Gretchen als Kindsmörderin in Johann Wolfgang von Goethes "Urfaust". Verurteilung oder Entschuldigung?


Seminararbeit, 2003

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I) Der Kindsmord im Urfaust

II) Analyse der Gretchen- Figur
1. Die Vorgeschichte: Verführte Unschuld oder mitverantwortlich?
2. Der Kindsmord - Entschuldigt oder verurteilt?

III) Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Meine Mutter, die Hur, die mich umgebracht hat“: Diese eine Liedzeile in der Kerkerszene charakterisiert Gretchen, die weibliche Protagonistin des Urfaust, – die doch so häufig als Ebenbild weiblicher Unschuld und Tugend verstanden wird - als Hure und Kindsmörderin.[1]

Die folgende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Figur des Gretchen als Kindsmörderin und geht der Frage nach, inwiefern sie für dieses Verbrechen verurteilt wird. Der untersuchte Gegenstand ist nicht die vollendete Fassung des Faust I, sondern der Urfaust, der dabei (trotz einiger Vergleiche) als eigenständiges Werk aufgefasst wird und nicht als „unvollständiger“ Vorentwurf des Faust I. Für diese Wahl spricht unter anderem, dass im Urfaust – im Gegensatz zum Faust – die Gretchentragödie den proportional größeren Teil des Dramas einnimmt und somit mehr Bedeutung gewinnt. Die Beziehung zwischen Faust und Gretchen steht hier in einem anderen Zusammenhang, denn die Szenen „Hexenküche“ und „Walpurgisnacht“ fehlen: „Diese beiden Szenen ... umklammern ... die ursprüngliche Faust- Gretchenepisode... und setzen diese in einen neuen Bedeutungszusammenhang“[2]. Die Gretchentragödie hat im Urfaust also eine andere Bedeutung als im Faust I.

Der Arbeit wird zur Beantwortung der oben gestellten Frage eine werkimmanente Interpretation zu Grunde gelegt. Rechtsdiskursive, soziologische, literaturgeschichtliche oder den Autor betreffende Aspekte werden ausgeklammert, Ausgangspunkt ist ausschließlich der Text selber.

Diese Wahl der Fragestellung, des Gegenstandes und der Methode schränken die brauchbare Forschungsliteratur stark ein. Fast alle Untersuchungen der Gretchen- Figur beziehen sich auf Faust I. (Einige davon werden dennoch verwendet, denn trotz der oben zitierten Behauptung von Vitz lassen sich viele Aspekte auch auf die Gretchen-Figur im Urfaust beziehen.) Die Frage nach dem Kindsmord wird zwar häufig flüchtig berührt, aber selten konkret behandelt. Problematisch ist, dass Gretchen in einigen Fällen einseitig betrachtet und überhöht dargestellt wird, in vielen anderen Fällen lediglich als eine notwendige Episode in der Entwicklung Fausts behandelt wird[3]. Letzteres findet sich beispielsweise bei Stuart Atkins[4]: Gretchen sei lediglich „eine symbolische Vertreterin des weiblichen Geschlechts“, ihre Rolle „auf ein absolutes Minimum reduziert“ und die sogenannte Gretchentragödie nur „eine symbolische Episode“. Aus dieser Sicht erscheint eine Untersuchung der Gretchen- Figur nur im Hinblick auf Faust interessant, nicht aber als eigenständige Figur des Dramas. Dennoch halte ich die Frage nach der Gretchen-Figur für gerechtfertigt, zum einen weil sie, wie bereits gesagt, im Urfaust eine andere Bedeutung hat, zum anderen weil in dieser Figur – wie Bernhard Greiner darlegt – die „Begründung des Faust als Tragödie“ liegt[5]. Der Leser empfindet gerade Gretchens Schicksal als das tragische Element des Dramas. Ob dies Goethes Absicht entsprach, kann bei werkimmanenter Interpretation dahingestellt bleiben.

Diese Hausarbeit stellt also Gretchen in den Mittelpunkt und untersucht (quasi umgekehrt) die Figur des Faust nur in Hinsicht auf deren Schicksal. Dabei will ich nicht darauf beharren, dass Gretchen ein vollentwickelter Charakter ist, wohl aber darauf, dass sie mehr als ein „Symbol“ ist. Um mich der Frage nach Schuld und Vergebung bezüglich des Kindsmordes anzunähern, werde ich die Untersuchung der Gretchen- Figur in zwei Teile gliedern: die „Vorgeschichte“ und den Kindsmord selber. Die Verführung und die daraus resultierende uneheliche Schwangerschaft haben Gretchen erst in die Situation gebracht, in der sie ihr Kind tötet, sind also Ursache für den tragischen Verlauf ihres Schicksals. Deshalb ist auch danach zu fragen, ob sie für diese „Ursachen“ selbst verantwortlich ist. Dem wird in einem ersten Teil nachgegangen, bevor im zweiten Teil nach Verurteilung oder Entschuldigung der Tat selbst gefragt wird. Diese beiden Teile werden dann in einem Schlussteil zusammengeführt, um zu einer abgeschlossenen Analyse der Gretchen-Figur als Kindsmörderin zu gelangen.

I) Der Kindsmord im Urfaust

Die folgende Hausarbeit untersucht die Gretchen-Figur als Mörderin ihres eigenen, unehelich geborenen Kindes. Die Geburt dieses Kindes und der Kindsmord sind im Urfaust aber nicht dargestellt. Nach der Szene im Dom, in der ihre Schwangerschaft deutlich wird (Z.1324-26), taucht Gretchen erst wieder in der Kerkerszene auf: Hier ist das Kind bereits tot, Gretchen steht vor der Hinrichtung als Strafe für den Mord. Geburt des Kindes, der Mord und auch der Prozess und die Verurteilung werden ausgespart. Deshalb soll einleitend kurz anhand einiger Textstellen auf Gretchens Tat zurückgeschlossen werden.

Gretchen, inzwischen dem Wahn verfallen, spricht in der Kerkerszene von ihrem Kind, zunächst als wäre es noch lebendig: „Sieh das Kind! Muss ich’s doch tränken. Da hatt ich’s eben! Da! Ich hab’s getränkt!“ (Z. 26/27 S. 59)[6]. Dann behauptet sie: „Sie nahmen mirs und sagen ich hab es umgebracht,...“ (Z. 27/28, S.59), bestreitet also die Tat. Kurz darauf aber bekennt sie sich dazu und nennt sie in einem Atemzug mit dem Mord an der Mutter: „Meine Mutter hab ich umgebracht! Mein Kind hab ich ertränckt. Dein Kind! Heinrich!“ (Z. 60/61, S. 60). Dass sie ein Kind hatte, dessen Vater Faust ist, scheint also sicher, ebenso, dass dieses Kind tot ist. Zunächst bestreitet sie, dass sie selber es getötet hat, dann gibt sie es zu. Trotz ihrer widersprüchlichen Aussagen bezüglich ihrer Schuld scheint ihr Geständnis aus verschiedenen Gründen die glaubwürdigere Aussage zu sein. Gretchen ist in diesem letzten Auftritt verrückt, das steht außer Frage. Aber während sie zu Anfang der Szene diesem Wahn noch völlig verfallen ist, scheint sie zwischendurch verhältnismäßig klar zu sein (Z. 57- 71, S.60). In diesem Moment der Klarheit bekennt sie sich zu ihren Sünden, und akzeptiert deshalb ihren Tod als Sühne. Ein weiterer Beleg dafür, dass Gretchen die Mörderin ihres Kindes ist, ist die Liedzeile: „Meine Mutter, die Hur,/ die mich umgebracht hat“ (Z. 4/5, S. 59). Somit lässt sich also – trotz der Aussparung im Text – davon ausgehen, dass Gretchen die Tat begangen hat.

II) Analyse der Gretchen-Figur

1. Die Vorgeschichte: - Verführte Unschuld oder mitverantwortlich?

Die Frage, ob Gretchen für den Kindmord zu verurteilen ist, hängt auch mit der Frage zusammen, ob sie für ihr Schicksal, das sie schließlich zu dieser Tat getrieben hat, selbst verantwortlich ist oder nicht. Das, was soeben unter Schicksal zusammengefasst wurde, meint Gretchens Geschichte von dem Moment an, wo sie auf Faust trifft: die Verführung, den Tod der Mutter, die Schwangerschaft. Diese Geschichte läuft geradewegs auf das tragische Ende hinaus. Die zentrale Frage ist, ob Gretchen dabei das unschuldige Opfer darstellt oder ob sie eigene Verantwortung dafür trägt.

Auf den ersten Blick stellt Gretchen sicherlich ein Musterbeispiel für Unschuld dar und scheint das Opfer eines skrupellosen Verführers zu sein. Diese These ist nicht unbegründet, dem Leser wird zunächst genau dieses Bild von Gretchen vermittelt. Bei ihrem ersten, kurzen Auftritt zeigt sie sich sehr zurückhaltend. Sie ist bescheiden (Z. 459) und abweisend gegenüber Faust (Z. 460), als anständiges Mädchen lässt sie sich nicht so einfach ansprechen. Von Faust wird sie als „sitt und tugendreich“ (Z. 463) beschrieben. Auch Mephisto sagt, sie wäre „ein unschuldig Ding“, das „für nichts zur Beichte ging“ (Z. 476/77). Letzteres betont besonders Gretchens Unschuld und ihre ausgeprägte Frömmigkeit. Mephisto hat keine Gewalt über sie (Z. 478), weil ihre Seele rein und frei jeder Sünde ist. Dieser erste Eindruck von Gretchen wird bei dem zweiten Blick auf sie bestätigt. Sie sitzt in ihrem „kleinen reinlichen Zimmer“ und flechtet ihre Zöpfe – ein Bild, „weiblicher Schönheit verbunden mit kindlicher Reinheit“[7]. Die Reinlichkeit ihres Zimmers wird von Mephisto hervorgehoben (Z. 538) und kann als Spiegel ihrer reinen Seele gedeutet werden.

Gretchen wird also zunächst durch die Eigenschaften Tugendhaftigkeit und Frömmigkeit, Unschuld und Bescheidenheit charakterisiert.

Faust hingegen wird als der große Verführer dargestellt (Z. 494- 496). Er ist besessen von dem Gedanken, Gretchen zu erobern und verfolgt dieses Ziel mit viel Ehrgeiz (Z. 471; 488/89; u.a.). Auch von Mephisto wird er als „... Hans Lüderlich/ der begehrt iede liebe Blum für sich“ (Z. 480) bezeichnet.

[...]


[1] Die folgende Einleitung mag für eine Hausarbeit ungewöhnlich lang erscheinen, halte ich aber aufgrund meiner Themenwahl für nötig.

[2] Vitz, Georg: Goethes „Gretchentragödie“: Das Hohelied von der Lüge in der Liebe. In: Diskussion Deutsch. Zeitschrift für Deutschlehrer aller Schulformen in Ausbildung und Praxis 22 (1991) S. 125.

[3] Siehe hierzu Vitz’ Kapitel über die Faust- Rezeption nach 1945: Georg Vitz, a.a.O., S. 123f.

[4] Siehe hierzu und zu folgendem: Atkins, Stuart: Neue Überlegungen zu einigen missverstandenen Passagen der „Gretchentragödie“ in Goethes Faust. In: Keller, Werner: Aufsätze zu Goethes „Faust I“. Darmstadt 1974.

[5] Greiner, Bernhard: Margarete in Weimar: die Begründung des Faust als Tragödie. In: Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte 93 (2).

[6] Da im Urfaust keine durchgehende Nummerierung vorliegt, sind die außer der Reihe nummerierten Zeilen hier mit zusätzlicher Seitenzahl angegeben. Die Angaben beziehen sich auf folgende Ausgabe: Goethe, Johann Wolfgang: Urfaust. Stuttgart 1987 u. ö. (= UB 5273).

[7] Becker-Cantarino, Barbara: „Meine Mutter, die Hur, die mich umgebracht hat...“. Die Kindsmörderin als literarisches Sujet. In: Renate Möhrmann (Hg.): Verklärt, verkitscht, vergessen. Die Mutter als ästhetische Figur. Stuttgart u.a. 1996, S. 110.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Gretchen als Kindsmörderin in Johann Wolfgang von Goethes "Urfaust". Verurteilung oder Entschuldigung?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V55448
ISBN (eBook)
9783638503938
ISBN (Buch)
9783638598613
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Johann, Wolfgang, Goethe, Urfaust, Gretchen, Kindsmörderin, Verurteilung, Entschuldigung
Arbeit zitieren
Inga Hüttemann (Autor), 2003, Gretchen als Kindsmörderin in Johann Wolfgang von Goethes "Urfaust". Verurteilung oder Entschuldigung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55448

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