Brechts Einstellung zum Antisemitismus erläutert am Beispiel der Kalendergeschichte 'Die Ballade von der Judenhure Marie Sanders'


Seminararbeit, 2005

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Person Brecht
2.1. Brechts Kalendergeschichten
2.2. Kalendergeschichte Ballade von der Judenhure Marie Sanders

3. Historischer Kontext

4. Analyse der Ballade
4.1.Analyse des „Wie“ nach Martinez/Scheffel
4.2.Didaktiktisches der Ballade/ intendierter Adressat
4.3. Identität des Erzählers
4.4. Titel und Volkstümlichkeit des Gedichtes

5. Brecht und Antisemitismus

6. Fazit/Schlussfolgerung

7. Quellen und Literatur
7.1. Quellen
7.2. Literatur (Auswahlbiographie)

8. Anhang:
8.1. Die Ballade der Judenhure Marie Sanders
8.2. Die Medea von Lodz
8.3. Der Jude, ein Unglück für das Volk

1. Einleitung

Eine kurze volkstümliche, meist realitätsbezogene Erzählung, oft unterhaltend und stets didaktisch orientiert. Diese knappe Definition einer literarischen Gebrauchsform soll der Einstieg für die Untersuchung einer Kalendergeschichte sein.

Die folgende Arbeit hat sich zur Aufgabe gemacht diese literarische Gebrauchsform näher zu beleuchten, die Kalendergeschichte. Speziell setzt sich die Analyse mit einer Kalendergeschichte Bertolt Brechts auseinander.

Anfangs erfolgt eine kurze biographische Angabe zum Autor. Anschließend werden die Besonderheiten der Kalendergeschichte bei Brecht dargelegt. Des Weiteren wird die Entstehungszeit des Textes in den historischen Kontext eingeordnet. Auf diese Weise wird dem Rezipienten Hintergrundwissen vermittelt, wodurch das Textverständnis vereinfacht werden soll. Im Anschluss wird auf den Inhalt der Ballade eingegangen, was den Leser auf den weiteren Verlauf einstimmt. Der Titel „Ballade von der ‘Judenhure’ Marie Sanders“ verweist auf weitere Themenschwerpunkte der Betrachtung. Demzufolge soll mit Hilfe dieser Arbeit die Einstellung Brechts zum Antisemitismus erläutert sowie die Appell- und Erziehungsfunktion des Textes transparent gemacht werden. Dieser von Judengegner geschaffene Begriff, der Diskriminierung und Verfolgung von Juden als Gruppe begründen und legitimieren soll, stütz sich historisch auf rassistische Vorurteile. Damit wird ein religiös, völkisch oder nationalistisch bedingter Judenhass untermauert.

In diesem Zusammenhang fließen bei der Betrachtung der Problematik weitere Werke Brechts ein, umso die Thematik abwechslungsreicher und anschaulicher werden zu lassen. Sie thematisieren ebenfalls Antisemitismus und Fremdenhass und bekräftigen das Bild Brechts vom Antisemitismus.

Ein nächster Hauptpunkt analysiert den Text auf der Grundlage des Buches: „Einführung in die Erzähltheorie“ nach Martinez/Scheffel. Besondere Aufmerksamkeit wird hier auf das „Wie“ des Textes gerichtet. Daher werden die Stimme, die Zeit und das Modus untersucht.

Als Grundlage für diese wissenschaftliche Arbeit diente eine fundierte Lektüre, bestehend aus Primär- und Sekundärliteratur. Hier zu besonders zu erwähnen sind, Frank Dietrich Wagner: Bertolt Brecht. Kritik des Faschismus; Werner Hecht: Bertolt Brecht. Arbeitsjournal 1938-1955; sowie Jan Knopf: Brecht-Handbuch. Lyrik, Prosa, Schriften. Auf Grund ihrer detaillierten Darstellungsweise, intensiven Betrachtung der Thematik und ihrer wissenschaftlichen Analyse eignen sie sich gut als Arbeitshilfe bzw. Grundlage. Insbesondere bei Knopf wird nicht nur die Einzelgedichtanalyse in den Vordergrund gestellt, sondern er beachtet die von Brecht mit Sorgfalt vorgenommene Zusammenstellung der einzelnen Gedichte in Zyklen. Im Übrigen liefert das zugrunde liegende Brecht-Handbuch eine Zusammenfassung der oft breit gestreuten Forschung. Dabei werden die bisher oft nur zweitrangig behandelten Aspekte der Lyrik Brechts berücksichtigt. Auch Heinz Härtl (Zur Tradition eines Genres) leistete eine längst überfällige Bestandsaufnahme. 1982 endlich folgte dann auch in der Reihe der Brecht Studien die erste Gesamtdarstellung von Detlef Ignasiak: Bertolt Brechts „Kalendergeschichten“. Kurzprosa 1935-1956. Er bespricht die einzelnen Erzählungen in der Reihenfolge ihrer Entstehung und stellt die Sammlung als Montage vor. Beide Werke füllten Wissenslücken bei der Erstellung dieser Arbeit und bildeten mit ihrer zuverlässigen Wissensdarstellung eine gute Unterstützung.

Abschließen wird die Arbeit mit einer fundierten Zusammenfassung der behandelten Problematik und einem Fazit.

2. Die Person Brecht

Geboren am 10. Februar 1898 in Augsburg als Sohn eines kaufmännischen Angestellten, der zum Prokuristen und später zum Direktor der Haindlschen Papierfabrik avancierte, wuchs Brecht auf ‘als Sohn wohlhabender Leute’.[1]

„Meine Eltern haben mir/ Einen Kragen umgebunden und mich erzogen/ In den Gewohnheiten des Bedientwerdens/ Und unterrichtet in der Kunst des Befehlens“[2], heißt es im Gedicht: Verjagt mit gutem Grund.

Das elterliche Haus am Rande der Stadt, in der Nähe der Lechauen, ermöglichte ihm Ungebundenheit sowie ein harmonisches Miteinander mit der Natur.

Das Spannungsverhältnis zwischen kindlich-jugendlichen Naturerfahrungen und städtischer Alltagswelt blieb bis in die späten Werke Brechts spürbar. Im Jahre 1908 wurde Eugen Berthold Friedrich Brecht in das Bayrische Realgymnasium an der „Blauen Kappe“ in Augsburg aufgenommen. Bereits als 15-jähriger veröffentlichte er unter dem Namen Berthold Eugen in der Schülerzeitschrift Die Ernte Aufsätze, Gedichte und Erzählungen. Mit dem Notabitur in der Tasche immatrikulierte er 1917 an der Philosophischen Fakultät der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Jedoch ein Jahr später (1918) diente B. Brecht als Sanitätssoldat im Reservelager in Augsburg. Später kommentierte er diese Zeit folgendermaßen: ‘ich unterschied mich kaum von der überwältigenden Mehrheit der übrigen Soldaten, die selbstverständlich von dem Krieg genug hatten, aber nicht imstande waren politisch zu denken. Ich denke also nicht besonders gern daran.’[3]

Nachdem 1933 die politische Situation unter der NS-Herrschaft eskalierte und mit dem Reichstagsbrand einen vorläufigen Höhepunkt bildete, emigrierte Brecht über Prag, Wien und Zürich nach Paris. Auf eine Einladung der Schriftstellerin Karin Michalis siedelte die Familie nach Dänemark über.

In dieser Zeit unterstützte Brecht internationale Aktionen zur Aufklärung des Reichstagsbrandes. Ständig auf der Flucht kam die Familie nicht zur Ruhe und so ging der Weg der Emigration weiter über Schweden (1939), Finnland, Leningrad, Moskau und Wladiwostok. 1941 gelangte er dann in die USA, aus der er 1947 wieder ausreiste und sich dann in der Schweiz aufhielt. Trotz des Emigrantenlebens versuchte er einen Kreis von Gleichgesinnten um sich zu gruppieren, „um Methoden und Formen des politischen, des geistigen Widerstandes auszuprobieren und zu organisieren.“[4]

Nach 15 Jahren Odyssee kehrte Brecht nach Deutschland zurück und zog mit Helene Weigel nach Berlin.

An den Folgen eines Herzinfarkts starb B. Brecht dann am 14. August 1956.

Im Laufe seines Lebens produzierte er eine Vielzahl von Texten, z. B. Lob der Partei, Die drei Groschenoper, Leben des Galilei, Mutter Courage und ihre Kinder u.v.m. Auf einige weitere wird in dieser Arbeit noch kurz eingegangen.

2.1. Brechts Kalendergeschichten

Brechts Kalendergeschichten erschienen 1948 und 1949 in zwei parallelen Ausgaben in Halle (Saale) und in Berlin. Allerdings erhielt nur der Berliner Gebrüder Weiß Verlag die Rechte und somit galt die Ausgabe von 1949 als Erstausgabe, obwohl die Hallensische Fassung wesentlich weniger Fehler aufwies und früher erschien. Auf Grund eklatanter Setzfehler ist die Weiß-Verlag-Ausgabe praktisch unbenutzbar. Die erste schriftliche Nennung des Bandes ist in einem Brief von Richard Weiß (Gebrüder Weiß Verlag) vom 30.4.1948[5] belegt. In der Paginierung und Aufmachung sind beide identisch. Ursprungsquelle der Kalendergeschichten waren ‘zwei halbe Bücher’[6], die der Schriftsteller 1940 beabsichtigte zu erstellen. Es sollte als Dokument des Krieges gelten, „der nichts mehr zu Ende bringen läßt“.[7] Wenn Brecht von den ‘zwei zerfetzten Büchern’[8] sprach, so steht wohl auch die Ansicht dahinter, „dass nicht wohlgeordnet sein kann, was zur ungeordneten Zeit Stellung bezieht.“[9]

Er wollte weg von der monologischen Struktur, hin zum Dialogischen. Des Weiteren sollte der Titel auf die Widersprüchlichkeit der Zeit, des Unfertigen und auf die politischen Konfliktkonstellationen hinweisen. Auch hier ist sein politischer Kampf implizit spürbar.

Wesentlich involviert, ob bei Verhandlungen mit dem Weiß Verlag oder sogar an der Zusammenstellung, war Ruth Berlau.

Außerdem sei festzuhalten, dass die Kalendergeschichten fast ausschließlich auf ältere Texte zurückgreifen. So ist u. a. die Entstehungszeit der Keuner-Geschichten bis zurück in die 20-er Jahre anzusetzen. Der vornehmliche Teil der Texte wird in den Jahren ´35 bis ´40 datiert. Die Titel und die Anordnung der Geschichten wurden bis zur Veröffentlichung des Öfteren modifiziert. Beispielsweise hatte Das Experiment zunächst Der Stalljunge und Der Mantel des Ketzers der Mantel des Nolaners geheißen[10]. Die endgültige Zusammenstellung wird in der Wissenschaft mit dem 25.9.1948 angegeben. Wahrscheinlich ist, dass die Wahl für den Titel Kalendergeschichten erst fiel, als der Vertrag mit dem Gebrüder Weiß Verlag signiert wurde.

Der Titel annonciert Volkstümliches und zwar in einer durchaus idyllisierenden Weise, wodurch aber auch ein indirekter Bezug zu Hebel und Grimmelshausen hergestellt werden kann. Zusätzlich vermittelt der Titel Übliches, bekannt Klingendes, wodurch Brecht u. a. „subversiv seine Ansichten von Volk und Volkstümlichem einbringen konnte.“[11]

Den Buchband wiederum ziert ein Zeichnung Caspar Nehers von Brecht, die ihn Zigarre rauchend als chinesischen Weisen darstellt. Auf diese Weise wird der Sammlung sichtlich jegliche Verbindung zur volkstümlichen Idylle genommen.

Dass der Autor die Kalendergeschichten nach dem Krieg und offiziell im Jahr der Gründung der beiden deutschen Staaten (1949) ansetzte, darf als programmatisch angesehen werden, denn die erlebten Gräueltaten und Grausamkeiten der Diktatur sollten ins Gedächtnis der Leute gebrannt werden. Gerade beim Neuaufbau, der Neuorganisation des Staates und der Gesellschaft sollten die Erfahrungen allgegenwärtig sein, um so aus den vorangegangen Fehlern lernen zu können. 15 Jahre war Bertolt Brecht vom deutschen Publikum durch seine Flucht ins Ausland abgeschnitten gewesen, nach seiner Rückkehr im Oktober 1948 musste er mit Vertrautem an die Öffentlichkeit treten, denn nur so konnte er breite Leserschichten erreichen. Schichten, die durch das niveauvolle Theater nicht in diesem Maße erreichbar waren.

In Brechts Kalendergeschichten stehen Erzählungen und Gedichte in wechselnder Reihenfolge, acht Erzählungen und acht Gedichte. Den Schluss bilden die Geschichten vom Herrn Keuner.

Brechts Anordnung stellt Erzählungen und Gedichte gleichberechtigt nebeneinander. Die Gedichte sind dabei keineswegs „Ornat, Ruheplätze für geduldige Leser, keine Zierleiste, sie gehören als Geschichten zu den Kalendergeschichten, so paradox dies zunächst klingen mag.“[12] Diese Gedichte können in drei Gruppen kategorisiert werden. Dem entsprechend sei die Ballade (Die Judenhure Marie Sanders) und das Kinderlied (Ulm 1592, Kinderkreuzzug und Mein Bruder war ein Flieger) zu nennen. Die vier übrigen sind nach Brechts Einteilung Chroniken, die als solche bereits in den Svendborger Gedichten standen.

Die Gedichte lassen sich der Gebrauchslyrik zu ordnen. Sie sind datiert, historisch festgelegt und sie treten ein für den antifaschistischen Kampf der angesprochenen Freunde (Widerständler). Somit stellen sie politische Lyrik dar, die mit Vorsicht zu genießen ist.

Die Dichtungen enthalten einen aktuellen politischen Akzent und historisierenden Charakter, da sie einerseits auf „vergilbten Büchern“ und anderseits „auf brüchigen Berichten“[13] (Zeitungsnotizen etc.) fußen.

Auf diese Weise üben sie im Sinne Brechts Kritik vom Standpunkt der darauf folgenden Epoche aus an ihrer Zeit.

Brechts Zusammenstellung von Erzählungen, Gedichten und schließlich aphorismenartigen Kurz- und Kürzestgeschichten entfernt sich endgültig von jeder gattungsmäßigen ‘Kalendergeschichte’, vor allem von der ‘epischen’ kurzen Geschichte mit belehrend-erbaulicher Tendenz. Kalender meint jetzt Vielfalt, Abwechslung, zugleich aber auch die Erinnerung an die Tradition einer Literatur, die sich den Erfahrungen des ‘Volkes’ angenommen hat.[14]

[...]


[1] Zit. nach: Hofmann, F.: Brecht ein Lesebuch für unsere Zeit. Weimar 1976.S. XXIX.

[2] Brecht, Bertolt: Hundert Gedichte 1918-1950. Berlin 1958. S. 290.

[3] Zit. nach: Hofmann, F.: Brecht. Ein Lesebuch. S. XXXIII.

[4] Hofmann, F.: Brecht. Ein Lesebuch. S. XLVII.

[5] Vgl. Knopf, Jan: Brecht-Handbuch. Lyrik, Prosa, Schriften. Stuttgart 1984. S. 295.

[6] Zit. nach: Ebd., S. 295.

[7] Ebd., S. 295.

[8] Zit. nach: Ebd., S. 295.

[9] Ebd., S. 295.

[10] Vgl. Knopf, Jan: Brecht-Handbuch. S. 296.

[11] Vgl. Ebd., S. 299.

[12] Knopf, Jan: Geschichten zur Geschichte. Phil. Diss. masch. Göttingen 1972. S. 230ff.

[13] Ebd., S. 232.

[14] Ebd., S. 268.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Brechts Einstellung zum Antisemitismus erläutert am Beispiel der Kalendergeschichte 'Die Ballade von der Judenhure Marie Sanders'
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Brecht-Kalendergeschichten
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V55475
ISBN (eBook)
9783638504126
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brechts, Einstellung, Antisemitismus, Beispiel, Kalendergeschichte, Ballade, Judenhure, Marie, Sanders, Brecht-Kalendergeschichten
Arbeit zitieren
Stephan Terrey (Autor), 2005, Brechts Einstellung zum Antisemitismus erläutert am Beispiel der Kalendergeschichte 'Die Ballade von der Judenhure Marie Sanders', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55475

Kommentare

  • Gast am 20.9.2010

    Da bereits die Einleitung nicht professionell formuliert ist (sprachliche Mängel, inhaltlich eher vage), hält sich meine Neugier auf den Rest der Arbeit sehr in Grenzen. Und für diesen Preis gibt es schon sehr fachkundige Sekundärliteratur.

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