Eine Untersuchung der Gesellschaft in Thomas Manns "Zauberberg"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
30 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die 'Gesellschaft' des Zauberberg
2.1 "Die grenzenlosen Vorteile der Schande": Leben auf dem Zauberberg
2.1.1 Krankheit
2.1.2 Hermetik
2.1.3 Freiheit
2.1.4 'Liederlichkeit'
2.1.4.1 Erotik
2.1.5 Die Berghofgesellschaft als Spiegel der europäischen Vorkriegsgesellschaft
2.2 Hans Castorp
2.2.1 'Ein einfacher junger Mensch'?
2.2.2 Die Effekte des Lebens auf dem Zauberberg
2.2.2.1 "Denn alles Interesse für Tod und Krankheit ist nichts als eine Art von Ausdruck für das am Leben": Die Einstellung zum Tod
2.2.2.2 Steigerung
2.2.3 Einflüsse der Hauptfiguren
2.2.3.1 Selbstvervollkommnung als Menschheitspflicht: Der Einfluß Settembrinis
2.2.3.2 'Das ist der Osten und die Krankheit': Der Einfluß Clawdia Chauchats
2.2.3.3 'Mein Gott - eine Persönlichkeit!': Der Einfluß Peeperkorns

3. SchluSS

4. Literatur

1. Einleitung

Wer sich mit der Gesellschaft des Zauberberg befaßt, kommt nicht umhin, sich mit einer Problematik zu beschäftigen, die sich durch das Werk Thomas Manns zieht. Es ist dies der Perspektivismus. Die Figuren erscheinen nicht als absolute, fertige Charaktere, die schlicht so sind, wie sie sind - und womöglich auch so bleiben -, sondern sie existieren im Bewußtsein der verschiedenen Haupt- und Nebenfiguren, formen sich dort aus zu Ideen, Prinzipien, Typen, Personifizierungen, bisweilen Individuen. Die Dinge sind nicht einfach, sondern sie spiegeln sich im Bewußtsein des Betrachters.

Was nun gerade Hans Castorp zum idealen Helden des Romans macht, ist seine Bereitschaft, sich im Sinne des 'placet experiri' die verschiedensten Anschauungen und Perspektiven versuchsweise zu eigen zu machen, um sie dann spielerisch anzuwenden und - gelegentlich - zu einem eigenen Standpunkt zu gelangen. "Mit der Neugier eines Bildungsreisenden"[1] nimmt er Eindrücke, Anregungen und pädagogische Bemühungen auf.

An Anregungen fehlt es denn auch nicht. Dem jungen Ankömmling mag wohl scheinen, daß er in einem Schlaraffenland gelandet ist, einem Ort der Abgeschiedenheit und Verantwortungslosigkeit. Wie lebt man an diesem Ort? Dieser Frage werde ich mich im ersten Teil der vorliegenden Arbeit widmen, um mich dann dem Protagonisten, Hans Castorp, zuzuwenden und den Zauber zu untersuchen, den der Berg auf ihn ausübt. Wer ist er, welchen Einflüssen ist er ausgesetzt - und zu wem wird er?

2. Die 'Gesellschaft' des Zauberberg

2.1 "Die grenzenlosen Vorteile der Schande": Leben auf dem Zauberberg

Was bei oberflächlicher Betrachtung der Berghofgesellschaft zunächst beeindruckt, ist ihre Internationalität - wenngleich deren selbstverständlich-unaufdringliche Allgegenwart mit sich bringt, daß sie fast schon wieder in den Hintergrund tritt. Mit Hans Castorp selbst, seinem Vetter Joachim Ziemßen und dem Hofrat treten nur drei Deutsche in Erscheinung. Settembrini, der Italiener - und Weltbürger -, Clawdia Chauchat, die Russin mit dem französischen Namen, Naphta, Jude mit österreichischem Paß, und Peeperkorn, "Kolonial-Holländer" (S. 748), mögen als Beispiele für die "leicht farbige Nationalität" (ebd.) weiterer Hauptfiguren dienen. Doch auch die übrige Gesellschaft ist bunt gemischt; "in was für Tinten und Abschattungen spielte nicht die Gesellschaft des bewährten Instituts" (ebd.). "Diese ständig präsente Internationalität des Chargenchors ist nicht weniger funktional als die Nationalität der Hauptfiguren. Sie stellt ein kompositionell notwendiges Milieu-Korrelat zu Hans Castorps Bildungsweg dar, der ihn auf dem Zauberberg durch die geistige Landschaft Europas, nicht die Deutschlands führt."[2]

Wenn eine gewisse Dominanz des "Ostens" zu verzeichnen ist - eine zahlenmäßig wie auch geistig-ideologisch in besonderem Maße präsente Gruppe stellen die Russen dar -, so ist darin wohl am ehesten ein Zugeständnis an oder eine Identifikation mit Settembrini und dessen Vorstellung der östlichen Lebenswelt zu sehen. "Hier liegt vor allem viel Asien in der Luft, - nicht umsonst wimmelt es von Typen aus der moskowitischen Mongolei! [...] Diese Freigebigkeit, diese barbarische Großartigkeit im Zeitverbrauch ist asiatischer Stil, - das mag ein Grund sein, weshalb es den Kindern des Ostens an diesem Orte behagt" (S. 334). 'Der Osten' sei "weich und zur Krankheit geneigt" (S. 335) und auch damit erkläre sich seine Präsenz im "Berghof".

2.1.1 Krankheit

Auch wenn es als Selbstverständlichkeit erscheint, so muß doch zuvorderst Erwähnung finden, was diese bunte Gesellschaft zusammengebracht hat und zusammenhält. Es ist die Krankheit. Und wie überall, wo gemessen wird, wird auch verglichen und es kommt der Leistungsgedanke ins Spiel. "Leichtkranke galten nicht viel" (S. 281), wie Hans Castorp bemerkt, und so zieht er denn seine Schlüsse und "nannte wohl ein paar Striche mehr, als er in Wahrheit gemessen", "um zur Aristokratie zu gehören" (S. 282) - oder ihr doch so nahe zu kommen, wie das in seinem bescheidenen Falle wohl möglich sein mag.

Die Krankheit, diese "Überbetonung des Körperlichen" (S. 634), stellt also das verbindende Element dar. Sie ist Dreh- und Angelpunkt der Berghofgesellschaft, um sie kreist man, sie ist "das geniale Prinzip" (S. 834), wie Hans Castorp feststellt. Diese Gemeinsamkeit hat natürlich eine identitätstiftende Wirkung. Die Tatsache, daß "diese Leute allzusehr mit sich selbst, das heißt: mit ihrem interessanten Körper beschäftigt [sind]" (S. 283), bewirkt so neben dem Gemeinschaftsgefühl auch eine Abgrenzung nach außen.

2.1.2 Hermetik

Diese Abgrenzung, die durch die geographischen Gegebenheiten des Schauplatzes, das enge Tal und die Höhenlage, begünstigt wird - vgl. "die enge, hohe, abgeschiedene Welt Derer hier oben" (S. 369) - führt zur Herausbildung eines regelrechten, in sich geschlossenen Mikrokosmos. Selbstbeobachtung ist eine Lieblingsbeschäftigung der Berghofgesellschaft (vgl. S. 283). Man genügt sich; man kennt und will bald nichts anderes mehr als das Leben in dieser hermetischen Verantwortungslosigkeit. Selbstbespiegelung, Geselligkeit und Diversion, so sieht der Alltag der Berghofgesellschaft aus; als Beispiel mag hier eine unbedeutende Nebenfigur dienen, die doch in diesem Punkte die vorherrschende Gesittung verkörpert: "So lebte der Knabe Teddy elegant in den Tag hinein, indem er durchblicken ließ, daß er vom Leben nichts anderes mehr als eben immer nur dies erwarte" (S. 428). Sinnbild für die Hermetik des Ortes und seinen Charakter als Abbild einer anderen, äußeren Welt ist auch das Glücksspiel, zu dem Peeperkorn die Gesellschaft um sich schart. "Jubel und Verzweiflungsausbrüche, Entladungen der Wut und hysterische Lachanfälle, hervorgerufen durch den Reiz, den das bübische Glück auf die Nerven ausübte, ereigneten sich, und sie waren echt und ernst, - nicht anders hätten sie lauten können in den Wechselfällen des Lebens selbst" (S. 768). Wie das Glücksspiel Abbild der Wechselfälle des Lebens, so ist die Berghofgesellschaft ein Spiegelbild der äußeren Welt im Kleinen, das die Bewohner des Sanatoriums jedoch, "echt und ernst", für das wahre Leben nehmen.[3]

"Hier unten fehlen die Grundbegriffe" (S. 274), das erkennen denn auch sehr schnell die, die wieder in flachländische Gefilde zurückkehren. Sie sind infiziert mit dem genius loci, selbst wenn sie die körperliche Infektion längst hinter sich haben. Selbst vor Betrug schrecken die zum Bleiben Entschlossenen nicht zurück - so manipuliert etwa "Fräulein Kneifer, Ottilie Kneifer" (S. 121), das Fieberthermometer, und als dieser Versuch fehlschlägt, riskiert sie ihre Gesundheit, indem sie im eiskalten See badet - allein ohne Erfolg. So groß ist der Zauber des Bergs, daß er die Heimat vergessen macht. 'Hier oben' ist jetzt Zuhause, und stellvertretend für die an den Ort Gefesselten versichert denn auch Fräulein Kneifer, "sie könne und möge nicht heim, hier sei sie zu Hause, hier sei sie glücklich" (S. 122). Das bloße Vorhandensein einer "'Stummen Schwester'" (S. 122), eines Fieberthermometers ohne Skala, mit Hilfe dessen Simulanten überführt werden können, ist Beweis genug für die Verführungen der Berghof-Sphäre.

Die "[geschlossene] Selbstsicherheit" (S. 591) dieser Sphäre ist beträchtlich. Was etwa von außen an Kritik an sie herangetragen wird, gleitet an ihr ab. Dies muß auch James Tienappel bei seinem Besuch feststellen: "die Selbstgewißheit der Wirtssphäre erwies sich als wahrhaft erdrückend" (S. 591).

Tienappel bekommt es mit der Angst zu tun; er erkennt schnell, daß er dem nichts entgegenzusetzen hat und ihm nur die Wahl bleibt, es seinem Verwandten gleichzutun und sich für diese Lebenswelt zu entscheiden, oder die Flucht zu ergreifen, "solange er noch Eigengeist, Kräfte von unten zuzusetzen hatte; denn er fühlte, daß diese schwanden" (S. 593). Anders als Hans Castorp entschließt er sich zum Ausbruch, in die Flucht geschlagen vom Geist des Ortes, den sein Neffe so geschickt gegen ihn einzusetzen weiß.

Natürlich weiß Hans Castorp um den Zauber des Ortes; er ist ihm mit vollem Bewußtsein erlegen und sieht sich als Nutznießer der "hermetische[n] Pädagogik" (S. 786). Wenn er aber über die Kunst des Konservierens ins Schwärmen gerät - "das Zauberhafte daran ist, daß das Eingeweckte der Zeit entzogen war; es war hermetisch von ihr abgesperrt, die Zeit ging daran vorüber, es hatte keine Zeit, sondern stand außerhalb ihrer auf seinem Bort" (S. 697) -, so ahnt er wohl nicht, daß er über sein eigenes Schicksal spricht, und es fehlt ihm die Distanz zu erkennen - obschon Naphta noch kurz vorher darüber gesprochen hat -, daß es mit der Abgeschlossenheit auch noch eine andere Bewandtnis haben, daß man sie auch noch aus einer anderen Perspektive betrachten kann. Es haftet ihr ein Grabesgeruch an. "Das Grab [...], die Stätte der Verwesung [,...] ist der Inbegriff aller Hermetik" (ebd.).

2.1.3 Freiheit

Ein wichtiger Begriff, eine allgemeine Empfindung der Bewohner des Berghofs - oder doch nahezu allgemein, sieht man einmal von Joachim und Settembrini ab - ist die der Freiheit. "Die meisten waren lustig, - ohne besonderen Grund wahrscheinlich, sondern nur, weil sie keine unmittelbaren Sorgen hatten und zahlreich beisammen waren" (S. 64 f.). In der hermetischen Berghofatmosphäre, vom äußeren, flachländischen Leben abgeschlossen, wird ein ursprünglicher Neben- schnell zum erwünschten und herbeigesehnten Haupteffekt der Krankheit. Freiheit ist Verantwortungslosigkeit - oder so leben es doch die Berghofbewohner, und da es nun einmal eine Auswirkung von Alkoholkonsum ist zu enthemmen - hierin gleichen die Auswirkungen des Alkohols denen der Krankheit, bzw. addieren sich beide in der im folgenden zitieren Szene - und sich unter Alkoholeinfluß gerne das 'wahre Gesicht' eines Menschen zeigt, kann hier kaum ein Vorkommnis besser der Beweisführung dienen als das von Peeperkorn geleitete "Bacchanal" (S. 780).

Die Gesellschaft überließ sich einem seligen Nichtstun, indem sie ein zusammenhangloses Geschwätz tauschte, dessen Elemente bei jedem einzelnen aus erhöhtem Gefühle stammten und in irgendeinem Urzustande das Schönste versprochen hatten, aus denen aber auf dem Wege zur Mitteilung ein fragmentarisch-lippenlahmer, teils indiskreter, teils unverständlicher Galimathias wurde, geeignet, die zornige Scham jedes nüchtern Hinzukommenden zu erregen, doch von den Beteiligten ohne Beschwer ertragen, da alle sich in dem gleichen verantwortungslosen Zustand wiegten. (ebd.; meine Hervorhebung)

Joachim bringt es auf den Punkt, als er den Übermut der Berghofgesellschaft erklärt: "'Gott', sagte er, sie sind so frei... Ich meine, es sind ja junge Leute, und die Zeit spielt keine Rolle für sie, und dann sterben sie womöglich. Warum sollen sie da ernste Gesichter schneiden" (S. 73; Hervorhebung im Original).

So ist denn das Empfinden von Freiheit auch entscheidend für Hans Castorps Bindung an den Ort, wenngleich ihm in seinem Vorleben nie bewußt gewesen sein dürfte, daß er etwa unfrei war. Der "dritte Brief nach Hause" (S. 310) ist ein Einschnitt, der vor allem eines bewirkt: "er befestigte Hans Castorps Freiheit. Dies war das Wort, das er anwandte, [...] er empfand seinen weitläufigsten Sinn, wie er es während seines hiesigen Aufenthaltes zu tun gelernt hatte" (ebd.; Hervorhebung im Original). Doch wie so vieles auf dem Berg ist auch die Freiheit ein Trugbild und Teil des Zaubers, und als Hans Castorp aus seinem siebenjährigen Traum erwacht, sieht er sich "entzaubert, erlöst, befreit" (S. 975; meine Hervorhebung).

[...]


[1] Thomas Mann: Der Zauberberg. Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 1991, S. 786. Alle Textzitate sind dieser Ausgabe entnommen. Im folgenden werde ich im Text auf die entsprechenden Seitenzahlen verweisen.

[2] Erwin Koppen: "Nationalität und Internationalität im Zauberberg", in: Bludau, Beatrix et al. (Hgg.), Thomas Mann 1875-1975.. Frankfurt: S. Fischer, S. 132.

[3] "Ernst gibt es genaugenommen nur im Leben da unten" (S. 73) sagt folgerichtig der ehrliebende Joachim - und beweist damit, daß er im Grunde außerhalb der Berghofgesellschaft steht und gegen den Zauber des Ortes immun ist.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Eine Untersuchung der Gesellschaft in Thomas Manns "Zauberberg"
Hochschule
Universität Trier  (Neuere Deutsche Literatur)
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
30
Katalognummer
V5547
ISBN (eBook)
9783638133913
ISBN (Buch)
9783638686679
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eine, Untersuchung, Gesellschaft, Thomas, Manns, Zauberberg
Arbeit zitieren
Dietrich Arlart (Autor), 2001, Eine Untersuchung der Gesellschaft in Thomas Manns "Zauberberg", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5547

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