Witold Gombrowicz wurde 1904 als Sohn eines polnischen Landadeligen geboren und ist einer der bedeutendsten polnischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. 1939 landete Gombrowicz als Passagier der Jungfernfahrt eines Schiffes in Argentinien, wo er vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs überrascht wurde und blieb dort bis 1963 in Argentinien. Danach übersiedelte er nach Frankreich und starb dort 1969.
Gombrowicz gilt als Vertreter des polnischen Existentialismus und wurde vor allem durch seine grotesken und phantastischen Erzählungen bekannt. Er stellt oft die menschliche Objektivität in Frage. Zu seiner meist bekannten Werke gehört Ferdydurke, in dem „die einzige Wahrheit“ und die autoritative Gesellschaft hinterfragt werden und die Individualität stark gelobt. Der Autor beschäftigt sich in Ferdydurke hauptsächlich mit dem Thema der Wirklichkeitswahrnehmung und der Kondition des Menschen, der diese Wirklichkeit wahrnimmt. Der Autor zeigt das Bild eines Menschen (Józio), der verschiedene „Formen“ betritt, sie demaskiert und dann verlässt.
Meine Arbeit, die sich vor allem auf Witold Gombrowiczs Werk Ferdydurke bezieht, soll in Anlehnung an seine „Theorie der Form“ die von ihm bei der Konstruktion der Wirklichkeit(en) genutzten Strategien und seine Vorstellung von der Wirklichkeit veranschaulichen. Was ist die „Wirklichkeit“ an sich? Gibt es überhaupt eine objektive Wirklichkeit (eine axiomatische Wirklichkeit)? In welchem Verhältnis steht die in Gombrowiczs Werken darstellte Wirklichkeit zu der von uns ertastbaren Wirklichkeit? Wie sieht die Welt Gombrowiczs aus und welche Regeln beinhaltet sie? Hat er bewusst und konsequent ein Weltbild kreiert? Welche Mittel benutzte er dabei? Woraus besteht die Einzigartigkeit seiner Vorgehensweise? In welcher Beziehung steht der Hauptprotagonist in Ferdydurke zur vorhandenen Wirklichkeit? Welche Verständnisstufe erreicht er bei der Perzeption der Wirklichkeit und welche Strategien sind ihm dabei von Nutzen? Diese alle Fragen versuchte ich in dieser Arbeit zu beantworten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Die Zielbestimmung, die Literatur und Vorgehensweise
1.2. „Ferdydurke“
2. Wirklichkeitswahrnehmung
2.1. Mimesis
2.2. Eine relative Wirklichkeit
3. Problematik in „Ferdydurke“
3.1. Suche nach der Objektivität
3.2. Postulat des Relativismus
4. Form und das Außerformelle
4.1. Oppositionelles System
4.2. Was ist die „Form“? Wozu existiert die „Form“?
5. Verzichten auf die „Form“
5.1. Unreife als Freiheit
5.2. Unreife als Schweigen
5.3. Ständiges „Werden“
6. Literarische Mittel der Realisierung und Derealisierung in „Ferdydurke“
6.1. Farce und Symbolik
6.2. Teilverständnis und Sprache
6.3. Schwanken der „Form“
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand von Witold Gombrowiczs Werk „Ferdydurke“ die von ihm entwickelte „Theorie der Form“ und die damit verbundenen Strategien zur Konstruktion von Wirklichkeit. Die zentrale Forschungsfrage zielt darauf ab, zu ergründen, in welchem Verhältnis die im Werk dargestellte Wirklichkeit zur subjektiven Wahrnehmung steht und wie der Autor die Konzepte von Reife, Unreife und das „Werden“ als existenzielle Kategorien nutzt.
- Die „Theorie der Form“ bei Gombrowicz
- Wahrnehmung und Konstruktion von Wirklichkeit
- Die dialektische Spannung zwischen Individuum und gesellschaftlicher „Form“
- Unreife als Ausdruck von Freiheit und Authentizität
- Literarische Verfahren wie Groteske, Farce und Symbolik
- Die Rolle von Sprache bei der Derealisierung
Auszug aus dem Buch
6. Literarische Mittel der Realisierung und Derealisierung in „Ferdydurke“
Die Realisierung und Derealisierung (oder Verwirklichung und Entwirklichung) sind die zwei kreativen (hier literarischen) Prozesse, aufgrund derer man einen neuen Wirklichkeitsentwurf konstruieren kann. Auf dem ersten Blick scheint zwar das Wort „Derealisierung“ an sich destruktive Zügen zu beinhalten, man sollte es aber eher als Destabilisierung oder aber Multiplizierung einer Realität und ihrer Gegebenheiten verstehen. Es bedeutet kein Verschwinden von Wirklichkeit, sondern Kreation einer neuen Wirklichkeit.
Gombrowicz weiß zwar, dass man die Wirklichkeit kaum mit sprachlichen Mitteln nachahmen kann, möchte sich aber soweit wie nur möglich an sie in annähern. Deswegen postuliert er das Schreiben über sich selbst oder über bekannte Dinge: „(…) czyniłem bilans wejścia między dorosłych. Za dużo się milczy o osobistych, wewnętrznych skazach i spaczeniach tego wejścia, na zawsze brzemienngo w konsekwencje. Literaci, ci ludzie posiadający boski dar telentu na temat rzeczy najdalszych i najbardziej obojętnych, jak na przykład dramat duszy cesarza Karola II z powodu małżeństwa Brunhildy, wzdrygają się poruszyć sprawę najważniejszą swej przemiany w człowieka publicznego, społecznego. (...) żenują się wyświetlić, jakimi to osobistymi koncesjami, jaką klęską personalną okupili wypisywanie o Brunhildzie lub chociażby o życiu pszczelarzy. Zapewne, wypisawszy dwadzieścia książek o życiu pszczelarzy, można zrobić się posągiem - ale jakiż związek, gdzie łączność pszczelarskiego króla z jego prywatnym mężczyzna (...)”
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Leben und Wirken von Witold Gombrowicz sowie Darlegung der Zielsetzung und Vorgehensweise der Arbeit.
2. Wirklichkeitswahrnehmung: Theoretische Auseinandersetzung mit dem Mimesis-Begriff und der Relativität menschlicher Wirklichkeitswahrnehmung.
3. Problematik in „Ferdydurke“: Untersuchung der Suche nach Objektivität und des Postulats des Relativismus innerhalb des Romans.
4. Form und das Außerformelle: Analyse des oppositionellen Systems bei Gombrowicz und Definition des Begriffs „Form“ als gesellschaftliche Maske.
5. Verzichten auf die „Form“: Diskussion der „Unreife“ als Freiheit, Schweigen und ständiges Werden im Kontext der gesellschaftlichen Erwartungen.
6. Literarische Mittel der Realisierung und Derealisierung in „Ferdydurke“: Analyse der künstlerischen Verfahren wie Farce, Symbolik und Sprache, mit denen Gombrowicz Wirklichkeit konstruiert oder dekonstruiert.
7. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Wirklichkeitsauffassung bei Gombrowicz und der Bedeutung von Bewegung und Authentizität.
Schlüsselwörter
Witold Gombrowicz, Ferdydurke, Form, Unreife, Wirklichkeitswahrnehmung, Mimesis, Existentialismus, Relativismus, Groteske, Farce, Derealisierung, Authentizität, Sprachphilosophie, Individuum, Gesellschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Witold Gombrowiczs Werk „Ferdydurke“ im Hinblick auf seine „Theorie der Form“ und untersucht, wie Gombrowicz literarische Mittel einsetzt, um Wirklichkeit zu konstruieren und die menschliche Wahrnehmung zu hinterfragen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen das Spannungsfeld zwischen individuellem Ausdruck und gesellschaftlicher „Form“, die philosophische Problematik von Objektivität sowie die literarischen Strategien der Groteske und Derealisierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Gombrowiczs Vorstellung von der Wirklichkeit und seine spezifischen Strategien zur Konstruktion derselben in „Ferdydurke“ verständlich zu machen und die Bedeutung der „Theorie der Form“ zu ergründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Textanalyse des Primärwerkes „Ferdydurke“ und bezieht ergänzend philosophische sowie literaturkritische Ansätze ein, insbesondere von Jan Błoński, Jerzy Jarzębski und Leszek Nowak.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Wirklichkeitswahrnehmung, die Problematik der Objektivität, das Konzept der „Form“ versus das Außerformelle, den Verzicht auf die „Form“ durch Unreife sowie die Analyse literarischer Mittel zur Realisierung und Derealisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen neben Gombrowicz und „Ferdydurke“ insbesondere „Form“, „Unreife“, „Wirklichkeit“, „Mimesis“, „Groteske“ und „Derealisierung“.
Warum spielt der Begriff „Unreife“ eine so wichtige Rolle für das Verständnis von Ferdydurke?
Die „Unreife“ wird bei Gombrowicz nicht als Mangel, sondern als bewusster Verzicht auf die „Reife“ und damit als Ausdruck von Freiheit und Distanzierung gegenüber gesellschaftlichen Zwängen interpretiert.
Wie verändert Gombrowicz durch seine Sprache die Wahrnehmung der Welt?
Gombrowicz nutzt eine Sprache, die durch Wiederholungen und Neologismen eine „komische Mythologie“ erschafft, die bestehende gesellschaftliche Schemen demaskiert und die Realität als subjektiv und manipulierbar entlarvt.
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- Marta Kabacinska (Author), 2005, Das Bild einer kreierbaren Wirklichkeit in "Ferdydurke" von Gombrowicz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55542