Beschreibungen der modernen Gesellschaft in Musils "Der Mann ohne Eigenschaften"


Magisterarbeit, 1999

101 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Systemtheorie der Gesellschaft
2.1 Kosmos oder Phrase – der Romananfang und die Begriffe Selektion, Komplexitätsreduktion und Kontingenz
2.1 Die Differenz von System und Umwelt und der Wirklichkeitsbegriff der Systemtheorie
2.3 Soziale Systeme als sinnverarbeitende Kommunikationssysteme
2.4 Gesellschaftliche Evolution als Prozeß der Verselbständigung der Kommunikation und Umstellung der Differenzierungsform
2.5 Der Verlust der gesellschaftlichen Einheit
2.6 Polykontexturale Gesellschaft und Veränderung der Semantik
2.7 Individuum und moderne Gesellschaft
2.8 Unfall oder Fall – polykontexturale Realitätskonstruktion und die ‚wilde’ Kontingenz des Gefühls am Ende des ersten Kapitels des Romans

3. Gesellschaftsbeschreibung im Romankontext
3.1 Der Roman im Spiegel der Wirkungsabsichten Robert Musils
3.1.1 Das „geistig Typische“ und der „unmaßgebliche Mensch“
3.1.2 „Bildungsroman einer Idee“ – das nicht ratioide Gebiet als utopischer Gegenpol der Beschreibungen der modernen Gesellschaft im Roman
3.2 Die multiperspektivische Erzählweise als Ausdruck der Problematik der modernen Existenz
3.3 Hintergrund und Vordergrund – Orte der Gesellschaftsbeschreibung im Romangefüge

4. Komplexität, funktionale Differenzierung, Evolution, Kontingenz – Brüchige Semantik als diffuser Hintergrund des Romans
4.1 Der „diffuse Hintergrund“ des Romans
4.2 Die Auflösung der einheitlichen Semantik
4.2.1 Vervielfältigung des Wissens und Ordnungsverlust
4.2.2 Funktionale Differenzierung und Pluralismus
4.2.3 Zusammenfassung
4.3 Wien und Kakanien als Paradigma der Gesellschaftsbeschreibung im Roman
4.3.1 Wien und Kakanien als Beschreibung einer Bewusstseinslage
4.3.2 „Wien“ – unbestimmbare Komplexität
4.3.3 „Kakanien“
4.3.3.1 Die Bedeutung der Stadtbeschreibungen im „Kakanien“-Kapitel
4.3.3.2 Die „überamerikanische Stadt“als Bild einer funktionalen Totalordnung
4.3.3.3 Der „Zug der Zeit“ als Bild gesellschaftlicher Evolution
4.3.3.4 „Kakanien“ zwischen Schein der Ordnung und Strukturwiderspruch
4.3.3.5 Die „Steinbaukastenstadt“ – Kontingenz und Entfremdung als Signum Kakaniens
4.3.3.6 Zusammenfassung

5. Der Diskurs der Uneigentlichkeit im MoE als Ausdruck der Verselbständigung des Sozialen
5.1 Der Mann ohne Eigenschaften
5.1.1 Ontologisierung der Gesellschaftskritik als Stoßrichtung im Denken Ulrichs
5.1.2 Der Möglichkeitssinn
5.1.3 Eigenschaftslosigkeit
5.1.4 Die Figurenkonstellation als Ausdruck der funktionalen Differenzierung
5.2 Die Welt von Eigenschaften ohne Mann
5.2.1 Kon- und Divergenz der theoretischen und literarischen Gesellschafts- beschreibung
5.2.2 Konventionsdruck, Erlebnisvielfalt, mediale Aushöhlung des Erlebnisvermögens und das „Prinzip des unzureichenden Grundes“
5.2.3 Mode als Mechnismus leerlaufender Zeichenproduktion.
Die Auflöung der Ganzheitsvorstellung
5.1.4 Die Entstehung der Welt von Eigenschaften ohne Mann

6. Die Parallelaktion – Sinnsuche und Produktion von Unordnung

7. Schluß

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wir haben den laufenden Tag eingeholt. Das Leben, das uns umfängt, ist ohne Ordnungsbegriffe. Die Tatsachen der Vergangenheit, die Tatsachen der Einzelwissenschaften, die Tatsachen des Lebens überdecken uns ungeordnet.“(8, 1087)

Robert Musil reagiert mit seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“[1] auf die veränderte Situation des Menschen in der modernen Lebenswelt. Durch die stetig wachsende Effektivität der Wissenschaft und der Technik ist die Wirklichkeit, die den Menschen umgibt, einem immer schnelleren Veränderungsprozeß ausgesetzt. „Urträume der Menschheit werden verwirklicht“ (8, 1088) und dabei die alten Ordnungsvorstellungen in ihrem Fundament erschüttert. Die Menschheit wird immer mehr zum Produzenten ihrer Lebenswelt. Die Begriffe, die sie von sich bildet, reflektieren nicht mehr natürliche Gegebenheiten, sondern müssen sich dem beschleunigten Wandel der Verhältnisse, den sie selbst erzeugt, anpassen. Mit der schnell wachsenden Größe dieser Aufgabe wächst auch das Interesse an der Frage, wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte, der der Mensch in der Moderne anscheinend nur noch staunend gegenüberstehen kann. Seine Unwissenheit zeigt sich in Ahnungen des Unheimlichen.

„Genauso ist es, wie wenn die alte untüchtige Menschheit auf einem Ameisenhaufen eingeschlafen wäre, und als die neue erwachte, waren ihr die Ameisen ins Blut gekrochen, und sie muß seither die gewaltigsten Bewegungen ausführen, ohne dieses lausige Gefühl von tierischer Arbeitssamkeit abschütteln zu können.“(39)

Der „laufende Tag“ ist eingeholt und die Frage des Menschen offen.

Musil hat die Frage des Menschen als Frage „des rechten Lebens“ (255) ins Zentrum seines Romans gestellt. Seine Hauptfigur, der Mann ohne Eigenschaften, versucht in seinen utopischen Reflexionen zu einem neuen Wirklichkeitsverständnis zu kommen, das dem Menschen die Übereinstimmung mit der modernen Lebenswirklichkeit ermöglichen soll. Für den Mann ohne Eigenschaften hat sich das menschliche Erleben in gegensätzliche Sphären zerlegt. Genauigkeit und Seele oder Mathematik und Mystik bilden für ihn Gegensatzpaare, mit denen sich diese Zweiteilung des Erlebens begrifflich fassen läßt. Die Utopien des Mann ohne Eigenschaften zielen darauf, diese unterschiedlichen Sphären in einer neuen Form des Erlebens zu vereinen, um den Menschen auf diese Weise mit seiner Gegenwart zu versöhnen. Musil versteht das Problem der individuellen Existenz in der modernen Lebenswelt als ein neues Problem, das die Suche nach neuen Lösungen notwendig macht. Für ihn stellt sich die moderne Lebenssituation nicht als ein Verfall dar, sondern als „ein noch nicht vollzogener Übergang“ (8, 1367). Nicht der Verlust der alten Ordnung ist das Problem der Menschheit, sondern ihre Trägheit, sich den neuen Lebensumständen mit neuen Ideen des Menschseins anzupassen. Der Roman formuliert in dieser Hinsicht ein wirkungsvolles „noch nicht“, das mit der Offenheit des Romanschlusses an den heutigen Leser weitergegeben wird[2].

Die vorliegende Arbeit über die Beschreibungen der modernen Gesellschaft im MoE versucht den Roman besonders im Hinblick auf die aktuelle Relevanz der in ihm dargestellten Probleme zu analysieren. Unter Zuhilfenahme aktueller soziologischer Theorie soll die phänomenologische Beschreibung der modernen Lebensverhältnisse, die Musil im MoE entwickelt, mit einem gegenwärtigen Begriff der modernen Gesellschaft konfrontiert werden. In der neueren Musil-Forschung wird verstärkt darauf aufmerksam gemacht, daß Musil in seinem Roman die klare Trennung von Subjekt und Objekt aufgibt und sich die dargestellte gesellschaftliche Realität vielmehr in verschiedene Kontexte der Bedeutungsproduktion zerlegt, sich so nicht mehr als einheitlicher Gegenstand dem Individuum präsentiert, sondern mit jedem Wechsel des Kontextes oder des Diskurses als anderes erscheint[3]. In der Hinsicht auf die vieldeutige, kontexturalisierte Bedeutungsproduktion im MoE scheint Niklas Luhmanns konstruktivistische Theorie sozialer Systeme besonders geeignet zu sein, das Gesellschaftsbild, das in Musils Roman entsteht, aus einer soziologischen Perspektive zu beleuchten[4].

Nach Luhmann ist die moderne Gesellschaft eine polykontexturale Gesellschaft - ausdifferenziert in zahllose Funktionssysteme, in denen Realität jeweils das Produkt systemischer Operationen ist[5].

Die moderne Gesellschaft erreicht in der Form funktionaler Differenzierung eine wesentlich höhere Komplexität als die vormodernen, in Gruppen oder Schichten eingeteilten Gesellschaften. Jedes ausdifferenzierte System bildet einen geschlossenen Kontext der Realitätskonstruktion, die Gesellschaft wird azentrisch und ist als Einheit nur noch als die Einheit einer Vielheit zu denken - der Vielheit der in ihr ausgebildeten perspektivischen Realitätskonstruktionen. Eine einheitliche Vorstellung über die Gesamtgesellschaft ist unter diesen Voraussetzungen nicht mehr denkbar. Die Gesellschaft erschließt sich nur noch jeweils aus der Perspektive eines Funktionssystems. Die Komplexität der Gesellschaft und die Autonomie der Funktionssysteme führen auf diese Weise zu einer Erosion der traditionellen Ordnungsvorstellungen.

Die Umstellung der Differenzierungsform auf funktionale Differenzierung hat zu einer immer weitreichenderen Verselbständigung des Sozialen geführt. Für das Individuum ist die Situation in der modernen Gesellschaft dadurch gekennzeichnet, daß es in der Struktur der funktionalen Differenzierung nicht mehr verortet ist. Es steht außerhalb der Gesellschaft und kann so seine Identität nicht mehr von einem vorbestimmten Ort in der Gesellschaft aus konstituieren. Das Individuum erhält seine Identität erst über die Teilnahme an bestimmten Funktionssystemen im Verlauf seiner Karriere oder Biographie. Die Gestalt der azentrischen Gesellschaft und die Form des unbestimmten, zur Selbstbestimmung aufgerufenen Individuums dringen in der modernen Gesellschaft immer stärker ins Bewußtsein ein. Sicherheiten nehmen so die Form von Unsicherheiten an und Notwendigkeit wandelt sich in Kontingenz.

Bei der Untersuchung des MoE wird es im folgenden darum gehen, Bezugspunkte zwischen der Gesellschaftsdarstellung im Roman und dem Theoriekonzept Luhmanns herzustellen. Die Systemtheorie soll also nicht als Raster, sondern vielmehr als ein Spiegel auf den Roman angewendet werden, in dem sich die literarische Darstellung der Oberflächenerscheinungen der modernen Gesellschaft bricht und auf ihren strukturellen Untergrund hin durchsichtig wird.

Um das dieser Arbeit zugrundeliegende Verständnis der Theorie Luhmanns zu verdeutlichen, wird dabei in einem ersten Schritt die Systemtheorie und ihre Erklärung für die Auflösung einer einheitlichen Semantik in der modernen Gesellschaft dargestellt. Hierbei sollen erste Berührungspunkte mit Musils Roman mit in den Theorieteil einbezogen werden. In einem zweiten Schritt wird untersucht werden, inwieweit der Roman überhaupt Gesellschaft als Thema etabliert und in welcher Form Beschreibungen des Romans als Beschreibungen der modernen Gesellschaft zu deuten sind. Mittels der Problematisierung des Begriffs „Beschreibung“ kann sich die Interpretation dagegen absichern, durch vorschnelle Textstellenanalyse oder Anachronismen den Bedeutungszusammenhang des MoE auseinanderzureißen.

Ein hieran anschließender Durchgang durch das erste Buch des MoE, bei dem verschiedene Textstellen einen Eindruck der in dem Roman dargestellten Bewußtseinslage der Gesellschaft vermitteln sollen, wird gefolgt von einer intensiven Textinterpretation der Stadtbeschreibung des ersten Kapitels und des “Kakanien“-Kapitels. Komplexität, Kontingenzbewußtsein, Evolution, funktionale Differenzierung sind hierbei systemtheoretische Begriffe, die sich auf die an diesen Textstellen dargestellten Auflösungserscheinungen der einheitlichen Semantik der Gesellschaft anwenden lassen.

Nach der Untersuchung des Hintergrundes des Romangeschehens wird die Position Ulrichs im Romangefüge genauer betrachtet werden. Seine Eigenschaftslosigkeit und seine Re­flexion über das Entstehen der „Welt von Eigenschaften ohne Mann“ machen die Verselbständigung des Sozialen in der modernen Gesellschaft deutlich. Hierbei formieren sich die gesellschaftskritischen Reflexionen Ulrichs zu einem Diskurs der Uneigentlichkeit, in dem gesellschaftliche Fragen ontologisiert werden. Die Suche nach der „wirklichen Wirklichkeit“(129), die das gesellschaftliche Dasein verdeckt, ermöglichen dem Mann ohne Eigenschaften Einblicke in die Situation des Individuums in der modernen Gesellschaft, die Luhmann als Komplexitätssteigerung bezeichnet und u.a. auf die Stellung des Individuums außerhalb des Gesellschaftssystems zurückführt. Einflüsse der Konvention, der Medien und der Mode auf die Wirklichkeitswahrnehmung des Individuums werden in diesem Kontext deutlich werden.

Auf den verschiedenen Ebenen der Gesellschaftsbeschreibung wird bei der gesamten Interpretation die Wirkung der Kontingenz im Romanzusammenhang deutlich. Perspektivismus und Derealisierung entziehen der Darstellung den „zureichenden Grund“(131). Für den Leser wird auf diese Weise nachvollziehbar, was die Bewußtseinslage des Romans bestimmt: „diese Ordnung ist nicht so fest, wie sie sich gibt; kein Ding, kein Ich, keine Form, kein Grundsatz sind sicher“(250).

Den Abschluß der Romananalyse werden skizzenhafte Überlegungen über die Wirkungsweise der Parallelaktion bilden. Die Parallelaktion wird am Rand der Argumentation plaziert, da sie eine Reaktion auf den Gesellschaftszustand darstellt, der im Verlauf dieser Untersuchung des Romans erst erarbeitet werden soll. Die Skizze des Verlaufs der Parallelaktion wird dabei die Ergebnisse der Interpretation bestätigen. Die Einheitssuche, die die Parallelaktion initiiert, setzt nur neue Unordnung frei. Die moderne Gesellschaft, so wird in diesem Kontext deutlich, läßt sich nicht auf einen Gesamtbegriff bringen - es sei denn durch eine künstliche Überwindung des Pluralismus mit Hilfe inhaltsleeren Aktionismus.

Bei der Untersuchung des Romans bildet Luhmanns Systemtheorie die Grundlage. Für die Erörterung der Theorie werden dabei sowohl Luhmanns als auch Texte zu Luhmann und zur Systemtheorie von anderen Autoren berücksichtigt. Andere Gesellschaftstheorien werden nur aspektbezogen in die Interpretation integriert. Um das Thema trotz seiner Kom­plexität in einem handhabbaren Rahmen zu halten, wird die Argumentation immer wieder durch Verweise auf die reichhaltige Forschungsliteratur zum MoE entlastet. Hierbei werden poetologische und soziologische Untersuchungen in einem ausgewogenen Verhältnis verwendet.

2. Die Systemtheorie der Gesellschaft

2.1 Kosmos oder Phrase - der Romananfang und die Begriffe Selektion, Komplexitätsreduktion und Kontingenz

Um ein grundlegendes Verständnis der theoretischen Prämissen dieser Arbeit zu vermitteln, müssen bei der Breite und Verwobenheit der systemtheoretischen Begrifflichkeit auf sehr abstraktem Niveau sehr umfassende Zusammenhänge dargestellt und sehr voraussetzungsvolle Begriffe erklärt werden. Hinzu kommt, daß im Rahmen dieser Arbeit nur sehr wenig Raum zur Erörterung der Systemtheorie vorhanden ist. Die Abstraktheit und die stark verkürzte Form der Darstellung tragen in sich die Gefahr, wenn auch nicht den Leser zu überfordern, so zumindest seine Aufmerksamkeit von dem eigentlichen Gegenstand dieser Arbeit zu entfernen - Musils Roman. Aus diesen Gründen wird die Darstellung der Theorie von zwei ausschnitthaften Interpretationen des ersten Kapitels des MoE eingerahmt. Methodisch soll so in einem ersten, der nachfolgenden Analyse vorgreifenden Schritt eine Bespiegelung zwischen Aspekten des Romans und der Theorie vorgenommen werden. Die Interpretation des ersten Absatzes des Romans führt dabei über die Problematisierung der Wirklichkeitsdarstellung im Roman in den Wirklichkeitsbegriff der System­theorie ein. Von hier ausgehend kann darauf die Systemtheorie der modernen Gesellschaft vorgestellt werden. Die Probleme der Semantik, die sowohl die Gesellschaft als Ganzes, als auch das Individuum betreffen, können anschließend mit Überlegungen zum Schluß des ersten Kapitels den Blick zurück auf Musils Roman lenken.

Musils Roman beginnt in einer paradoxen Form - am Anfang des Romans wird die Unmöglichkeit abgebildet, den Roman zu beginnen, eine eindeutige romanimmanente Wirklichkeit zu entwerfen. Am Anfang des in Endlosigkeit mündenden Romanfragments steht seine Anfangslosigkeit. Bedingt wird die Anfangslosigkeit durch das Einströmen scheinbar unendlicher Komplexität.

Ein ironischer, pseudo-metereologischer Diskurs zu Beginn des ersten Kapitels versucht in kosmologischer Dimension zu erschließen, was in der traditionellen Erzählweise mit „Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913“ immerhin „recht gut bezeichnet“(9) wird. Diese einleitende Passage ist eine wechselseitige Bespiegelung sowohl eines wissenschaftlichen, als auch eines literarischen Diskurses. Zum einen zeigt sie, daß die unproblematische „etwas altmodische“ Erzählweise immer eine bewußte Ausschaltung von Umständen bedeutet, die bei der Darstellung von Wirklichkeit aber - besonders unter Berücksichtigung des der modernen Gesellschaft zur Verfügung stehenden Wissens - nicht fehlen dürften. In dieser Perspektive ist ein „schöner Tag“ nicht nur in einer vagen, auf die Empfindung und das Alltagsverständnis des Lesers anspielenden Phrase abzubilden, sondern in einer zusammengesetzten Form aus wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Faktoren, die einen schönen Tag erst zu einem schönen Tag machen. Der wissenschaftliche Diskurs wird, so scheint es zunächst, in seiner auf Erklärung der Erscheinungen abzielenden Funktion der Komplexität der Realität eher gerecht als das naive Erzählen.

Zum anderen wird aber dieser Anspruch des wissenschaftlichen Diskurses gerade in der Konfrontation mit dem einfachen, konventionellen Satzmuster relativiert. Der Erzähler subjektiviert die physikalischen Wetterbestimmungen und behandelt sie wie Akteure - „ein barometrisches Minimum (...) wanderte ostwärts (...) und verriet noch nicht die Neigung, (einem Maximum) auszuweichen.“ (9) Der wissenschaftliche Diskurs wird so ironisch gebrochen und erscheint bei genauem Lesen als bloßes Ausfüllen der gewöhnlichen Erzählform mit ungewöhnlichem Inhalt. Der Versuch, die Geschehnisse des Romans vor dem Hintergrund kosmologischer Faktoren - „Auf - und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturns und viele andere bedeutsame Erscheinungen“(9) - in eine erzählerische Ordnung zu bringen, offenbart in der Form der Selbst­ironie seine Vergeblichkeit. Die Einbeziehung kosmologischen Wissens kann nur zur grenzenlosen und daher unbestimmten Reflexion über die äußeren Umstände einer Romanhandlung führen. Die Komplexität, die der wissenschaftliche Diskurs zur Anschauung bringen möchte, entgleitet ihm. Einigen konkreten Angaben über die Gestirne des Alls folgt der Ausblick auf „viele andere bedeutsame Erscheinungen“, die von der Darstellung nicht mehr eingeholt werden können. „Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913“ ist in dieser Hinsicht nicht eine Schrumpfform des Erzählens, sondern in ihrer Beschränktheit und Selektivität die Bedingung der Möglichkeit eines Anfangs.

Für den MoE ergibt sich aus der Konfrontation dieser Diskurse keine für die Fiktion verbindliche Realität; zwischen „Isothermen und Isotheren“(9) und dem schönen Augusttag wird einzig die formale Problematik literarischer Wirklichkeitskonstruktion sichtbar.

Musil hat mit seinem Romananfang in der Form ironischer literarischer Selbstreflexion dabei genau jenen Mechanismus problematisiert, der in Luhmanns Theorie sozialer Systeme eine zentrale Stellung einnimmt - die Reduktion von Komplexität durch Selektion. Der Vorgang des Erzählens bedeutet immer eine Auswahl aus dem zu Erzählenden, eine Reduktion des Geschehens, um einen eigenen Zusammenhang des Textes zu etablieren[6].

Wirklichkeit erschließt sich auf diese Weise jeweils nur in einer bestimmten Perspektive, die nicht alles, was der Fall ist, berücksichtigen kann, sondern sich für Bestimmtes entscheidet und anderes ausschließt. Durch die Vervielfachung der Perspektiven kann dieses Grundprinzip nicht aufgehoben werden. Das „dekonstruierende Spiel mit den Konstruktionen des Sinns“(BÖHME 1986: 23) führt zu der Einsicht in die Perspektivität der Wirklichkeit. Das, was als Wirklichkeit erscheint, ist nicht substantielle Realität, sondern Wirklichkeit unter der Bedingung der Selektion und damit der Kontingenz.

„Kontingent ist etwas, was weder notwendig noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist. Der Begriff bezeichnet mithin Gegebenes (...) im Hinblick auf mögliches Anderssein; er bezeichnet Gegenstände im Horizont möglicher Abwandlungen. Er setzt die gegebene Welt voraus, bezeichnet also nicht das Mögliche überhaupt, sondern das, was von der Realität aus gesehen anders möglich ist.“ (LUHMANN 1993: 152)

2.2 Die Differenz von System und Umwelt und der Wirklichkeitsbegriff der

2.3 Systemtheorie

Reduktion von Komplexität und Selektion sind die Vorgänge, die nach Luhmann bei der Konstitution und beim Erhalt von Systemen wirksam sind. Systeme bilden sich immer in einer Umwelt, deren Komplexität prinzipiell größer ist, als die des Systems. Zum Aufbau systemeigener Komplexität muß das System die Komplexität der Umwelt durch Selektion seiner eigenen Elemente reduzieren (Vgl. LUHMANN 1993: 43f.)[7]. Das System bildet einen Selektionskontext, d.h. daß unter den Bedingungen seiner reduzierten Komplexität innerhalb seiner Grenze nur noch bestimmte Selektionen möglich sind (Vgl. BARALDI 1998: 171). Selektionen sind hierbei immer kontingent und mit Risiko verbunden. Hierin liegt ein Verweis auf die immer mitpräsente „Möglichkeit des Verfehlens der günstigsten Formung“ (LUHMANN 1993: 47).

Die Umwelt, aus der das System seine Elemente selektiert, ist dabei immer nur Umwelt für ein bestimmtes System. Systeme sind emergente Ordnungen[8], die unvorherbestimmt entstehen und mit ihrem „Auftauchen“ gleichzeitig ihre Umwelt „mitproduzieren“. Die Differenz zwischen System und Umwelt ist konstitutiv sowohl für das System, als auch für seine Umwelt[9]. Das System erhält seine Identität nur in Form dieser Differenz.

Diese Spezifik der Systemkonstitution führt dazu, daß das, was als Welt oder Wirklichkeit zu bezeichnen wäre, für jedes System etwas anderes ist, da für jedes System sich die Wirklichkeit jeweils als Differenz zwischen System und Umwelt darstellt - als der Gesamtheit alles Bestehenden, ausgenommen es selbst. Welt wird in der Theorie Luhmanns zum Horizont, in dem sich das, was vom System aus sich als Welt zeigt, nur als Differenz zeigt. Welt wird nur durch das Setzen der Differenz sichtbar und bleibt dadurch gleichzeitig unsichtbar. Jede Beobachtung zerteilt die Welt in einen bestimmten und einen unbestimmten Teil[10]. In der Systemtheorie wird der Perspektivismus, der stilistisch den Romananfang prägt, als ein grundlegendes, theoretisches Wirklichkeitsverständnis etabliert, das sich an der Differenz von System und Umwelt orientiert. Ein einheitliches Realitätskonzept wird von der Systemtheorie durch die Annahme aufgegeben, daß sich den einzelnen Systemen Wirklichkeit nur unter den Maßgaben ihrer eigenen Systemoperationen erschließt - so wie sich dem Auge verschiedene Lichtwellen der Umwelt nur in der Form unterschiedlich starker Nervenreize mitteilen. Der Anfang des MoE problematisiert die Möglichkeit mimetischer Abbildung der Wirklichkeit in der Form des Textes und zeigt einen Prozeß des Ver-Wirklichens, des Sichtbarmachens der Realitätskostruktion im Akt des Schreibens. Für die konstruktivistische Systemtheorie ist dieser Zusammenhang nicht ein Problem der Literatur, sondern die Signatur der Wirklichkeit, in der Wirklichkeit immer nur in der Perspektive - der Bestimmung - eines Systems erscheint[11].

Systeme werden hierbei verstanden als selbstreferentielle Systeme, die einen geschlossenen Zusammenhang bilden, in dem das System die Elemente, aus denen es besteht, in einem operativen Reproduktionsprozeß ständig erneuert. Luhmann nennt diesen Reproduktionsprozeß Autopoiesis[12] .

Realität kann in der systemtheoretischen Perspektive nicht mehr mit den Kategorien von Subjekt und Objekt begriffen werden. Es gibt kein allgemein verbindliches Zentrum der Realitätskonstitution, vielmehr entsteht Realität als „emergentes Produkt“(NASSEHI 1992: 56) in den selbstreferentiellen Operationen der Systeme. Sie löst sich auf in die „Selbstkonstitution von mannigfaltigen System/Umwelt - Differenzen“(ebd.).

Das System erhält hierbei immer seine autopoietische Einheit, indem es seine Grenze gegen die Umwelt in seinen Operationen ständig reproduziert. Das System ist offen für Umweltkontakt, kann aber Information über die Umwelt nur innerhalb und in der Form systemeigener Operationen gewinnen.(Vgl. LUHMANN 1997: 66f.)

2.3 Soziale Systeme als sinnverarbeitende Kommunikationssysteme

Die Ergebnisse der Überleitung vom Romananfang in die theoretischen Prämissen Luhmanns müssen im folgenden konkretisiert und im Lichte der Gesellschaftstheorie Luhmanns betrachtet werden. Einen Satz des Romans variierend läßt sich in bezug zu der hier darzustellenden Gesellschaftstheorie vorwarnen, daß, wer sich mit Luhmann die Welt anschaut „in recht unordentliche Gesellschaft gerät“(113) - und dies in zweifacher Hinsicht. Nicht nur werden, wie es Musil im MoE ironisch für die Wirkung des Denkens formuliert, Substanzbegriffe aufgegeben, „indem sich das Ganze in Systeme von Formeln auf(löst), die untereinander irgendwie zusammenhängen“(ebd.), sondern auch die Gesellschaft an sich wird in der begrifflichen Fassung Luhmanns „unordentlich“, d.h. ihre Ordnung wird von der Systemtheorie als prinzipiell unwahrscheinlich angesehen, als ein prekärer Zwischenzustand. Das systemtheoretische Denken entzündet sich nicht an einem Interesse für Ordnung, sondern an der „Vermutung der Normalität von Chaos“ (WILLKE 1989: 26). An zentraler Stelle in Luhmanns Theorieansatz findet sich in dieser Hinsicht der Begriff Kontingenz. Luhmann geht es um die Konfontation vorgefundener Realtität mit anderen Möglichkeiten, um auf diese Weise die Funktion einzelner Problemlösungen in bestimmten gesellschaftlichen Kontexten freizulegen. Diese funktionalistische Methode ermöglicht es, „Vorhandenes als kontingent und Verschiedenartiges als vergleichbar zu erfassen.“(LUHMANN 1993: 83) Um die Unwahrscheinlichkeit des Bestehenden zu plausibilisieren, bedarf es der Aufdeckung der Mechanismen, die die Lebenswelt hervorbringen, also eines Umdenkens von Bestand auf Entstehung, was theoretisch mit der Öffnung des Bestehenden zu einer ursprünglichen, also als vorhergehend zu denkenden Komplexität - nach H. Willke das „Chaos“ (s.o.) - einhergeht. In dieser Hinsicht findet man in der systemtheoretischen Literatur an zentraler Stelle nicht Begriffe wie Herrschaft, Norm oder Interesse, sondern „technologische“ Begriffe wie Funktion, Komplexität und Selektion[13].

Der Konzeption Luhmanns folgend sind soziale Systeme selbstreferentielle Systeme. Ihre Letztelemente sind nicht Individuen oder Handlungen, sondern Kommunikationen[14]. Selbstreferenz bedeutet in bezug auf soziale Systeme, daß Kommunikation nur an Kommunikation anschließen kann, daß also jede Information, die von außerhalb in das System gelangt, dort nur in der Form von Kommunikation verarbeitet wird[15]. Jede Kommunikation vollzieht Gesellschaft und alles, was nicht Kommunikation ist, ist Umwelt der Gesellschaft. Aufgrund dieser theoretischen Konzeption Luhmanns findet sich auch das Individuum in der Umwelt der Gesellschaft wieder. Über das Bewußtsein ist das Individuum dabei strukturell an Gesellschaft gekoppelt. Mit struktureller Kopplung ist gemeint, daß beide Systeme zum gegenseitigen Austausch von Informationen fähig sind, dabei aber die Selbstreferenz der jeweils geschlossenen Systeme aufrecht erhalten bleibt[16].

Vorstellungen und Gedanken als Operationen des Bewußtseins werden daher nur in der Form von Kommunikation für die Gesellschaft relevant. Das Bewußtsein kann nie vollständig in der Kommunikation aufgehen. In die Kommunikation gehen Gedanken und Vorstellungen nur in der Form selektierter Information ein. Dies bedeutet auch, daß grundsätzlich jede Kommunikation von Bewußtseinssystem zu Bewußtseinssystem sozial vermittelt ist (Vgl. LUHMANN 1997: 105f.)[17].

Die Verbindung zwischen Bewußtseins- und Kommunikationsystem wird dadurch möglich, daß sowohl das Bewußtsein als auch die Kommunikation im Medium Sinn arbeiten. Sinn ist für Luhmann die Form des Erlebens von sozialen und psychischen Systemen. Sinn entsteht hierbei in der Differenz von Aktualisiertem und Möglichkeit.

„Der Sinn reproduziert sich durch ein Erleben, das ihn aktualisiert und auf weitere Möglichkeiten verweist, die nicht aktualisiert werden.“(BARALDI 1998: 171)

Selektionen in der Form von Sinn sind reflexive Selektionen, „die 'wissen', daß sie selektiv verfahren, vieles also vernachlässigen und übersehen, was auch der Fall sein kann“(PLUMPE 1995: 35). In der Form von Sinn eröffnet jede Kommunikation im Moment ihres Vollzugs einen Überschuß an anderen, nicht aktualisierten Kommunikationsmöglichkeiten, so daß die Kommunikation anschlußfähig bleibt. Sinn ist in dieser Hinsicht unerläßlich für die Existenz sozialer Systeme (Vgl. LUHMANN 1989: 16). Für psychische und soziale Systeme ist Sinn in drei Dimensionen aktualisierbar. In der Sachdimension, in der zwischen dies/anderes unterschieden wird, in der Sozialdimension, in der zwischen ego/alter unterschieden wird, wodurch sich ein „Zusammenhang von Perspektiven“ ergibt, und der Zeitdimension, in der zwischen Vergangenheit/Zukunft unterschieden wird.(Vgl. BARALDI 1998: 174). Sinn ist seiner Form nach immer kontingent, also kein Welt- oder Substanzbegriff, sondern Sinn zeigt sich nur als ein „selektives Prozessieren“, in dem Welt immer als Verweisungsüberschuß präsent ist[18]. Die Welt ist für soziale und psychische Systeme der Horizont, in den sie ihre operativen Unterscheidungen von System und Umwelt einbringen (Vgl. 1997: 55f.).

[...]


[1] Hier zitiert nach: Robert Musil (1978), Der Mann ohne Eigenschaften, hrsg. v. Adolf Frisé, 2 Bde.,Reinbek. Im folgenden Text werden alle Zitate aus dem Roman durch die Angabe der Seitenzahl in Klammern auf ihren Ursprung verwiesen. Im laufenden Text wird „Der Mann ohne Eigenschaften“, immer dann, wenn der Titel des Romans gemeint ist, auf die Kurzform MoE reduziert. Die Zitierweise der übrigen in dieser Arbeit verwendeten Werke Musils findet sich im Literaturverzeichnis jeweils hinter den Werkangaben. Bei allen anderen Textverweisen wird der Name des Autors mit der Angabe des Erscheinungsortes und der Seitenzahl in Klammern gesetzt und an das Zitat oder den wiedergegebenen Gedanken angehängt. Sämtliche Klammern in den zitierten Textpassagen sind von mir gesetzt, J.H.

[2] Vgl. zum „noch nicht“ auch 8, 1357: „Ganz selten wird ausgesprochen, daß hier ein neues Problem gestellt ist, das seine Lösung noch nicht gefunden hat.“

[3] Dies betont u.a. M. Finlay, die den MoE mit dem Diskursbegriff Foucaults und den Wirklichkeitsbegriffen von Peirce und Heisenberg untersucht. Vgl. FINLAY 1990: 18f. Für einen neuen Subjektbegriff in bezug auf Musils Roman und abgegrenzt von älteren soziologischen Untersuchungen besonders aus den frühen siebziger Jahren plädiert auch JONSON 1996: 36f. Jonson untersucht das Verhältnis vom Individuum zur Großstadt, wobei die Großstadt für ihn Sinnbild der modernen Gesellschaft ist. Die Großstadt zerlegt sich nach Jonson in Bereiche purer Funktionalität, es gibt keine Substanzen mehr, kein Objekt, sondern nur noch „systemische Operationen“ (JONSON 1996: 36, Übersetzt von mir, J.H.)

[4] Hinweise zu einer Verbindung zwischen Luhmanns Systemtheorie und Musils Roman finden sich u.a. bei SCHWANITZ 1990: 189ff. und MÖLLER 1996: 233f. Ausführlichere Interpretationen mit systemtheoretischer Begrifflichkeit bieten WAGNER 1994 in bezug auf den Massebegriff im MoE und SCHOLZ 1981 in bezug auf die Haltung der Indifferenz bei Ulrich.

[5] Die nachfolgende Skizze der theoretischen Grundannahmen der Systemtheorie werden im Anschluß an die Einleitung ausführlich erörtert. Hier soll die kurze Darstellung zunächst nur die Auswahl der Systemtheorie als Basis der Romananalyse plausibilisieren.

[6] Vgl. hierzu PLUMPE 1995: 34 - “Erzählen heißt: kunstvolle Reduktion der Komplexität des Geschehens durch Aufbau der Eigenkomplexität der Geschichte.“

[7] Bei der Entstehung eines Systems wird unbestimmte in bestimmte Komplexität überführt, d.h. daß innerhalb des Systems nicht mehr jedes Element mit jedem anderen verknüpfbar ist.(Vgl. LUHMANN 1993: 50)

[8] Mit Emergenz wird laut D. Schwanitz „ausgedrückt, daß Systeme zugleich mit ihren Elementen als totale Neuheiten in Erscheinung treten, die nicht durch die Eigenschaften irgendeiner zugrundeliegenden Basis erklärt werden können.“(SCHWANITZ 1990:54)

[9] „Jede systembildende (...) Operation differenziert durch ihren Vollzug das, was sie erreicht, gegen eine dadurch ausgeschlossene Umwelt.“ ( LUHMANN 1989: 13)

[10] Luhmann gebraucht in diesem Zusammenhang den Begriff Beobachtung in Anlehnung an das Formenkalkül von G. S. Brown. Hiernach ist jede Beobachtung die Bezeichnung einer Seite innerhalb einer Unterscheidung. Form ist immer die Differenz von marked space/unmarked space. Der Begriff Beobachtung wird hierbei von Luhmann so abstrakt verstanden, daß er weder mit „sehen“, noch ausschließlich mit einer Operation des Bewußtseins zusammenfällt. Beobachten, d.h. das Herstellen der Form ist die Operation jedes Systems, das im Kontext der Systemoperationen die Differenz von System (marked space) und Umwelt (unmarked space) aufrecht erhält. Vgl. zum Formbegriff und zum Weltbegriff Luhmanns besonders LUHMANN 1990

[11] “Jede Bestimmung, jede Bezeichnung, alles Erkennen, alles Handeln (...) vollzieht wie der Sündenfall einen Einschnitt in die Welt mit der Folge, daß eine Differenz entsteht (...) und daß die vorausliegende Unbestimmtheit unzugänglich wird.“(LUHMANN 1997: 62)

[12] „Mit diesem Begriff wird die Tatsache bezeichnet, daß Operationen, welche zur Produktion neuer Elemente eines Systems führen, von früheren Operationen desselben Systems abhängig und Voraussetzung für folgende Operationen sind.“(BARALDI 1998: 29)

[13] J. Habermas sieht in den fehlenden normativen Grundannahmen der Systemtheorie keine andere Möglichkeit als sich „affirmativ“ auf die Komplexitätssteigerung der Moderne einzustellen.(HABERMAS 1989: 426) Affirmativ ist die Systemtheorie sicherlich in der Hinsicht, daß sie die Komplexitätssteigerung als theoretisches Problem faßt und nicht zuerst die Lösung sucht, bevor das Problem in seiner ganzen Komplexität dargestellt ist. Systemtheorie muß als Versuch verstanden werden, die Wirklichkeit der Moderne in ihrem ganzen Ausmaß zu erfassen, um dann Probleme benennen zu können. So sagt Luhmann in einem Interview mit D. Horster, er „untersuch(e) die Gesellschaft so, wie sie ist und wirkt, um Variationsmöglichkeiten zu finden, die eventuell zu weniger schmerzlichen Zuständen führen“ (HORTSER 1997: 24)

[14] Kommunikation wird von Luhmann als Synthese einer dreistufigen Selektion verstanden. Zunächst wird zum Zweck der Mitteilung eine Information als diese und nicht eine andere Information selektiert. Mitteilung selbst ist die Selektion einer Handlung, indem sich die Handlung mit der Intention der Mitteilung einer Information vollzieht. Kommunikation wird erst in einem dritten Selektionsschritt vollendet - dem Verstehen. Verstehen ist die Unterscheidung zwischen Information und Mitteilung. Erst Verstehen macht möglich, daß ein Kommunikationsteilnehmer erkennen kann, daß und was kommuniziert wird. Erst das Verstehen unterscheidet Kommunikation von Wahrnehmungen, bei denen Handlungen oder Gegenständen keine Mitteilungsfunktion zugeschrieben wird.(Vgl. BARALDI 1998: 98f.) Die Differenz zwischen Information und Mitteilung ist immer selektiv, d.h. sie ist immer auch anders möglich. Kommunikation in diesem Sinne ist keine Übertragung einer Information von Person A zu Person B, sondern immer bestimmt durch das Verstehen, das in seiner Selektivität nicht „impliziert, daß die Authentizität der Motive oder der Gefühle der Teilnehmer (...) oder auch die objektive Realität der Information erfaßt wird.“ (BARALDI 1998: 90) Die Einheit der dreistufigen Selektion der Kommunikation hat dabei keine Dauer, da sie im Moment des Verstehens sich vollzieht und dann sofort verschwindet. Sie ist immer nur Ereignis. Damit das System seine Kommunikation überhaupt kontrollieren kann, muß es den komplexen Vorgang der Kommunikation vereinfachen. In der Kommunikation taucht Kommunikation als Selbstsimplifizierung auf und wird als Handlung begriffen. Im folgenden wird deshalb immer der Begriff Handlung benutzt, wenn es um die Selbsbeschreibung der Kommunikation geht.(Vgl. LUHMANN 1993: 204f. u. LUHMANN 1997: 182f.)

[15] Kommunikation ist in vieler Hinsicht von seiner Umwelt abhängig. So bedarf sie der Beteiligung des Bewußtseins der psychischen Systeme und physikalischer Voraussetzungen. Der Vorgang der Kommunikation ließe sich dementsprechend vielfach dekomponieren. Hiebei würde aber die Ebene des sozialen Systems verlassen, für das organische Systeme und die ganze materielle Welt Umwelt sind. „(S)oziale Systeme(...)(nehmen) in vielfacher Weise Energie und Material, insbesondere Komplexitätszustände der beteiligten psychischen Systeme, in Anspruch. Kommunikationen lassen sich aber nicht auf psychische oder gar neurophysiologische Zusammenhänge reduzieren, sondern stellen emergente Einheiten dar, die vom sozialen System erst konstituiert werden.“(KNEER 1992: 93)

[16] Das Bewußtseinssystem hat in der Umwelt des Gesellschaftssystems eine privilegierte Position. Physikalische, chemische oder biologische Vorgänge haben keinen direkten Zugriff auf das Gesellschaftssystem, es sei denn, sie wirken zerstörend auf es ein. (Vgl. LUHMANN 1997: 114) „Alles, was von außen, ohne Kommunikation zu sein, auf die Gesellschaft einwirkt, muß daher den Doppelfilter des Bewußtseins und der Kommunikationsmöglichkeit passiert haben“ (LUHMANN 1997: 113). Luhmann hat für das Verhältnis von Bewußtseins- und Kommunikationssystem den Begriff der Interpenetration geprägt. Bewußtseinssysteme und soziale Systeme können sich danach gegenseitig ihre Komplexität für Anschlußselektionen zur Verfügung stellen und entwickeln sich co-evolutiv, d.h. mit dem Wachsen der Komplexität des einen Systems wächst auch die Komplexität des anderen. „Keines dieser Systeme kann in diesem Fall ohne das andere existieren.(...) Ohne Teilnahme von Bewußtseinssystemen gibt es keine Kommunikation, und ohne Teilnahme an Kommunikation gibt es keine Entwicklung des Bewußtseins.“(BARALDI 1998: 85f.) Die regelmäßige strukturelle Kopplung ist hierbei in besonderer Weise durch das Medium Sprache möglich.(Vgl. LUHMANN 1997: 108)

[17] Dies wird deutlich, wenn der Umstand, daß auch soziale Systeme als emergente Ordnungen entstehen, mitberücksichtigt wird. In der Systemtheorie geht man von einer Art Ursprungsszenario aus, bei dem die Autokatalyse, die Selbstentstehung, eines sozialen Systems im Kontext der Verhaltensabstimmung zwischen zwei Individuen in einer prinzipiell offenen Situation erklärt wird. Stark vereinfachend muß davon ausgegangen werden, daß Alter und Ego füreinander intransparent sind. Das Verhalten sowohl von Alter, als auch von Ego ist unbestimmt. In gegenseitiger Perspektivübernahme, im virtuellen Spiel mit den jeweils eigenen Erwartungen und den Erwartungen des anderen, lassen sich erste Handlungen koordinieren und mit der ersten Handlung ergeben sich Anschlußmöglichkeiten, die die Offenheit der Situation unterbrechen und zur Autokatalyse eines sozialen Systems „zwischen“ Ego und Alter führen. Die Offenheit geht über in eine Systemgeschichte. „Das System verliert Offenheit für Beliebiges und gewinnt Sensibilität für Bestimmtes.“(LUHMANN 1993: 185) Vgl. zum Dargestellten den in der Theorie unter dem Stichwort „doppelte Kontingenz“ viel komplexer behandelten Zusammenhang bei LUHMANN 1993: 184ff. und BARALDI 1998: 47 - 50

[18] „Statt Welt zu geben, verweist Sinn auf selektives Prozessieren.“(LUHMANN 1997:55)

Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Beschreibungen der modernen Gesellschaft in Musils "Der Mann ohne Eigenschaften"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Philosophie und Geisteswissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
101
Katalognummer
V55602
ISBN (eBook)
9783638505086
Dateigröße
806 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beschreibungen, Gesellschaft, Musils, Mann, Eigenschaften
Arbeit zitieren
Jan Herchenröder (Autor), 1999, Beschreibungen der modernen Gesellschaft in Musils "Der Mann ohne Eigenschaften", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55602

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