Der Tschetschenienkonflikt - Vom 16. Jahrhundert bis zum Friedensabkommen von Chassawjurt


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

27 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

I. Pre-sowjetische Historie Tschetscheniens

1.1 Frühe Geschichte, Abstammung, Sozialstruktur

Die tschetschenische Frühgeschichte ist nur unzureichend zu datieren. Als Anhaltspunkt dient hier die Siedlung der Volksgruppe der Wainachen an den Wanderrouten großer turk- und iranischsprachiger Nomadenstämme im frühen Mittelalter. Diese Wurzeln teilen die Tschetschenen heute mit ihren Nachbarn, den Inguschen, weshalb sie sich in Genotyp, Kultur und Religion sehr nahe stehen.[1]

Auch die Sprachen beider Völker sind eng miteinander verwandt.[2]

In armenischen Quellen des 7. Jahrhunderts werden die Tschetschenen als "Nachtscha matjan" (die das Nachische Sprechenden) erwähnt. Das "Nochtschi-Volk" wird auch in alten persischen Quellen des 13. und 14. Jahrhunderts erwähnt. Auch die Tschetschenen nennen sich selbst Nochtscho oder Nachtschi, die Bezeichnung „Tschetschenen“ wurde – wahrscheinlich im 17. Jahrhundert – von den Russen geprägt.[3]

Prägend wurden für die Tschetschenen im Laufe ihrer Geschichte ihre Religionszugehörigkeit und ihre Sozialstruktur.

Die Wainachen, waren ursprünglich ein Naturgötter verehrendes Volk (Herdkult). Dies herrschte im Kaukasus im 3. bis 1. Jahrtausend vor unserer Zeit. In der Antike und im Mittelalter (8. bis 10. Jahrhundert) wurden die unter der Herrschaft georgischer Könige lebenden Tschetschenen sowie das gesamte nordkaukasische Gebiet christianisiert. Von der christlichen Vergangenheit der Tschetschenen zeugen nicht nur Legenden und Sagen, sondern auch von Archäologen entdeckte zahlreiche Denkmäler der altertümlichen und mittelalterlichen materiellen Kultur.

Die Periode der Christianisierung war jedoch, historisch gesehen, recht kurz. Im 13. bis 15. Jahrhundert drang der Islam aktiv in die tschetschenischen Stämme und Gemeinden ein. Die meisten Tschetschenen waren schon im 15. und 16. Jahrhundert sunnitische Moslems. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich in Tschetschenien ein vom Sufismus beeinflusster Islam. Für den Sufismus ist eine Kombination von idealistischer Metaphysik mit asketischen Praktiken und religiöser Toleranz charakteristisch.[4]

Während der Sowjetzeit war weiterhin zwischen einem staatlich kontrollierten Islam, welcher durch Muftis, die eher eine politische Funktion hatten und unter staatlicher Kontrolle standen, ausgeübt wurde; und einem Volksislam, welcher, im Gegensatz zum Staatsislam, bei den nordkaukasischen Bergvölkern sehr verbreitet war, zu unterscheiden.[5] Es bedeutete eine Integration des vorislamischen Gewohnheitsrechts, der Adat, und des islamischen Rechts, der Sharia, zu einem gemäßigten Islam[6], wobei der Adat stets eine höhere Bedeutung beigemessen wurde und auch heute wird. Als Abgrenzungsbewegung zur russischen Bevölkerung erhielt der Islam mit dem Vordringen der Russen noch stärkeren Zulauf.[7]

Die Tschetschenen sind in den Clans, auf tschetschenisch Tejps genannt, welche die einzelnen Dörfer, „Auls“ bewohnen, vereint. Im Vergleich zu anderen kaukasischen Völkern hatten die Wainachen ihre Stamm- und Sippendemokratie lange behalten können. Diese hat sich bis heute sowohl bei den Tschetschenen als auch bei den Inguschen in gewissem Grade in Institute der Gentilordnung und Gemeindeformen der Verwaltung erhalten.[8]

Die sozialen Klassenunterschiede waren in der tschetschenischen Gesellschaft im Verlaufe vieler Jahrhunderte schwach ausgebildet, deshalb setzte sich die Gemeinde überwiegend aus Nachbarn, aus Familien sowohl tschetschenischer als auch anderer ethnischer Abstammung zusammen. Diese Form der Gemeinde herrschte vor. Sie vereinigte die Bewohner einer größeren oder mehrerer kleiner Ortschaften. Das Leben der Gemeinde wurde von jeher von der Versammlung der Vertreter einer Sippe geregelt. Diese allgemeine Gemeindeversammlung legte die Regeln der Nutzung der landwirtschaftlichen Flächen der Gemeinde, die Zeit des Pflügens und der Heumahd fest und vermittelte bei der Schlichtung von Streitigkeiten.

Mehrere Gentilgemeinden, die durch die gemeinsame Abstammung miteinander verbunden sind, bilden eine Gentilorganisation, die Tejp (Sippen- oder Stammesverband) genannt wird. Jeder Tejp lebt auf seinem historischen Territorium, das die Ländereien der Gemeinde darstellt. Neben der Clanzugehörigkeit waren noch die Zugehörigkeit zum Islam, die Bekenntnis zu einem sufistischen Orden und, seit der Migration in tiefer gelegene Gebiete, der Wohnsitz im Bergland oder in der Ebene Identifikationspunkte der tschetschenischen Gesellschaft.[9]

Die Familien-, Sippen- oder Gemeinschaftsinteressen hatten solche der Nation in der Regel immer überwogen. Traditionsgemäß wurden zum Beispiel militärische Anführer von den Volksversammlungen nur auf Zeit der Kriegshandlungen gewählt. Alle in der Gesellschaft entstehenden Konflikte wurden im Rahmen der Stammverbindungen auf Grund des Gewohnheits- (Adat) sowie später auch des Islamrechts (Sharia) geregelt. Blutrache war bis Ende des 20. Jahrhunderts noch weit verbreitet.[10] Eine große Rolle in der Kultur der Tschetschenen spielten Kampfesehre und Beute. Harte Arbeit galt nach tschetschenischem Kodex als unwürdige Beschäftigung für die Schwachen, das Ansehen eines Mannes maß sich in seinen kriegerischen Fähigkeiten. Erstmals wurden diese im 12. Jahrhundert gegen ausländische Invasoren gefordert, als die mongolische Horde unter Dschingis Khan sich des Nordkaukasus zu bemächtigen versuchte. Die Bewohner der nordöstlichen Region, welche heute etwa 15 700 Quadratkilometer misst, konnten ihre Unabhängigkeit gegen die einfallenden Hunnen sowohl unter Dschinges Khan als auch seinem Enkel Batu Khan im 13. Jahrhundert verteidigen.[11]

1.2 Erste Berührungen mit Russland

Der erste russische Herrscher, der Vorstöße in diese Region unternahm, war Zar Iwan IV. (der Schreckliche), nachdem er die tatarischen Khanate von Kasan und Astrachan (1555-1556) unterworfen hatte. Russische Kundschafter begegneten 1587 erstmals einer wainachischen Siedlung[12]. Daraufhin entsandten die Wainachen 1588 eine Delegation nach Moskau[13]. Im Zuge dieser ersten Berührungen mit dem russischen Reich entstanden an den Flüssen Terek und Kuban Kosakensiedlungen. Fünfzig Jahre danach unternahm Zar Boris Godunow ebenfalls einige Vorstöße in

das Vorland des Kaukasus[14],

Zwar versuchte Zar Peter I. 1722 und 1723 zwei Feldzüge an der Westküste des Kaspischen Meeres, scheiterte jedoch schon an dem Versuch, das nordöstliche Vorland des Kaukasus unter seine Kontrolle zu bringen.

Eine Unterwerfung dieser Region beabsichtigte erst wieder 1782 Katharina II. (die Große), welche diese Aufgabe im Zuge ihrer Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich Graf Platon Subow übertrug. Nach anfänglichen Erfolgen trafen die Russischen Truppen auf organisierten Widerstand der Bergvölker, koordiniert und befehligt durch den Tschetschenen Scheich Mansur Uschurma. 1785 mussten die Russen dann ihre erste große Niederlage an der Sunsha einstecken. Durch die drohende Konkurrenz angestachelt (Das osmanische Reich trachtete ebenfalls nach der Unterwerfung der Region) setzen die zaristischen Truppen ihre Invasion trotzdem fort. Scheich Mansur wurde 1791 bei Tatar Tub gefangen genommen und starb zwei Jahre später in Gefangenschaft.[15]

Scheich Mansur sah den Kampf gegen die Ungläubigen als seine religiöse Pflicht und die Vereinigung der nordkaukasischen Bergvölker gegen das russische Reich als seinen Lebensinhalt an. Durch politische Notwendigkeit und religiös-ideologische Untermauerung (indem der den Widerstand als Ghazawat, der militärischen Definition des Dschihads proklamierte) schaffte er eine bis dato undenkbare Einigkeit zwischen den Völkern Nordkaukasiens.[16] Obwohl sich diese Widerstandsgründe durch die gesamte Geschichte dieser Völker und der Tschetschenen insbesondere zieht, darf daraus nicht der Schluss gezogen werden, es handele sich um religiös motivierte Kriege. Ihre politische Motivation erwuchs und erwächst bis heute aus der als bedrohlich empfundenen Expansion Russlands, dass der Widerstand sich religiös artikuliert ist eine Folge der gesellschaftlichen Verhältnisse.[17]

1.3 Imam Schamil

Imam Schamil (1791-1871) betrachtete Scheich Mansur als seinen Lehrer. Er wurde der nordkaukasische Führer des nächsten Waffengangs gegen das Zarenreich.[18] Dieses hatte 1813 in Südkaukasien eine starke Stellung errungen und die gesamte Region dem Russischen Reich einverleibt. Der Nordkaukasus existierte als Hinterland des Reiches, gesichert durch eine befestigte Linie am Fluss Terek. Bis 1816 war Russland durch die Folgen der französischen Revolution und des napoleonischen Einmarsches zu beschäftigt, um sich dem Nordkaukasus zuzuwenden.[19] 1816 ernannte der Zar General Alexej Jermolow zum kaukasischen Statthalter. Dieser betrieb eine Kolonialisierungspolitik sowohl südlich des Terek als auch im Gebiet der 1784 gegründeten Stadt Wladikawkas („Beherrsche den Kaukasus“) und forcierte eine Etablierung russischer Siedler und Kosaken.[20] Die 1818 gegründete Stadt Grosnaja („Drohende Stadt“, heute Grosny) war Stützpunkt der russischen Truppen, welche die Kolonisierung der Gebiete südlich und nördlich des Tereks sichern sollten. Hier hatten sich jedoch schon seit 300 Jahren nach und nach tschetschenische Clans niedergelassen, welche sehr bald in Konflikt mit den russischen Siedlern kamen, welche den Wert der fruchtbaren Region als zukünftige Kornkammer sahen.[21] Maßnahmen der Armee beantworteten die Tschetschenen mit Unterstützung der übrigen Bergvölker durch Gegenwehr und Aufständen. So begann 1818 ein Krieg, der, mit einigen Unterbrechungen, vierzig Jahre dauerte.[22]

Auf Seite der Bergvölker leitete zunächst Ghazi Mohammed, ein geistiger Prediger, ab 1827 den Widerstand, wobei er mit offenen Angriffen erstmals über die bisherige Verhaltensweise der Tschetschenen und Inguschen, nur zur Verteidigung zu kämpfen, hinausging.[23] Er trat für einen „gereinigten Islam, also für eine Abschaffung des Adats, des Gewohnheitsrecht und eine totale Gültigkeit des islamischen Rechts, der Sharia ein. Er fiel 1832.[24] Ihm folgte Schamil, ein Aware, der es verstand, ähnlich wie Mansur, die nordkaukasischen Völker unter religiöser Motivierung zu vereinen. 1834 wurde Schamil zum Imam ausgerufen. Unter ihm begannen zunächst die Tschetschenen einen organisierten Partisanenkrieg, welcher von türkischer und britischer Seite unterstützt wurde und insbesondere durch die Gebirgsverbundenheit der Tschetschenen, die dieses Gelände zu ihrem Vorteil ausnutzten, sehr erfolgreich war.[25] 1840 ging dieser in einen allgemeinen tschetschenischen und dagestanischen Volksaufstand über.[26] Die Tschetschenen veranlasste dies erstmals1840, ihren eigenen Staat zu gründen, das theokratische, auf der Gottesordnung beruhende Schamil-Imamat auf dem Territorium Tschetscheniens, Inguschetiens und Dagestans. Die Ausrufung dieses Staates auf dem von ihnen beanspruchten Territorium veranlasste die Russen, nach Beendigung des Krimkrieges, ihre militärischen Anstrengungen im Kaukasus zu intensivieren, was 1859 in der Niederlage der tschetschenischen Gebirgskrieger mündete. Schamil geriet in Gefangenschaft und Tschetschenien wurde 1861 endgültig durch das zaristische Russland annektiert. Anschließend wurden die Tschetschenen aus den fruchtbaren Gebieten des Nordkaukasus vertrieben. Dort siedelten stattdessen Kosaken, Soldaten und Bauern.[27]

1.4 Unter zaristischer Herrschaft

Nach der Annexion versuchte Russland mit einer Mischung aus Kolonialisierung, Kollaboration der lokalen Adelsfamilien und Zwangsmaßnahmen ihre neuen Gebiete zu „befrieden“.[28] Die Tschetschenen wurden alle aus den Bergen in die Ebene des Terek umgesiedelt. Die rebellischsten Clans wurden gezwungen auszuwandern; dies betraf rund ein fünftel der Tschetschenen.[29]

Trotz dieser Ausdünnung und dem Zustrom russischer Siedler in das Gebiet erhoben sich die Tschetschenen 1877 wiederum, unter Ali-Bek Hadschi und Umo Sumsojewskij. Sie wurden jedoch schon 1878 niedergeschlagen.

Der Bau der Eisenbahn parallel zum Kaukasus und die Entdeckung von Ölfeldern bei Grosny beschleunigten die Zuwanderung russischer Siedler.[30]

[...]


[1] Politkowskaja, S. 314

[2] Halbach, S. 13

[3] Grobe- Hagel, S.32

[4] Ebenda, S. 40,41

[5] Halbach, S. 14,15

[6] Ebenda, S. 14

[7] Grobe-Hagel, S. 37

[8] Ebenda, S. 34

[9] Ebenda, S. 36

[10] Ebenda, S. 34

[11] Politkowskaja, S. 314

[12] Grobe- Hagel, S. 52

[13] Politkowskaja, S. 315

[14] Grobe- Hagel, S. 52

[15] Ebenda, S. 53

[16] IzpBspez., S. 5

[17] Grobe- Hagel, S. 54

[18] Politkowskaja, S. 317

[19] Grobe- Hagel, S. 55

[20] Politkowskaja, S. 317

[21] Grobe- Hagel, S. 56

[22] Politkowskaja, S. 317

[23] Grobe- Hagel, S. 56

[24] Ebenda, S. 56

[25] Politkowskaja, S. 318

[26] IzpBspez., S. 5

[27] Grobe- Hagel, S. 57,59

[28] IzpBspez., S. 5

[29] Grobe- Hagel, S. 57

[30] Ebenda, S. 59

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Der Tschetschenienkonflikt - Vom 16. Jahrhundert bis zum Friedensabkommen von Chassawjurt
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,5
Autor
Jahr
2004
Seiten
27
Katalognummer
V55563
ISBN (eBook)
9783638504768
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tschetschenienkonflikt, Jahrhundert, Friedensabkommen, Chassawjurt
Arbeit zitieren
Kristof Trier (Autor), 2004, Der Tschetschenienkonflikt - Vom 16. Jahrhundert bis zum Friedensabkommen von Chassawjurt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55563

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