Die ostasiatischen Volkswirtschaften und das internationale Währungssystem


Diplomarbeit, 2006

63 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das internationale Währungssystem
2.1 Definition und Abgrenzung
2.2 Historische Entwicklung
2.2.1 Der internationale Goldstandard (1870-1914)
2.2.2 Die Zwischenkriegsjahre (1918-1939)
2.2.3 Das System von Bretton-Woods (1944-1973)
2.2.4 Flexiblere Wechselkurse und regionale Währungssysteme

3 Der internationale Dollarstandard
3.1 Funktionen einer internationalen Währung
3.1.1 Transaktionsmedium
3.1.2 Recheneinheit
3.1.3 Wertaufbewahrungsmittel
3.2 Zwischenfazit

4 Die ostasiatischen Volkswirtschaften im internationalen Währungssystem
4.1 Informelle Wechselkursbindungen
4.2 Der ostasiatische Dollarstandard
4.3 Der Yen, Keil im Dollarblock
4.4 Exogene Schocks und die chinesische Dollarbindung

5 Wachsende Ungleichgewichte
5.1 Gefahren aus den Ungleichgewichten
5.2 Neues Bretton-Woods, moderner Merkantilismus oder gefangen im Dollarstandard?
5.3 Auswirkungen

6 Epilog

Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Abbildungen

Abbildung 1 Rückgang des Welthandels

Abbildung 2 Das dreistufige Währungssystem von Bretton-Woods

Abbildung 3 Aufteilung der Wechselkursregime

Abbildung 4 Wechselkursentwicklung: Yen gegen Dollar

Abbildung 5 Leistungsbilanzen ostasiatischer Länder und der USA

Abbildung 6 Einflüsse auf US-Realzinsen

Verzeichnis der Tabellen

Tabelle 1 Funktionen einer internationalen Währung

Tabelle 2 Anteil ausgewählter Währungen an sämtlichen

Devisenmarkttransaktionen

Tabelle 3 US-Dollar als Fakturierungswährung

Tabelle 4 Währungsanteile bei internationalen Anleihe- und Notesemissionen

Tabelle 5 Auslandsverbindlichkeiten von berichtenden Banken nach Währungen

Tabelle 6 Aufteilung der Währungsreserven

Tabelle 7 Wechselkursklassifikationen 2005

Tabelle 8 Veränderung der Währungsreserven gegenüber Vorjahr

Verzeichnis der Kästen

Kasten 1 Problem der N- ten Währung

Kasten 2 Binnen- und außenwirtschaftliches Gleichgewicht

Kasten 3 Trilemma des Wechselkursregimes

Anhänge

A Weltwirtschaft 1881-1995

B Wechselkurse der ostasiatischen Währungen zum Dollar

C Rechnungen zum Modell

D Skandinavisches Modell

Verzeichnis der wichtigsten Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Die währungspolitischen Gegebenheiten eines Währungsraumes stehen meist weniger im Fokus des öffentlichen Interesses, als beispielsweise die Teuerungsrate oder die Entwicklung der Arbeitslosenquote. Dabei wird unterschätzt, welch zentrale Rolle der Ausgestaltung der weltweiten Wechselkursregime für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung von Ländern zukommen kann. In der Vergangenheit bildete die Architektur des inter-nationalen Währungssystems schon häufig den Rahmen für den weiteren Verlauf der Menschheitsgeschichte. So trug der mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 einhergehende Abwertungswettbewerb und der daraus resultierende Kollaps des internationalen Handels mit dazu bei, dass den nationalistischen Bewegungen in Europa der Boden bereitet wurde. Im Gegenzug bildeten die durch internationale Koordination geschaffenen Festkurssysteme nach dem 2. Weltkrieg den Rahmen dafür, dass Wohlstand geschaffen und damit der Friede zwischen den Erbfeinden gefestigt werden konnte.

Heute steht die Welt und mit ihr das internationale Währungssystem vor einer gravierenden Verschiebung der weltwirtschaftlichen Kräfteverhältnisse. Mit China an der Spitze haben sich die rasant wachsenden Volkswirtschaften in Ostasien angeschickt, das neue Gravitationszentrum im internationalen Handel zu bilden. Viele der exportorientierten Volkswirtschaften in Ostasien haben den Wandel vom Nettoschuldner zum Nettogläubiger vollzogen. Kämpften sie früher gegen eine Abwertung der heimischen Währung - um beispielsweise die Last der in Fremdwährung aufgenommenen Kredite nicht zu vergrößern - wehren sie sich heute gegen hohen Aufwertungsdruck. Ein Grund ist sicherlich, dass der Wechselkurs zwischen den Ländern auch weiterhin nicht nur Mittel zum Zweck, eben beim Austausch von Gütern über Währungsgrenzen hinweg, sondern auch eine Waffe im Kampf um internationale Marktanteile bleibt. Denn auch nach der Asienkrise sind eng zum Dollar gemanagte Wechselkurse die beliebteste währungspolitische Strategie in der Region.

Wie heftig gegen Aufwertungen interveniert werden muss, lässt sich am starken Wachstum der Währungsreserven vieler ostasiatischer Länder ablesen. Verblüffend ist die Situation auch deshalb, da die angekauften Dollar meist in US-Staatspapieren angelegt werden und somit zu einem großen Teil die riesigen Defizite der Vereinigten Staaten finanzieren. Diese relativ armen Länder haben sich zum Kreditgeber des reichsten Landes der Welt entwickelt.

Das stete Wachstum der Defizite in der US-Leistungsbilanz nährt indes Ängste vor weltweiten Konjunktur- und Wechselkursrisiken.[1] Europa fürchtet einen Einbruch des Dollars gegenüber dem Euro, wodurch der Export als letzte Konjunkturstütze ebenfalls bedroht wäre. Die Länder mit großen Dollarreserven müssten im Falle einer Dollarschwäche gewaltige Verluste ihrer Bestände hinnehmen. Dennoch, oder gerade deshalb, kaufen diese Länder auch weiterhin die relativ niedrig verzinsten US-Staatstitel, wodurch die USA in der außergewöhnlichen Lage sind, billige Kredite in ihrer eigenen Währung aufzunehmen.

Die aktuelle Dynamik im internationalen Währungssystem, d.h. vor allem die Akkumulation von Währungsreserven, Kapitalströme und Wechselkursbewegungen, wird maßgeblich durch die Entwicklung der ostasiatischen Volkswirtschaften beeinflusst.[2] Entscheidend für eine krisenfreie Zukunft wird die richtige Gestaltung ihrer Wechselkurs-politik untereinander und in Verbindung mit dem Rest der Welt sein. Doch zunächst einmal muss insbesondere vor dem Hintergrund einer geringen internationalen Koordination verstanden werden, aus welch komplexem Zusammenspiel die heutige Situation hervorgeht und wo ihre Gefahren liegen. Es ist daher Ziel der vorliegenden Arbeit,

- einen Einblick in die zugrundeliegenden Mechanismen des internationalen Währungs-systems zu geben sowie
- vor diesem Hintergrund die währungspolitischen Strategien der ostasiatischen Länder aufzuzeigen und
- Bezug zu den Ursachen und Auswirkungen der entstandenen Ungleichgewichte herzustellen.

Dazu wurde folgende Aufteilung vorgenommen:

Abschnitt 2 gibt zunächst einen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen des internationalen Währungssystems seit dem internationalen Goldstandard. Dabei stehen weniger historische Details, als vielmehr die Funktionsweise sowie Gründe des Scheiterns der einzelnen Epochen im Fordergrund. Abschnitt 3 beleuchtet die Rolle und Bedeutung des US-Dollar als wichtigste internationale Währung im Weltwährungssystem.

Die hieraus gewonnen Erkenntnisse werden in Abschnitt 4 angewandt, um ein Verständnis dafür zu bekommen, wie und vor welchem Hintergrund die ostasiatischen Länder währungs-politisch agieren. Aufgrund ihrer wirtschaftlichen und politischen Größe, aber auch ihrer Unterschiede, kommt China und Japan dabei eine besondere Bedeutung für diese Region zu. Unter Abschnitt 5 kann nun an die aktuelle Diskussion über die Ursachen sowie die Auswirkungen der wachsenden außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte angeknüpft werden. Es ist nun möglich, das komplexe Zusammenspiel dieser Länder untereinander und im internationalen Kontext vor dem Hintergrund währungs- und geldpolitischer Probleme zu diskutieren.

2 Das internationale Währungssystem

In der englischsprachigen Literatur gibt es eine Vielzahl von Bezeichnungen für das internationale Währungssystem. So wird abwechselnd vom International Currency System, Exchange Rate System, Financial System, meist aber vom International Monetary System gesprochen. Im Englischen wie im Deutschen haben die Bezeichnungen allerdings gemein, dass zunächst der trügerische Eindruck eines einheitlichen Systems vermittelt wird. Dies dürfte auf die Zeiten internationaler Festkurssysteme wie dem Goldstandard oder dem System von Bretton-Woods zurückzuführen sein. Seit den siebziger Jahren geht der Trend allerdings weg von festen Wechselkursen hin zu sogenannten intermediären Regimes. So zeigt sich das derzeitige internationale Währungssystem bei weitem nicht so einheitlich wie die Bezeichnung vermuten lässt. Vielmehr setzt es sich aus einer Kombination verschiedener Systeme zusammen.[3] Somit bilden alle Wechselkursregime, vom flexiblen über die inter-mediären bis hin zu festen Wechselkursbindungen, das internationale Währungssystem.

2.1 Definition und Abgrenzung

Die Deutsche Bundesbank definiert das internationale Währungssystem als „System von Regeln der internationalen Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Währungspolitik“.[4] Des Weiteren heißt es: „Wesentliche Teile dieses Regelwerkes betreffen die Ordnung des internationalen Zahlungs- und Kapitalverkehrs, die grundsätzliche Art der Wechselkurs-bildung, die Wahl der Reservewährung und auf längere Sicht die Bereitstellung inter-nationaler Liquidität der beteiligten Nationen“.[5]

Für die 184 Mitgliedsländer des Internationale Währungsfonds (IWF) wird dieser Regelrahmen durch den Artikel IV des IWF-Übereinkommens gebildet. In diesem Übereinkommen verpflichten sich die Mitgliedsländer zu Verhaltensregeln, auf deren Basis jedes Land sein Wechselkursregime frei wählen kann. Im Zentrum dieser Regeln steht die Erkenntnis, dass die Wechselkurspolitik eines Landes auch die Interessen der übrigen Mitglieder berührt. Aus diesem Grund müssen die Mitgliedsländer eine Wirtschafts- und Währungspolitik betreiben, die auf ein geordnetes Wirtschaftswachstum bei angemessener Preisstabilität ausgerichtet ist. Wechselkursmanipulationen, die eine Anpassung der Zahlungsbilanz verhindern, sind untersagt. Im Folgenden wird allerdings schnell deutlich, dass der große Interpretationsraum einiges an Konfliktpotential birgt.

Nicht gleichgesetzt werden kann das internationale Währungssystem mit dem inter-nationalen Finanzsystems. Letzteres bildet den Rahmen, in welchem sich die Trans-formation von internationalem Kreditangebot- und nachfrage abspielt. Im Mittelpunkt stehen daher der Staat, die Banken (Finanzintermediäre), die Unternehmen, der private Sektor sowie die Art und Weise, wie deren Zusammenspiel organisiert ist.

Wichtig ist allerdings, dass beide Systeme auch unter Stress, d.h. bei außergewöhnlicher Belastung funktionieren. Ansonsten birgt die wechselseitige Abhängigkeit die Gefahr schwerer Finanzkrisen.[6]

2.2 Historische Entwicklung

Handel über (Währungs-) Grenzen hinweg gibt es schon seit vielen Jahrhunderten.[7] Allerdings ermöglichte erst der technische Fortschritt in den Kommunikations- und Transporttechnologien einen zunehmend internationalen Handel. Dabei stellen die immer größer werdenden Handelsströme zwischen Nationen enorme Anforderungen an die Belastbarkeit und die Effizienz der gesamten internationalen Finanzarchitektur.

Es scheint sinnvoll, die geschichtliche Betrachtung des internationalen Währungssystems mit dem internationalen Goldstandard im 19. Jahrhundert zu beginnen. Zu dieser Zeit wurde die Eisenbahn erfunden und die Dampfmaschine technisch verbessert. Beide trugen maßgeblich zur Entwicklung der industriellen Revolution bei. Diese Epoche war der Beginn einer Entwicklung, die ab den 1970er Jahren in die Globalisierung überging.

Im Folgenden soll ein Überblick über die wechselhafte Architektur des Weltwährungssystems gegeben werden. Weniger die historischen Details als vielmehr die Vor- und Nachteile sowie Gründe des Scheiterns sollen hierbei im Zentrum des Interesses liegen.

2.2.1 Der internationale Goldstandard (1870-1914)

Unter einem Goldstandard fixiert jedes Land den Preis seiner Währung gegenüber dem Goldpreis, indem es sich bereit erklärt, bei Bedarf inländisches Geld gegen Gold einzutauschen, um den offiziellen Preis zu verteidigen.[8] Dies hat zur Folge, dass die Wechselkurse sämtlicher am Goldstandard teilnehmenden Länder untereinander fest sind.

England war im Jahre 1819 das erste Land, das sich zu diesem Schritt entschloss. Aus unterschiedlichen Gründen folgten der damaligen Supermacht bis zur Jahrhundertwende zahlreiche Nationen und gaben dadurch dem Goldstandard internationalen Charakter.[9] Im Vergleich zu einem normalen Reservewährungssystem besitzt der Goldstandard einige herausragenden Vorteile.

Kasten 1: Das Problem der N-ten Währung

Angenommen man hat drei Währungen: Dollar, Euro und den Schweizer Franken, aber nur zwei Wechselkurse: 1$=0.8€ und 1$=1,3sFr. Dennoch ist der Kurs zwischen Euro und Franken leicht zu bestimmen: 0.8€/1.3sFr = 0.62 €/sFr.

Aufgrund der Dreiecksarbitrage benötigen drei Währungen nur zwei bilaterale Wechselkurse (Burda/Wyplosz, S. 646). N Währungen nur N-1 Wechselkurse. Verständigen sich also N Länder auf feste Wechselkurse, so genügt es aus oben genanntem Grund N-1 Wechselkurse zu verteidigen.

Hierin liegt das Problem. Es kann nun ein Land geben, welches aufgrund dieses Freiheits-grades weiterhin eine unabhängige Geldpolitik verfolgt, während alle anderen ihre Un-abhängigkeit aufgeben müssen. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit politischer Spannungen. Zur Aufrechterhaltung der Paritäten in einem System fester Wechselkurse gibt es aber zwei Möglichkeiten:

1. Symmetrische Lösung

Verständigen sich die Länder darauf, gemeinsam die Wechselkurse zu verteidigen, so spricht man von der symmetrischen bzw. kooperativen Lösung. Hierbei entsteht zunächst kein Problem, da alle Länder in gleichem Maße ihre geldpolitische Souveränität dem gemeinsamen Ziel opfern müssen. Da kein Land den nominalen Anker stellt, wird diese Funktion einzig durch das Regelwerk übernommen. Vorraussetzung ist aber ein hohes Maß an Disziplin der beteiligten Länder. Eine auf nationale Interessen ausgelegte Geldpolitik kann die übrigen Mitglieder zu nachteiligen Interventionen zwingen. In der Realität (s. EWS) hat sich daher gezeigt, dass sich meist ein Hegemon aus dem Verbund herausbildet. Grund hierfür ist, dass Länder aus rationalen Erwägungen heraus die Währung als Reservewährung für nötige Interventionen wählen werden, welche im Zeitablauf am wenigsten an Wert verliert.

2. Hegemoniale Lösung

Wie die Bezeichnung schon andeutet, wird hierbei von vornherein ein Hegemon des Systems festgelegt. Dieser genießt das Privileg als N-tes Land eine eigenständige Geldpolitik verfolgen zu können. Die übrigen Länder verlieren ihre geldpolitische Souveränität und müssen dem Hegemon in geldpolitischem Gleichschritt folgen (s. Trilemma des Wechselkursregimes).

Zum einen muss jedes Land Gold als offizielle Reserve halten, wodurch es nicht zum Problem der „N -ten“ Währung kommen kann (s. Kasten 1). Dies erhöht die Stabilität und Glaubwürdigkeit des Systems, da (theoretisch) kein Land eine be-vorzugte Stellung einnimmt.

Ein weiteres Charakteristikum des Goldstandards ist der Gold-automatismus, auch „Hume-Mechanismus“ genannt.[10] Das endogene Geldangebot im Gold­standard führt zu einem Mecha­nismus, der ständig auf ein simultanes Zahlungsbilanz-gleichgewicht aller Länder hinwirkt:[11] Ein Defizit in der Leistungsbilanz, sprich höhere Importe als Exporte, muss bezahlt werden und führt daher zum Abfluss von Gold an das Ausland. Hierdurch verringert sich die Geldmenge im Inland, was zu höheren Zinsen und tendenziell zu sinkenden Preisen (bzw. niedrigerer Inflationsrate) führt. Bei festem nominalem Wechselkurs wertet daher der reale Wechselkurs ab, das Land wird wettbewerbsfähiger wodurch sich sein Leistungsbilanz-defizit verringert. Im Ausland spielt sich der spiegelbildliche Prozess ab. Der Goldzufluss erhöht die Geldmenge, die Zinsen sinken, die Preise steigen (relativ zum Ausland), der reale Wechselkurs wertet auf, die Wettbewerbsfähigkeit sinkt und die Exporte werden gedämpft.

Die vielleicht bedeutendste Eigenschaft des Goldstandards ist aber, dass einer expansiven Geldpolitik Grenzen gesetzt sind. Bei einer Ausweitung der Geldmenge (Verringerung des Deckungsgrades) erhöhen sich zwar kurzfristig die Preise, langfristig pendelt sich das Preisniveau jedoch wieder auf seinem ursprünglichen Niveau ein. Grund hierfür ist, dass das gestiegene Preisniveau die Wettbewerbsfähigkeit verringert, die Importe relativ stärker steigen als die Exporte und tendenziell ein Leistungsbilanzdefizit entsteht. Letzteres führt zu einer Abnahme der Goldbestände was die Geldmenge verringert und das Preisniveau senkt. Daher wird die Preisniveauentwicklung eines Landes weniger von politischen Interessen beeinflusst, als vielmehr von Produktivitätssteigerungen, der Entdeckung neuer Gold-vorkommen sowie dem Goldverschleiß. Der Inflation werden natürliche Grenzen gesetzt.

Auch wenn die oben genannten Mechanismen teilweise umgangen werden konnten, war der Goldstandard zu seiner Zeit ein modernes und äußerst effizientes Währungssystem. Ein hohes Beschäftigungsniveau, niedrige Inflationsraten sowie die Sicherheit aus festen Wechselkursen sorgten dafür, dass der Übergang ins zwanzigste Jahrhundert meist geprägt war von wirtschaftlicher Stabilität.[12] Dennoch gibt es einige Gründe dafür, dass der Goldstandard heute keine ernstzunehmende Alternative mehr darstellt.

Große Anpassungsschwierigkeiten können entstehen wenn, wie oben beschrieben, ein gestiegenes Preisniveau wieder sinkt. Diese Deflation tritt vor allem dann auf, wenn der Anpassungsprozess länger dauert und von den Marktteilnehmern nicht antizipiert wird. Heutzutage herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass das Ziel eine niedrige, positive Preissteigerungsrate ist aber strikt vermieden werden sollte, dass das Preisniveau als ganzes sinkt, da eine solche Entwicklung zur Arbeitslosigkeit beiträgt.

Ein weiteres Problem ist die Unbeständigkeit in der Goldförderung. Da im Zuge wirtschaftlichen Wachstums die Geldmenge ebenfalls wachsen muss, wäre ein stete Entdeckung und Exploration neuer Goldvorkommen unerlässlich.[13] In bestimmten Situationen kann es zudem sinnvoll sein, der Volkswirtschaft vermehrt Liquidität zur Verfügung zu stellen, um einen Abschwung oder gar eine Finanzkrise zu vermeiden.

Allerdings waren es in erster Linie die geldpolitischen Einschränkungen, die zur Abkehr vom reinen Goldstandard führten. Denn mit Beginn des ersten Weltkrieges konnten und wollten die politischen Spitzen der Länder nicht mehr auf den exzessiven Gebrauch der Notenpresse verzichten. Seine engen geldpolitischen Grenzen wurden dem Goldstandard zum Verhängnis. Die folgenden Erfahrungen mit hohen Inflationsraten wirken allerdings bis heute in den geldpolitischen Überlegungen in Theorie und Praxis nach.

2.2.2 Die Zwischenkriegsjahre (1918-1939) - Gold-Devisen-Standard

Nach Ende des Krieges war die Sehnsucht nach Stabilität groß. Die USA kehrten 1919 als erstes Land zum Goldstandard zurück und viele weitere folgten. Recht schnell wurde klar, dass der weltweite Goldbestand sowie das Goldangebot nicht ausreichen würden, um die künftige Nachfrage nach Reserven zu befriedigen. Daher wurde ein eingeschränkter Gold-Devisen-Standard beschlossen. Kleinere Länder konnten demnach auch Währungen von großen Ländern (deren Währung durch Gold gedeckt war) als Reserven halten.[14] Dennoch wurden dem System die begrenzte Verfügbarkeit des Rohstoffes Gold, sowie falsch bewertete Währungen zum Verhängnis.

1931 lies Großbritannien eine Abwertung seiner überbewerteten Währung zu, um den Abfluss an Gold zu stoppen. Immer mehr Länder folgten diesem Beispiel, wodurch ein Abwertungswettbewerb im Kampf um Wettbewerbsfähigkeit in Gang gesetzt wurde. Des Weiteren wurden Importzölle eingesetzt, um eine Handelsumlenkung zugunsten heimischer Erzeugnisse zu generieren. Die Weltwirtschaftskrise dauerte zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahre an und viele Länder versuchten mittels einer solchen „Beggar-thy-neighbour-Politik“, die eigene Rezession in das Ausland abzuschieben.

Abbildung 1 zeigt, wie diese protektionistischen Maßnahmen den internationalen Handel beinahe zum erliegen brachten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Rückgang des Welthandels

Im Verlauf der zehnjährigen Weltwirtschaftskrise sagten sich die meisten Länder vom Goldstandard los. Die Flucht in den Protektionismus wurde zum vorherrschenden Phänomen, wodurch der Welthandel zum erliegen kam.

Quelle: Kindleberger (1973).

Da nun die Gewinne aus dem Außenhandel wegfielen, kam die wirtschaftliche Erholung der Länder nur schleppend voran. Die hohe Arbeitslosigkeit vieler Nationen öffnete den radikalen, populistischen Kräften die Tore. Diesen Zusammenhang sowie die Erfahrungen des 2. Weltkrieges vor Augen, wurde 1944 in Bretton-Woods über eine neue Architektur des internationalen Währungssystems verhandelt.

2.2.3 Das System von Bretton-Woods (1944-1973) - Gold-Dollar-Standard

Nach dem 2. Weltkrieg hielten die USA 70 Prozent der weltweiten Goldbestände.[15] Es war daher klar, dass zur Aufrechthaltung eines reinen Goldstandards die weltweiten Gold-reserven zu heterogen verteilt waren. Dennoch war man bemüht, die dem Goldstandard inne-wohnende Stabilität weiterhin zu nutzen.

Die USA banden als einzigstes Land ihre Währung an Gold. Sie verpflichteten sich, zum Preis von 35 Dollar je Feinunze, Gold gegen Dollar zu tauschen. Die übrigen Teilnehmerländer fixierten ihren Wechselkurs zum Dollar und waren verpflichtet, diesen innerhalb einer Bandbreite von +/- 1% zu verteidigen. Somit entstand ein dreistufiges System fester Wechselkurse (Abbildung 2). Da zu diesem Zeitpunkt der Dollar als einzige Währung vollständig konvertibel war, akkumulierten die Länder große Dollarreserven. Der Greenback wurde zur Reservewährung des Systems und legte das Fundament für seinen heutigen Status als Weltwährung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Das dreistufige Währungssystem von Bretton-Woods

Quelle: Burda/Wyplosz (2001).

Anders als beim reinen Goldstandard kam es nun zum N-1 Problem. Der Dollar war die N-te Währung, in der die übrigen N-1 Währungen definiert wurden. Die USA waren von vorn herein der Hegemon des Systems. Die übrigen Länder mussten in geldpolitischem Gleichschritt folgen. Diese Architektur trug der Tatsache Rechnung, dass mit dem Ende des zweiten Weltkrieges die Vereinigten Staaten die wirtschaftliche Führungsrolle vollständig von Großbritannien übernommen hatten. New York löste London als wichtigste Finanzmetropole ab.

Unter diesem System gelang es, die Weltwirtschaft auf einen stabilen Wachstumspfad zu führen. Die vom Krieg total zerstörten Volkswirtschaften Deutschlands und Japans erlebten, auch aufgrund der festen Wechselkurse, wahre Wirtschaftswunder. Den politischen Ent-scheidungsträgern war es gelungen trotz der bitteren Ereignisse zu erkennen, dass nur in verstärkter wirtschaftlicher Zusammenarbeit der Schlüssel zu Wohlstand und Frieden liegen kann.

Die Konvertibilität der Währungen im Bretton-Woods-System war mit Ausnahme der USA auf Leistungsbilanztransaktionen beschränkt. Die Beschränkungen in der Kapitalbilanz sollten verhindern, dass private Kapitalflüsse aus spekulativen Gesichtspunkten zu Spannungen im System führten. Erst 1958 wurden die Währungen der meisten europäischen Länder vollständig konvertibel. Aufgrund der erhöhten Mobilität des privaten Kapitals kam den Erwartungen der Marktteilnehmer nun zentrale Bedeutung zu. Nur solange die makroökonomische Entwicklung der beteiligten Länder keine Unterschiede in der Geldpolitik verlangte, konnten spekulative Kapitalbewegungen vermieden werden. Es kam aber zu ungleichmäßigen Entwicklungen, aufgrund derer das nötige Vertrauen an verschiedensten Fronten nicht dauerhaft aufrechterhalten werden konnte: Einige Länder gerieten durch anhaltende Leistungsbilanzdefizite unter Abwertungsdruck. Deutschland dagegen musste sich wegen seiner boomenden Wirtschaft gegen Aufwertungen verteidigen, was die Dollarreserven an-steigen lies.[16] Aufgrund der festen Wechselkurse wurde es für die Länder zusehends schwieriger, ein binnen- und außenwirtschaftliches Glei-chgewicht zu erreichen (s. Kasten 2). Um Anpassungen vorzunehmen, kam es gelegentlich zu Änderungen der Paritäten. Diese Probleme waren eine Vorahnung auf das, was noch kommen sollte. Im Folgenden werden die vier wichtigsten Gründe des Scheiterns dieses Systems beschrieben:

Kasten 2: Binnen- und außenwirtschaftliches Gleichgewicht im System fester Wechselkurse

Die angestrebten Zustände von politischen Entscheidungsträgern einer offenen Volkswirtschaft sind das binnen- und außenwirtschaftliche Gleichgewicht. Erstes ist erreicht, wenn im Land Voll-beschäftigung der Ressourcen und Preisniveaustabilität herrscht. Das außenwirtschaftliche Gleich-gewicht ist hergestellt, wenn die Leistungsbilanz weder ein so hohes Defizit aufweist, dass das Land künftig seine Schulden gegenüber dem Ausland nicht zurückzahlen kann, noch einen so hohen Überschuss, dass das Ausland in diese Lage gerät (Krugman/Obstfeld, S.678).

Bei kurzfristig konstantem Preisniveau im In- und Ausland und Inlandszins gleich Auslandszins, kann durch fiskalische Maßnahmen (Veränderung der Staatsausgaben und/oder Veränderung der Steuerbelastung) und Änderungen des nominalen Wechselkurses jederzeit das binnen- und außenwirtschaftliche Gleichgewicht hergestellt werden (Punkt 1). Es gilt:

Die Linie aller Punkte, die ein binnenwirtschaftliches Gleichgewicht darstellen ist fallend, da eine reale Aufwertung zu einem Rückgang von Y führt, was durch eine expansive Fiskalpolitik ausgeglichen werden muss. Y*=C(Y*-T)+I+G+NX(q, Y*-T).

Die Linie aller Punkte, die ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht darstellen ist steigend, da eine reale Abwertung zu einem Leistungsbilanzüberschuss führt, was durch eine restriktive Fiskalpolitik ausgeglichen werden muss. NX(q, Y-T)=X

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In einem System fester Wechselkurse steht der nominale Wechselkurs aber nicht als Instrument zur Anpassung an das außenwirtschaftliche Gleichgewicht zur Verfügung. Befindet sich ein Land beispielsweise unterhalb seines Gleichgewichtspunktes in Punkt 2, hat es also Arbeitslosigkeit bei gleichzeitigem Leistungsbilanzdefizit, so kann die Fiskalpolitik alleine, nur eines der beiden Gleichgewichte herstellen (3 oder 4). Und dies auch nur, um den Preis einer weiteren Entfernung von dem Ziel, welches geopfert wird. Nur durch die Kombination aus nominaler Abwertung und fiskalischer Expansion können beide Gleichgewichte wieder erreicht werden (1). Daher leiden Festkurssysteme von vornherein unter einem Glaubwürdigkeitsproblem, da irgendwann der Zeitpunkt kommt, an welchem es für ein Land lohnenswert wird, eine Änderung des Wechselkurses zu erzwingen.

1. Von 1965 an erhöhten die USA ihre Staatsausgaben beträchtlich. Der Vietnamkrieg und das Great-Society Reform-programm führten zu hohen Haushaltsdefiziten. Aufgrund der anstehenden Wahlen standen diesen Ausgaben keine zusätzlichen Einnahmen aus Steuererhöhungen gegenüber. Vielmehr wurde das Geldangebot stark ausgedehnt, was die Inflation in den USA ansteigen lies und den Dollar unter Abwertungsdruck setzte. Die übrigen Länder waren gezwungen Dollars anzukaufen, um die Bandbreiten zu wahren. Folglich importierten sie die Inflation aus den USA, da die Dollarreserven zu einem Anstieg der inländischen Geldbasis führten.[17]
2. Zusätzlich wurde das Vertrauen in das System durch das so genannte „Triffin-Paradox“ geschwächt. Triffin hatte gezeigt, dass die Dollarverbindlichkeiten in den kommenden Jahren die Goldvorräte der USA übersteigen. Werden dann sämtliche Dollars gegen Gold getauscht, so wäre dies nicht mehr zum Preis von 35$ je Feinunze möglich. Dieser Punkt wurde 1964 erreicht. In der Voraussicht eines höheren zukünftigen Dollarpreis des Goldes, stieg die Goldnachfrage rasant an. Als Reaktion wurde der Goldmarkt in einen privaten und einen staatlichen Bereich aufgeteilt, was zur Folge hatte, dass der wichtigste Stabilitäts-pfeiler des Systems entfernt wurde.[18]
3. Ab 1970 begann in den USA eine Zeit der bis dahin unbekannten Stagflation.[19] Die Vereinigten Staaten mussten über eine reale Abwertung versuchen, ihre Wettbewerbs-fähigkeit zu erhöhen, um die Arbeitslosigkeit zu verringern. Von den zwei Optionen zur Umsetzung, schien die Deflation im eigenen Land als zu teuer. Somit blieb nur eine Abwertung des nominalen Wechselkurses zu allen anderen Währungen (s. Kasten 2). Die übrigen Länder hatten wenig Interesse an einer Aufwertung ihrer Währung, würde doch ihre Wettbewerbsfähigkeit erheblich leiden. Die Regierung der USA konnte sich nur durchsetzten, indem sie kurzfristig den Verkauf von Gold gegen Dollar aussetzte sowie Importzölle erhob. Von nun an war das Vertrauen soweit zerstört, dass es nicht mehr hergestellt werden konnte. Mehrere Anläufe, neue Paritäten festzulegen, scheiterten. Letztendlich musste dem Druck der spekulativen Attacken nachgegeben werden. Im März 1973 wurden die Wechselkurse der meisten Länder gegenüber dem Dollar freigegeben
4. Der erste Ölpreisschock 1973 kam für das System von Bretton-Woods zu einem schlechten Zeitpunkt. Durch die Spannungen auf dem Ölmarkt verzerrten sich die Terms-of-Trade zwischen ölimportierenden und ölexportierenden Ländern. Um die daraus resultierenden Ungleichgewichte zu beseitigen, mussten die nominalen Wechselkurse angepasst werden. Hinzu kam, dass Länder unterschiedliche wirtschaftspolitische Ziele verfolgten. Gemäß der damaligen Überzeugung wollten einige mittels expansiver Geld-politik die Beschäftigung erhöhen, andere dagegen eine restriktive Geldpolitik verfolgen, um die Inflation einzudämmen. Eine Rückkehr zu einem System fester Wechselkurse war somit in weite Ferne gerückt.

2.2.4 Flexiblere Wechselkurse und regionale Währungssysteme

Mit dem Zerfall des Bretton-Woods-Systems endete auch die Zeit international koordinierter Währungsabkommen. Das internationale Währungssystem gestaltet sich seither wechselhaft und uneinheitlich. Festzustellen ist allerdings ein klarer Trend zu flexibleren Wechselkursregimes. Wie Abbildung 3 zeigt, wurde die früher dominierende Art der festen Wechselkurse mit der Zeit immer weiter zurückgedrängt. Flexiblere Wechselkurse und vor allem intermediäre Regime haben stark zugenommen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Wechselkursregime

Quelle: Steiner (2004)

Der Übergang zu flexibleren Wechselkursen und somit eigenständiger Geldpolitik bescherte im Laufe der 1970er Jahre vielen Ländern hohe Inflationsraten. Die USA reagierten mit einer stark restriktiven Geldpolitik, aufgrund derer das Land mehrere Rezessionen durchzustehen hatte. Im Zuge der hohen US-Zinsen kam es in Südamerika zu Beginn der 1980er Jahre zu schweren Schuldenkrisen. Die weltweite Arbeitslosigkeit steuerte auf ihren höchsten Nachkriegswert zu.[20]

Als Reaktion auf die schwache Weltwirtschaft verständigten sich die wichtigsten Industrieländer – USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Japan – erstmals 1985 in New York (Plaza-Abkommen) auf Devisenmarktinterventionen, um existierende Ungleichgewichte im internationalen Währungssystem zu beseitigen. Dieses Treffen wurde 1987 in Paris (Louvre Akkord) wiederholt. Stets war die Erkenntnis Triebfeder, dass nur eine internationale Koordination der Währungspolitik in der Lage ist, die Weltwirtschaft an einer Rückkehr zum Protektionismus zu hindern.

In Europa hatte man schon 1969 den Grundstein gelegt, um sich von der Vor-machtsstellung der USA abzukoppeln. Kerneuropa begann mittels eines informellen Verbundes, seine Währungen im Block gegen den Dollar schwanken zu lassen. Die so genannte Währungsschlange ging 1979 in das Europäische Währungssystem (EWS) über. Innerhalb des EWS bewegten sich die Wechselkurse in engen Bandbreiten und wurden mittels eines Interventionssystems verteidigt. Trotz der schweren Währungskrisen 1992/93 gelang es, den Konvergenzpfad der beteiligten Länder fortzuführen und ein lange angestrebtes Ziel zu erreichen. 1999 wurde der Euro als Gemeinschaftswährung eingeführt. Die EWU hat somit nach innen feste Wechselkurse, notwendigerweise eine einheitliche Geldpolitik und kann aufgrund ihrer Größe den Wechselkurs des Euro frei floaten lassen.

Kasten 3: Trilemma des Wechselkursregimes

Um einen optimalen Rahmen für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes zu schaffen, sind drei Ziele für fast jedes Land von zentraler Bedeutung: Eine eigenständige Geldpolitik, stabile Wechselkurse und freier Kapitalverkehr.

Es hat sich allerdings gezeigt, dass diese drei Ziele nur paarweise. nicht aber gleichzeitig (dauerhaft) erreicht werden können. Vielmehr kann der Versuch dies zu tun, zu schweren Finanzkrisen führen. So ist insbesondere die Krise des EWS 1992/93 auf dieses Problem zurückzuführen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Geldpolitik muss sich bei einem festen Wechselkurs vollständig der Verteidigung der Parität annehmen. Denn unter der Bedingung fester Wechselkurse kann die Geldpolitik ausschließlich die Währungsreserven beeinflussen. Tut sie dies nicht, so wird dies von den Marktteilnehmern erkannt und aufgrund der hohen Mobilität des Kapitals zu einer Änderung des Wechselkurses gezwungen. Daher gilt, dass ein Land, welches einen festen Wechselkurs bei gleichzeitig autonomer Geldpolitik aufrechterhalten möchte, den freien Kapitalverkehr beschränken muss. Soll aber Wechselkursstabilität bei freiem Kapitalverkehr erreicht werden, so muss die eigenständige Geldpolitik aufgegeben und dem Ankerwährungsland angepasst werden. Und schließlich kann eine autonome Geldpolitik ohne Kapitalkontrollen nur dann praktiziert werden, wenn kein Wechselkursziel besteht. Dieser Umstand wird als Trilemma des Wechselkursregimes oder auch als die unmöglichen Trilogie bezeichnet.

Für die ehemaligen Staaten des Ostblocks stellt die EU mittlerweile das wirtschaftliche Gravitationszentrum dar, weshalb deren Wechselkurspolitik auf eine stabile Bindung an den Euro abzielt. In der übrigen Welt dominiert dagegen der Dollar als Bezugspunkt. Viele Länder in Südamerika, Asien und Afrika haben in den vergangenen 30 Jahren den Dollar als nominalen Anker genutzt. Crawling Pegs, Currency Boards, Dollarisation oder feste Wechselkurse wurden und werden als Instrumente eingesetzt, um Stabilität, Vertrauen und somit die Basis wirtschaft-lichen Wachstums zu im-portieren.

Die schnell wachsenden Volkswirtschaften in Asien haben in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass die Wachstumsraten der Welt-wirtschaft konstant hoch waren. Allerdings mussten einige der ostasiatischen „Tigerstaaten“ 1997/98 die Erfahrung einer schweren Banken- und Währungskrise machen, welche auf andere Regionen der Welt überzuspringen drohte. Für die Zukunft des internationalen Währungssystems wird das Hauptaugenmerk auf der Vermeidung solcher Krisen liegen. Allerdings erschwert die zunehmende Vernetzung der Weltwirtschaft bei zugleich extrem hoher Anpassungsgeschwindigkeit der Finanzmärkte diese Aufgabe erheblich. Dabei steht nach wie vor das Trilemma des Wechselkursregimes im Mittelpunkt (s. Kasten 3).

Mit der Abkehr vom Gold und dem Übergang zu Reservewährungssystemen erwuchs einzelnen Währungen zunehmend regionale und vereinzelt auch weltweite Bedeutung. Die hieraus entstandenen Zusammenhänge bilden das Fundament für das Verständnis über die währungspolitischen Möglichkeiten einzelner Länder. Es ist daher notwendig, auf die Funktionen internationaler Währungen, insbesondere des Dollars, näher einzugehen.

3 Der internationale Dollarstandard

Zum Ende des 2. Weltkrieges hatten lediglich die USA ein intaktes Finanzsystem und einen offenen Kapitalmarkt. Auch aus diesem Grund wurde der Dollar zur systemweiten Interventionswährung im Bretton-Woods-System. Rückblickend kann man sagen, dass die daraus resultierenden Skalenerträge zur Bildung eines natürlichen Monopols führten und somit der Dollar zur führenden Weltwährung wurde.[21] Die hieraus erwachsenen Aufgaben und Funktionen des Dollar als internationale Währung, bilden das Fundament für nahezu die gesamte Architektur des internationalen Währungssystems. So stellt der Dollar auch für den Ostasiatischen Raum einen zentralen Bezugspunkt dar.

Die Situation im internationalen Währungsgefüge hat sich in den vergangenen Jahren allerdings stark verändert. Mit dem Euro gibt es erstmals eine Währung, welche eine echte Alternative zum Dollar darstellt. Obwohl noch recht jung, genießt er mittlerweile hohes Vertrauen und wird von vielen umliegenden Ländern als Ankerwährung genutzt. Ein Erfolg, der dem japanischen Yen in seiner Region trotz aller Erwartungen nie gelang.

3.1 Funktionen einer internationalen Währung

Eine internationale Währung ist eine Währung, welche Marktteilnehmer aus Ländern verwenden, die nicht das Ausgabeland sind.[22] Zunächst ist eine internationale Währung aber nicht anderes, als das nationale Geld eines bestimmten Emissionslandes. Die klassischen drei Funktionen von Geld in einer geschlossenen Volkswirtschaft lassen sich ebenso auf die Verwendung jenseits der Landesgrenzen übertragen. So kann eine Währung auch außerhalb des Emissionslandes als Transaktionsmedium, Recheneinheit sowie Wertaufbewahrungs-mittel verwendet werden. Eine zusätzliche Dimension entsteht allerdings durch die Unterteilung in private Verwendung und die Verwendung von öffentlicher Seite, sprich den Zentralbanken.

Zusammengefasst kann international verwendetes Geld die in Tabelle 1 aufgeführten Funktionen erfüllen.[23] Dabei ist unabdingbar, dass eine Währung nur dann in solch einer Weise verwendet wird, wenn diese ein hohes Maß an Stabilität mit sich bringt: Zum einen Preisniveaustabilität und zum anderen politische Stabilität im emittierenden Land.[24] Hohe und volatile Inflationsraten führen zu Abwertungsdruck und Unsicherheit.

Tabelle 1

Funktionen einer internationalen Währung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Krugman (1984), McKinnon (2005a), Vaubel (2005).

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Belastbarkeit der Finanzmärkte. Wird eine Währung über seine Landesgrenzen hinaus verwendet, so müssen die nationalen Finanzmärkte eine ausreichende Breite, d.h. ein großes Angebot an Finanzinstrumenten, sowie die nötige Tiefe, d.h. gut ausgebildete Zweitmärkte, mit sich bringen. Nur dann kann die Währung ohne Kapitalverkehrsbeschränkungen international gehandelt werden.[25]

[...]


[1] vgl. Bundesbank (2005).

[2] vgl. DFG (2003), S.2.

[3] vgl. BIZ (2005), S. 106.

[4] Deutsche Bundesbank (2005b).

[5] Deutsche Bundesbank (2005b).

[6] So zeigt eine Untersuchung von Kaminsky und Reinhart (1999), dass auf eine Bankenkrise zu 46 Prozent auch eine Währungskrise folgt.

[7] vgl. Eichengreen (2000).

[8] vgl. Krugman/Obstfeld (2004), S. 654.

[9] vgl Eichengreen/Sussman (2000), S.20.

[10] Benannt nach dem schottischen Philosophen David Hume.

[11] vgl. Burda/Wyplosz (2001), S. 611.

[12] s. Abbildung A1 (Anhang).

[13] Angemerkt sei, dass auch hier der Mechanismus funktioniert, wenn auch sehr langsam. Weitet sich die Weltwirtschaft aus, so können bei konstantem Geldangebot die Güterpreise sinken (Deflation!). Dies führt zu einem Anstieg des Goldpreises, wodurch es lohnenswerter wird, Gold zu suchen. Steigt das Goldangebot, so sinkt der Goldpreis und das Preisniveau kehrt wieder in die Nähe seines Ausgangswertes zurück.

[14] vgl. Krugman/Obstfeld (2004), S. 693.

[15] vgl. Krugman/Obstfeld (2004), S. 617.

[16] vgl. Krugman/Obstfeld (2004), S. 710.

[17] Aufgrund des Balassa-Samuelson-Effektes kam es zu Inflationsimport, obwohl die Inflation in den meisten Ländern höher war als in den USA.

[18] vgl. Krugman/Obstfeld (2004), S. 712.

[19] Bis dato hatte die Keynesianische Theorie gelehrt, dass es entweder Inflation oder Arbeitslosigkeit gibt, aber nicht beides zur gleichen Zeit.

[20] vgl. Krugman/Obstfeld (2004), S.747.

[21] vgl. McKinnon (2005a), S. 9.

[22] vgl. EU-Parlament (2005).

[23] McKinnon (2005) unterscheidet insgesamt acht verschiedene Funktionen. Er trennt im Gegensatz zu Cohen (1971), Krugman (1983) und Kenen (1983) die Funktion des Kreditstandards weiter in private und staatliche Schuldverschreibungen auf. Am sinnvollsten scheint es allerdings, keine Unterteilung vorzunehmen, dafür aber den Kreditstandard unter der Funktion Recheneinheit einzuordnen. Auch deshalb, da die Währung von Schuldtiteln zur Risikobewertung dient. So bilden US-Schatzpapiere die (risikofreie) Benchmark zur Klassifizierung im internationalen Anleihemarkt und sind daher Vergleichsmaßstab.

[24] vgl. Tavlas/Ozeki (1992), S.2.

[25] vgl. Tavlas/Ozeki (1992), S.3.

Ende der Leseprobe aus 63 Seiten

Details

Titel
Die ostasiatischen Volkswirtschaften und das internationale Währungssystem
Hochschule
Universität Mannheim  (Fakultät für VWL)
Note
1.0
Autor
Jahr
2006
Seiten
63
Katalognummer
V55426
ISBN (eBook)
9783638503730
ISBN (Buch)
9783656804857
Dateigröße
1450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Volkswirtschaften, Währungssystem
Arbeit zitieren
Diplom-Volkswirt Wolf Friedle (Autor:in), 2006, Die ostasiatischen Volkswirtschaften und das internationale Währungssystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55426

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