Man kann den Exegeten die redliche Mühe nicht absprechen, mit der im Laufe der Auslegungsgeschichte versucht wurde, das Buch Tobit gattungskritisch einzuordnen. Von einer Familien- und Volksgeschichte, einem Entwicklungs- oder Erziehungsroman, einer Legende oder Lehrerzählung, einem Märchen oder einer Novelle ist hier die Rede, um nur einige Varianten zu nennen. Kaum eine wird dem Werk des jüdischen Autors - und das wäre auch schon alles, was sich mit Sicherheit über ihn sagen lässt - in seiner Gesamtheit gerecht. Die vorliegende Untersuchung beschränkt sich auf den Prosateil der Exposition der Erzählung, einer persönlichen Rückschau des „Titelhelden“ auf sein bisheriges Leben, welche jedoch wesentlich mehr fundiert, als sie auf den ersten Blick preisgibt.
Inhaltsverzeichnis
0. Vorbemerkungen
1. Einleitung
2. Die Darstellung Tobits in der Exposition der Erzählung (1,3-2,14)
2.1. Einordnung in die Gesamtkomposition des Buches und Gliederung
2.2. „Allezeit im Angesicht Gottes” – eine paradigmatische Lebensgeschichte
2.3. Der „historische Hintergrund” der Erzählung
2.4. Innerbiblische Bezüge
2.5. Eine jüdisch-exilische Erzählperspektive
2.6. Eine veritable Krise (2,11-14)
3. Zusammenfassung
4. Relevanz
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Prosateil der Exposition des Buches Tobit (Kapitel 1,3-2,14). Dabei steht die Analyse der Lebensgeschichte des Titelhelden im Kontext seiner jüdisch-exilischen Identität und seiner beispielhaften Frömmigkeit sowie deren narrativer Ausgestaltung durch den Autor im Vordergrund.
- Die paradigmatische Lebensführung Tobits und seine "Wege der Treue"
- Die Rolle von Familie und Identitätswahrung in der Diaspora
- Die literarische und historische Einordnung des Buches Tobit
- Der Einfluss biblischer Motive und der deuteronomischen Theologie
- Die Analyse von "tragischer Ironie" und der Krise des Protagonisten
Auszug aus dem Buch
2.2. „Allezeit im Angesicht Gottes” – eine paradigmatische Lebensgeschichte
Von Anfang an lässt der Verfasser des Buches keine Zweifel aufkommen, worum es ihm geht: Gleich zu Beginn der Selbstvorstellung Tobits in 1,3 gibt dieser sein Lebensideal summarisch in erster Person kund. Diese Erzählweise ist in der Antike nicht unüblich, sie nimmt die Geschichte gleichsam aus der Verantwortung des Autors, der dadurch nur zum Tradenten des O-Tones wird. Drei gewichtige Leitworte sind in die summa des Tobit eingearbeitet: „Wege der Treue/Wahrheit“ (odoi alhqeiaj), „Gerechtigkeit(serweise)“ (dikaiosuneh/ai) und „Werke der Barmherzigkeit tun“ (elehmosunas poiein), welche im Fortgang der Erzählung immer weiter veranschaulicht werden. Sie charakterisieren primär das Handeln Gottes am Menschen (vgl. 3,2) und beschreiben so auch die folgerichtige Verhaltensantwort des Menschen auf solch empfangene Gottesgabe.
In einer Rückschau auf sein bisheriges Leben schildert Tobit nun konkret, wie er sich mühte, auf den Wegen Gottes zu wandeln, dies in Werken der Barmherzigkeit zu manifestieren und welche Gerechtigkeitserweise er dafür erfahren durfte: Nachdem sich das ganze Geschlecht seines Stammvaters vom Tempel in Jerusalem losgesagt hatte und alle Stämme dem Stierbild des Baal opferten (1,5), muss er als einzig Übriggebliebener die Wallfahrten (1,6) nach Jerusalem antreten (vgl. dazu aber 5,14). Streng nach den Vorgaben der Schrift leistet er die entsprechenden Zehnten an Priester, Leviten, Witwen und Waisen (1,6-8) und heiratet streng nach dem Grundsatz der Endogamie eine Frau aus seinem Geschlecht (1,9).
Wiederum als einziger, so scheint es, hielt er sich im Exil an die überlieferten Speisegebote seines Volkes, erfährt deshalb die Zuwendung Gottes, erlangt eine angesehene Stellung am assyrischen Hof und bringt es zu respektablem Wohlstand. Er sorgt sich um Hungernde und Nackte und kümmert sich um die Toten aus seinem Volk, denen ein Begräbnis verwehrt wäre (1,17) – auch unter widrigen Umständen (vgl. 1,15).
Zusammenfassung der Kapitel
0. Vorbemerkungen: Einleitung in die Problematik der "Apokryphen" bzw. "deuterokanonischen Schriften" und deren Bedeutung für das Judentum.
1. Einleitung: Vorstellung des Buch Tobit als literarisches Werk und Eingrenzung des Untersuchungsgegenstands auf den Prosateil der Exposition.
2. Die Darstellung Tobits in der Exposition der Erzählung (1,3-2,14): Detaillierte Analyse der Lebensgeschichte Tobits, seiner Frömmigkeit und der theologischen Struktur seines Berichts.
2.1. Einordnung in die Gesamtkomposition des Buches und Gliederung: Aufschlüsselung der formalen Struktur der Exposition sowie der chronologisch-geographischen Gliederung des Berichts.
2.2. „Allezeit im Angesicht Gottes” – eine paradigmatische Lebensgeschichte: Untersuchung der Leitworte "Treue", "Gerechtigkeit" und "Barmherzigkeit" als Kern des Lebensideals von Tobit.
2.3. Der „historische Hintergrund” der Erzählung: Erläuterung der fiktionalen Integration historischer Ereignisse und Figuren in den Erzählverlauf.
2.4. Innerbiblische Bezüge: Darstellung der Einflüsse von Weisheitsliteratur und deuteronomischer Theologie auf die Erzählung.
2.5. Eine jüdisch-exilische Erzählperspektive: Analyse der Diaspora-Situation und der Stärkung jüdischer Identität durch das Buch.
2.6. Eine veritable Krise (2,11-14): Interpretation der persönlichen Krise Tobits und der Auseinandersetzung mit seiner Frau.
3. Zusammenfassung: Synthese der Untersuchungsergebnisse hinsichtlich der Intention des Buches Tobit.
4. Relevanz: Reflexion über die Bedeutung der Erzählung für den modernen Menschen.
Schlüsselwörter
Buch Tobit, Apokryphen, Deuterokanonische Schriften, Diaspora, Jüdische Identität, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Exil, Frömmigkeit, Orthodoxie, Orthopraxie, Gattungskritik, Altes Testament, Biblische Theologie, Gesetzestreue.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit befasst sich mit der Untersuchung des ersten Teils des Buches Tobit, der sogenannten Exposition, und analysiert, wie der Protagonist sein Lebensideal als Jude in der Diaspora darstellt.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Im Mittelpunkt stehen die Themenfelder des rechten Glaubens, der Bedeutung von Familie, der Bewahrung jüdischer Identität in einer feindlichen Umwelt sowie die Rolle von Barmherzigkeit und Gesetzestreue.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Buch Tobit als "romanhafte theologische Lehrerzählung" fungiert und wie die Titelfigur den Weg der Treue im Angesicht Gottes paradigmatisch beschreitet.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine exegetische Untersuchung, die gattungskritische Ansätze mit einer Analyse des historischen Hintergrunds und der innerbiblischen Bezüge verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine strukturierte Untersuchung von Tobits Leben, die Analyse seiner Frömmigkeit, den historischen Hintergrund der Erzählung sowie eine Auseinandersetzung mit der Krise in Kapitel 2,11-14.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Diaspora-Identität, deuteronomische Theologie, Barmherzigkeit (Elehmosunh) und das Spannungsfeld zwischen Orthodoxie und Orthopraxie geprägt.
Wie bewertet der Autor die Rolle von Tobits Ehefrau Hanna?
Der Autor argumentiert, dass eine eventuelle Frauenfeindlichkeit des Verfassers nicht haltbar ist; vielmehr wird die Situation Hannas als realitätsnahe Alltagsnot in der Diaspora betrachtet.
Warum wird im Buch von einer "tragischen Ironie" gesprochen?
Die tragische Ironie ergibt sich daraus, dass der Fromme und Gerechte trotz seines aufrechten Lebensverhaltens unverschuldetes Leiden erfährt, was durch den Kontrast zwischen seiner Gesetzesstrenge und den lebensnahen Konflikten verdeutlicht wird.
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- Johannes Fraiss (Author), 2005, "Allezeit im Angesicht Gottes" - "Auf Wegen der Treue und in Gerechtigkeit". Eine Untersuchung von Tob 1,3-2,14, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55729