Verfolgt man die nun gut zweihundert Jahre währende Rezeptionsgeschichte des literarischen Werks Heinrich von Kleists, so lässt sich kaum ein deutscher Autor nennen, dessen Schriften so kontrovers und gänzlich gegensätzlich gedeutet wurden wie die des preußischen Dichters. Vor dem Hintergrund verschiedener Epochen und im Kontext aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen oder wissenschaftlichen Richtungen stammender Interpretationsansätze blickt die Kleist-Rezeption auf eine Geschichte voller radikaler Deutungen und sich gegenseitig widersprechender ideologischer Vereinnahmungen zurück. 1 Als beispielhaft für die in diesem Fall politischideologisch vollständig entgegengesetzten Deutungsansätze eines einzigen Kleistschen Werkes dient das Arminius-Drama ‚Die Hermannsschlacht’. Allein ein Blick auf den Rezeptionsverlauf des Stücks im 20. Jahrhundert offenbart zwei radikale Interpretationslinien, die für ihren jeweiligen zeitgenössischen Kontext zwar normbildenden Status genossen, sich zueinander allerdings, im Bezug auf Motivation und Ergebnis, völlig gegensätzlich verhalten: der rassistischen und imperialistischen Deutung des Dramas durch den nationalsozialistischen Kulturapparat steht eine marxistisch-humanistische Rezeption der Literaturwissenschaft im Umfeld der sogenannten 68’er-Revolte in Westdeutschland unversöhnlich gegenüber. 2 Diese im krassesten Gegensatz zueinander stehenden Ansätze sind Gegenstand der vorliegenden Hausarbeit. Sie sollen, voneinander unabhängig, in ihren Argumentationen und im Bezug auf potentielle ideologische Einflüsse nebeneinander dargestellt werden, um einen Überblick und einen Einblick in die jeweilige Rezeptionslinien zu gewährleisten. [...]
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitende Überlegungen
1 Die politische Situation zur Entstehungszeit des Dramas
2 Das Kriegskonzept der preußischen Reformer
2.1 Vorbilder
2.1.1 Frankreich
2.1.2 Spanien
2.2 Niederschlag in der ‚Hermannsschlacht’
2.2.1 Ergebenheit an das große Ziel
2.2.2 Propaganda
2.2.3 Guerilla-Krieg
3 Die nationalsozialistische Rezeption der ‚Hermannsschlacht’
3.1 Der Revanchegedanke
3.2 Kleist und die Nationalsozialisten
3.3 Das Arminiusdrama als propagandistisches Vorzeigestück
3.3.1 Hermann als Führer
3.3.2 Die gefühlsgeleitete Tat
3.3.3 Imperialistische Drohung
4 Die humanistisch orientierte Rezeption der ‚Hermannsschlacht’
4.1 Kleist als Utopist
4.2 Bestandsaufnahme
4.2.1 Deutschland
4.2.2 Napoleon
4.3 Defensiver Krieg und größeres Ziel
5 Abschließender Vergleich und neue Probleme
6 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die konträre Rezeptionsgeschichte von Heinrich von Kleists Drama „Die Hermannsschlacht“ im 20. Jahrhundert, wobei sie insbesondere die rassistisch-imperialistische Deutung durch den Nationalsozialismus der marxistisch-humanistischen Interpretation der Literaturwissenschaft des späten 20. Jahrhunderts gegenüberstellt und kritisch vergleicht.
- Historische Einordnung des Kriegskonzepts der preußischen Reformer.
- Analyse der nationalsozialistischen Instrumentalisierung des Arminius-Mythos.
- Untersuchung der humanistisch-utopischen Lesart in der Nachkriegszeit.
- Gegenüberstellung und Bewertung der beiden widersprüchlichen Interpretationsmodelle.
- Kritische Reflexion über Kleists eigene politische Ambitionen.
Auszug aus dem Buch
2.2.3 Guerilla-Krieg
Die preußischen Reformer entwickelten aus den Erfahrungen des spanischen Aufstandes eine eigene Theorie, wie ein Guerilla, ein ‚kleiner Krieg’, auf deutschem Boden zu führen sei. In Zusammenarbeit mit der österreichischen Regierung sollte zunächst, zusätzlich zu den regulären Truppen, eine allgemeine Volksbewaffnung angestrebt werden. Heinrich von Kleist realisiert dieses Vorhaben literarisch in der ‚Hermannsschlacht’. Er lässt Wolf ausrufen: „In Waffen siehst du ganz Germanien lodern“
Die so bewaffneten deutschen Kriegshaufen sollten, anders als die parallel einzusetzenden Linientruppen, Entscheidungsschlachten vermeiden sowie zerstreute und ermüdende Kleinkämpfe anzetteln, in denen der Gegner leichter zu besiegen war. Ebenfalls waren häufige und zermürbende Nachtgefechte angedacht. Immer wieder sollten die feindlichen Truppen von kleinen Gruppierungen aus dem Hinterhalt angegriffen werden, um ihnen so in die Seite oder den Rücken zu fallen und wichtige Nachschubswege zu versperren. Da potentiell jeder junge deutsche Mann ein Partisanenkämpfer sein konnte, rechnete beispielsweise Gneisenau mit über zwei Millionen möglichen Widerständlern, die die militärisch überlegenen französischen Truppen in hunderte kleiner Regionalgefechte verwickeln und, aufgrund der insgesamt zahlenmäßigen Überlegenheit, nach verzehrendem Kampf besiegen sollten. Hierbei zugute kommen sollte den deutschen Guerilleros offenkundig der regionale Vorteil: schienen Napoleons Kämpfer in einer offenen Feldschlacht noch klar überlegen, war es der Plan, die Guerilla-Gefechte in die deutschen Sümpfe, Gestrüppe und ganz besonders die Wälder zu verlagern. Die Einheimischen verfügten hier über eine bessere Kenntnis des Terrains sowie eine bessere Orientierung und wüssten die strategischen Vorteile dieser Gelände zum Vorteil über die nicht vorbereiteten Franzosen zu nutzen.
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitende Überlegungen: Einführung in die kontroverse Rezeptionsgeschichte von Kleists Werk und Vorstellung der zentralen Fragestellung der Arbeit.
1 Die politische Situation zur Entstehungszeit des Dramas: Analyse der zeitgeschichtlichen Umstände im von Napoleon besetzten Preußen als Ausgangspunkt für Kleists Dramatik.
2 Das Kriegskonzept der preußischen Reformer: Erörterung der militärischen Strategien, insbesondere der Volksbewaffnung und des Partisanenkriegs, wie sie sich im Drama widerspiegeln.
3 Die nationalsozialistische Rezeption der ‚Hermannsschlacht’: Untersuchung der Vereinnahmung des Stücks als propagandistisches Werkzeug durch den NS-Kulturapparat zur Verbreitung faschistischer Ideologie.
4 Die humanistisch orientierte Rezeption der ‚Hermannsschlacht’: Beleuchtung der alternativen Interpretation Kleists als kosmopolitischer Utopist durch die linksorientierte Literaturwissenschaft.
5 Abschließender Vergleich und neue Probleme: Synthese der Ergebnisse und kritische Reflexion über die moralische Widersprüchlichkeit des Dramas und des Autors selbst.
6 Literaturverzeichnis: Verzeichnis der verwendeten Quellen und Forschungsliteratur.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Die Hermannsschlacht, Rezeptionsgeschichte, Nationalsozialismus, Partisanenkrieg, Volksbewaffnung, Humanismus, Utopie, Napoleon Bonaparte, preußische Reformer, Politische Literatur, Propaganda, Ideologiekritik, Widerstand, Kriegsethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die gegensätzlichen Interpretationen von Heinrich von Kleists Drama „Die Hermannsschlacht“ im 20. Jahrhundert, speziell im Hinblick auf ihre ideologische Instrumentalisierung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Genese des Partisanenkriegs-Konzepts, die NS-Propaganda, die humanistische Utopie-Forschung und der Vergleich von Macht- gegenüber Moralvorstellungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, zu zeigen, wie ein literarisches Werk je nach politischem Kontext völlig gegensätzlich gedeutet wurde und inwieweit das Drama tatsächlich Kleists eigene ideologische Ambitionen widerspiegelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine ideologiekritische und rezeptionsgeschichtliche Analyse, die den Text unter Einbeziehung von Briefen, zeitgenössischen Schriften und historischem Kontext hermeneutisch untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die militärisch-historischen Grundlagen, die Darstellung der nationalsozialistischen Rezeption und die entgegengesetzte humanistisch-utopische Rezeptionsweise.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Kleist-Rezeption, Partisanenkrieg, Nationalsozialismus, Humanismus, Utopie und Ideologiekritik.
Inwiefern wurde das Drama von den Nationalsozialisten instrumentalisiert?
Das Stück wurde als „Vorzeigestück“ zur Begründung des Führerkonzepts, zur Schürung von Fremdenhass und zur Legitimierung imperialistischer Expansion missbraucht, wobei der Dichter und die Romanfigur Hermann miteinander verschmolzen wurden.
Wie unterscheidet sich die marxistisch-humanistische Interpretation?
Sie betrachtet Kleist nicht als rechtsnationalen Propheten, sondern als kosmopolitischen Utopisten, der den Krieg als „letztes Mittel“ zur Errichtung einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung sah.
Zu welchem Schluss kommt der Autor hinsichtlich Hermann?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Hermann eine hochgradig ambivalente Figur ist, die in ihrer moralischen Zerrissenheit und Isolation eher ein Bild des menschlichen Scheiterns in politisch verwirrten Zeiten zeichnet als ein eindeutiges politisches Vorbild.
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- Thomas von der Heide (Author), 2004, Streitfall 'Hermannsschlacht'. Die politischen Ambitionen des Preußen Kleist und ihre Wahrnehmung(en) im 20. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55827