Die Emanzipation der bürgerlichen Frau in Arthur Schnitzlers 'Reigen'


Seminararbeit, 2006

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Rolle der bürgerlichen Frau in der Gesellschaft des Fin de siécle

3. Die Darstellung der jungen Ehefrau im ‚Reigen’
3.1 Der Einfluss der Ehe auf die gesellschaftliche Stellung der bürgerlichen Frau
3.2 Sexualität in der Ehe: Die Ehefrau als Mutter und Heilige
3.3 Die Möglichkeiten der Emanzipation

4. Fazit

1. Einleitung

Der österreichische Mediziner Arthur Schnitzler (1862-1931) war einer der bedeutendsten Dramatiker seiner Zeit. In seiner schriftstellerischen Tätigkeit zeigt sich die Fähigkeit den Lesern seiner Werke ein präzises und substanzielles Bild der Gesellschaft Wiens, insbesondere das des liberalen Bürgertums im Fin de siècle zu vermitteln. Ihm gelingt es in einer Weise, wie keinem anderen Autor seiner Zeit, Studien vorzulegen, die alle essentiellen Probleme dieser Gruppen mit akribischer Anschaulichkeit aufzudecken. Und so deren Lügen und oberflächlich erhaltene Moral ad absurdum zu führen. Dies beschränkt sich jedoch nicht nur auf das liberale Bürgertum der K. und k.-Gesellschaft der Donaumonarchie, in das er selbst als Sohn eines jüdischen Arztes hineingeboren wurde, sondern gewährt auch einen Blick auf alle anderen Gesellschaftsschichten. Eine besondere Rolle seines Schaffens nimmt dabei die Darstellung der Frauen, von der bürgerlichen Frau über das süße Mädel bis hin zur Dirne ein. Ihnen allen ist die Weigerung gemein „die Weltsicht des Mannes prinzipiell für sich zu akzeptieren“.[1]

Im ‚Reigen’, einem zehn Dialoge umfassenden Zyklus von 1896/97, treffen Personen aller Schichten nur zum Zweck des sexuellen Aktes aufeinander. Dabei werden Typen bestimmter und für ihre Rolle in der Gesellschaft charakteristische Figuren in zufälligen und austauschbaren Konstellationen gegenübergestellt. Diese Konstruktion des freien Partnertausches nutzt Schnitzler dazu, „das Bild einer zugleich starr gegliederten uns atomisierten Gesellschaft [zu entwerfen], in der das Zusammentreffen zweier Menschen so zufällig wie folgenlos ist“.[2] Trotz der Beliebigkeit brechen die Ständenormen nicht völlig auf, da sich die Männer um 1900 immer nur mit rangniedereren Frauen einließen, um sich ihrer Männlichkeit zu versichern. Dabei betrieben sie eine Art ‚Beutezug’. Schnitzler macht in seinem Werk besonders deutlich, dass die unterschiedlichen Moralvorstellungen eng mit dem jeweiligen gesellschaftlichen Stand verknüpft waren. So wird im ganzen ‚Reigen’ die Moral nur in den Szenen, in denen das Ehepaar auftritt, angesprochen.[3] Eine besondere Schlüsselrolle hierbei nimmt der Dialog im ehelichen Bett ein, der im Gesamtzyklus mittig steht. In dieser Szene verdeutlicht sich insbesondere die Stellung der jungen Ehefrau innerhalb des Bürgertums.

Durch die durchgängige Verwendung bestimmter Motive schafft es Schnitzler die Oberflächlichkeit der eingegangenen sexuellen Beziehungen hervorzuheben. Erna Neuse spricht im Hinblick darauf von insgesamt zehn Motiven.[4] Ihnen allen ist gemein, dass sie den Rahmen für den angestrebten sexuellen Akt bilden und das Verhalten der Personen untereinander bestimmen. Durch das repetierende Muster der Motive wird die fehlende Individualität der Beziehungen untereinander erkennbar und deren Doppelmoral überführt. Dabei sind die Verhaltensmuster gesellschaftsschichtenübergreifend, da jeder die Motive zum eigenen Zweck nutzt. Auch die bürgerliche junge Frau bildet dabei keine Ausnahme. Allerdings beschränkt sich ihr Vorgehen auf die Affäre mit dem jungen Mann in der vierten Szene. Im ehelichen Bett bleibt ihre Verwendung zum Verführungszweck aus.

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll die Rolle der bürgerlichen Frau anhand der jungen Gattin im ‚Reigen’ näher untersucht werden. Insbesondere der Einfluss der Ehe auf ihre gesellschaftliche Stellung und die Folgen der Verherrlichung zur Mutter und Heiligen. Des weiteren wird ein Hauptaugenmerk der Betrachtung auf den Möglichkeiten der Emanzipation innerhalb des Bürgertums liegen. In welchem Maße die junge Frau sich dabei von den Rollenmustern und Zwängen ihres Lebens befreien kann und ob dabei der Begriff ‚Emanzipation’ zutrifft wird erarbeitet.

2. Die Rolle der bürgerlichen Frau in der Gesellschaft des Fin de siècle

Anhand seiner Frauengestalten gelingt es Arthur Schnitzler, die Doppelmoral der bürgerlichen Gesellschaft um 1900 zu beleuchten. Dies geschieht vor allem dadurch, dass er die Ambivalenz des Daseins seiner Protagonistinnen um die Jahrhundertwende hervorhebt. Sie lebten zum einen in der aufkommenden Moderne mit den Errungenschaften der Industrialisierung und einem neuaufkommenden Bedürfnis nach Bildung. Zum anderen jedoch blieben sie in einer Moralvorstellung alter Tradition verhaftet, in der die Meinung vertreten wurde, Arbeit sei mit dem Status einer Dame nicht vereinbar.[5] Frauen blieb folglich das Recht auf finanzielle Unabhängigkeit durch die Ausübung eines Berufes verwehrt. Weder die Hausarbeit, die als natürliche Liebe, Pflicht oder Neigung charakterisiert war, noch ihr kulturelles Engagement wurden als Arbeit angesehen.[6] Männer hingegen führten ein arbeitsreiches Leben, außerhalb des Hauses und verfolgten uneingeschränkt ihre Interessen. Gerade im Hinblick auf ‚Freizeit’ zeigt sich die Zweischneidigkeit zwischen den Geschlechtern: Männer unterschieden klar zwischen Arbeit und freier Zeit, für Frauen konnte diese Trennung nicht getroffen werden „Während sich bürgerliche Männer in der auf Konkurrenz und vollem persönlichen Einsatz beruhenden Geschäfts- und Berufswelt verausgabten, verliehen bürgerliche Frauen ihrer Klasse den äußeren Glanz des Nichtstuns.“[7] Es galt eine strikte Geschlechterordnung aufrechtzuerhalten, die die Frau auf die Funktion der liebenden Ehegattin und fürsorglichen Mutter festlegte. Eigene persönliche Entfaltung war dabei kaum möglich. Auch die rechtliche Form der Ehe übte einen großen Zwang auf die Persönlichkeitsentfaltung der Frauen aus, da ihr durch fehlende Mündigkeit und Rechtsautonomie der Zugang zu den öffentlichen Gebieten des Lebens versperrt blieb.[8] Eine Frau war somit gesellschaftlich und in allen Breichen ihres Lebens durch ihren Ehemann determiniert.

Auch die durch die Gesellschaft vertretene Sexualmoral verstärkte diesen Zwiespalt zusätzlich, da man zwischen einer männlichen und weiblichen Variante unterscheiden konnte.[9] Während dem Gatten auch nach erfolgter Eheschließung außereheliche Amouren zugestanden wurden, blieb dies den Frauen verwehrt.[10] Bei Zuwiderhandlung gegen diese Norm lief die Frau Gefahr ihren persönlichen, gesellschaftlichen und sozialen Status zu verlieren. Auch das Bild des ‚idealen Ehemannes’ hatte sich im Zuge der Moderne für die bürgerliche Frau gewandelt. Denn „nicht mehr länger der altväterliche Patriarch, der beruflich erfolgreich [war] und sich im häuslichen Kreise umsorgen [ließ], sondern der modern denkende Lebenspartner, der vor allem gute Qualitäten als Liebhaber mitbringen [musste]“[11] wird zum Inbild des angestrebten Gatten. Dieser Anspruch zeigt deutlich die Widersprüche zwischen den angestrebten und überkommenden Lebensformen. Daraus folgte, dass „Der erste massive gesellschaftliche Protest gegen das bürgerliche Frauen-Ideal [...] von Frauen des Bürgertums selbst geäußert“[12] wurde. Trotz der äußeren Aufrechterhaltung, zerfielen die alten Werte der bürgerlichen Gesellschaft, wie die Familie oder die festgesetzten Geschlechterrollen, was letztendlich zum Zusammenbruch des Fundamentes des liberalen Bürgertums führte.

In Schnitzlers Werk wird dieser langsame und doch stetige Niedergang einer Gesellschaftsschicht deutlich beschrieben. Auf verschiedene Art und Weise stellt er den Widerspruch des ehelichen Miteinanders dar und zeigt darüber hinaus bürgerliche Frauen, die sich mit ihrer Rolle nicht abfinden, sondern dagegen rebellieren, in dem sie, trotz der Gefahr des sozialen Falles, eigene Affären eingehen. Im ‚Reigen’ geht Arthur Schnitzler sogar so weit, die junge Frau mit ihrem Ehebruch in der vierten Szene dem Gatten zuvorkommen und sie die außereheliche Beziehung auch noch sichtlich genießen zu lassen.[13] Dessen Liebesabenteuer wäre nach der bürgerlichen Moral jedoch eher zu tolerieren. Im Hinblick auf die gesamte Wiener Gesellschaft zeigt sich, dass die Unterschiede des gesellschaftlichen Standes eng mit den verschiedenen Moralvorstellungen verknüpft waren, was die bürgerliche Frau deutlich von ihren Geschlechtsgenossinnen anderer sozialer Klassen abgrenzte. Gemäß dieser Wertmaßstäbe unterscheidet Herrad Schenk zwei verschiedene Frauentypen: „’anständige’ Frauen (Mütter, Schwestern, Ehefrauen) und ’verdorbene’ Frauen (Mätressen, Frauen der Demimode, Prostituierte), mit denen man Spaß im Bett haben, die man aber keinesfalls heiraten konnte“.[14] Eine Affäre brachte somit für die Frauen des Bürgertums die Gradwanderung zwischen ‚Tugend’ und ‚Laster’ mit sich. „Beide Frauentypen in einer Person zu vereinen, ist nach bürgerlichem Ermessen unmöglich“[15] Nur als Künstlerin konnten die Damen sich über die Grenzen der Moral hinwegsetzen, was auch die einzige Möglichkeit war einer beruflichen Tätigkeit nachzukommen und finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen. Diese Rolle wird im ‚Reigen’ durch die Schauspielerin vertreten. Als erfolgreiche und angesehene Person, kann sie sich die Freiheit der ständig wechselnden Beziehungen und Liebesabenteuer erlauben, ohne der ständig drohenden Gefahr des sozialen Absturzes ausgeliefert zu sein.

[...]


[1] Andreas Wi>

[2] Hartmut Scheible: Arthur Schnitzler. Hg. v. Wolfgang Müller und Uwe Naumann. 13. Auflage Hamburg:

Rowohlt, 1976 (Rowohlts Monographien; 50235). S. 65.

[3] Vgl. Rolf-Peter Janz: Reigen. In: Rolf-Peter Janz und Klaus Laermann: Arthur Schnitzler: Zur Diagnose des

Wiener Bürgertums im Fin de siècle. Stuttgart: Metzler, 1977. S. 58.

[4] Erna Neuse: Die Funktion von Motiven und stereotypen Wendungen in Schnitzlers Reigen. In: Arthur

Schnitzler. Reigen. Erläuterungen und Dokumente. Hg. v. Thomas Koebner. Stuttgart: Reclam, 1997

(Universal-Bibliothek; 16006). S. 91 ff.

[5] Vgl. Marion Kaplan: Freizeit – Arbeit. Geschlechterräume im deutsch-jüdischen Bürgertum 1870-1914.

In: Bürgerinnen und Bürger. Geschlechterverhältnisse im 19. Jahrhundert. Hg. v. Ute Frevert. Göttingen:

Vandenhoeck u. Ruprecht, 1988 (Kritische Studien zur Geisteswissenschaft; 77). S. 158.

[6] Vgl. ebd., S.157

[7] Marion Kaplan: Freizeit – Arbeit. Geschlechterräume im deutsch-jüdischen Bürgertum 1870-1914. In:

Bürgerinnen und Bürger. Geschlechterverhältnisse im 19. Jahrhundert. Hg. v. Ute Frevert. Göttingen:

Vandenhoeck u. Ruprecht, 1988 (Kritische Studien zur Geisteswissenschaft; 77). S.158.

[8] Vgl. Dirk Blasius: Bürgerliche Rechtsgleichheit und die Ungleichheit der Geschlechter. Das Scheidungsrecht

im historischen Vergleich. In: Bürgerinnen und Bürger. Geschlechterverhältnisse im 19. Jahrhundert. Hg. v.

Ute Frevert. Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht, 1988 (Kritische Studien zur Geisteswissenschaft; 77). S. 68.

[9] Vgl. Andreas Wi>

[10] Vgl. ebd., S.64

[11] ebd., S. 67

[12] Brockhaus – Die Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden. Siebenter Band. 19. völlig neubearb. Aufl..

Mannheim: Brockhaus, 1988. S. 600.

[13] Vgl. Rolf-Peter Janz: Reigen. In: Rolf-Peter Janz und Klaus Laermann: Arthur Schnitzler: Zur Diagnose des

Wiener Bürgertums im Fin de siècle. Stuttgart: Metzler, 1977. S. 60.

[14] Herrad Schenk: Freie Liebe – wilde Ehe. Über die allmähliche Auflösung der Ehe durch die Liebe. München:

Beck, 1987. S. 92.

[15] Andreas Wicke: Jenseits der Lust. Zum Problem der Ehe in der Literatur der Wiener Moderne. Siegen:

Böschen, 2000 (Kasseler Studien – Literatur, Kultur, Medien; 5). S. 64.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Emanzipation der bürgerlichen Frau in Arthur Schnitzlers 'Reigen'
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Thematisches Proseminar 'Arthur Schnitzler'
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V55566
ISBN (eBook)
9783638504775
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emanzipation, Frau, Arthur, Schnitzlers, Reigen, Thematisches, Proseminar, Schnitzler
Arbeit zitieren
Katerina Wolf (Autor), 2006, Die Emanzipation der bürgerlichen Frau in Arthur Schnitzlers 'Reigen', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55566

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