Währungskrisen


Seminararbeit, 2004

30 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Währungskrisen – Definition und Historie
1.1 Theoretische Definition und Abgrenzung
1.2 Historie der Währungskrisen

2 Evolution der Modelle – Realität und Theorie
2.1 Modelle der ersten Generation
2.1.1 Währungskrise in Mexiko 1982
2.1.2 Der Modellansatz
2.1.3 Kritikpunkte
2.2 Modelle der zweiten Generation
2.2.1 Der Zusammenbruch des EWS
2.2.2 Obstfeld – Modell
2.2.3 Kritikpunkte
2.3 Twin Crisis und die Asienkrise (Modelle der dritten Generation)

Epilog

Anhang:
A-1: Tabellen und Schaubilder
A-2: Rechnungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Stellen sie sich vor, sie seien Bürger eines Landes das von einer unvorhergesehenen Währungskrise getroffen wird. Normalerweise werden sie ihr Vermögen in heimischer Währung angelegt haben. Abends kommen die ersten Meldungen im Fernsehen, die einen dramatischen Verfall der Landeswährung beschreiben. Banken schließen, um noch schlimmeres zu verhindern. Sie müssen untätig zusehen, wie ihr Vermögen drastisch an Wert verliert.

In Deutschland ist man meist nur Beobachter solcher Horrorszenarien, doch sie treten immer wieder, über den ganzen Globus verteilt auf. Neben Kriegen gibt es ausser Finanzkrisen nur wenige Ereignisse, die in solch kurzer Zeit flächendeckende Ver- armung zur Folge haben.

Die volkswirtschaftlichen Kosten von Währungskrisen präzise zu beziffern ist nahezu unmöglich. Doch alleine die Betrachtung von Kernindikatoren spricht Bände. So kommt es nach einer Untersuchung von KAMINSKY unter 69 Währungskrisen zwischen 1970 und 2002 zu einer durchschnittlichen Abwertung von 20% und einem durchschnittlichen Rückgang des BIP um 3%.[1] Von weiteren Auswirkungen, wie dem Anstieg der Preise von Konsumgütern und wachsender Staatsverschuldung ganz zu schweigen.

Geschürt durch wachsende Existenzangst sowie einem erschütterten Vertrauen in das System als Ganzes kann es zu noch weitreichenderen Folgen kommen. Unruhen und Proteste in den betroffenen Ländern zeigen die Empfindlichkeit demokratischer Systeme auf Einschnitte im Lebensstandard breiter Bevölkerungsschichten. In Russland gelang es 1996 nur mit Hilfe massiver Unterstützung des Westens einen Sieg der extremen Parteien zu verhindern, was zu unabsehbaren Folgen über die Grenzen Russlands hinaus geführt hätte.

Diese globale Dimension von Währungskrisen führt verständlicherweise zu einer Flut von Änderungsvorschlägen, Erklärungsversuchen oder einfach nur grober Kritik. Nur wenn es gelingt, mehr Licht in die (oftmals sehr unterschiedlichen) Zusammenhänge zu bringen, die letztendlich zu einer Krise führen, steigen die Chancen solche werte- und vertrauenszerstörenden Phänomene zu verhindern. Doch um dieses Ziel zu erreichen müssen die Mechanismen von Ereignissen der Vergangenheit verstanden sein. Es ist daher Ziel der vorliegenden Arbeit,

- einen Überblick über die theoretischen Erklärungsversuche von bereits statt-

gefundenen Währungskrisen zu verschaffen

- sowie die Probleme in der Realität zu verdeutlichen.

Dazu wurde folgende Aufteilung vorgenommen:

Unter Gliederungspunkt eins soll der Begriff Währungskrise eingeordnet und spe-zifiziert werden, um eine Abgrenzung zu anderen Finanzkrisen zu ermöglichen. Darauf aufbauend wird ein kurzer Überblick über die Anzahl und zeitliche Abfolge gegeben.

Um zu zeigen, welche Charakteristika ausschlaggebend für die Entwicklung einer neuen Modellgeneration waren, werden unter Punkt zwei ausgewählte Krisen in zeitlicher Abfolge und mit ihren wichtigsten Merkmalen beschrieben. Das dazugehörende Modell wird jeweils im Anschluss erläutert, um deutlich zu machen, dass die Modelle nur ver-einfachte Erklärungsversuche, keine Prognoseinstrumente im eigentlichen Sinne sind. Der Schwerpunkt liegt auf einem Modell der zweiten Generation. Dieses erhöht nicht unbedingt die Prognosefähigkeit, nähert sich aber entscheidend dem Kern aller Währungskrisen. Den Erwartungen der Marktteilnehmer.

1 Währungskrisen – Definition und Historie

1.1 Theoretische Definition und Abgrenzung

Eine Währungskrise liegt dann vor, wenn die Devisenreserven der heimischen Zentral-bank in kurzer Zeit soweit erschöpft sind, dass ein System fester Wechselkurse nicht mehr aufrechterhalten werden kann und es daher zu einer starken Abwertung der heimischen Währung kommt. (Aschinger, 2000)

Soweit die klassische Beschreibung. Eine etwas genauere Definition spricht bereits dann von einer Währungskrise, wenn es nicht notwendigerweise zu einer Abwertung kommt, die Zentralbank aber im Zuge der Verteidigung des Wechselkurses große Mengen an Devisenreserven verkaufen muss und/oder die Zentralbankzinssätze erhöht werden.

Vom logischen Gesichtspunkt her scheint es sinnvoll, im Weiteren die umfassendere Definition zur Bestimmung einer Krise zu verwenden, da hier die Belastungen für eine Volkswirtschaft schon frühzeitig berücksichtigt werden.[2]

Währungskrisen treten häufig in Verbindung mit anderen Finanzkrisen auf. Um eine sinnvolle Abgrenzung zu ermöglichen, wird kurz auf andere Krisenformen eingegangen. Abbildung 1 soll hierbei die Einordnung visuell verdeutlichen.[3]

Der Überbegriff Finanzkrise ist nach ASCHINGER als eine schnelle erhebliche Verschlechterung wichtiger finanzieller Indikatoren, wie einer starken Erhöhung kurz-fristiger Zinssätze u. ä. definiert. Sie entstehen durch plötzliche Risikoneubewertung einer relevanten Anzahl von Marktteilnehmern. Wobei es zu einer Flucht aus realen und langfristigen Vermögenswerten in Geld kommt. Dies ist demnach das Grundmerkmal aller noch folgenden Krisenarten.

Die erste Unterteilung ergibt sich nun bei der Frage, ob es sich um eine gesamt-wirtschaftlich oder um eine einzelwirtschaftlich verursachte Finanzkrise handelt. Da im Weiteren nur Krisen von nationalem oder sogar globalem Ausmaß betrachtet werden, soll nicht die Frage im Fordergrund stehen wie groß die Auswirkungen sondern viel-mehr wo die Ursachen zu suchen sind. Entweder bei makro- oder eben bei mikroökonomischen Indikatoren.

Die Währungskrise lässt sich somit als eine gesamtwirtschaftliche Finanzkrise klas-sifizieren, da die mit ihr zusammenhängenden Indikatoren (Devisenreserven, Wechselkurs, Zinssatz) die gesamte Volkswirtschaft betreffen.

Gleiches gilt für die staatliche Schuldenkrise, bei der der öffentliche Schuldner in Form des Staates seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen kann.

Private Schuldenkrisen beschränken sich im Prinzip auf Bankenkrisen. Eine Banken-krise ist gegeben, wenn ein großer Teil des Bankensystems eines Landes nicht mehr in der Lage ist, den Zahlungsverpflichtungen gegenüber seinen Einlegern nach-zukommen. Ziehen diese überraschend ihre Einlagen ab und/oder können vergebene

Kredite der Bank nicht zurückgezahlt werden so geraten Banken kurzfristig in Illiquidität und langfristig in Insolvenz.

Von einer Vermögensmarktkrise spricht man, wenn Anlagevermögen eines Marktes (Aktien, Anleihen, Immobilien) durch drastische Preiseinbrüche z.B. nach einer Spekulationsblase an Wert verlieren. Wie schon bei der Bankenkrise kommt es hierbei durch kumulierte einzelwirtschaftliche Ereignisse zu einem gesamtwirtschaftlichen Effekt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1

1.2 Historie der Währungskrisen

Nach einer Untersuchung des IMF (1998) gab es alleine zwischen 1970 und 1995 insgesamt 158 Währungskrisen. Wie aus der theoretischen Definition ersichtlich wird, gibt es keine exakte Anzahl von Krisen, da es von den zugrunde gelegten Schwellenwerten abhängt ob eine Krise auch als solche kategorisiert wird. Ein Zusammenhang zwischen fortschreitender Liberalisierung der Finanzmärkte und einer Zunahme von Währungskrisen steht jedoch außer Frage. Seit Ende der siebziger Jahre damit begonnen wurde, die Beschränkungen des internationalen Kapitalverkehrs zu verringern und im Zuge der Technologierevolution durch vernetzten Computerhandel innerhalb von Sekunden große Kapitaltransfers vorgenommen werden können, hat sich viel verändert. Währungskrisen sind nicht mehr nur Ausdruck eines einfachen Stromungleichgewichts.[4] Vielmehr treten sie vermehrt in Verbindung mit anderen Finanzkrisen auf, die durch rasche Kapitalabflüsse gekennzeichnet sind. Die

Möglichkeit des raschen Handelns, gepaart mit einem Herdeverhalten der Anleger, kann somit bei einem Vertrauensschwund schneller zu einer Währungskrise führen.

Erste Währungskrisen treten bereits Ende des 19. Jahrhunderts in Erscheinung. Mit der Barings-Krise von 1890 und den spekulativen Attacken gegen US-Gold-Dollar beginnt eine nicht enden wollende, stetig wachsende und in zunehmendem Maße welt-umfassende Geschichte von Währungskrisen.[5]

In den 60er Jahren sind das britische Pfund und der französische Franc betroffen. 1973 brach das nach dem 2.Weltkrieg eingeführte System von Bretton-Woods zusammen. Ende der 70er Jahre begannen die Währungskrisen der Süd- und Mittelamerikanischen Länder wie Argentinien und Mexiko, meist in Verbindung mit schweren Schuldenkrisen des privaten und staatlichen Sektors. Sie waren Auslöser der ersten Generation von Modellen. 1993 fand das Europäische Wechselkurssystem (EWS) sein unrühmliches Ende, nachdem das Vertrauen in dieses aufgebraucht war.

Auf die mexikanische Peso-Krise 1994/95 folgte die asiatische Währungskrise 1997/98. Letztere war mit Auslöser der Krise des russischen Rubel, der sich von August bis September 1998 um mehr als 50% abwertete. Es folgten die Krisen in Brasilien 1999, in der Türkei 2001 und im selben Jahr auch in Argentinien, die das Land in eine tiefe Rezession mit Arbeitslosenraten weit jenseits der 20% riss.

Soweit ein grober Überblick der deutlich macht, dass so gut wie keine Ecke der Welt verschont geblieben ist.

2 Evolution der Modelle – Realität und Theorie

2.1 Modelle der ersten Generation

Modelle der ersten Generation wurden in erster Linie als Reaktion auf die Währungs- und Schuldenkrisen in Süd- und Mittelamerika Ende der 70er Jahre entwickelt. Als Beispiel wird hier die Krise in Mexiko verwendet, da ein interessanter Blick auf die Rolle der politischen Entscheidungsträger ermöglicht wird.

2.1.1 Währungskrise in Mexiko 1982

Als die Regierung Portillo 1977 ihren Dienst antrat, lag die letzte Krise des Landes nur ein halbes Jahr zurück. Im September 1976 war die mexikanische Währung um 59% abgewertet worden. Eine Auslandsverschuldung in Höhe von 29,5 Mrd. US-$, eine Inflationsrate von 22% und die Ankündigung der Regierung das System fester Wechselkurse weiter zu verteidigen, hatten zu einer massiven Kapitalflucht aus-ländischer Anleger geführt. Doch am Ende der neuen Regierung sollten noch schlimmere Zahlen stehen.

Unter Portillo verbesserte sich die wirtschaftliche Lage durch eine anfänglich konservative Wirtschaftspolitik. Die Staatsausgaben und das Geldangebot wurden zurückgefahren. Die Leistungsbilanz erholte sich durch eine starke Abnahme der Importe und einem leichten Exportanstieg. Doch dann wurde Öl in Mexiko entdeckt. Die Verbesserung der Terms of Trade und die gewaltigen Staatseinnahmen durch den Verkauf des Rohstoffes drängten die notwendigen Strukturreformen in den Hintergrund. Die Regierung interpretierte von jetzt an den Staat als „Versorger“, der durch hohe Mittelzuflüsse in allen Bereichen das Land nach vorne katapultieren wollte.[6] Die Ölpreisschocks der Jahre 1978 und 1979 versetzten das Land und wahrscheinlich auch den Präsidenten vollends in Euphorie. Dieser Rauschzustand lässt sich sehr gut in Tabelle 1 verfolgen, die den dramatischen Anstieg der öffentlichen Ausgaben ab 1980 zeigt. Der Staat war allgegenwärtig und Allokationsineffizienz war die Folge. Das Haushaltsdefizit wurde durch gigantische Projekte zur Verbesserung der Infrastruktur, des Gesundheitswesens, der Lebensmittelversorgung und garantierten Abnahmepreisen für landwirtschaftliche Güter in die Höhe getrieben. Die Ölpreisentwicklung wurde als langfristige Einbahnstraße wahrgenommen, wodurch die Probleme des Landes nur noch ein „Management of abundance“ zu sein schienen.[7] Doch das Leistungsbilanzdefizit explodierte in Folge der starken Importe und stieg, wie Tabelle 2 zeigt, auf 6% des BIP im Jahr 1981, wodurch die Auslandsverschuldung im selben Jahr auf 74,4 Mrd. US-$ anstieg. In der Mitte desselben Jahres hatte der Ölpreis seinen Zenit überschritten und begann zu fallen. Nun wurde nicht nur der Regierung, sondern auch den privaten Gläubigern klar, dass sich der Wind auch drehen kann. Doch erstere reagierten nur sporadisch in der Hoffnung, der Ölpreis hätte nur eine vorübergehende Schwäche. Die Antwort des privaten Sektors war eine massive Kapitalflucht gefolgt von ersten

spekulativen Attacken gegen die Währung. Die Regierung wollte auch dann nicht aufgeben, als alle äußeren Bedingungen begannen sich gegen Mexiko zu drehen. Der Ölpreis wurde immer schwächer und steigende Zinsen auf dem Weltmarkt erhöhten die Schuldenlast.[8] Das Vertrauen der Anleger war nun vollends zerstört. Zu Beginn des Jahres 1982 waren die Reserven der Zentralbank erschöpft. Der Wechselkurs konnte nicht mehr aufrechterhalten werden. Infolgedessen wertete der Peso innerhalb eines Jahres um 470% ab. Die Inflationsrate war auf beinahe 100% gestiegen u.a. aufgrund der Ausweitung der Geldmenge zur Finanzierung des Haushaltdefizits.[9] Als letzter Ausweg blieb der Regierung nur noch ein Stabilisierungs-Programm des IWF anzunehmen.

[...]


[1] s. Kaminsky, (2003).

[2] Mit aus diesem Grund kann es nicht richtig sein, eine spekulative Attacke gegen die betroffene Währung als einzigen Grund einer drastischen Abnahme der Devisenreserven in die Definition aufzunehmen. Die gewaltige Abnahme der russischen Dollarreserven im November 1997 war nicht nur Ursache spekulativer Attacken. Als Auslöser werden vielmehr die Verkäufe hoher Bestände russischer Staatstitel durch süd-koreanische Banken gesehen, die ihre Liquidität aufgrund der dortigen Krise sichern mussten.

[3] vergl. Effenberger (2003), S. 6.

[4] s. Plankensteiner (2003), S.1

[5] s. Effenberger (2003), S. 4

[6] vergl. Bazdresch/Levy (1990) S. 247

[7] vergl. Bazdresch/Levy (1990) S. 249

[8] s. Dornbusch (2001), S.504

[9] s. Bazdresch/Levy (1990), S.252

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Währungskrisen
Hochschule
Universität Mannheim  (Fakultät für VWL)
Veranstaltung
Makroökonomik in offenen Volkswirtschaften
Note
1.7
Autor
Jahr
2004
Seiten
30
Katalognummer
V55424
ISBN (eBook)
9783638503716
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Währungskrisen, Makroökonomik, Volkswirtschaften
Arbeit zitieren
Diplom-Volkswirt Wolf Friedle (Autor), 2004, Währungskrisen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55424

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