Eine kurze volkstümliche, meist realitätsbezogene Erzählung, oft unterhaltend und stets didaktisch orientiert. Diese knappe Definition einer literarischen Gebrauchsform soll der Einstieg für die Untersuchung einer Kalendergeschichte sein.
Die folgende Arbeit hat sich zur Aufgabe gemacht diese literarische Gebrauchsform näher zu beleuchten, die Kalendergeschichte. Speziell setzt sich die Analyse mit einer Kalendergeschichte Bertolt Brechts auseinander.
Anfangs erfolgt eine kurze biographische Angabe zum Autor. Anschließend werden die Besonderheiten der Kalendergeschichte bei Brecht dargelegt. Des Weiteren wird die Entstehungszeit des Textes in den historischen Kontext eingeordnet. Auf diese Weise wird dem Rezipienten Hintergrundwissen vermittelt, wodurch das Textverständnis vereinfacht werden soll. Im Anschluss wird auf den Inhalt der Ballade eingegangen, was den Leser auf den weiteren Verlauf einstimmt. Der Titel „Ballade von der ‘Judenhure’ Marie Sanders“ verweist auf weitere Themenschwerpunkte der Betrachtung. Demzufolge soll mit Hilfe dieser Arbeit die Einstellung Brechts zum Antisemitismus erläutert sowie die Appell- und Erziehungsfunktion des Textes transparent gemacht werden. Dieser von Judengegner geschaffene Begriff, der Diskriminierung und Verfolgung von Juden als Gruppe begründen und legitimieren soll, stütz sich historisch auf rassistische Vorurteile. Damit wird ein religiös, völkisch oder nationalistisch bedingter Judenhass untermauert.
In diesem Zusammenhang fließen bei der Betrachtung der Problematik weitere Werke Brechts ein, umso die Thematik abwechslungsreicher und anschaulicher werden zu lassen. Sie thematisieren ebenfalls Antisemitismus und Fremdenhass und bekräftigen das Bild Brechts vom Antisemitismus.
Ein nächster Hauptpunkt analysiert den Text auf der Grundlage des Buches: „Einführung in die Erzähltheorie“ nach Martinez/Scheffel. Besondere Aufmerksamkeit wird hier auf das „Wie“ des Textes gerichtet. Daher werden die Stimme, die Zeit und das Modus untersucht. Als Grundlage für diese wissenschaftliche Arbeit diente eine fundierte Lektüre, bestehend aus Primär- und Sekundärliteratur. Hier zu besonders zu erwähnen sind, Frank Dietrich Wagner:Bertolt Brecht. Kritik des Faschismus;Werner Hecht:Bertolt Brecht. Arbeitsjournal 1938-1955;sowie Jan Knopf:Brecht-Handbuch. Lyrik, Prosa, Schriften.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Person Brecht
2.1. Brechts Kalendergeschichten
2.2. Kalendergeschichte Ballade von der Judenhure Marie Sanders
3. Historischer Kontext
4. Analyse der Ballade
4.1. Analyse des „Wie“ nach Martinez/Scheffel
4.2. Didaktiktisches der Ballade/ intendierter Adressat
4.3.. Identität des Erzählers
4.4.. Titel und Volkstümlichkeit des Gedichtes
5. Brecht und Antisemitismus
6. Fazit/Schlussfolgerung
7. Quellen und Literatur
7.1. Quellen
7.2. Literatur (Auswahlbiographie)
8. Anhang:
8.1. Die Ballade der Judenhure Marie Sanders
8.2. Die Medea von Lodz
8.3. Der Jude, ein Unglück für das Volk
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Bertolt Brechts „Ballade von der Judenhure Marie Sanders“ als Beispiel für seine Kalendergeschichten, um die Einstellung des Autors zum Antisemitismus sowie die Appell- und Erziehungsfunktion des Textes im historischen Kontext der NS-Diktatur zu beleuchten.
- Analyse der literarischen Form der Kalendergeschichte bei Brecht.
- Untersuchung der Ballade hinsichtlich erzähltheoretischer Aspekte nach Martinez/Scheffel.
- Darstellung von Brechts Positionierung gegen Antisemitismus und Faschismus.
- Die Funktion von Literatur als Widerstand und Mittel der politischen Aufklärung.
- Verknüpfung von privatem Schicksal und politischer Realität im nationalsozialistischen Deutschland.
Auszug aus dem Buch
4. Analyse Ballade
Der Text die Judenhure Marie Sanders behandelt Antisemitismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, immer noch brennende Probleme, auch in unserer Zeit. Damit avanciert Die Ballade der Judenhure zu einem Text mit zeitlosem Charakter. Brecht symbolisiert im tragischen Schicksal der Marie Sanders das Los eines Volkes. Der Dichter zeigt mit der Ballade, wie der Einzelne vor Entscheidungen gestellt ist/war, die oft Entscheidungen auf Leben und Tod bedeuten, wie der Fall der Marie S. beweist.
Der Text macht das Inhumane, Barbarische des Hitlerregimes deutlich, das die Beziehungen zwischen den Menschen vergiftete und zerstörte („Die Gasse johlte. Sie/ Blickte kalt.“). NS-Diktatur und Antisemitismus wird bei Brecht in Beziehung gestellt zu den Schicksalen einfacher Menschen, die der Politik ausgeliefert waren und die Folgen der NS-Herrschaft direkt und unmittelbar zu spüren bekamen. „Wohl selten war der Dichter so sehr mit dem Denken und Fühlen der Menschen des Volkes verbunden, wie in diesen Jahren des Exils.“
Da die Ballade thematische Verwandtschaft mit Die jüdische Frau aus Furcht und Elend aufweist, kann sie als Vorstufe zu Furcht und Elend angesehen werden. Die Schilderung einer Einzelszene aus dem NS-Alltag ist hierfür signifikant.
Die Ballade der Judenhure ist der Form und Sprache nach das konventionellste Gedicht der Kalendergeschichten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Genre der Kalendergeschichte und skizziert die methodische Vorgehensweise bei der Untersuchung der ausgewählten Ballade Brechts.
2. Die Person Brecht: Dieses Kapitel gibt einen biographischen Abriss und erläutert die Bedeutung sowie die Zusammenstellung von Brechts Kalendergeschichten.
3. Historischer Kontext: Es werden die politischen Rahmenbedingungen des Jahres 1935, insbesondere die Einführung der Nürnberger Rassengesetze, dargelegt.
4. Analyse der Ballade: Das Kapitel bietet eine tiefgehende Analyse der Ballade hinsichtlich Form, Erzähltheorie, didaktischem Wert und Identität des Erzählers.
5. Brecht und Antisemitismus: Hier wird Brechts Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus als politischem Instrument des faschistischen Regimes diskutiert.
6. Fazit/Schlussfolgerung: Das Fazit fasst die Relevanz des Werkes für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und seine Bedeutung für die Gegenwart zusammen.
Schlüsselwörter
Bertolt Brecht, Ballade der Judenhure Marie Sanders, Kalendergeschichten, Antisemitismus, NS-Diktatur, Nürnberger Gesetze, Erzähltheorie, Widerstand, Faschismus, Didaktik, Lyrik, Exilliteratur, Geschichte, Volksbildung, Rassismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit Bertolt Brechts Einstellung zum Antisemitismus anhand seiner Kalendergeschichte „Die Ballade von der Judenhure Marie Sanders“.
Welche Themenfelder sind zentral?
Im Zentrum stehen der Antisemitismus im NS-Staat, die erzähltheoretische Untersuchung der Balladenform sowie die politische Funktion von Brechts Literatur.
Was ist das primäre Ziel?
Das Ziel ist es, die Appell- und Erziehungsfunktion des Textes zu verdeutlichen und aufzuzeigen, wie Brecht Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime leistete.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt biographische Analysen, historische Kontextualisierung sowie eine erzähltheoretische Analyse des Textes nach Martinez/Scheffel.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der balladesken Form, die Untersuchung des historischen Kontextes (Nürnberger Gesetze) und die Erörterung von Brechts antisemismuskritischer Haltung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Bertolt Brecht, Antisemitismus, Kalendergeschichten, NS-Diktatur, Widerstand und Erzähltheorie.
Warum wählte Brecht ausgerechnet die Balladenform für diesen Stoff?
Brecht wählte die Balladenform, um den barbarischen Zustand der NS-Gesellschaft durch eine anachronistische, „primitiv“ erscheinende und volksnahe Struktur kritisch zu kontrastieren.
Welche Bedeutung hat der Refrain in der Ballade?
Der Refrain fungiert als regelmäßig wiederkehrendes Element, das die Härte der NS-Herrschaft sowie die Verarmung und politische Apathie des Volkes unterstreicht.
Wie unterscheidet sich Brechts Blick auf den Antisemitismus?
Brecht analysierte Antisemitismus vor allem als ökonomisch-politische Strategie des Regimes, um von den eigentlichen Klassendifferenzen in der Gesellschaft abzulenken.
- Quote paper
- Stephan Terrey (Author), 2005, Brechts Einstellung zum Antisemitismus erläutert am Beispiel der Kalendergeschichte 'Die Ballade von der Judenhure Marie Sanders', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55475