Arthur Schnitzler: "Doktor Gräsler, Badearzt" - Zwischen Solipsismus und Kleinbürgertum


Seminararbeit, 2005
24 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Zur Titelgebung

2. Zur Entstehung

3. Ein Leitmotiv

4. Die Frauen und ihre Rollen
4.1 Friederike
4.2 Sabine
4.3 Katharina
4.4 Frau Sommer

5. Doktor Gräsler: Der Arzt

6. Solipsismus, Kleinbürgertum und Décadence
6.1 Solipsismus und Egoismus
6.2 Kleinbürgertum
6.3 Décadence und Impressionismus

7. Wetteraspekte

8. Deutungsaspekte

Literaturverzeichnis

Erklärung der Authentizität

1. Zur Titelgebung

Der Titel der Erzählung, Doktor Gräsler, Badearzt, scheint bereits auf den ersten Blick wie beliebig aus einem Telephonbuch herausgegriffen zu sein. Dies ist auffällig und legt nahe, dass der Beruf für den Protagonisten wie auch für die Erzählhandlung von besonderer Bedeutung sein dürfte. In diesem Zusammenhang findet sich auch in Schnitzlers bereits 1900 veröffentlichten Erzählung Leutnant Gustl eine Berufsnennung bereits im Titel, deren zentrale Bedeutung für die Handlung schnell deutlich wird. Nicht nur werden Erscheinungen dekadenter Daseinsform des fin de siècle vorzugsweise Angehörigen der Offizierskaste zugeschrieben. Auch spielt diese Zugehörigkeit für Gustl selbst eine fundamentale Rolle, bildet sie doch die Grundlage für jenen zweifelhaften Ehrbegriff, der eine Duellierung mit seinem Widersacher notwendig zu machen scheint. Im Falle von Doktor Gräsler, Badearzt nun ist – wenn auch nicht die Zugehörigkeit zur Ärzteschaft als solcher – der Status als „Badearzt“ durchaus negativ konnotiert, unterstellt man doch den in Kuranstalten und Ferienorten praktizierenden Medizinern eine besondere Affinität zur eher wohlhabenden und zahlungskräftigen Klientel, wenn nicht gar die Neigung, einen ethischen Beruf vorrangig aus Profitlichkeit ergriffen zu haben. Dass sich Gräsler einer Einordnung seines Status als Arzt in einen bereits am Rande der Professionalität angesiedelten Bereich außerhalb der wissenschaftlichen Medizin durchaus bewusst ist, zeigt C.E.J. Brinson auf: „In the company of other doctors Gräsler is aware of his low standing as an itinerant and fundimentally uncommitted ‚Badearzt‘.“[1] Nach Ansicht von Michaela L. Perlmann handelt es sich gar um die Furcht „vor dem Berufsrisiko der Ansteckung, daß sie [die Ärzte] lieber Ausschau nach den einträglichen, leichten Fällen halten, als sich der prekären Fälle anzunehmen“[2]. Walter Müller-Seidel führt hingegen aus, Ärzte dieses Typus seien

„in die Sitten – oder Unsitten – der Gesellschaft involviert und vernachlässigen ihre ärztlichen Pflichten, ihr Ethos, durch das sie sich von anderen Berufsständen unterscheiden sollten“[3].

Vielleicht mag der Autor auch die Absicht gehabt haben, im Leser bereits bei der Rezeption des Titels eine unterschwellige Abneigung, eine Vorahnung von Zweitrangigkeit des Protagonisten oder den Keim des Verdachts einer Charakterschwäche des Doktor Gräsler zu legen.

2. Zur Entstehung

Schnitzler beginnt eine erste Fassung von „Doktor Gräsler, Badearzt“ bereits im Januar 1911 und beschließt diese zunächst am 21. Juni 1911. Er nimmt Stoff und Thema im Januar 1914 erneut auf, um am 24. Februar 1914 mit der Niederschrift einer zweiten Fassung zu beginnen, welche er am 04. Juli 1914 zu Ende diktiert. Nach nochmaliger Lektüre des Manuskripts am 08. November 1914 schließt Schnitzler es ohne weitere Änderung. Hierbei vermerkt er in seinem Tagebuch: „Eine hübsche, im Anfang etwas mühselige, späterhin sehr anmutige Novelle.“[4] Die Erzählung liegt nun in der endgültigen Fassung vor, was den Autor bereits acht Tage später dazu bewegt, sie in ganzem Umfang der an jenem Tage bettlägerigen Olga Waissnix vorzulesen. In seinem Tagebuch vermerkt Schnitzler anschließend:

„Las Abends O. [...] Doctor [sic!] Graesler vor. Die Wirkung, wie natürlich, von Anfang bis zum Schluss zusehends sich steigernd – auch für mich. Im Beginn ist noch allerlei zu machen. Ob das Ding im ganzen so viel – nicht Mühe, aber doch Zeit lohnt?“[5]

Darüber hinaus sind weitere wertende Eintragungen, die sich auf die Erzählung „Doktor Gräsler, Badearzt“ beziehen, im Tagebuch Arthur Schnitzlers nicht zu finden. Die Erstveröffentlichung erfolgt endlich in der Zeit vom 10. Februar bis zum 18. März 1917 im Berliner Tageblatt.

3. Ein Leitmotiv

Gleich zu Beginn der Erzählung lässt sich ein ( erstes ) Leitmotiv ausmachen, welches

nicht nur im weiteren Verlauf periodisch wiederkehrt, sondern auch einen Kreis öffnet, der sich erst im 17. und letzten Kapitel mit der Heimführung seiner Neuvermählten folgerichtig wieder schließt. Der achtundvierzigjährige, ledige Doktor Emil Gräsler verlässt die Insel Lanzarote, auf welcher er im Winter als Badearzt praktiziert und wird von dem Direktor der dortigen Klinik verabschiedet. Den Klinikdirektor, „dessen braunes, glattgescheiteltes Haar sich trotz des leisen Küstenwindes kaum bewegte“[6], umgibt dabei eine befremdlich surreale Aura der Konturlosigkeit. Er lässt aus den Vereinigten Staaten mitgebrachte Manieren erkennen, gibt sich „leutselig“[7] in einem „schnarrenden Leutnantston“[8] und entlässt Gräsler mit den Worten:

„Und wenn Sie sich vielleicht vor dem Alleinsein in dem kleinen weißen Haus fürchten, dagegen gibt es ja ein Mittel. Bringen Sie sich doch eine kleine, nette Frau aus Deutschland mit.“[9]

Es mag nicht nur der kurz zurückliegende Tod der Schwester des Doktors den Direktor zu solcher Äußerung veranlasst haben, sondern ebenso schon länger sichtbare Anzeichen von Unausgeglichenheit im Wesen Gräslers; vielleicht darüber hinaus gar der unterschwellige Wunsch, der späterhin verheiratete Gräsler könne sich auf der Insel gänzlich niederlassen und der Klinik ein gewisses Maß an Planungsunsicherheit ersparen. Der Direktor äußert sie dergestalt, dass seiner Aussage nach letztendlich Herkunft und Äußeres der künftigen Arztgattin keine Rolle spielen: „sie kann übrigens auch brünett sein, das ist vielleicht das einzige, was Ihnen zur Vollkommenheit fehlt.“[10] Sogleich verdichtet sich der Wunsch des Direktors bei Doktor Gräsler zum Traumbild, welches ihm bereits während der sich unvermittelt anschließenden Schiffsfahrt erscheint: „leise schlummernd [...], zeigte sich ihm zuweilen, einem Traumbild gleich, eine hübsche, rundliche Frau in weißem Sommerkleid, durch Haus und Garten schwebend“[11]. Dass sich im Tagtraum Gräslers nicht nur verschiedene Einzelheiten der späteren Gattin finden, dass selbst das Sommerkleid deren wirklichen Namen impliziert, wird sich im Zuge des späteren Handlungshergangs nach und nach bewahrheiten.

Was dem Doktor ganz offensichtlich vorschwebt, ist eine künftige Gattin, die sich seinem ego leicht unterordnen lässt, deren Duldsamkeit sich aber doch mit einer gewissen Attraktivität verbindet, denn ihr Äußeres soll zumindest sein Ansehen nach außen nicht schmälern. Zuerst und vor allen Dingen aber ordnet seine Phantasie ihr das Attribut des Schwebens zu wie auch die Geräuschlosigkeit ihres Daseins, denn eine Störung oder gar Modifizierung seines scheinbar in festem Gefüge ruhenden Lebensablaufes soll mit einer möglichen Verheiratung keinesfalls verbunden sein.

4. Die Frauen und ihre Rollen

4.1 Friederike

In gleicher Richtung sind auch Reflexionen Gräslers zu deuten, die sich mit dem erst eine Woche zurückliegenden Selbstmord seiner Schwester beschäftigen, mit der er nicht nur in häuslicher Gemeinschaft gelebt hat, sondern die sich vielmehr ebenso um sein leibliches Wohlergehen zu kümmern pflegte. Des Doktors Suche nach einer Erklärung für die Tat, welche „das ernste, in Würde alternde Mädchen“[12] begangen hat, gründet auf keinem ernstlichen Streben, weder nach Verständnis für den Suizid noch nach Erkenntnis über das zerrüttete Seelenleben der Dahingeschiedenen. Die Suche nach Motiven für diese Tat verfolgt der Doktor keineswegs in ernstlicher Form; seine Mutmaßungen entbehren auch gänzlich der analytischen Tiefenschärfe, die dem Menschen Gräsler infolge jahrzehntelanger Entfremdung von seiner Schwester nicht gelingen will. Fast will ihn ein unterschwelliges Schuldgefühl berühren, wenn er sich erinnert, dass er Friederike „wirklich heiter [...] seit ihrer Kindheit kaum jemals gesehen“[13] hat, doch er, der sich weitestgehend selbst genügt, verspürt bald „ein Gefühl von Behaglichkeit“[14], nachdem seine Überlegungen zunächst in einem „irgendwie tröstlichen Gefühl der Entfremdung“[15] enden. Walter Müller-Seidel macht dieses Missverhältnis des Arztes Gräsler zu eben der Schwester, die ihn über viele Jahre hinweg umsorgt hat, zu einem zentralen Motiv der Erzählung, indem er schreibt:

„Die Kritik gilt einem Arzt, der wenig von dem weiß, was in dem ihm nächsten Menschen vor sich geht, so daß geschehen kann, was hier geschieht: Den zu Schwermut neigenden Gemütszustand der eigenen Schwester, die ihm den Haushalt führt, verkennt er völlig; während er eines Tages nach Mittag über der Lektüre einer wissenschaftlichen Zeitschrift eingenickt ist, nimmt sie sich zu seiner Überraschung das Leben.“[16]

Wenn auch nicht dem Doktor, so drängt sich doch unvermittelt dem Leser der Verdacht auf, dass der verstorbenen Schwester nicht nur die Entfaltung eines eigenen Lebens versagt blieb, sondern dass sie dieses Leben auch in aufopfernder Fürsorge für den Bruder hingegeben hat. Erst geraume Zeit später, inmitten seiner Liaison mit Katharina, stellen sich für Gräsler weitere Hinweise ein, die den Freitod Friederikes allmählich in ein helleres Licht rücken. In den spärlichen Hinterlassenschaften der Schwester findet sich ein Packen mit Briefen, der die Aufschrift „Ungelesen verbrennen“ trägt. In Ermangelung von Pietät und Feingefühl öffnet und liest er diese persönlichen Dokumente Friederikes, und er lernt

„zu seinem größten Erstaunen in der unscheinbaren Verstorbenen eine stürmisch sinnliche Person mit einer großen Leidenschaft und vielen verzweifelten Abenteuern“[17]

kennen. Gräslers Erstaunen mischt sich mit Verwunderung und Verblüffung, die jedoch schnell einem unterschwelligen Groll Platz machen. Er fühlt sein Vertrauen in die Nichtigkeit der schwesterlichen Existenz getäuscht; nicht Verständnis oder sentimentalische Rührung schaffen sich Raum, sondern die Erkenntnis, einem Menschen über so viele Jahre hinweg in seinem tiefen Wesen niemals nahe gewesen zu sein, verbunden mit einer Ahnung von der eigenen Unzulänglichkeit. Der vermeintliche Betrug Friederikes, die „als eine Fremde neben ihm einhergegangen war“[18], bekommt für den Doktor eine noch pikantere Bedeutung durch den Umstand, dass sein Freund Böhlinger jener Mann ist, von welchem in den Briefen die Rede ist. Obgleich nun einerseits der schwe-

sterlichen Fürsorge beraubt, scheint andererseits vom Verlust Friederikes eine anregende und befreiende Wirkung auszugehen, setzt doch nun unvermittelt Gräslers Suche nach einer Partnerin und künftigen Gattin ein:

„Nun, in dem Stadium der Entfremdung und Loslösung von der Schwester, öffnet sich Gräsler neuen Möglichkeiten erotischer Bindung, welche sich aber für ihn assoziativ an jene Phase der ‚nicht-bürgerlichen‘ Jugend knüpfen, in der ihm sexuell alle Wege offenstanden.“[19]

[...]


[1] C.E.J. Brinson: Searching for Happiness: Towards an Interpretation of Arthur Schnitzler’s Doktor Gräsler, Badearzt. In: Modern Austrian Literature, Volume 16 (1983), Number 2, S. 52.

[2] Michaela S. Perlmann: Arthur Schnitzler. Stuttgart 1987, S. 154.

[3] Walter Müller-Seidel: Arztbilder im Wandel. Zum literarischen Werk Arthur Schnitzlers, München 1997, S. 13 f.

[4] Arthur Schnitzler: Tagebuch 1913 – 1916, Wien 1983, S. 148.

[5] Ebd., S. 151.

[6] Arthur Schnitzler: Doktor Gräsler, Badearzt. In: ders.: Gesammelte Werke in drei Bänden, Band I: Erzählungen, hg. von Hartmut Scheible, Düsseldorf und Zürich 2002, S. 353.

[7] Ebd., S. 354.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] Ebd., S. 356.

[13] Ebd.

[14] Ebd., S. 357.

[15] Ebd.

[16] Walter Müller-Seidel, a.a.O., S. 26 f.

[17] Peter von Haselberg: Psychologie oder Konstellationen? Am Beispiel von „Doktor Gräsler, Badearzt“. In: Arthur Schnitzler in neuer Sicht, hg. v. Hartmut Scheible, München 1981, S. 193.

[18] Doktor Gräsler, Badearzt, a.a.O., S. 429.

[19] Jenneke A. Oosterhoff: Die Männer sind infam, solang sie Männer sind. Konstruktionen der Männlichkeit in den Werken Arthur Schnitzlers, Tübingen 2000, S. 216.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Arthur Schnitzler: "Doktor Gräsler, Badearzt" - Zwischen Solipsismus und Kleinbürgertum
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar: Artur Schnitzler: Das erzählerische Werk
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V55791
ISBN (eBook)
9783638506526
ISBN (Buch)
9783638664103
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arthur, Schnitzler, Doktor, Gräsler, Badearzt, Zwischen, Solipsismus, Kleinbürgertum, Proseminar, Artur, Werk
Arbeit zitieren
Matthias Mühlhäuser (Autor), 2005, Arthur Schnitzler: "Doktor Gräsler, Badearzt" - Zwischen Solipsismus und Kleinbürgertum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55791

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