Das urbane Lebensgefühl - Überlegungen zur Kultur der Stadt


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
23 Seiten, Note: 1.7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Wahrnehmung des Urbanen
2.1 Die Stadt: Pro und Contra
2.2 Thesen zum Urbanen Lebensgefühl
2.3 Kommentar

3. Zur Theorie des Urbanismus
3.1 Geographisch-Kulturelle Einordnung
3.2 Die Historische Entwicklung der Stadt
3.3 Theoretische Ansätze zur Zeitgenössischen Stadtkultur

4. Sphären der Urbanen Kultur
4.1 Die Stellung in der Ökonomischen Struktur
4.2 Der Bürgerliche Lebensstil
4.3 Quartierszugehörigkeit
4.4 Die Reale Visuelle, Akustische und Technische Umwelt
4.5 Der Kulturelle Mainstream
4.6 Subkulturelle Szenen und Milieus
4.7 Beispiele Urbaner Lebensstile

5. Fazit und Ausblick

6. Literatur

Fallbeispiele:

Beispiel 1: Die Kultur der Imbissbuden

Beispiel 2: Skaten 18

„Treten Sie ein – Sie sind die Stadt!“

Ursula Keller

(Keller 2000:15)

1. Einleitung

Das Thema der vorliegenden Seminararbeit lautet „das urbane Lebensgefühl“, was zunächst relativ unbestimmt und weitläufig klingt. Seit den Studien Max Webers sowie der Chicagoer Schule um Park und Wirth zur Stadt hat sich der Urbanismus als eigenständiger Forschungszweig in den Sozialwissenschaften etabliert. In der Soziologie wird besonders den Prozessen urbaner Vergesellschaftung sowie daraus erwachsenden spezifischen Problemlagen Bedeutung beigemessen, während die Kulturanthropologie ihr Hauptaugenmerk auf die Eigenheiten von urbaner Kultur legt, im Unterschied zur ländlichen. Aus dem Rahmen des Hauptseminars „Urbanethnologie“ hervorgehend, wird auch diese Arbeit sich vorwiegend mit dem Thema der Kultur in der Stadt beschäftigen.

Der Begriff „das urbane Lebensgefühl“ soll in den folgenden Ausführungen mehr oder weniger synonym mit urbaner Kultur und städtischer Identität benutzt werden, da eine inhaltliche Trennung zum Verständnis des behandelten Sachverhalts nicht notwendig ist, sondern dieses eher erschweren würde. Zentrale Fragestellung wird sein, was urbane Kultur und das damit verbundene Lebensgefühl überhaupt ist und welche Faktoren städtische Kultur so explizit besonders machen im Vergleich zur nicht urbanen? Durch welche besonderen Umstände bildet der Stadtmensch eine andere Identität heraus als jemand vom Lande, warum ist er anders? Aus welchem Grund wird beim Städter oftmals nationales oder regionales Zugehörigkeitsgefühl durch eben das städtische überlagert oder ersetzt? Also, warum ist beispielsweise eine Berlinerin eine Berlinerin und ist stolz darauf? Was verbindet sie damit, Berlinerin zu sein?

Um den Einstieg bei der Bearbeitung dieser Fragen zu erleichtern, soll der Sachverhalt, um den es geht, zunächst auf emotionaler Ebene deutlich gemacht werden. Hierfür habe ich in wahlloser Reihenfolge Thesen und Schlaglichter aufgelistet, welche Urbanität und die Wahrnehmung der Stadt beschreiben. Sie stammen zum Teil aus den verwendeten Quellen oder sind hervorgegangen aus einem eigenen Brainstorming.

Daran anschließend werde ich einige wissenschaftliche Ansätze darlegen, die den urbanen Charakter beschreiben sowie seine Entstehung. Mit ihnen sollen einige grundsätzliche Merkmale der urbanen Gesellschaft aufgezeigt werden sowie Aspekte der historischen Entwicklung der Stadt. Nach dieser eher generellen Einordnung werde ich im daran anschließenden Kapitel untersuchen, welche verschiedenen kulturellen Sphären und Identitätsbausteine heutzutage zusammen die urbane Kultur ausmachen und welche Lebensstile aus ihr hervorgehen. In diesem Zusammenhang sollen auch zwei Beispiele von Partialkulturen genauer vorgestellt werden.

Zum Schluss werde ich mit Rückgriff auf die Eingangsfragen versuchen, noch einmal zusammenzufassen, wie sich die einzelnen Bausteine zusammensetzen. Auch soll abschließend ein Ausblick erfolgen auf die Zukunft der Stadtkultur und die Perspektiven der Urbanität.

2. Die Wahrnehmung des Urbanen

2.1 Die Stadt: Pro und Contra

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Thesen zum Urbanen Lebensgefühl

- Stadtkultur kennzeichnet sich durch Vielfalt, Veränderung, Schnelllebigkeit, Energie, Bewegung, Flüchtigkeit und Anonymität.
- Urbanes Lebensgefühl kennzeichnet sich durch die Präsenz der Vermischung von Lebensformen, z. B. kultureller, regionaler oder lebensstilistischer Art
- Die Stadt bietet eine Vielzahl an Nischen, in denen sich kulturelle Formationen herausbilden und die den Stadtraum auf unterschiedliche Art und Weise nutzen. Die Nutzung und Gestaltung des Stadtraumes ist ein zentraler Bestandteil von Stadtkultur.
- Die Anonymität der Großstadt ermöglicht frei von sozialer Kontrolle individuelle Potentiale umzusetzen.
- Stadtkultur ist ein hybrides Gebilde, was sich im Lebensgefühl niederschlägt.
- Stadt ist Kommunikation, Öffentlichkeit, Spektakel.
- Stadt bietet ein Riesenangebot von Unterhaltung, Zerstreuung und Konsum.
- Die Stadt ist ein Dschungel, ein Kraftwerk, ein Moloch.
- Die große Zahl an Menschen versammelt auch die verschiedensten Interessen und Bedürfnisse. Es entstehen Kundenkreise für verschiedenste Dienstleistungen und Arten der Bedürfnisbefriedigung und somit Chancen und Arbeitsplätze.
- Die Stadt ist der Ort der kulturellen Innovation einer Gesellschaft, deren Symbolsysteme verändern sich hier und strahlen ab auf das Land. Der Nährboden für kulturelle Kreativität ist die Vielfalt. Innovation entsteht in der Auseinandersetzung zwischen der Dominanzkultur und den verschiedenen Subkulturen als subversive Faktoren. → Urbanes Lebensgefühl wird geprägt durch dieses Aushandeln von Kultur.
- Die Vielfalt erzeugt Nonkonformismus, da sie Alternativen offenbart. Hier werden revolutionäre Ansätze gezeugt, da Ideen aufeinanderprallen.
- Die Stadt ist das Rattern von Straßenbahnen und Zügen, die hallende Atmosphäre von U-Bahn-Schächten, der ständige Geräuschpegel, mal nah, mal fern.
- Die urbane Identität oszilliert zwischen der Vertrautheit der Nische bzw. des bevorzugten Milieus des Individuums und der Flüchtigkeit, Nichtfassbarkeit und Vermischung des ganzen Systems Stadt.
- Die Menschen der Stadt stehen einander fremd und gleichgültig, aber auch tolerant gegenüber.
- Die Stadt ist Anziehungspunkt für Aufsteiger, Arme und Verfolgte, hier kann man sich evtl. aus sozialen Zuweisungen und Schichtzwängen lösen.
- Die Stadt ist riesige Industriegebiete mit rauchenden Schornsteinen, ebenso große Hafenanlagen mit Kränen, Grünanlagen mit Badestellen oder Parks zum Grillen im Sommer.
- Stadt ist Straße, grauer Asphalt und Blick nur auf Gebäude und bemalte Häuserwände.
- Stadt sind die architektonischen Zentren der Macht wie Parlamente, Schlösser, Gedenkstatuen und Rathäuser.
- Die Stadt ist laut und bietet keine Luft zum atmen.
- Die Hektik der Stadt frisst die Seele auf.
- Stadt ist die bauliche Gestaltung der Umwelt.
- Die Stadt ist auch ihre Vorstädte und damit Hass, Gewalt, Entleerung und Unterdrückung.

2.3. Kommentar

Ich denke, aus der Sammlung von Thesen ist ersichtlich geworden, worum es bei der Analyse des urbanen Lebensgefühls bzw. urbaner Kultur geht, der Leser hat sicherlich seine Vorstellung erneuern können und die Liste um den einen oder anderen Punkt ergänzt. Was zunächst einmal deutlich wird, ist die enorme Vielfalt der Aspekte von Urbanität. Obwohl sie sich inhaltlich sehr stark unterscheiden, fügen sie sich gerade deshalb zum Bild der Stadt zusammen. Die Tabelle verdeutlicht weiterhin, dass es sowohl positive als auch negative Assoziationen sind, die das urbane Lebensgefühl prägen und zu dessen Charakterisierung nötig sind.

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Thematik ist es im nächsten Schritt notwendig, die Ansammlung zu typologisieren, also grundlegende Kennzeichen herauszuarbeiten und die Bausteine zu katalogisieren.

3. Zur Theorie des Urbanismus

3.1 Geographisch-Kulturelle Einordnung

Bevor ich näher auf die wissenschaftliche Theorie des Urbanen eingehe, ist es wichtig, den Kontext zu umreißen, in welchem die getroffenen Aussagen gültig sind. In der Thesensammlung und den weiteren Ausführungen kommt ein Verständnis von Urbanität zum Ausdruck, welches sich primär auf den westlich-abendländischen Kulturkreis anwenden lässt. Obwohl westliche Normen und Werte heutzutage über globalen Einfluss verfügen und gerade in den Städten überall auf der Welt in erheblichem Maß Gültigkeit besitzen, wäre es verkürzt, sie als universal zu betrachten.

Ein grundlegendes westlich-europäisches Charakteristikum und Ideal von Urbanität ist die Öffentlichkeit. Der Europäer stellt sich unter der Großstadt öffentliche Plätze vor, so wie Parkanlagen, Boulevards, Kirchplätze, Museen, Theater oder Restaurants (Schiffauer 1997: 130). Anders ausgedrückt, handelt es sich hierbei um Orte, an denen sich eine Vielzahl von einander fremden Menschen aufhält und begegnet. Als Stadtbewohner oder gerade auch als Besucher sucht man diese Orte gezielt auf, um ein Gefühl von Urbanität in der spezifischen Ausprägung der betreffenden Stadt zu bekommen. Plätze wie der Times Square in New York oder die Reeperbahn in Hamburg mit ihrem „Gewusel“ von einander völlig fremden Menschen sind Synonym für die Stadt und ihr Lebensgefühl. Wer dieses spüren möchte, sucht zu diesem Zweck diese Orte auf. Nach der europäischen Idealvorstellung geht derjenige, der sich unterhalten und amüsieren möchte, in die Öffentlichkeit an hierfür vorgesehene Orte und trifft dort auf fremde Gleichgesinnte.

Schiffauer (1997: Kap.6) führt in seinem Buch aus, dass sich dieses westliche Ideal der Öffentlichkeit als Grundbaustein urbaner Kultur nicht auf islamische Gesellschaften übertragen lässt. In islamischen Gesellschaften haftet derartigen Orten der Vergnügung und Unterhaltung traditionell ein eher schlechtes Image an, nämlich das von Gefahr, Unkultur, Sittenlosigkeit und Entehrung (vgl. ebd.: 132-134). Die Öffentlichkeit und ihre Unkontrollierbarkeit stellt eine Gefahr und somit das Gegenteil eines erstrebenswerten Ideals dar. Wer in solchen Gesellschaften ausgehen und sich amüsieren möchte, begibt sich auf Familienfeiern wie Hochzeiten oder Beschneidungen und nicht in die Diskothek. Diese Veranstaltungen sind im Zugang kontrolliert und erlauben somit ein gefahrloses sich Gehen lassen und feiern.

Meiner Meinung nach treffen diese Annahmen auch auf viele weitere, nicht unbedingt islamische Gesellschaften außerhalb Europas und Nordamerikas zu, wo Vergnügung und Unterhaltung traditionell ebenfalls über Verwandtschaftsstrukturen organisiert ist. Wie bereits angesprochen sind diese Strukturen heutzutage durch Jahrhunderte währenden kulturellen Imperialismus in vielen außereuropäischen Gesellschaften zum Teil aufgebrochen. So finden sich auch in fast allen Städten der südlichen Welt öffentliche Orte, die zur lokalen urbanen Identität beitragen. Allerdings ist das urbane Lebensgefühl aufgrund der traditionellen gesellschaftlichen Wurzeln nicht so stark in der Idee der öffentlichen Repräsentation begründet, in vielen Städten in diesen Teilen der Welt fügt sich der urbane Charakter bis heute in deutlich anderer Gewichtung zusammen.

Sharon Zukin bezeichnet in ihrem Aufsatz „Städte und die Ökonomie der Symbole“ (1998) die Kultur als Bedingung für Urbanität (vgl. Zukin 1998: 27). Gemeint ist hiermit die sog. „Hochkultur“ nach westlichem Verständnis, also eine bestimmte Form von Architektur, Kunst und Technik. In dieser Argumentation wird das Gefühl des Urbanen erst durch das Vorhandensein bestimmter Bauwerke, Denkmäler und Museen geschaffen, beispielsweise macht erst das Brandenburger Tor Berlin zu Berlin oder der Kreml Moskau zu Moskau. Derartige materielle Kultursymbole finden sich nur in den großen Städten und sind repräsentative Dokumente des gesellschaftlichen Selbstverständnisses und ihrer historischen Entwicklung oder auch Entwürfe gesellschaftlicher Visionen. Nach Zukin verfügen etwa Provinzstädte oder große Vorstadtsiedlungen nicht über genügend Kultur, um ein urbanes Gefühl hervorzubringen (ebd.). Eine Kultur der Urbanität kann also nicht ohne diesen Aspekt materieller Kultur erzeugt werden, wenngleich auch weitere Faktoren ebenfalls dazu beitragen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das urbane Lebensgefühl - Überlegungen zur Kultur der Stadt
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Institut für Ethnologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Urbanethnologie
Note
1.7
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V55852
ISBN (eBook)
9783638507004
ISBN (Buch)
9783638664158
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lebensgefühl, Kultur, Stadt, Hauptseminar, Urbanethnologie
Arbeit zitieren
M.A. Jan Küver (Autor), 2005, Das urbane Lebensgefühl - Überlegungen zur Kultur der Stadt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55852

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