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Medicinische Policey

Title: Medicinische Policey

Term Paper (Advanced seminar) , 2006 , 16 Pages , Grade: 1,7

Autor:in: Tillman Wormuth (Author)

Politics - History of Political Systems
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Der frühmoderne Staat war von der Verfestigung des ständischen Systems und einer absolutistischen Ordnungspolitik, die in der heutigen Geschichtsschreibung als Konzept der Sozialdisziplinierung bekannt ist,1 geprägt.
Diese Politik, oder vielmehr diese Herrschaftspraxis, war Ausdruck einer spezifisch absolutistischen Herrschaftsauffassung und hatte die Generierung eines homogenen und disziplinierten Untertanenverbandes zum Ziel. Realisiert werden sollte dieses Ziel vor allem auf der normativen Ebene, d.h. durch Gesetze und Verordnungen, die sowohl von der Kirche als auch vom Staat erlassen wurden, und die das tägliche Leben der Menschen umfassend zu regeln beanspruchten.2
Die Medicinische Policey stellt nur einen Teil der vielen verschiedenen Formen der Policeyverordnungen dar. Die medizinische Versorgung der Bevölkerung wurde in der Frühneuzeit nicht nur von Ärzten mit akademischer Ausbildung, Hebammen oder Chirurgen ausgeübt, sondern auch von fahrenden Dentisten, Scharfrichtern, Feldscherern, Kräuterhändlern, Okkultisten und anderen Medizinsachverständigen.3 Diese Vielschichtigkeit der „medizinischen Betreuung“ der Bevölkerung sollte sich bis ins 19. Jahrhundert hinein kontinuierlich zugunsten der „akademischen Ärzte“ verschieben. Eben dieser Prozeß ist zweifellos als ein Ergebnis jener Regulierung zu verstehen, die eingangs als „Konzept der Sozialdisziplinierung“ benannt wurde. Vielfach rezipiert in Geschichtswissenschaft, Literaturwissenschaft, Soziologie und Rechtswissenschaft, soll dieses Konzept langfristige gesamtgesellschaftliche Veränderungen beschreiben. Die Entstehungsgeschichte, die durch das Konzept der Sozialdisziplinierung ausgedrückt wird, hat ihre Anfänge in den wirtschaftlichen und sozialen Verdichtungen, Krisenphänomenen und Ordnungsproblemen [...]
1 Seidenspinner, W.: Bettler, Landstreicher und Räuber. Das 18. Jahrhundert und die Bandenkriminalität. In Volkskundliche Veröffentlichungen des Badischen Landesmuseums Karlruhe. Band 3. Karlruhe 1995. Hg. Siebenmorgen, H.: Schurke oder Held? Historische Räuber und Räuberbanden. S. 28.
2 Härter, Karl: Sozialdisziplinierung. In Hg. Völker – Rasor, Anette: Frühe Neuzeit. München 2000. S. 294- 299.
3 Wahrig, Bettina: Globale Strategien und lokale Taktiken. In: van Dülmen, Richard; Rauschenbach, Sina: Macht des Wissens. Die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft. Köln 2004.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

I. Problemstellung und Einleitung

II. „Policey“ als Form neuzeitlicher Herrschaftspraxis:

II.I Entstehungsgeschichte

II.II Begriffs- und Bedeutungsgeschichte

III. Medicinische Policey und öffentliche Gesundheit

IV. Zusammenfassung und Diskussion

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die vorliegende Arbeit untersucht das historische Konzept der „medicinischen Policey“ als Ausdruck absolutistischer Herrschaftspraxis und analysiert dessen Rolle bei der Formierung des modernen Gesundheitswesens sowie der Sozialdisziplinierung.

  • Historische Entstehung und Bedeutung des Policey-Begriffs
  • Die Rolle der „medicinischen Policey“ für die öffentliche Gesundheit
  • Verhältnis zwischen akademischen Ärzten und nichtakademischen Heilkundigen
  • Einfluss der absolutistischen Ordnungspolitik auf gesellschaftliche Strukturen
  • Wissenschaftlicher Diskurs und praktische Umsetzung lokaler Maßnahmen

Auszug aus dem Buch

II. II Begriffs- und Bedeutungsgeschichte

In seiner Vorlesung vom 29. März 1978 am Collège de France untersuchte Michel Foucault den Begriff „Polizei“ als eines der „großes[n] Ensemble[s] politischer Techniken“, die für den Übergang zur Moderne relevant seien. So gebe es neben der Organisation der zwischenstaatlichen Beziehungen auf europäischer Ebene, die für unsere Untersuchung keine wesentliche Rolle spielt, ein weiteres Ensemble, das Foucault unter dem Begriff „Polizei“ subsumiert, und das, wenn man so will, auf das „Innere“ eines Staates oder Herrschaftsgebietes zielt. Innerhalb seiner Untersuchung, die sich auf den Zeitraum vom 15. bis zum 18. Jahrhundert bezog, unterschied Foucault drei Bedeutungskomplexe, die im folgenden zunächst in gebotener Kürze dargestellt werden sollen.

Im 15. und 16. Jahrhundert bezeichne „Polizei ganz einfach eine Form der Gemeinschaft oder eines Vereins, der durch eine öffentliche Autorität geleitet wird“. Neben dieser recht vagen Bestimmung finde sich eine weitere Bedeutung, nämlich die der „Gesamtheit aller Mittel, durch die diese Gemeinschaften unter öffentlicher Autorität geleitet werden.“ Zudem sei der Begriff „Polizei“ im Sinne eines „positive[n] und geschätzte[n] Ergebnis[ses] einer Regierung“ verwendet worden. Vom 17. Jahrhundert an, so Foucault weiter, nehme das Wort „Polizei“ jedoch einen neuen, von der eben skizzierten Bedeutung grundlegend verschiedenen Sinn an: Man begänne nun „die Gesamtheit der Mittel Polizei zu nennen, durch die man die Kräfte des Staates erhöhen kann, wobei man zugleich die Ordnung dieses Staates erhält.“

Foucault verwies in diesem Zusammenhang auf die Abhandlung eines gewissen Turquet de Mayerne aus dem Jahre 1611, der schrieb: „Alles, was dem Gemeinwesen Zierde, Form und Glanz verleihen kann, darum soll sich die Polizei kümmern.“ 1776 schrieb Hohenthal Ähnliches: „Polizei ist dasjenige, was den Glanz des Staates sichern soll. [...] Ich erkenne die Bestimmung derer an, die mit „Polizei“ die Gesamtheit von Mitteln bezeichnen, die dem Glanz des ganzen Staates und dem Glück seiner ganzen Bürger dienen.“ Polizei, so resümierte Foucault, wurde hier also begriffen als „die Kunst des Staatsglanzes als sichtbarer Ordnung und prangender Kraft.“

Zusammenfassung der Kapitel

I. Problemstellung und Einleitung: Dieses Kapitel führt in den Kontext der frühmodernen absolutistischen Ordnungspolitik und das Konzept der Sozialdisziplinierung ein, um die Bedeutung der „medicinischen Policey“ als Instrument staatlicher Regulierung zu verorten.

II. „Policey“ als Form neuzeitlicher Herrschaftspraxis:: Hier wird die historische Genese des Policey-Begriffs nachgezeichnet und durch eine Foucaultsche Diskursanalyse in seinen verschiedenen Bedeutungsschichten vom 15. bis zum 18. Jahrhundert beleuchtet.

III. Medicinische Policey und öffentliche Gesundheit: Dieses Kapitel untersucht die konkrete Anwendung der Medizinalverordnungen, den damit einhergehenden Machtgewinn akademischer Ärzte und die Verschiebung der Gesundheitsvorsorge als Teil der städtischen Lebensraumgestaltung.

IV. Zusammenfassung und Diskussion: Das Fazit reflektiert die Komplexität der Thematik, ordnet die Forschungsergebnisse kritisch ein und weist auf die Grenzen der Diskursanalyse sowie die regionale Heterogenität bei der Umsetzung staatlicher Verordnungen hin.

Schlüsselwörter

Medicinische Policey, Sozialdisziplinierung, Absolutismus, Frühe Neuzeit, Öffentliche Gesundheit, Michel Foucault, Medizinalverordnungen, Staatsglanz, Herrschaftspraxis, Gesundheitswesen, Medizinalpersonal, Diskursanalyse, Gouvernementalität, Hygienebewegung, Ordnungspolitik

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit befasst sich mit der historischen Entwicklung und Bedeutung der „medicinischen Policey“ als Instrument frühmoderner staatlicher Ordnungspolitik.

Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?

Im Fokus stehen die Begriffe Policey und Polizei, die Professionalisierung der Ärzteschaft, die Entwicklung der öffentlichen Gesundheitsfürsorge und das Konzept der Sozialdisziplinierung.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es, den Bedeutungswandel von Policey zu beleuchten und zu zeigen, wie medizinische Regulierungen zur Kontrolle und Steuerung der Bevölkerung eingesetzt wurden.

Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?

Die Arbeit stützt sich primär auf eine historisch-analytische Herangehensweise unter Einbeziehung der Foucaultschen Diskursanalyse und aktueller sozial- und rechtsgeschichtlicher Forschung.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil analysiert die Entstehungsgeschichte, die Rolle der Ärzte im Medizinaldiskurs sowie praktische Beispiele für staatliche Eingriffe in städtische Lebensbedingungen.

Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?

Die wichtigsten Schlagworte sind Medicinische Policey, Sozialdisziplinierung, Absolutismus, Medizinalverordnungen und öffentliche Gesundheit.

Inwiefern unterscheidet sich die historische Policey von der heutigen Polizei?

Während die moderne Polizei primär ein Exekutivorgan ist, bezeichnete Policey in der frühen Neuzeit die Gesamtheit der Maßnahmen zur Sicherung der gesellschaftlichen Ordnung und des Staatsglanzes.

Welche Rolle spielte die Miasmatheorie in diesem Kontext?

Die Miasmatheorie, die Krankheiten durch verunreinigte Luft erklärte, bildete die wissenschaftliche Grundlage für städtebauliche Maßnahmen zur Stadtbelüftung, die als Teil der medizinischen Policey umgesetzt wurden.

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Details

Title
Medicinische Policey
College
University of Leipzig  (Lehrstuhl für Politische Theorie)
Course
Devianz und Biopolitik
Grade
1,7
Author
Tillman Wormuth (Author)
Publication Year
2006
Pages
16
Catalog Number
V55639
ISBN (eBook)
9783638505345
ISBN (Book)
9783640668199
Language
German
Tags
Medicinische Policey Devianz Biopolitik
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Tillman Wormuth (Author), 2006, Medicinische Policey, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55639
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