Wolframs Titurel als kritik am höfischen Minnebild


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

37 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Höfische Minne

3. Liebe und Untergang – die Vorausdeutung der Katastrophe

4. Zwei Liebende – gefangen im höfischen Zeremoniell
4.1 Die Minnegespräche
4.2 Die Jagd nach dem Brackenseil

5. Ein Ende ohne Auflösung 31

6. Literaturverzeichnis
6.1 Verwendete Quellen
6.2 Fachliteratur

1. Einleitung

Nu hœret frömde wuonder von der maget Sigaunen.[1]

„Nun vernehmt wundersame Dinge von dem Mädchen Sigune“, leitet der Erzähler nach einer einführenden Übersicht über das Gralsgeschlecht und der Rede des Gralskönigs jenen Teil des Titurel ein, der sich mit der eigentlichen Hauptperson des Titurel-Fragments beschäftigt: Sigune.

Sigune taucht als Figur bereits in Wolframs von Eschenbach früherem Werk „Parzival“ auf, spielt dort allerdings nur eine Nebenrolle. Der Held Parzival begegnet ihr in dieser Erzählung insgesamt viermal: das erste Mal, als er aus der Isolation bei seiner Mutter ausbricht und in die Welt hinauszieht; bei dieser Begegnung berichtet ihm Sigune, die Parzivals Cousine ist, von seiner väterlichen Herkunft. Das zweite Mal trifft Parzival sie nach seinem Besuch der Gralsburg Munsalvæsche, wo er versäumt hat, Anfortas die Erlösungsfrage zu stellen. Als Sigune von diesem verhängnisvollen Versäumnis erfährt, verflucht sie Parzival zwar, doch erfährt Parzival durch sie auch die Hintergründe von Anfortas Leiden. Das dritte Mal begegnet Parzival ihr erst viele Jahre später, als er erneut in die Nähe der Gralsburg geraten ist. Nachdem der Ritter ihr voller Kummer von seiner langen erfolglosen Suche nach dem Gral erzählt hat, vergibt Sigune ihm und weist ihm eine Spur zum Gral.

Gegen Ende der Parzival-Erzählung, nachdem Parzival dem kranken Gralskönig Anfortas schließlich die Erlösungsfrage gestellt hat, will er Sigune noch einmal in jener Klause aufsuchen, in der er sie zuletzt gesehen hat, doch findet er sie dort tot auf – neben ihr der Leichnam jenes Mannes, dessen toten Körper sie auch in den vorangegangenen Begegnungen bewacht hat: ihr geliebter Schionatulander.[2]

Bei den ersten beiden Treffen trug sie den Toten noch in ihren Armen, beim dritten lag Schionatulander in der Klause in einem Sarg, und als Parzival zum Schluss Sigune ebenfalls tot auffindet, legt er sie neben Schionatulander ins Grab.

Bei ihrer ersten Begegnung berichtet Sigune dem jungen Parzival auch, wie der Ritter über den sie ständig wacht, den Tod fand:

Nu hoer waz disiu maere sîn.

Ein bracken seil gap im den pîn,

in unser zweier dienste den tôt

hât er bejagt, und jâmers nôt

mir nâch sîner minne.

Ich hete cranke sinne,

daz ich im niht minne gap:

des hat der sorgen urhap

mir vröude verschrôten:

nu minne ich in alsô tôten.[3]

Man erfährt hier, dass Sigune den Toten offenbar geliebt hat und sich Vorwürfe macht, dass sie ihm zu Lebzeiten kein Zeichen ihrer Liebe gegeben hat. Zuvor hat Sigune Parzival erzählt, dass der Tote im Kampf gegen den Ritter Orilus gefallen ist. Orilus und sein Bruder Lähelin hätten Parzival seine Erbländer geraubt, was Schionatulander rächen wollte und wobei er den Tod fand:

junc vlaetic süezer man,

die gebruoder hânt dir vil getân.

Zwei lant nam dir Lähelîn:

Disen ritter unt den vetern dîn

Ze tjostiern Orilus.[4]

Wie der Tod Schionatulanders nun allerdings mit einem „bracken seil“, also einer Hundeleine, zusammenhängt, und warum Sigune ihm nicht ihre Liebe geschenkt hat, erfährt man im Parzival selbst nicht, so dass diese Bemerkung beim Leser zunächst nur Verwirrung und Verwunderung ausgelöst haben dürfte. Die Geschichte von Schionatulander und Sigune liefert Wolfram erst im „Titurel“ nach. Im „Parzival“ sind die beiden nur Randfiguren und ihre gemeinsame Geschichte wird nicht erzählt, nur ihr Ausgang gezeigt: Sigune und der erschlagene Schionatulander: das ist im „Parzival“ fast nur noch zum Ergebnis geronnenes geschehen, fast nur noch vor dem wechselnden Weg Parzivals festgehaltenes starres Bild.“[5] Erst das Titurel-Fragment erzählt von der Geschichte der beiden Liebenden, so dass ungewöhnlicherweise die in der Erzählhandlung früher stattfindenden Ereignisse vom Autoren im später verfassten Werk beschrieben werden.[6]

Doch auch in anderer Hinsicht nimmt Wolframs Titurel-Erzählung eine Sonderstellung in der mittelalterlichen Literatur ein, da „die Handlung dieses Werkes ohne Vorlage nur aus der schöpferischen Phantasie des Dichters erwachsen ist.“[7]

Als er seinen „Parzival“ schrieb, hat Wolfram von Eschenbach sich höchstwahrscheinlich an der unvollendeten Erzählung „Perceval“ von Chrétien de Troyes orientiert. In der Chrétianschen Erzählung taucht ebenfalls eine adlige Frau auf, welche die Leiche eines erschlagenen Ritters betrauert und wahrscheinlich das Vorbild für Wolframs Sigune war. Im französischen „Perceval“ bleibt diese Frau jedoch namenlos, während Wolfram ihr bereits in seinem „Parzival“ einen eigenen Namen gibt, was zeigt, dass er sich Gedanken um die Geschichte und Persönlichkeit dieser Frau gemacht hat.[8] Der „Titurel“ erzählt nun die ganze Geschichte dieser Frau und ihres Ritters – eine Geschichte von zwei Liebenden. Und ihre Liebe soll auch Thema dieser Arbeit sein.

Ungewöhnlich an dieser Liebesgeschichte ist jedoch ihr Ausgang, der uns aus „Parzival“ bekannt ist (dem Titurel-Fragment selbst fehlt das Ende). Der junge Ritter Schionatulander stirbt, als er sich der Liebe seiner Minnedame Sigune als würdig erweisen will – es gibt kein glückliches Ende. Damit hebt sich die Titurel-Erzählung „von sonstigen Werken höfischer Epik ab, die ganz darauf gestimmt sind, den Helden zu märchenhaften Glück zu führen, und nähert sich vielmehr der Heldenepik, die sich den dunkeln Fügungen wirklichen Lebens nicht verschließt.“[9] Das übliche âventiure-Schema mittelalterlicher Epen, in denen der Held seine Tapferkeit und seinen Wert durch das Bestehen zahlreicher gefährlicher Abenteuer beweist, wird durchbrochen. Der Begriff „âventiure“ wird im Metzler Literaturlexikon folgendermaßen erläutert:

In mhd. Dichtung (bes. in der à Artusdichtung) vorkommende Bez. für ritterliche Bewährungsproben im Kämpfen mit Rittern, Riesen und and. gefahrvollen Begegnungen mit Fabelwesen (Drachen, Feen, u. a.) deren Bestehen Werterhöhung und Ruhm bedeuten.[10]

Auch Schionatulander stellt sich im „Titurel“ einer Bewährungsprobe, um Sigunes Liebe zu gewinnen, allerdings weicht Wolframs Liebesgeschichte in zwei Aspekten wesentlich von typischen âventiure-Erzählungen ab: Erstens erscheint die Art der Probe anfangs nicht wirklich gefährlich (er soll für Sigune ja lediglich einen Hund fangen), zweitens endet die Bewährungsprobe nicht mit Ruhm und Wertsteigerung Schionatulanders, sondern mit seinem Tod.

Wenn Wolfram auf der einen Seite das Motiv der Bewährungsprobe aufgreift, andererseits einen im Vergleich zu typischen âventiure-Romanen absolut unglücklichen Ausgang für seine Geschichte wählt, so ist die Absicht des Dichters und der Zweck dieses ungewöhnlichen Endes zu ergründen. Eine in der Forschungsliteratur diskutierte These ist, dass Wolfram mit dem „Titurel“ das Minnebild in höfischen Erzählungen kritisieren wollte. Allerdings nicht die Minne selbst, sondern vor allem das Regelkorsetts am Hofe bzw. dem imaginären Hofe mittelalterlicher Erzählungen, in denen das Werben um die geliebte Frau immer in festgeschriebenen Formen verläuft. Bei der Vermittlung des höfischen Verhaltenskanons gerate das eigentliche Wesen der Minne in den Hintergrund, so dass die Liebe selbst an dem festen Reglement leidet und sie im Falle Schionatulanders und Sigunes sogar daran zerbricht.[11]

Die vorliegende Arbeit wird anhand von ausgewählten Textstellen aus dem Titurel-Fragment und deren Interpretation diese These überprüfen. Dabei muss jedoch von Vornherein der fragmentarische Charakter des „Titurel“ bedacht werden. Da Wolframs Erzählung unvollendet ist – das Ende fehlt und der Ausgang der Geschichte nur aus dem „Parzival“ bekannt ist – kann es keine literaturwissenschaftliche Analyse des Textes geben, die mit hundertprozentiger Sicherheit die Intention des Autors wiedergibt. Jeder Deutung haftet zwangsläufig der Charakter des Spekulativen an. Eine Interpretation, die literaturwissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden will, kann daher höchstens zum Ziel haben, begründete Spekulationen über die Aussage des Textes zu liefern – also solche, die sich am vorhandenen Text belegen lassen und nicht auf Mutmaßungen beruhen, wie verschollene Abschnitte des Textes aussehen könnten. Die Textstellen, auf die sich die vorliegende Arbeit stützt, sind vor allem die in Kapitel 4.1 behandelten Minnegespräche zwischen Sigune und Schionatulander, sowie die zwischen Schionatulander und Gahmuret, und Sigune und Herzeloyde. Des Weiteren wird in Kapitel 4.2 der Abschnitt über das Brackenseil interpretiert.

Obwohl es nahezu unmöglich ist, den „Titurel“ ohne Bezug auf Wolframs „Parzival“ zu deuten (eben weil das Ende der Erzählhandlung nur durch den „Parzival“ bekannt ist), werde ich mich bei der Deutung so weit wie möglich auf den Titurel-Text selbst beschränken, und nur dort auf den „Parzival“ eingehen, wo er wichtige Ergänzungen liefert, da diese Arbeit ausschließlich der Frage nachgehen soll, ob Wolfram durch den „Titurel“ die gängigen Muster höfischer Minne kritisieren wollte, und nicht zusätzlich noch der Frage, ob er mit diesem Text den „Parzival“ ergänzen, das dort angeschnittene Thema aus einem neuen Blickwinkel betrachten oder gar korrigieren wollte. Natürlich gibt es vieles, was für eine Abhängigkeit des „Titurels“ vom „Parzival“ spricht, aber da bis heute niemand mit Sicherheit sagen kann, ob Wolfram ein Ende für den „Titurel“ geschrieben oder zumindest geplant hat, und wenn, wie dieses aussieht, lässt sich eben auch nicht mit Sicherheit sagen, wie stark die beiden Werke voneinander abhängig sind.[12] Inwieweit man den „Titurel“ aus dem Parzival-Kontext heraus deuten will, ist also auch eine Ermessensfrage, und ich werde mich im Folgenden möglichst wenig auf den „Parzival“ stützen, um den eigenständigen Wert des „Titurel“ zu betonen.

Wenn man der Frage nachgehen will, ob Wolfram im „Titurel“ das Minnebild in der höfischen Epik kritisieren wollte, reicht es allerdings nicht, nur den „Titurel“ selbst zu betrachten, sondern man muss sich auch mit dem gängigen Minnebild mittelalterlicher Literatur auseinandersetzen. Vor der Interpretation des wolframschen Textes wird das nun folgende Kapitel daher einen kleinen Exkurs zum Thema „höfische Minne“ bieten.

2. Höfische Minne

Minne ist im 12. und 13. Jahrhundert in Deutschland das zentrale Thema von Epik und Lyrik und spielt nicht nur im Minnesang eine Rolle, sondern auch in der Heldenepik, Antiken-, Artus- und Legendenromanen.[13] Die Art und Weise, in der deutsche Dichter das Thema Liebe behandeln, wurde dabei entscheidend durch Schriften aus dem romanischen Kulturbereich geprägt, in der die Überzeugung vorherrschte, dass die Liebe, wenn sie an die moralische Verpflichtung des Dienstes gebunden ist, „den Wert d. Menschen steigert, sowie seine Vervollkommnung und sein Glück bewirkt.“[14] Diese Vorstellung des Dienstes im Namen der Liebe ist das entscheidende Merkmal höfischer Minne, wie sie uns in vielen mittelalterlichen Texten geschildert wird. In der damaligen Literatur begegnen uns vor allem zwei unterschiedliche Konzeptionen der an den Dienst gebundenen Minne:

1. die âventiure, in der der Mann seinen Dienst durch eine ritterliche Waffentat vollzieht, wodurch er seinen Wert beweist und es anschließend zur Heirat mit der geliebten Frau kommt (oder zur nachträglichen Legitimation einer bereits vollzogenen Heirat ): „Die Waffentat als Mittel der Konfliktregelung leistet die Integration des einzelnen und erweist den einzelnen Ritter als gesellschaftliche Ordnungsmacht.“[15]
Die überwältigende Kraft des Liebesgefühls wird in der âventiure also für die höfische Gesellschaft nutzbar gemacht, da der Mann dem gesellschaftlichen Ideal des tapferen Ritters – durch seine Liebe beflügelt – nur um so eifriger nachkommen will. Im âventiure -Roman wird also vor allem die Synthese zwischen Ritterschaft und Minne dargestellt
2. das vor allem in der Lyrik auftauchende Konzept des Frauendienstes. Die Frau hat hier meist einen höheren Sozialstatus als der werbende Ritter, „steht als idealisierte Figur hoch über dem Mann, der sie [...] anbetet“[16] Sie tritt hier als dem Ritter übergeordnete Minneherrin auf, und der Mann beweist seinen Wert nicht allein durch Tapferkeit und kämpferisches Können, „sondern in der Bereitschaft, trotz der stets erneut enttäuschten Hoffnung auf ein Entgegenkommen d. Frau in unbeirrbarer Treue an der Liebe zu ihr festzuhalten und den ungelösten Spannungszustand zu ertragen, der aus unerfüllter Liebe entsteht.[17] Der Ritter muss hier also in erster Linie seine Treue beweisen.

Beiden Konzepten gemeinsam ist, dass der Ritter nicht ohne weiteres die umworbene Frau für sich gewinnen kann. Im âventiure-Roman muss er sich zunächst einmal durch das Bestehen eines Abenteuers und den Beweis seiner Tapferkeit als würdig erweisen, beim Frauendienst als Zeichen der hohen Minne geht es weniger um die Eroberung der Frau, als um den bloßen Dienst der Verehrung, der dem Ritter immer weitere Gelegenheiten gibt, seine Tugendhaftigkeit zu beweisen.

Obwohl die Frau durch diese Minnekonzeption eine Aufwertung erfährt (wobei literarische Erzählungen eher als Darstellungen eines erstrebtes Ideal und weniger als Beschreibung tatsächlicher Geschlechterverhältnisse zu verstehen sind) zielt sie nicht auf eine größere Eigenständigkeit oder Selbstbestimmung der Minnedame ab, vielmehr wurde eine zumindest einmalige Abweisung des Ritters geradezu erwartet, damit dieser Gelegenheit hat, seine Vorbildlichkeit zu beweisen.

Bereits jetzt sollte klar sein, dass Wolframs „Titurel“ keinem dieser beiden Konzeptionen ganz gerecht wird. Sigune, die dem edlen Gralsgeschlecht entstammt und von Königin Herzeloyde großgezogen wird,[18] ist Schionatulander eindeutig höhergestellt, doch möchte sie seine Treue nicht durch immer neue Minnetaten bewiesen haben, sondern verspricht in Strophe 173 sehr eindeutig, dass er ihre Liebe gewinnen könne, wenn er nur das Brackenseil für sie beschaffe. Hier drängt sich der Vergleich zur typischen âventiure-Handlung auf, in der der Held nach bestandener Bewährungsprobe das Herz und die Hand der Frau gewinnt. Doch die Art der Bewährungsprobe ist absolut ungewöhnlich und erfordert nicht gerade ritterliche Waffentat und auch das Ende ist nicht âventiure-typisch, denn Schionatulander gewinnt nicht Sigune, sondern nur den Tod.

Ob und inwiefern Wolfram mit dieser Wendung des Geschehens die übliche Minnekonzeption hinterfragen wollte, sollen die folgenden Kapitel zeigen.

3. Liebe und Untergang – die Vorausdeutung der Katastrophe

Der „Titurel“ beginnt mit einem Abschied, der Abdankungsrede seines Namensgebers, des alten kranken Gralskönigs Titurel. Das Werk hat man, wie es im Mittelalter oft Brauch war, nach dem ersten darin auftauchenden Namen benannt, und nicht nach seinen eigentlichen Hauptpersonen Sigune und Schionatulander.[19]

Der kranke König möchte Titel und Herrschaft seinem Sohn Frimutel vererben, doch vor der versammelten Gralsgesellschaft blickt er noch einmal auf sein vergangenes Leben als Ritter zurück. Dabei betont er besonders die Bedeutung der Minne in seinem Leben:

Obe ich von hôher minne ie trôst enphienge,

unt op der minnen süeze ie sælden kraft an mir begienge,

wart mir ie gruoz von minnecliche m wîbe,

daz nu verwildet vil gar mînem seneden klagenden lîbe.[20]

Der letzte Vers weist bereits auf die negative Grundstimmung der Erzählung hin, denn auch wenn Titurel in jungen Jahren ein Diener der Minne war, so endet sein Leben sehnsuchtsvoll und klagend. Die abenteuerlichen Jahre scheinen sich nicht ausgezahlt zu haben und etwas in ihm bleibt bis zu seinem Lebensende unerfüllt. Die genauen Hintergründe von Titurels Minnegeschichten werden nicht erläutert, genauso wenig, welche Sehnsucht ihn bis zum Tode quält.

Doch die Bereitschaft, alles für die Minne zu tun, in Verbindung mit einem Leben, das in Klage endet, kann als erste Vorausdeutung von Sigunes und Schionatulanders Schicksal verstanden werden – Schionatulander findet durch die Minne den Tod, Sigune bleibt in ewiger Treue klagend beim Leichnam ihres Geliebten zurück. Der gesamte Abschnitt über Titurels Vermächtnis wird beherrscht von solchen unheilvollen Vorausdeutungen, wie sich noch zeigen wird. Doch bereits die nachfolgende Strophe demonstriert, dass das dunkle Schicksal der Gralsfamilie nicht als gerechte Strafe für moralische Verfehlungen zu verstehen ist, sondern stattdessen die Männer tapfere Ritter und die Frauen tugendhafte Damen sind. In seiner Andeutung vergangener Heldentaten beschreibt Titurel die Minne auch nicht als etwas Unheilbringendes, sondern hinterlässt seinen Nachkommen die Pflege wahrer und treuer Minne praktisch als Familienerbe:

Mîn sælde, mîn kiusche, mit sinnen mîn stæte,

unt op mîn hant mit gâbe unt in stürmen ie hôhen prîs getæte,

des mac niht mîn iunger art ferderben.

Iâ muoz al mîn geslähte immer wâre minne mit triwen erben.[21]

Frimutel scheint des Gralserbes überaus würdig – sein Vater schildert ihn als kraftvoll und ehrenhaft, die Söhne Frimutels als würdevolle Ritter, die Töchter als tugendhaft.[22]

[...]


[1] Titurel; Strophe 36, 1. Hier wie im Folgenden wird der „Titurel“ nach der kritischen Studienausgabe von Helmut Brackert und Stephan Fuchs-Jolie zitiert: Wolfram von Eschenbach: „[Ders.] Titurel.“ Herausgeben, übersetzt und mit einem Stellenkommentar sowie einer Einführung versehen von Helmut Brackert und Stephan Fuchs-Jolie“. Berlin; New York: 2003. Die darin enthaltene Erzählung „Titurel“ selbst wird nachfolgend als „Ti“ abgekürzt; die nachfolgenden arabischen Zahlen verweisen auf die Strophe und den Vers, die zitiert werden.

Bei Zitaten, die nicht eingerückt sind, ist die Übersetzung, sofern sie ebenfalls der genannten Studienausgabe entnommen wurde, in Anführungsstriche gesetzt, und in Klammern und kursiver Schrift folgt der mittelhochdeutsche Text. Die nachfolgende Strophenangabe bezieht sich dann ebenfalls auf die Studienausgabe des Titurel-Textes und verweist auf die entsprechende Stelle, die zitiert wurde.

Sollte nicht aus dem eigentlichen Titurel-Text, sondern aus den kommentierenden Texten Brackerts oder Fuchs-Jolies zitiert werden, ist dies in den Fußnoten angegeben und das genannte Werk wird nicht abgekürzt.

[2] Entsprechende Stellen finden sich im Parzival 138,9 – 142,2; 249,11 – 255,30; 435,1 – 442,23 und 804,8 – 805,2. Für diese Arbeit wurde folgende Ausgabe des Parzival verwendet: Wolfram von Eschenbach: „[Ders.] Parzival. Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzt und Nachwort von Wolfgang Spiewok. 2 Bände“. Stuttgart: 1981. Im Folgenden mit „Pz.“ abgekürzt.

[3] Pz. 141, 15 – 24.

[4] Pz. 141, 5 – 9.

[5] Walter Haug: „Erzählen vom Tod her. Sprachkrise, gebrochene Handlung und zerfallende Welt in Wolframs ‚Titurel’“, in Werner Schröder (Hrsg.): „Wolfram Studien VI“. Berlin: 1980. S. 10.

[6] Auch wenn eine genaue Datierung nicht möglich ist, weil lediglich drei Handschriften des Titurel-Fragmentes überliefert sind, kann als sicher gelten, dass Wolfram den „Titurel“ erst nach dem „Parzival“ geschrieben hat, da zahlreiche Zusammenhände aus dem „Parzival“ beim „Titurel“ als bekannt vorausgesetzt werden und dort nicht weiter erwähnt werden (so wird z. B. dem Tod Gahmurets und Herzeloydes im Titurel kein einziger Vers gewidmet, da er eben im Parzival bereits geschildert wurde). Vgl. hierzu auch Joachim Bumke: „Wolfram von Eschenbach“. 8., neu bearb. Aufl. – Stuttgart: 2004. S 416 – 419 und Stephan Fuchs-Jolie: „Der ‚Titurel’ Wolframs von Eschenbach. Eine Einführung“, in: Helmut Brackert & Stephan Fuchs-Jolie (Hrsg.): „Wolfram von Eschenbach. Titurel. Herausgeben, übersetzt und mit einem Stellenkommentar sowie einer Einführung versehen von Helmut Brackert und Stephan Fuchs-Jolie“. S. 3 – 6.

[7] Ludwig Wolff: „Wolframs ‚Schionatulander und Sigune’“, in: Heinz Rupp (Hrsg.): „Wolfram von Eschenbach“. Darmstadt: 1966. S. 549.

[8] Vgl. ebd. S. 550.

[9] Ebd. S. 551.

[10]Metzler Literaturlexikon. Begriffe und Definitionen“, hrsg. v. Günther & Irmgard Schweikle. 2. überarb. Aufl. – Stuttgart: 1990. S. 36.

[11] Diese These vertritt u. a. Ludwig Wolff. Vgl. Ludwig Wolff: „Wolframs ‚Schionatulander und Sigune’“, in: Heinz Rupp (Hrsg.): „Wolfram von Eschenbach.“ S. 551. Aber auch Stephan Fuchs-Jolie stellt die Frage, ob Wolfram im „Titurel“ den „genealogischen, gesellschaftlichen und herrschaftlichen Zwängen“, denen Sigune ausgeliefert ist, „eine Utopie von Minne als Selbstbestimmung“ gegenüberstellen wollte. Fuchs-Jolie, Stephan: „Der ‚Titurel’ Wolframs von Eschenbach. Eine Einführung“, in: Helmut Brackert & Stephan Fuchs-Jolie (Hrsg.): „Wolfram von Eschenbach. Titurel.“ S. 11.

[12] Zu den Möglichkeiten und Problemen einer Titurel-Deutung im „Parzival“-Kontext hat Christa Ortmann einen sehr erhellenden Aufsatz geschrieben, auf den an dieser Stelle verwiesen sei. Vgl. Christa Ortmann: „’Titurel’ in ‚Parzival’-Kontext. Zur Frage einer möglichen Strukturdeutung der Fragmente“, in: Werner Schröder (Hrsg.): „Wolfram Studien VI“. Berlin: 1980. S. 25 – 47.

[13] Vgl. „Lexikon des Mittelalters. Studienausgabe. Band 6: Lukasbilder bis Plantagenêt.“ Stuttgart; Weimar: 1999. Sp. 639 f. und „Sachwörterbuch der Mediävistik“, hrsg. v. Peter Dinzelbacher. Stuttgart: 1992. S. 535.

[14]Sachwörterbuch der Mediävistik“, hrsg. v. Peter Dinzelbacher. S. 535.

[15] Hilkert Weddige: „Einführung in die germanistische Mediävistik.“ 5. Aufl. – München: 2003. S. 196.

[16] Ralf Schlechtweg-Jahn: „Minne und Metapher. Die ‚Minneburg’ als höfischer

Mikrokosmos.“ Trier: 1992. S. 27.

[17]Sachwörterbuch der Mediävistik“, hrsg. v. Peter Dinzelbacher. S. 535. f.

[18] Zur Abstammung Sigunes seihe Ti. 14 – 29.

[19] Vgl. Stephan Fuchs-Jolie: „Der ‚Titurel’ Wolframs von Eschenbach. Eine Einführung“, in: Helmut Brackert & Stephan Fuchs-Jolie (Hrsg.): „Wolfram von Eschenbach. Titurel.“ S. 8.

[20] Ti. 3.

[21] Ti. 4.

[22] Vgl. Ti. 8 – 10.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Wolframs Titurel als kritik am höfischen Minnebild
Hochschule
Universität Osnabrück
Veranstaltung
Seminar: Sigune - die Frauengestalt in Wolframs Titurel
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
37
Katalognummer
V55415
ISBN (eBook)
9783638503631
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wolframs, Titurel, Minnebild, Seminar, Sigune, Frauengestalt
Arbeit zitieren
Marcel Egbers (Autor), 2004, Wolframs Titurel als kritik am höfischen Minnebild, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55415

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