Beobachtungen zu Ödön von Horváth "Geschichten aus dem Wiener Wald"


Seminararbeit, 1994
27 Seiten, Note: 1

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

1) Der "Herr von Zentner" - die Klasse eines Deklassierten

2) Die Degradierten

3) Der Bildungsjargon

4) Exkurs über den vorweggenommenen Anschluß

5) Ausblick

Bibliographie

Verwendete Abkürzungen

Vorwort

In der vorliegenden Arbeit wird von der Prämisse ausgegangen, daß Ödön von Horváth, "der scharfsichtige Analytiker des Kleinbürgertums vor 1933, [...] des zerbröckelnden, an seinen Wertnormen irre gewordenen Mittelstandes, dem dann Hitler als nationaler Messias erschien"[1], in seinem Volksstück "Geschichten aus dem Wienerwald" eine spezifische Gesellschaftsschicht auf der Bühne vorführt, die vorläufig mit den Begriffen Kleinbürger und Mittelstand zu umschreiben ist und noch näher zu bestimmen sein wird.

In Anschluß daran wird die These aufgestellt, daß Horváth als "dramatischer Chronist"[2] seiner Zeit aus den gesellschaftlichen Befindlichkeiten und vor allem dem daraus resultierenden, deformierten Bewußtsein dieser seiner Protagonisten dem Volksstück neue Perspektiven und Möglichkeiten erschlossen hat und ihm damit die angestrebte "Erneuerung des alten Volksstückes"[3] tatsächlich in mancherlei Hinsicht gelungen ist. "Die verwirrten Sätze seiner Personen"[4] führen die Gattung letztlich weg von einer klassischen Dramenkonzeption[5] und hin zum modernen Drama[6].

Um die Prämisse argumentativ abzustützen, werden die "Geschichten aus dem Wiener Wald" in dieser Arbeit vorwiegend vor der Folie der historisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit der späten Zwanziger und frühen Dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts gelesen[7].

1) Der "Herr von Zentner"[8] - die Klasse eines Deklassierten

Die implizite wie explizite, durch den Autor vergebene Information über die ökonomischen Verhältnisse der Dramatis personae ist in den "Geschichten aus dem Wienerwald" sehr reichlich und überaus genau. Am Beispiel Alfreds wollen wir diesen konkreten Hinweisen zunächst einmal im Text nachgehen und die gewonnenen Ergebnisse dann mit dem Mitte 1930 entstandenen[9] Romankonzept "Der Mittelstand" von Ödön von Horváth in Beziehung setzen. Den in diesen Text entwickelten Kategorien der "neuen [...] Formen des Mittelstandes"[10] lassen sich unserer Meinung nach beinahe sämtliche Figuren der "Geschichten aus dem Wienerwald" schlüssig zuordnen.

Die triste wirtschaftliche Situation Alfreds wird schon in der ersten Szene des ersten Teiles deutlich.

"DIE MUTTER Bist Du noch bei der Bank?

ALFRED Nein."[11]

Es ist zu vermuten, daß Horváth mit Alfreds Ausscheiden aus der Bank auf zwei konkrete zeitgeschichtliche Ereignisse im Österreich der Jahre 1930 und 1931 anspielt, nämlich auf die Zusammenbrüche der Boden-Creditanstalt und der Creditanstalt-Bankverein.

"Das Stück spielt in unseren Tagen, und zwar in Wien [...]."[12]

Der Konkurs dieser beiden größten österreichischen Banken der damaligen Zeit hatte "schwere wirtschaftliche und soziale Wirkungen zur Folge"[13] und bildete in Österreich den Auftakt für die tiefgreifende Wirtschaftskrise der Dreißiger Jahre.

"Infolge der Bankenzusammenbrüche und der ungünstigen Lage der Weltwirtschaft trat ein weitgehender Rückgang der Produktion ein, der wieder eine Steigerung der Arbeitslosenrate zur Folge hatte."[14]

Alfreds individuelle wirtschaftliche Lage entspricht also sehr deutlich den allgemeinen ökonomischen Gegebenheiten. In Horváths - quasi soziologischem - ‘Koordinatensystem’ aus dem bereits erwähnten Romankonzept "Der Mittelstand" ist er nach dem Scheitern seiner Existenz als honoriger Bankbeamter wohl in die Kategorie "Proletarisierter Mittelstand"[15] einzuordnen. Obwohl also schon in der Exposition vom Angestellten zum vermutlich Arbeitslosen degradiert[16] und mithin proletarisiert, hat Alfred kein bzw. ein falsches Bewußtsein von seiner neuen Situation.

"DIE MUTTER Bist Du noch bei der Bank?

ALFRED Nein.

DIE MUTTER Sondern?

Stille.

ALFRED Ich taug nicht zum Beamten, das bietet keine Entfaltungsmöglichkeiten. Die Arbeit im alten Sinne rentiert sich nicht mehr. Wer heutzutage vorwärtskommen will, muß mit der Arbeit der anderen arbeiten. Ich hab mich selbständig gemacht. Finanzierungsgeschäfte und so - [...]."[17]

Alfred verwendet hier in seiner Suada Begriffe wie "Finanzierungsgeschäfte" und "Entfaltungsmöglichkeiten", die ihm in seiner neuen sozialen Lage eigentlich nicht mehr zustehen. An seiner Proletarisierung ist nicht zu zweifeln. Trotzdem kommen ihm Sentenzen wie "mit der Arbeit der anderen arbeiten" über die Lippen, die wohl eher einem Unternehmer und Kapitalisten anstünden als einem gewesenen Bankbeamten. Diesen Befund hat Walter Benjamin in seiner Rezension von Siegfried Kracauers Sozialreportage "Die Angestellten" dahingehend zusammengefaßt, daß

"die Ideologie der Angestellten eine einzigartige Überblendung der gegebenen ökonomischen Wirklichkeit, die der des Proletariats sehr nahe kommt, durch Erinnerungs- und Wunschbilder aus dem Bürgertum darstellt."[18]

Auch Alfred hält sich lieber an die "Erinnerungs- und Wunschbilder aus dem Bürgertum", seine ideologische Abgrenzung gegen das Proletariat ist scharf. In einer im Nachlaß Horváths erhalten gebliebenen Vorstufe der "Geschichten aus dem Wiener Wald" bekennt er:

"Mir geht es dreckig. Ich war sogar Arbeiter."[19]

Horváths Kommentar zum "falschen Bewußtsein"[20] Alfreds ist ironisch. In der von uns interpretierten ersten Szene des ersten Teiles läßt er auf dessen unternehmerisches und ziemlich angeberisches Credo eine konterkarierende Regieanweisung folgen. Als deutliches Rezeptionssignal, "auf den leichtsinnigen und leichtfertigen Bonvivant Alfred"[21] nicht hereinzufallen.

"ALFRED [...] Ich hab mich selbständig gemacht. Finanzierungsgeschäfte und so - Er verschluckt sich und hustet stark."[22]

Wer wie Alfred nach der Präsentation hochfliegender Pläne und Vorstellungen hüstelt oder hustet, hat sich wohl um seine Glaubwürdigkeit gebracht. Auch die bezeichnende "Stille"[23] nach der mütterlichen Frage und vor Alfreds dynamischen Ausführungen ist dazu angetan, Zweifel an eben diesen Ausführungen aufkommen zu lassen.

Weitere Belege für Alfreds wirtschaftliche Misere lassen sich zuhauf im Text finden. Es wird aber darauf verzichtet, diese allesamt anzuführen, da im Gang der Untersuchung die Identifizierung Alfreds als ökonomisch entgleister, ja degradierter Kleinbürger[24] inzwischen gelungen scheint. Ein letztes Beispiel möge noch einmal in exemplarischer Weise ein Schlaglicht auf den Abstieg Alfreds werfen: Nach der Trennung von der Trafikantin Valerie, die ihn ausgehalten hat, leistet er in der vierten Szene des ersten Teiles vor Marianne gleichsam den Offenbarungseid.

[...]


[1] Urs Jenny: Horváth realistisch Horváth metaphysisch. In: Akzente, Heft 4, August 1971, S. 290. [Zitiert nach: Hajo Kurzenberger: Horvaths Volksstücke, S. 124. Quellenangabe nach: a.a.O., S. 166]

[2] Ödön von Horváth: Gebrauchsanweisung, S. 216

[3] Ebd., S. 218

[4] Peter Handke: Brecht-Trivialautor oder Klassiker? In: Theater heute, März 1968, S. 28. [Zitiert nach: Hajo Kurzenberger: Horváths Volksstücke, S. 136. Quellenangabe nach: a.a.O., S. 157]

[5] Dieser Terminus wird hier im Sinne von Hegels Dramentheorie verstanden.

[6] Der verwendete Begriff des modernen Dramas orientiert sich an Peter Szondis "Theorie des modernen Dramas".

[7] Um die hermeneutische Differenz zwischen Text und Interpret möglichst zu verringern, muß der historische Kontext miteinbezogen werden. In der gebotenen Kürze dieser Arbeit können natürlich aber nicht alle passenden, sondern nur einige wenige Kontexte - und auch das nur skizzenhaft und in exemplarischer Kürze - dargestellt und interpretativ gewürdigt werden.

[8] Ödön von Horváth: Geschichten aus dem Wienerwald, S. 122

[9] In der Frage dieser Datierung folge ich Traugott Krischke. Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald", hrsg. v. Traugott Krischke, S. 212

[10] Ödön von Horváth: Der Mittelstand, S. 182

[11] Ödön von Horváth: Geschichten aus dem Wiener Wald, S. 104

[12] Ebd., S. 102. Nach Traugott Krischke sind darunter die Jahre 1930/1931 zu verstehen. "Am 5. Juli 1931 veröffentlicht die Wiener Allgemeine Zeitung ein Interview mit Ödön von Horváth, in dem er erklärt, daß er die Arbeit am dem "Wiener Volksstück Geschichten aus Wiener Wald eben beende". Traugott Krischke: Ödön von Horváth und seine "Geschichten aus dem Wiener Wald". Beiträge zu Biographie und Werk, S. 36 Die Uraufführung erfolgte am 2. November 1931 in Berlin.

[13] Alois Brusatti: Wirtschafts- und Sozialgeschichte des industriellen Zeitalters, S. 207

[14] Ebd., S. 207

[15] Ödön von Horváth: Der Mittelstand, S. 184

[16] Drei von neun der von Horváth im Romankonzept "Der Mittelstand" entwickelten Kategorien der "neuen Formen [...] des Mittelstandes" entstehen durch Degradierung, zwei sind "Überbleibsel". Degradiert wird nach Horváth aus der Bourgeoisie und aus der Aristokratie. Die Angestellten werden überhaupt als das "Produkt aus allen Degradierungen" gesehen. Die "Überbleibsel" stammen "aus dem alten Mittelstand" und "aus der Schieberzeit". Auch die siebente Kategorie, der "Proletarisierte Mittelstand", muß wohl Degradierungsprozessen unterlegen sein, da eine Proletarisierung kaum ‘Gradierung’ und gesellschaftlichen Aufstieg bedeuten kann.

[17] Ödön von Horváth: Geschichten aus dem Wiener Wald, S. 104

[18] Walter Benjamin: Politisierung der Intelligenz. Zu S. Kracauer: "Die Angestellten". In: Lesezeichen, Leipzig 1970, S. 233. [Zitiert nach: Hajo Kurzenberger: Horváths Volksstücke, S. 127. Quellenangabe nach: a.a.O., S. 167]

[19] Ödön von Horváth: Nachlaß, lfd. Nr. 38 h.

[Zitiert nach: Hajo Kurzenberger: Horváths Volksstücke, S. 140. Quellenangabe nach: a.a.O., S. 170]

[20] "Das falsche Bewußtsein" ist wohl der Zentralbegriff von Siegfried Kracauers "Die Angestellten".

[21] Hermann Glaser: Ab mit ihr. Ehe die toten Seelen töteten. Zur deutschen Spießerideologie, S. 73

[22] Ödön von Horváth: Geschichten aus dem Wiener Wald, S. 104

[23] Vgl. auch: "Bitte achten Sie genau auf die Pausen im Dialog, die ich mit "Stille" bezeichne - hier kämpft das Bewußtsein oder Unterbewußtsein miteinander, und das muß sichtbar werden." Ödön von Horváth: Gebrauchsanweisung, S. 220

[24] Nach Hajo Kurzenberger verwendet Horváth die Begriffe Kleinbürger und Mittelstand synonym. Wir schließen uns dieser Ansicht an. Axel Fritz argumentiert in diesem Zusammenhang dagegen folgendermaßen: "Horváth gebraucht die Bezeichnungen Mittelstand und Kleinbürgertum in seinen Äußerungen zu diesem Thema mehr oder weniger synonym, was die Erfassung der geistigen und moralischen Komponente angeht, die nicht unbedingt vom ökonomischen Status abhängig zu sein braucht: sowohl der Kapitalist, als auch der Proletarier, der Gebildete wie der ungebildete Mittelständler können geistige und moralische Kleinbürger sein. Soziologisch betrachtet zerfällt der Mittelstand so, wie er sich bei Horváth darbietet mindestens in zwei Gruppen: den gehobenen mit beibehaltenem Sozialprestige und den gesunkenen mit beibehaltenen Illusionen vom Sozialprestige." Axel Fritz: Ödön von Horváth als Kritiker seiner Zeit, S. 155

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Beobachtungen zu Ödön von Horváth "Geschichten aus dem Wiener Wald"
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
"Buridans Österreicher". Analysen zur österreichischen Identität in der Literatur der Zwischenkriegszeit
Note
1
Autor
Jahr
1994
Seiten
27
Katalognummer
V55708
ISBN (eBook)
9783638505949
ISBN (Buch)
9783638688123
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Literaturwissenschaftlicher Aufsatz über Ödön von Horváths Volksstück "Geschichten aus dem Wiener Wald"
Schlagworte
Beobachtungen, Horváth, Geschichten, Wiener, Wald, Buridans, Analysen, Identität, Literatur, Zwischenkriegszeit
Arbeit zitieren
Mag. Manfred Wieninger (Autor), 1994, Beobachtungen zu Ödön von Horváth "Geschichten aus dem Wiener Wald", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55708

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