Die 'Times' zu den Ereignissen in und um Paris zwischen Beginn der Bombardierung und Niederschlagung der Commune (1870/71)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

27 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1.) Einleitung

2.) Historischer Kontext
2.1) Das Bombardement von Paris
2.2) Die Entwicklung nach dem Waffenstillstand und den Februarwahlen
2.3) Die Pariser Commune von der Entstehung bis zur Niederschlagung

3.) Die Berichterstattung der Times
3.1) Quellenkritik
3.2) Analyse ausgewählter Artikel: Tendenzen und Bewertungen der Times
3.2.1) „Paris has fought nobly; still more nobly has it endured; […]” : Die Times zum Bombardement von Paris
3.2.2) „[…] Paris did not give in one hour too soon.”: Die Times zur Kapitulation und dem anschließendem Waffenstillstand
3.2.3) „It used to be said that Paris was France, […]” : Die Times zu den Februarwahlen und ihren Folgen
3.2.4) „Illegal in their origin, frandulent in their execution, tainted with violence and deception [...]“: Die Times zur Pariser Commune
3.2.5) „[...] it was holy enough to justify all their deeds [...]“: Die Times im Zeitraum der Niederschlagung der Commune

4.) Schlussbetrachtung

Auswahlbibliographie

1.) Einleitung:

Das Bombardement durch die Preußen im Januar und der Bürgerkrieg mit der Niederschlagung der Commune von April bis Mai 1871 markieren zwei elementare Ereignisse in und um Paris gegen Ende und in der Folgezeit des Deutsch-französischen Krieges 1870/71. Der Waffenstillstand im Januar, die Wahlen zur neuen Nationalversammlung mit anschließender Regierungsbildung im Februar sowie die Entstehung der Commune im März stehen unmittelbar im Zusammenhang mit den militärischen Konflikten, die zuerst zwischen Frankreich und Deutschland beziehungsweise Preußen und schließlich unter den Franzosen selbst ausgetragen wurden. Die europäische Öffentlichkeit wurde über die Pariser Entwicklungen unterrichtet von Kriegsberichterstattern, von denen vor allem die englischen als kompetent galten und eine hohe Reputation besaßen.[1] Großen Anteil an der Verbreitung von Informationen aus dem französischen Kriegsgebiet hatte damals The London Times, die größte Tageszeitung Englands.

Diese Arbeit untersucht, inwieweit sich an der Berichterstattung der Times Parteinahmen für die Gegner, namentlich Frankreich oder Preußen beziehungsweise die französische Regierung oder die Pariser Commune, feststellen lassen und ob die Berichte Tendenzen bezüglich der Konfliktlegitimierung aufweisen. Dafür werden Artikel aus dem Zeitraum zwischen dem 9. Januar und dem 29. Mai 1871 konsultiert, die dem Times Digital Archive entstammen. Bei der Auswertung liegt der Schwerpunkt auf den Leitartikeln und Editorials.

Die Vorgehensweise orientiert sich an der Chronologie der Ereignisse. Nach dem historischen Kontext werden die Positionen der Times in Form von Thesen präsentiert und anhand von ausgewählten Textstellen erörtert. Die Darstellung folgt der Leitthese, dass die Times keine Parteinahme tätigt, bis das Pariser Ergebnis der Februarwahlen zur Nationalversammlung das revolutionäre Potenzial der radikalen Republikaner erkennen lässt. Bei der Bearbeitung des Themas hat sich neben den Times -Artikeln folgende Sekundärliteratur als wichtig erwiesen: Anno 70/71 von Franz Herre, Frankreich im Zeitalter des Imperialismus 1851-1918 von François Caron sowie Die Pariser Kommune von 1871, herausgegeben von Jean Bruhat u.a.

2.) Historischer Kontext

2.1) Das Bombardement von Paris:

Die entscheidende Entwicklung bis zur Beschießung Paris’ durch die Preußen nahm ihren Ausgang gut zwei Wochen nach dem Erfolg über die französische Armee bei Sedan und der Gefangennahme Napoleons III., als sich der Belagerungsring um die Hauptstadt am 19. September 1870 schloss. Fortan organisierte die nach der Absetzung Napoleons entstandene republikanische Regierung der Nationalen Verteidigung unter der Führung von Léon Gambetta mit Hilfe der mobilisierten Zivilbevölkerung den Volkskrieg, den die preußischen Truppen nach anfänglichen Niederlagen jedoch für sich entscheiden konnten.[2]

Allerdings entstand in der preußischen Führungsspitze Uneinigkeit über die Vorgehensweise zur Beendigung des Krieges. Otto Fürst von Bismarck strebte die Beschießung und anschließende Eroberung Paris’ an, während ein Großteil der Generalität, allen voran Stabschef General von Moltke, für Belagerung und Aushungerung der Stadt plädierte. Nach Auseinandersetzungen über die Taktik behauptete Bismarck seine Variante; König Wilhelm I., der das Oberkommando innehatte, fällte Ende Dezember den Beschluss zum Bombardement von Paris.[3]

Nach anfänglichem Beschuss der Außenbezirke Ende Dezember begann das Bombardement der Stadt am 5. Januar 1871 auf dem Plateau von Châtillon mit dem Ziel Pariser Süden.[4] Insgesamt drei Wochen, bis in die Nacht vom 26. auf den 27. Januar, dauerte das Bombardement, bevor am 28. Januar der Waffenstillstand (siehe Kapitel 2.2) in Kraft trat.[5] Über das Ausmaß der Beschießung macht Franz Herre folgende Angaben: „In drei Wochen verfeuerten sie [die Deutschen] 12 000 Granaten; 5 000 davon erreichten die Stadt. Sie verursachten dreißig Brände und beschädigten 1 400 Gebäude. Immerhin töteten sie 97 Menschen und verwundeten 278.“[6]

2.2) Die Entwicklung nach dem Waffenstillstand und den Februarwahlen:

Bereits seit Mitte September 1870 hatte es auf Initiative der Regierung der Nationalen Verteidigung, zu der auch der gemäßigte Republikaner und friedenswillige Außenminister Jules Favre gehörte, erste Annäherungsversuche an Preußen in punkto Waffenstillstand gegeben. Als französischer Unterhändler traf Adolphe Thiers mit Bismarck Anfang November in Versailles zusammen, um über die Bedingungen eines etwaigen Abkommens zu beraten. Die Verhandlungen scheiterten jedoch, woraufhin die Regierung mit der Proklamation der leveé en masse als Reaktion buchstäblich in die Offensive ging.[7]

Die Effekte der Belagerung, die in Paris einen Versorgungsmangel und eine Hungersnot nach sich zog, und des Bombardements veränderten die Lage schließlich dahingehend, dass Favre und Bismarck ab dem 24. Januar Waffenstillstandsverhandlungen führten und vier Tage später zu einem erfolgreichen Abschluss kamen. Neben der Pariser Kapitulation einigte man sich auf eine Frist von drei Wochen, in der Wahlen zu einer Nationalversammlung, die den späteren Friedensschluss aushandeln und ratifizieren sollte, stattzufinden hatten.[8]

Am 8. Februar wählte das französische Volk die neue Nationalversammlung mit einem Ergebnis, das für die nicht gemäßigten Republikaner desaströs ausfiel.[9] Von den letztlich insgesamt 645 Sitzen in der neuen gesetzgebenden Versammlung entfielen 400 Mandate auf Monarchisten und lediglich 150 auf Republikaner, von denen nur 40 als Radikale einzustufen waren. Zu ihrer konstituierenden Sitzung kamen die Abgeordneten am 12. Februar in Bordeaux zusammen, wo Thiers zum Regierungschef gewählt wurde.[10] Favre bekleidete weiterhin das Amt des Außenministers.

Unter der Federführung Thiers’ nahmen Favre und der Chef der Exekutive in Versailles, dem späteren Regierungssitz, die Verhandlungen mit Bismarck über die Konditionen des vorläufigen Friedensvertrages auf, die am 26. Februar abgeschlossen wurden. Zu den Bestimmungen gehörten die französischen Gebietsabtretungen des Elsaß und Lothringens mit Ausnahme Belforts, der Einzug preußischer Truppen in Paris und nicht zuletzt die Zahlung von fünf Milliarden Goldfrancs.[11]

Am 1. März stimmte die Nationalversammlung mit großer Mehrheit für den Friedensvertrag. Parallel dazu erfolgte der preußische Einmarsch in Paris, der entsprechend der Vertragsbestimmungen zwei Tage später mit dem Auszug endete.[12]

2.3) Die Pariser Commune von der Entstehung bis zur Niederschlagung:

Für die Geschichte der Commune -Bewegung ist von entscheidender Bedeutung, was François Caron über das Wahlverhalten der Pariser aussagt: „Am 8. Februar wählte Paris im Gegensatz zum restlichen Frankreich patriotisch und republikanisch. […]. Als die endgültigen Resultate bekannt wurden, mischte sich in Paris die Angst vor einer Restauration mit der Verzweiflung über die Kapitulation.“[13] Dass der unbedingte Wille zur Fortsetzung des Krieges gegen Deutschland in der Pariser Bevölkerung überwog, ist angesichts der späteren Vorgehensweise der Commune nicht zu vermuten. Zumindest aber scheint der kollektive Gemütszustand der Einwohner von einer Art Dolchstoßlegende geprägt gewesen zu sein, wie die Darstellung von Michael Erbe deutlich macht, „[…] das opferbereite Durchhalten der Bevölkerung [hatte sich] als vergebliche Mühe erwiesen. Paris fühlte sich von der […] Nationalversammlung und der neuen Regierung unter Thiers an die Deutschen ausgeliefert und verraten.“[14]

Vehemente Befürworter der Fortsetzung des Krieges verliehen ihrem Unmut über den bevorstehenden Waffenstillstand bereits am 22. Januar 1871 Ausdruck, der Protest der Pariser Nationalgardisten wurde jedoch gewaltsam aufgelöst.[15] Die Nationalgarde fungierte als eine Kraft des Widerstandes gegen die pazifistische Politik der Regierung und entwickelte sich im Laufe der Belagerung und des Bombardements von Paris zu einer politischen Organisation.[16] So formierte sich Anfang Februar die Fédération des gardes nationaux de la Seine, in der sich zahlreiche Bataillone der Pariser Nationalgarde vereinigten, die konsequent republikanische Ziele vertrat und die Entwaffnung Paris’ ablehnte. Bis Mitte März erfreute sich dieser Zusammenschluss eines großen Zuwachses.[17] Seine Bedeutung siedelt Jean Bruhat so hoch an, dass er das Zentralkomitee der Nationalgarde als die Instanz bezeichnet, die „[…] in Paris faktisch die Macht ausübte […]“ und „[…] zum echten Wortführer von Paris […]“ geworden war.[18]

Diese Einschätzung erscheint vor dem Hintergrund der Ereignisse der Nacht vom 17. auf den 18. März durchaus plausibel. Nachdem zuvor Verhandlungen über die Rückgabe der Pariser Kanonen gescheitert waren, ordnete Thiers die gewaltsame Entwaffnung an, die aber am Widerstand und partieller Fraternisierung von Bevölkerung und Regierungstruppen scheiterte. Von den 20 restlichen loyalen Bataillonen der Nationalgarde kamen nur noch drei dem Befehl nach, sich an der Operation zu beteiligen.[19]

In der direkten Folge ergriff das Zentralkomitee die Initiative und schrieb schon einen Tag später Wahlen zum Kommunalrat von Paris für den 26. März aus[20], deren Ergebnis nach den Auszählungen ein deutliches Übergewicht revolutionärer (kommunistischer und sozialistischer) Strömungen aufwies, sodass am 29. März vom Pariser Rathaus aus die Commune proklamiert wurde.[21] Die Ziele der Pariser Stadtregierung umreißt Erbe wie folgt: „Einmal sollte Frankreichs zentralistisches Verwaltungssystem zerschlagen werden und an dessen Stelle, […], eine Föderation selbständiger Gemeinden treten. […]. Das zweite Ziel war die Durchsetzung sozialer Gleichheit.“

[...]


[1] Mehrkens, Heidi: Medienvertreter: Deutsch-französischer Krieg 1870/71, in: Daniel, Ute u.a. (Hrsg.): Frankreich und Deutschland im Krieg (18.-20. Jahrhundert), Düsseldorf/Braunschweig 2001-2004, S. 244 f.

[2] Vgl. Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte, Zweiter Band: Machtstaat vor der Demokratie, München 1992, S. 64.

[3] Vgl. ebd., S. 65 f.

[4] Vgl. Herre, Franz: Anno 70/71, Köln/Berlin 1970, S. 154.

[5] Vgl. ebd., S. 186.

[6] Ebd., S. 158.

[7] Vgl. Caron, François: Frankreich im Zeitalter des Imperialismus 1851-1918, Stuttgart 1991, S. 231.

[8] Ebd., S. 235.

[9] Vgl. Erbe, Michael: Geschichte Frankreichs von der Großen Revolution bis zur Dritten Republik 1789-1884, Stuttgart u.a. 1982, S. 147.

[10] Vgl. Caron, S. 237 ff.

[11] Vgl. Herre, S. 192 ff.

[12] Vgl. ebd., S. 195 ff.

[13] Caron, S. 242.

[14] Erbe, S. 148.

[15] Vgl. Bruhat, Jean u.a. (Hrsg.): Die Pariser Kommune von 1871, Berlin 1971, S. 70.

[16] Vgl. ebd., S. 82 ff.

[17] Vgl. Caron, S. 243.

[18] Bruhat, S. 85.

[19] Vgl. Caron, S. 243 f.

[20] Vgl. Bruhat, S. 107.

[21] Vgl. ebd., S. 108.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die 'Times' zu den Ereignissen in und um Paris zwischen Beginn der Bombardierung und Niederschlagung der Commune (1870/71)
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Kriegsdeutungen vom 18. zum 20. Jahrhundert
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
27
Katalognummer
V55788
ISBN (eBook)
9783638506496
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Times, Ereignissen, Paris, Beginn, Bombardierung, Niederschlagung, Commune, Kriegsdeutungen, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Folko Damm (Autor), 2005, Die 'Times' zu den Ereignissen in und um Paris zwischen Beginn der Bombardierung und Niederschlagung der Commune (1870/71), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55788

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