Die Darstellung der Großstadt in der Lyrik des Expressionismus


Bachelorarbeit, 2006

42 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Deutsche Großstadtlyrik
2.1 Expressionismus – Ein Überblick
2.2 Die Großstadt Berlin

3 Heyms und Lichtensteins «Die Stadt»
3.1 Formale Eigenheiten der Großstadtlyrik Heyms und Lichtensteins
3.2 Die Darstellung der Großstadt
3.3 Der «neue» Mensch der Stadt

4 Resümee

5 Literaturverzeichnis

6 Anhang

7 Erklärungen

1 Einleitung

Zurzeit des Expressionismus wird die Großstadt für etwa die Hälfte aller Deutschen zum Lebensraum. Die Menschen waren somit gezwungen, sich mit den veränderten Lebensbedingungen und der fortschreitenden Industria-lisierung auseinander zu setzten. Der Erfahrungsbereich der Großstadt spielt in der Literatur und vor allem der Lyrik insofern eine wichtige Rolle, da der Expressionismus ohne die unmittelbare Großstadterfahrung der Schriftsteller nicht möglich gewesen wäre. Das Phänomen der Großstadt bietet den Künstlern eine schier unerschöpfliche Vielfalt an Themen und Bildern, auf die sie in ihren Werken zurückgreifen können.[1] Gegenstand dieser Arbeit ist die Darstellung der Großstadt in der Lyrik des Expressionismus, welche exemplarisch an den gleichnamigen Gedichten der Berliner Frühexpres-sionisten Georg Heym «Die Stadt» (1911) und Alfred Lichtenstein «Die Stadt» (1913) untersucht wird. Zunächst wird die literaturhistorische Epoche des Expressionismus mit ihren Besonderheiten und sozialgeschichtlichen Bedingungen beschrieben. Um einen besseren Eindruck über die Lebens-bedingungen und Erfahrungsbereiche der beiden Berliner Lyriker zu erhalten, wird im weiteren Verlauf die sozialgeschichtliche Situation Berlins um die Jahrhundertwende näher betrachtet. Infolgedessen werden die formalen Eigenheiten bzw. die Umsetzung der veränderten Wahrnehmungsbedingungen im Hinblick auf die formale Gestaltung Heyms und vor allem Lichtensteins Lyrik untersucht. Im Anschluss daran wird zum einen die Darstellung der Großstadt und zum anderen die Darstellung des «neuen» Menschen in der Großstadt einer eingehenden Analyse unterzogen.

Um zunächst einen Überblick über die sozialen und geschichtlichen Umstände zu verschaffen wird nun im Folgenden die Epoche des Expressionismus näher beleuchtet.

2 Deutsche Großstadtlyrik

2.1 Expressionismus – Ein Überblick

Der Expressionismus sei ein Symptom und Ausdruck einer Weltkrise auf allen Gebieten, so Martini, und eine wesentlich deutsche Erscheinung gewesen.[2] Er entsteht aus einer geschichtlichen Situation zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Technik hat sich in dieser Zeit in Deutschland zu einer der erfolgreichsten, aber auch umstrittensten Komponenten des zivilen und kulturellen Lebens entwickelt.[3] Die Umschichtung der modernen Gesellschaft von einer traditionell-ländlichen Gemeinschaft zu einer nun rational-organisatorischen Gesellschaft spiegelt sich auch in der Literatur wider.[4] Um die Jahrhundert-wende wird die Stadt für etwa die Hälfte aller Deutschen zum Lebensraum. Der Mensch ist nun gezwungen, sich mit seiner eigenen Schöpfung, der fortschreitenden Technisierung und dem Leben in der Großstadt selbst, auseinanderzusetzen.[5] Deutschland befindet sich um die Jahrhundertwende in einem Stadium, in dem sich die industrielle Produktion zu einem fortschreitenden Industriesystem entwickelt. Die Gesellschaft ist demge-genüber allerdings weit von der Industrialisierung entfernt. Der Übergang Deutschlands von einer weniger entwickelten kapitalistischen Wirtschaftsform zu einer fortgeschrittenen kapitalistischen Form vollzieht sich innerhalb von etwa drei Jahrzehnten und im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, in denen dieser Prozess erheblich langsamer verläuft, wesentlich abrupter. Infolgedessen steht im Bewusstsein der Menschen das Fremde dem Vertrauten gegenüber. Die meisten der bekannten expressionistischen Autoren sind um 1890 geboren und demzufolge in dieser Zeit des Umbruchs aufgewachsen[6], daher sei das Spannungsverhältnis, in dem sie zum Neuen stehen, charakteristisch für das Bewusstsein dieser Schriftsteller.[7] Aus diesem Grund sei das Verhältnis der Frühexpressionisten zur Großstadt ambivalent. Zum einen lehnen sie sie als Ort der Ichdissoziation ab und zum anderen ist ihr Wirken und somit auch ihr Erfolg eng mit der Großstadt verbunden, da Zeitschriften wie Die Aktion oder Der Sturm ohne eine literarische Gruppe, dem Austausch mit Gleichgesinnten und eine rezipierende Öffentlichkeit nicht denkbar gewesen wäre.[8]

Die Epochenbezeichnung «Expressionismus» tritt erstmals auf einer Ausstellung der Berliner Sezession von 1911 auf und ist somit zunächst eine Angelegenheit der Malerei.[9] Im Jahre 1911 überträgt der promovierte Schriftsteller und Mitherausgeber der literarisch-politischen Zeitschrift Die Aktion, Kurt Hiller, die Bedeutung des Begriffs Expressionismus von der Kunst auf die Literatur. Den Expressionisten komme es, so Hiller, wieder auf den Gehalt, das Wollen und das Ethos an. Hiller bezeichnet Autoren, die in dem 1909 gegründeten Neuen Club in Berlin und dem später aus ihm hervor-gegangenen Neopathetischen Kabaretts vortrugen bzw. lasen, als Expres-sionisten.[10] Die Zielsetzung der im Neopathetischen Kabarett Vortragenden solle:

„das pathetische Ausschöpfen dessen [sein], was dem entwickelten Typus Mensch täglich begegnet; also ehrliche Formung der tausend kleinen und großen Herrlichkeiten und Schmerzlichkeiten im Erleben des intellektuellen Städters.“[11]

Darüber hinaus soll der Rezitierende eine knappe und irisierende Synthese geben von dem, was an seltsamer und analytischer Sensation in ihm stecke.[12] Günther Just hebt vor allem zwei Aspekte der Zielsetzungen des Neopathetischen Kabaretts hervor: Zum einen die Anerkennung des Intellekts als strukturierende Kraft und zum anderen die entschlossene Hereinnahme der Stadt in den Themenkreis der Lyrik.[13]

Die Stadt nimmt im Expressionismus eine beherrschende Stellung ein und löst die Naturlyrik ab, welche bis ins 19. Jahrhundert dominierte.[14] Der Expres-sionismus wagte im Gegensatz zum Naturalismus eine existentielle Auseinan-dersetzung mit der inzwischen zu einer übermächtigen Realität herange-wachsenen Technik.[15] Er strebe keine Milieuschilderung bzw. Wirklichkeits-wiedergabe an, wie es der Naturalismus getan habe. Für den Expressionismus sei die Realität bloß ein Rohstoff, welcher von den einzelnen Autoren unterschiedlich verarbeitet werde.[16] Den Blick für moderne und soziale Themen übernimmt er vom Naturalismus. Allerdings gelingt es den Expres-sionisten, die moderne Großstadt in schockartiger Enthüllung sprachlich zu gestalten. Auch wenn die expressionistischen Lyriker das gefühlvolle Ich aus ihren Visionen eliminieren[17], sind sie zwar entmenschlicht, aber nie unbeteiligt. Die fast pathetische Weltbegeisterung der Lyriker steht im Einverständnis mit allen Äußerungen des Lebens, mögen diese noch so hässlich und abstoßend sein.[18] Von der Anzahl an Werken des Expressionismus wird der Lyrik der höchste Rang an literarischer Produktion zugesprochen.[19] Wolfgang Rothe stellt dazu fest:

„Nie zuvor und danach haben wohl so viele Strophen das Phänomen «moderne Großstadt» unmittelbar thematisiert. Es muß hinzugefügt werden: Zu keiner Zeit bemühten sich Lyriker mit derartiger intellektueller Intensität und persönlicher Betroffenheit, das Wesen der großen Stadt zu erfassen und Sprache werden zu lassen. Trotz zahlloser scharfgesehener Details und einer ungeschminkten Wiedergabe der häßlichen Seiten des Großstadtlebens lag kein Rückgriff auf den Naturalismus vor, den die expressionistischen Programme und Manifeste ja genauso strikt ablehnten wie den Ästhetizismus. Auf Milieuschilderungen, die plane Widerspiegelung von Wirklichkeit, kam es den Expressionisten nicht an. Eine kühne schweifende Phantasie, visionäre Seherkraft und Lust am Grotesken, Extravaganten, der Spaß am Schockieren und witzige Satire – Eigenschaften besonders der Berliner Frühexpressionisten – nahmen die Daten der Realität als bloßen literarischen Rohstoff.“[20]

Der Erfahrungsbereich der Stadt spielt im Expressionismus insofern eine wichtige Rolle in der Literatur bzw. der Lyrik, dass ohne die unmittelbare Großstadterfahrung der Expressionismus kaum denkbar gewesen sei. Die Stadt und ihre Bewohner bieten den Schriftstellern eine schier unerschöpfliche Vielfalt an Themen und Bildern, auf die sie in ihren Werken zurückgreifen können.[21] Der Wahrnehmungsbereich der Großstadt um die Jahrhundertwende sei für die Dichter unverzichtbar für den Entwurf einer den veränderten Lebensumständen folgenden Ästhetik und gelte somit als Initiator der literarischen Moderne.[22] Die Frühexpressionisten reagieren mit der Großstadt-lyrik einerseits auf eine bis dahin unbekannte Mechanisierung und entindivi-dualisierende Unterwerfung des Menschen unter die Dingwelt und andererseits auf die Industrialisierung und Automatisierung sowie die Anonymität und die Verelendung in der Stadt.[23] Die Großstadt stellt für die Expressionisten ein pars pro toto der Modernisierungsprozesse dar[24], denn für die meisten Lyriker verkörpere sie alles Schlechte. In der Stadt siedeln sie ihre Visionen vom Zusammenstürzen der Welt an, ihr gelten die Schreckensgeschichten nie da gewesener Katastrophen sowie die Alpträume des Entsetzlichen oder der Ekel und die Angst, ebenso aber auch ihre Melancholie und Verzweiflung.[25]

Insgesamt lässt sich also festhalten, dass die sozialgeschichtlichen Umstände wie die Landflucht und die abrupt zunehmende Industrialisierung in Deutschland, die Großstadt ins Zentrum der Lyrik gerückt haben. Die Dichter dieser Zeit setzten sich in ihren Werken mit den Neuerungen der Technik sowie dem Erfahrungsbereich der Großstadt auseinander, wobei sie immer in einem Spannungsverhältnis zwischen Neuem und Altem stehen. Festzuhalten ist aber auch, dass es die literaturgeschichtliche Epoche des Expressionismus ohne die Großstadt mit ihren immer wechselnden Eindrücken nicht gegeben hätte.

2.2 Die Großstadt Berlin

Die fortschreitende Industrialisierung und die einsetzende Verstädterung Anfang des 19. Jahrhunderts stellen die Großstadt in den Mittelpunkt der zeitgenössischen Lyrik. Viele der heute bekannten expressionistischen Autoren sind in einer Großstadt geboren bzw. aufgewachsen. Diese Tatsache stellt sich als einer der grundlegendsten Unterschiede zu vorherigen Epochen bzw. Stilrichtungen, wie dem Naturalismus, heraus: die jungen Schriftsteller des Expressionismus waren Kinder der Stadt. Sie lebten in ihr und kehrten ihr nicht den Rücken, um sich in ländlichen Randgebieten niederzulassen.[26] Zu diesen Kindern der Stadt gehören auch Georg Heym, welcher 1887 in Schlesien geboren wurde und sich in Berlin dem 1909 gegründeten Neuen Club anschloss, und der in Berlin geborene und aufgewachsene Alfred Lichtenstein. Beide Autoren zählen zu den bemerkenswertesten Figuren des Berliner Frühexpressionismus.[27] Anhand ihrer gleichnamigen Werke „Die Stadt“ wird in den nächsten Kapiteln das Motiv der Großstadt analysiert. Um einen besseren Eindruck über die Lebensbedingungen und Erfahrungsbereiche der beiden Lyriker zu erhalten, wird zunächst ein sozialgeschichtlicher Überblick der Großstadt Berlin gegeben.

Die soziale Situation Berlins um die Jahrhundertswende ist geprägt durch eine schnell ansteigende Bevölkerungszahl, welche durch die Landflucht und die rasch fortschreitende Industrialisierung der vorausgegangenen Jahrzehnte bedingt ist. Die Einwohnerzahl Berlins steigt in den Jahren 1871 von 826.000 auf eine Million Einwohner im Jahre 1877. Bis 1905 verdoppelt sich die Einwohnerzahl Berlins auf zwei Millionen und 1914 schließlich auf vier Millionen. Die Bevölkerungsdichte 1861 beträgt 89 Personen pro Hektar, 1881 schon 169 Personen pro Hektar und 1914 schließlich 286 Personen pro Hektar. Die folgende Tabelle ermöglicht einen Überblick über die Verteilung der einzelnen Berufsgruppen der Erwerbstätigen in der Reichshauptstadt im Jahre 1910.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle1: Verteilung der Berufsgruppen der Erwerbstätigen in Berlin im Jahre 1910 (vgl. Läufer, B.: Jakob van Hoddis: Der Variete-Zyklus. S. 17f)

Anhand dieser Zahlen wird das soziale Gefälle, welches in Berlin herrscht, verdeutlicht. Dieses soziale Ungleichgewicht wird auch bei der Betrachtung der Wohnverhältnisse veranschaulicht. In den Mietskasernen, welche im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gebaut worden sind und dies vorwiegend im Norden und Osten der Stadt, wohnen 1912 etwa 600.000 Menschen. Die beheizbaren Zimmer der Wohnungen werden jeweils mit fünf bis dreizehn Personen belegt. Um die Kosten der Wohnungen tragen zu können, sehen sich viele Mieter jedoch noch gezwungen, Untermieter aufzunehmen.[28] Die schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen, die Arbeitslosigkeit, die niedrigen Löhne sowie die epidemischen Krankheiten und der Alkoholismus führen bald zu einer Massenverelendung des neu entstandenen vierten Standes und daraus resultierenden sozialen und politischen Spannungen.[29] Im gleichen Zug entstehen im Westen und Süden der Stadt die Villenkolonien der wohlhabenden Bürger, Industriellen, Adligen und höheren Beamten, welche durch den Ausbau der Großindustrie ihre Macht und ihr Vermögen vermehrt haben.[30] Der Urbanisierungsschub, der nirgends deutlicher zu spüren war als in Berlin, vergrößert nicht nur die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, sondern bringt auch eine Zunahme an Verkehr und die Ansiedlung großer Industriefirmen in der Metallverarbeitung, im Maschinenbau, der Textilproduktion und der Elektroindustrie mit sich.[31] Die Berliner Expressionisten sind infolgedessen dem Druck der Vermassung und der großstädtischen Enge so intensiv wie in keiner anderen deutschen Stadt ausgesetzt. Die Wirklichkeit der Expressionisten besteht aus Steinlabyrinthen, Mietskasernen, gejagten, stoßenden und schiebenden Menschenmassen, qualmenden Fabriken, Maschinengekreische, rasselnden Straßenbahnen und wild hupenden Autos.[32] Die neuen Kommunikationsmittel und die erhöhte Verfügbarkeit von Nachrichten aus aller Welt, aber auch aus dem lokalen Bereich, führen zu einer steigenden Schnelllebigkeit.[33] Der in Berlin lehrende Soziologe und Philosoph Georg Simmel beschreibt die auf das Individuum einströmenden Eindrücke und die veränderten Wahrnehmungsbedingungen in seinem Aufsatz «Die Großstadt und das Geistesleben» wie folgt:

„Die psychologische Grundlage, auf der der Typus großstädtischer Individualitäten sich erhebt, ist die Steigerung des Nervenlebens, die aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht. Der Mensch ist ein Unterschiedswesen, d.h. sein Bewußtsein wird durch den Unterschied des augenblicklichen Eindrucks gegen den vorhergehenden angeregt; beharrende Eindrücke, Geringfügigkeit ihrer Differenzen, gewohnte Regelmäßigkeit ihres Ablaufs und ihrer Gegensätze verbrauchen sozusagen weniger Bewußtsein, als die rasche Zusammendrängung wechselnder Bilder, der schroffe Abstand innerhalb dessen, was man mit einem Blick umfaßt, die Unerwartetheit sich aufdrängender Impressionen.“[34]

Der stetige Rhythmus und die Geschwindigkeit des Alltags bieten dem Menschen kaum noch Freiräume und demzufolge wird die Nervosität als permanenter Erregungszustand zur typischen Erkrankung des Großstadt-bewohners.[35] Neben den raschen und wechselnden Eindrücken, die auf jeden Einzelnen einströmen, leidet der Großstadtmensch auch an der Vermassung und Entindividualisierung der Stadt. Die Auswirkungen der enormen Entwicklung der modernen Technologie, Industrie und Geldwirtschaft um die Jahrhundertwende beschreibt Simmel wie folgt:

„Jedenfalls, dem Überwuchern der objektiven Kultur ist das Individuum weniger und weniger gewachsen. Vielleicht weniger bewußt, als in der Praxis und in den dunklen Gesamtgefühlen, die ihr entstammen, ist es zu einer quantité négligeable herabgedrückt, zu einem Staubkorn gegenüber einer ungeheuren Organisation von Dingen und Mächten, die ihm alle Fortschritte, Geistigkeiten, Werte allmählich aus der Hand spielen und sie aus der Form des subjektiven in die eines rein objektiven Lebens überführen. Es bedarf nur des Hinweises, daß die Großstädte die eigentlichen Schauplätze dieser, über alles Persönliche hinauswachsenden Kultur sind. Hier bietet sich in Bauten und Lehranstalten, in den Wundern und Komforts der raumüberwindenden Technik, in den Formungen des Gemeinschaftslebens und in den sichtbaren Institutionen des Staates eine so überwältigende Fülle kriystallisierten, unpersönlich gewordenen Geistes, daß die Persönlichkeit sich sozusagen dagegen nicht halten kann.“[36]

Die Einwohner der Stadt werden zum Teil einer großen Masse, in der sich jeder behaupten muss. Ferner gewährt das Großstadtleben den Menschen kaum noch Freiräume, um ihre Individualität zu entfalten.[37] Durch die immer spürbarere Ökonomisierung und Mechanisierung des äußeren Lebens droht das eigentlich Menschliche unter einer Anhäufung von Außenphänomenen, Institutionen und Konventionen abhanden zu kommen.[38]

Bei der Lyrik des Expressionismus könne man, so Rothe, von einer soziologischen Dichtung sprechen, welche das Schicksal der Einzelseele zwischen Tausenden abwandelt. Demgegenüber steht der Lyriker, der das
Neu-Werdende von außen betrachtet und das Bild, die Änderung und die Begebenheiten der Umwelt zu fixieren bzw. zu erfassen versucht.[39]

Die Großstadt Berlin erscheint den jungen Künstlern nach der Jahrhundertwende „als der Ort eines ins großstädtische befreiten Lebens und Ort einer wahrhaft avancierten Kunst.“[40] Aus diesem Grund ziehen immer mehr junge Künstler nach Berlin. Die Stadt symbolisiert für sie die Ausgeburt der verabscheulichten bürgerlichen Zivilisation. Das Großstadtleben dient den Künstlern als Katalysator für neu formulierte, den modernen, nervösen Lebensrhythmus reflektierenden Lyriktheorien.[41] Als der Neue Club finden sich die expressionistischen Autoren, unter ihnen auch Georg Heym, im Nollendorf-Casino in der Kleiststraße Nr. 41 in Berlin-Schöneberg zusammen und tragen ihre Dichtungen vor.[42]

Um noch einmal zusammenzufassen: Das Berlin der Jahrhundertwende ist geprägt von einer schnell anwachsenden Bevölkerung sowie einer großen Diskrepanz zwischen den einzelnen sozialen Schichten. Dieses Spannungs-verhältnis wurde vor allem bei der Betrachtung der Verteilung der Erwerbs-tätigkeit der arbeitenden Bevölkerung und der Wohnsituation deutlich. Darüber hinaus bestimmen die Schnelligkeit des alltäglichen Rhythmus und die Mechanisierung das Leben der Städter. Die ständig wechselnden Impressionen der Stadt, die veränderten Wahrnehmungsbedingungen und der Ausbau des Kommunikationssystems führen, nach Simmel, zu einer Steigerung des Nervenlebens. Die Bewohner der Großstadt fühlen sich nicht mehr als Individuen, sondern als Teil einer Masse. Die Lyriker greifen diese Thematik wieder auf und versuchen, die Großstadt von außen zu betrachten und zu erfassen. Ebenso spielt das Schicksal des Einzelnen innerhalb der Großstadt-masse eine Rolle in ihrer Dichtung. Dem Künstler diente die Großstadt, um neue Lyriktheorien zu formulieren, die dem modernen schnellen Lebens-rhythmus angepasst waren. Nun stellt sich die Frage, wie die Dichter die veränderten Lebens- und Wahrnehmungsbedingungen der Großstadt in ihren Gedichten umgesetzt haben.

[...]


[1] Vgl. Läufer, B.: Jakob van Hoddis: Der Varieté-Zyklus. Frankfurt a. M.. 1992. S. 24

[2] Vgl. Paulsen, W.: Deutsche Literatur des Expressionismus. Bern/Frankfurt a. M./New York 1983. S. 12

[3] Vgl. Daniels, K.: „Expressionismus und Technik“. In: Rothe, W. (Hrsg.): Expressionismus als Literatur. Gesammelte Studien. Bern/München. 1969. S. 171

[4] Vgl. Vietta, S. (Hrsg.): Lyrik des Expressionismus. Tübingen 1976. S. 3

[5] Vgl. Rölleke, H.: Die Stadt bei Stadler, Heym und Trakl. Berlin 1966. S. 18

[6] Vgl. Hinton T. R.: „Das Ich und die Welt. Expressionismus und Gesellschaft“. In: Rothe, W. (Hrsg.): Expressionismus als Literatur. Gesammelte Studien. Bern/München. 1969.
S. 19

[7] Vgl. ebd., S. 20

[8] Vgl. Läufer, B.: Entdecke dir die Hässlichkeit der Welt. Bedrohungen, Deformation, Desillusionierung und Zerstörung bei Jakob van Hoddis. Frankfurt a. M. 1996. S. 160

[9] Vgl. Paulsen, W.: Deutsche Literatur des Expressionismus. a.a.O. S. 9

[10] Vgl. Beutin, W.; Ehlert, K.; Emmerich, W.; Kanz, C.; Lutz, B.; Meid, V.; Opitz, M.; Opitz-Wiemers, C.; Schnell, R.; Stein, P.; Stephan, I. (Hrsg.): Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart/Weimar 62001. S. 367

[11] Siefert, C.: Die Industrialisierung in der deutschen Literatur der Jahrhundertwende. Eine Analyse ausgewählter Texte Gerhart Hauptmanns, Heinrich Manns und Georg Heyms. Bochum 1995. S. 211

[12] Vgl. ebd., S. 212

[13] Vgl. ebd. S. 211

[14] Vgl. Vietta, S. (Hrsg.): Lyrik des Expressionismus. a.a.O. S. 30

[15] Vgl. Daniels, K.: „Expressionismus und Technik“. a.a.O. S. 171

[16] Vgl. Mihály, C.: „Alfred Lichtensteins Fluchtgedichte in der ‚Menschheitsdämerung’“. In: Jahrbuch der ungarischen Germanistik. 1998. S. 137

[17] Vgl. Rölleke, H.: Die Stadt bei Stadler, Heym und Trakl. a.a.O. S. 38

[18] Vgl. Riha, K.: Deutsche Großstadtlyrik. Eine Einführung. München/Zürich 1983. S. 40f

[19] Vgl. Siefert, C.: Die Industrialisierung in der deutschen Literatur der Jahrhundertwende. a.a.O. S. 213

[20] Rothe, W.: Deutsche Großstadtlyrik vom Naturalismus bis zur Gegenwart. Stuttgart 1973.
S. 13

[21] Vgl. Läufer, B.: Jakob van Hoddis: Der Variete – Zyklus. a.a.O. S. 24

[22] Vgl. Läufer, B.: Entdecke dir die Hässlichkeit der Welt. a.a.O. S. 155

[23] Vgl. ebd., S. 155

[24] Vgl. Larcati, A.: „«Großstädte der Intellektualität! » Inhaltliche und methodologische Überlegungen zum Verhältnis von Großstadt und Moderne im frühen 20. Jahrhundert“. In: Panagel, O.; Weiss, W. (Hrsg.): Noch einmal Dichtung und Politik. Vom Text zum politisch-sozialen Kontext, und zurück. Wien, Köln, Graz 2000. S. 196

[25] Vgl. Rothe, W.: Deutsche Großstadtlyrik vom Naturalismus bis zur Gegenwart. a.a.O.
S. 17

[26] Vgl. Läufer, B.: Entdecke dir die Hässlichkeit der Welt. a.a.O. S. 160

[27] Vgl. Rothe, W.: Deutsche Großstadtlyrik vom Naturalismus bis zur Gegenwart. a.a.O.
S. 19

[28] Vgl. Läufer, B.: Jakob van Hoddis: Der Variete – Zyklus. a.a.O. S. 17f

[29] Vgl. Läufer, B.: Entdecke dir die Hässlichkeit der Welt. a.a.O. S. 157

[30] Vgl. Läufer, B.: Jakob van Hoddis: Der Variete – Zyklus. a.a.O. S. 18

[31] Vgl. Gutjahr, O.: „Berlin als Hauptstadt des «modernen Durchbruchs»: Das Beispiel Henrik Ibsen“. In: Gutjahr, O.; Henningsen, B.; Müssner, H.; Lorenz, O. (Hrsg.): Attraktion Großstadt um 1900: Individuum – Gemeinschaft – Masse. Berlin 2001. S. 59

[32] Vgl. Vollmer, H.: Alfred Lichtenstein – Zerrissenes Ich und verfremdete Welt. Ein Beitrag zur Erforschung der Literatur des Expressionismus. Aachen 1988. S. 108f

[33] Vgl. Siefert, C.: Die Industrialisierung in der deutschen Literatur der Jahrhundertwende. a.a.O. S. 4

[34] Simmel, G.: Die Großstadt und das Geistesleben. In: Vietta, S. (Hrsg.): Lyrik des Expressionismus. Tübingen 1976. S. 11

[35] Vgl. Läufer, B.: Jakob van Hoddis: Der Variete – Zyklus. a.a.O. S. 20

[36] Simmel, G.: Die Großstadt und das Geistesleben. a.a.O. S. 15f

[37] Vgl. Läufer, B.: Jakob van Hoddis: Der Variete – Zyklus. a.a.O. S. 20

[38] Vgl. Daniels, K.: „Expressionismus und Technik“. a.a.O. S. 171

[39] Vgl. Rothe, W.: Deutsche Großstadtlyrik vom Naturalismus bis zur Gegenwart. a.a.O. S. 7

[40] Vgl. Hermand, J.: „Das Bild der «großen Stadt» im Expressionismus“. In: Scherpe, K. R. (Hrsg.): Die Unwirklichkeit der Städte. Großstadtdarstellungen zwischen Moderne und Postmoderne. Hamburg 1988. S. 67

[41] Vgl. Vollmer, H.: Alfred Lichtenstein – Zerrissenes Ich und verfremdete Welt. a.a.O. S. 107f

[42] Vgl. Vietta, S.: Das literarische Berlin im 20. Jahrhundert: mit aktuellen Adressen und Informationen. Stuttgart 2001. S. 19f

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung der Großstadt in der Lyrik des Expressionismus
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Note
1,5
Autor
Jahr
2006
Seiten
42
Katalognummer
V55328
ISBN (eBook)
9783638503174
ISBN (Buch)
9783638683210
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Großstadt, Lyrik, Expressionismus
Arbeit zitieren
Britta Wertenbruch (Autor), 2006, Die Darstellung der Großstadt in der Lyrik des Expressionismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55328

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