich (1976, S. 11, 26) spricht ebenfalls davon, dass eine gewisse Strukturverschmelzung normalerweise auftritt.

[32] Avarez-Cáccama (1998, S. 42)

[33] Gardner-Chloros (1991, S. 94)

[34] Grosjean (1982, S. 146)

[35] Milroy/Muysken (1995, S. 8)

[36] Gardner-Chloros (1991, S. 149)

[37] Gardner-Chloros (1991, S. 173f.)

[38] Gardner-Chloros (1991, S. 61)

[39] Berg (1993, S. 133)

[40] Auer (1998, S. 3), Giacalone Ramat (1995, S. 46), Thomason/Kaufman (1988, S. 35, 213)

[41] Harnisch (1990, S. 217)

[42] Wei (1998, S. 158), Vassberg (1993, S. 72)

[43] Fishman (1965), zit. nach Grosjean (1982, S. 140)

[44] Schmidt-Rohr (1932), zit. nach Weinreich (1976, S. 117)

[45] Barker (1947), zit. nach Weinreich (1976, S. 117); ähnlich auch Harnisch (1990, S. 212)

[46] Berg (1993, S. 18)

[47] Nelde (1983); gleicher Meinung sind Milroy/Muysken (1995, S. 3).

[48] Gardner-Chloros (1991, S. 37)

[49] Dies betonen auch Berg (1993, S. 19) und Mackey (1983, S. 73).

[50] Berg (1993, S. 19)

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Sprachkontakt: Ein Vergleich der soziolinguistischen Situation im Elsass und in Luxemburg. Unter besonderer Berücksichtigung von Code-switching im Elsass
Hochschule
Universität Zürich  (Deutsches Seminar)
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
39
Katalognummer
V5532
ISBN (eBook)
9783638133777
Dateigröße
701 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine dreitägige Hausarbeit für die Diplomprüfung. 239 KB
Schlagworte
Sprachkontakt, Code-switching, Elsass, Luxemburg
Arbeit zitieren
This Fetzer (Autor), 2001, Sprachkontakt: Ein Vergleich der soziolinguistischen Situation im Elsass und in Luxemburg. Unter besonderer Berücksichtigung von Code-switching im Elsass, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5532

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