Exegese zu Genesis 50, 15-26


Hausarbeit, 2005

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Vorbesinnung
0.1. Sprachliche Analyse

1. Übersetzungsvergleich

2. Kontext und Abgrenzung

3. Gliederung

4. Literarkritik

5. Formkritik

6. Mündliche Überlieferungsgeschichte

7. Redaktionsgeschichte

8. Begriffserklärungen aus der Zeitgeschichte

9. Traditionsgeschichte

10. Religionsgeschichtlicher Vergleich

11. Einzelexegese

12. Skopus

13. Verkündigungsansatz

0. Vorbesinnung

In meiner Exegese habe ich mich mit dem Bibeltext aus Genesis Kapitel 50, Verse 15-26 beschäftig. Der Text schildert die Situation Josefs und seiner Brüder in einer sehr lebensnahen Weise. Die Ängste der Brüder und die damit verbundene Traurigkeit Josefs sind auch heute sehr gut nachzuvollziehen, was es leichter macht den Bibeltext auf mögliche heutige Situationen zu beziehen.

Die vorliegende Textstelle ist mir nur in Ansätzen bekannt. Für mich verbindet sich damit die gesamte Josefsgeschichte und somit auch die Vätergeschichten im Alten Testament. Der Text selbst warf beim ersten Lesen einige Fragen auf: Wie ist der Begriff „heimsuchen“ aus Vers 24f zu verstehen und warum rahmen die Verse 19 und 21 den Vers 20 mit dem Satz „fürchtet euch nicht“ ein? Wie ist der Satz „auf die Knie Josephs geboren“ (Vers 23) zu verstehen?

Sprachliche Analyse

Im Rahmen der sprachlichen Analyse fällt auf, dass der Text zu einem großen Teil aus wörtlicher Rede besteht. Von Vers 15 bis Vers 18 sprechen die Brüder und ab Vers 19 spricht nur noch Josef, wenn auch von erzählerischen Elementen unter- brochen.

Weiterhin fällt die Verwendung des Wortes „und“ in den Versen 18, 24 und 26 auf. In den Versen 24 und 26 wird „und Josef (…)“ als Parallelismus verwendet. In V.18 verhält es sich ähnlich, nur dass es dort heißt „und seine Brüder (…)“. Bei dieser Betrachtung ist auch die ursprüngliche Verwendung des Wortes „und“ im hebräischen Urtext zu berücksichtigen, wo es für den Leser ein Komma ersetzte.

Ebenso scheint die Wiederholung der Altersangabe Josefs in den V.22 und 26 ein Formmerkmal zu sein. Genauso in den V.24 und 25, in denen jeweils vom „heimsuchen“1 die Rede ist.

1. Übersetzungsvergleich

Beim Übersetzungsvergleich habe ich folgende Bibelausgaben miteinander ver- glichen: Revidierte Elberfelder Übersetzung, Luther Übersetzung von 1984 und die Übersetzung des Alten Testaments Deutsch Band 2-4 von Gerhard von Rad. Die direkte Gegenüberstellung dieser drei Bibelübersetzungen ist unter dem Punkt „Ergänzende Materialien“ zu finden.

Sowohl die revidierte Elberfelder Übersetzung, als auch das ATD von Gerhard von Rad versuchen möglichst nahe am Urtext zu übersetzen. Die Lutherübersetzung von 1984 hat das Ziel, den hebräischen Urtext möglichst in den heutigen Sprachgebrauch zu übersetzen, ohne dabei die ursprüngliche Bedeutung des hebräischen Textes zu verlieren.

In V.20 verwendet das ATD als einzige Bibelübersetzung den Begriff „viele Men- schen“. Dem gegenüber heißt es sowohl in der revidierte Elberfelder Übersetzung, als auch in der Luther Übersetzung von 1984: „Volk“ Die urtextnahe Übersetzung des ATD lässt auf das gesamte Volk (Ägypter und Israeliten) schließen, die bei- den anderen Übersetzungen könnten den Leser ausschließlich auf das (Gottes-) Volk Israel schließen lassen. Der Unterschied läge darin, dass Gott nun die Ägyp- ter - welche die Israeliten unterdrücken - mit versorgt oder nicht.

Gänzlich unterscheiden sich die verwendeten Übersetzungen in V.21. Hier heißt es „(…) zu ihrem Herzen (…)“2, „(…) mit ihnen (…)“3 und „(…) redete ihnen freundlich zu (…)“4. Indem die rev. Elberfelder Bibel „zu ihrem Herzen“5 schreibt, drückt sie viel mehr aus, als die beiden anderen Bibelübersetzungen. Hier tröstet Josef nicht nur oberflächlich, er geht auf das ein, was die Brüder in dieser Situation am meisten beschäftigt (ihre Angst) - ihr Herz ist wirklich ein „Ort persönlicher Geheimnisse“6.

Eine weitere auffällige Unterscheidung gibt es im V.23, wo es heißt „(…) auf die Knie Josephs geboren.“7 und „(…) wurden dem Hause Josefs zugerechnet.“8.

Hierauf wird aber näher in Punkt 11 - Einzelexegese, V.23 eingegangen.

In V.24 unterscheidet sich das ATD in seiner Wortwahl von den anderen beiden Übersetzungen, in der es heißt „(…) wird euch heimsuchen (…)“9. Hier stellt sich die Frage, wie das Wort heimsuchen im damaligen Sprachgebrauch verstanden wurde. Gerhard von Rad übersetzt den biblischen Urtext mit den Worten „(…) Gott wird sich eurer annehmen (…)“10, was auf eine ursprünglich andere Bedeu- tung des Wortes heimsuchen hinweisen könnte, als es heute der Fall ist.

Eine weitere Unterscheidung findet sich in V.26, wo von salben und balsamieren die Rede ist.11

Für die weitere exegetische Arbeit habe ich die Luther Übersetzung von 1984 zu Grunde gelegt.

2. Kontext und Abgrenzung

Der Sinn-Abschnitt Gen. 50, 15-26 kann als sinnvoll erachtet werden, da zwi- schen den Versen 1-14 und 15-26 ein Personenwechsel stattfindet. Im ersten Teil geht es im Wesentlichen um den Tod Jakobs und sein Begräbnis in Kanaan (Gen 50, 13). Der zweite Abschnitt handelt dagegen von der Versöhnung der Brüder und „(…) Josesphs Lebensabend (…)“12. Die Trennung der Verse 15ff von den vorangegangen ist ebenfalls wichtig, da Josef neben Jakob eine zweite Zentralfi- gur in der Hinführung zur Exodusgeschichte ist. Da es in den Versen 15ff um die Wirkung des Todes Jakobs für das Vaterhaus geht, muss dieser Teil von der ho- hen Ehrung durch Ägypten getrennt werden (vgl. dazu auch Horst Seebass, Gene- sis, Seite 198).

Insgesamt stellt die Joseferzählung und damit auch die Verse 15-26 eine Hinfüh- rung und gleichzeitige Verbindung zum späteren Auszug des Volkes Israel dar,

welche im Exodus geschildert ist13.

3. Gliederung

1. Versöhnung der Brüder mit Josef (V. 15-21)
1.1. Besorgnis der Brüder (V. 15-18)
1.1.1. Erste Annäherung der Brüder an Josef (V. 16-17) Botschaft der Brüder an Josef
1.1.1.1. Weisung Jakobs
1.1.2. Zweite Annäherung der Brüder an Josef (V. 18) Persönliches Vorsprechen der Brüder bei Josef
1.2. Gespräch zwischen Josef und seinen Brüdern (V. 19-21)
1.2.1. „Deutewort“14 als Antwort Josefs (V. 19-20)
1.2.1.1. Stellung Josefs zu Gott (V. 19)
1.2.1.2. Stellung der Brüder zu Gott (V. 20)
1.2.2. Schlusswort von Josef (V. 21b)

2. Epilog als Überblick über das restliche Leben Josefs (V. 22-26)
2.1. Josefs Lebensabend (V. 22-23)
2.2. Letztes Wort Josefs an seine Brüder (V. 24-25)
2.2.1. Weissagung der Landverheißung und Volkswerdung (V. 24)
2.2.2. Eidabnahme Josefs bezüglich seiner Bestattung (V. 25)
2.3. Tod von Josef (V. 26)

4. Literarkritik

Da die V.15-21 eine knappe, folgerichtige Erzählform aufweisen und sich damit deutlich vom Kapitel 45 unterscheiden, handelt es sich vermutlich um eine alte Überlieferung und ist E zuzuordnen. Ergänzend ist zu sagen, dass V.1-14 J zuzuordnen sind15, die auch ohne die V.15ff den Schluss des Genesis Buches bilden könnten. Außerdem notieren die V.15-26 «Elohim» und sind somit ein weiteres Indiz für die Zuordnung zu E.16

Weiterhin ist zu sagen, dass es sich bei Vers 24 vermutlich um einen Nachtrag handelt, der V.23 und V.25 miteinander verbindet. Dafür spricht auch, dass in V.23 die Anredeform für die Söhne Israels gewechselt wird.

Außerdem lässt sich in den Versen 22-26 eine zweimalige Wiederholung von Josefs Alter finden. Die Altersangabe 110 Jahre17 hat zum einen eine besondere Bedeutung in der ägyptischen Tradition und zum anderen, dass es sich um ursprünglich zwei verschieden Endungen der Erzählung gehandelt hat.

5. Formkritik

Betrachtet man die Verse 15-26 im Zusammenhang, kann man von einer Erzäh- lung in Form einer Novelle ausgehen. Hierfür spricht zum einen die sehr kurze Einleitung in das Hauptgeschehen, zum anderen aber auch, dass es sich um eine Folge von mehreren Ereignissen (Tod Jakobs, Angst der Brüder, Annäherung der Brüder usw.) handelt, die „(…)auf einem zentralen Konflikt beruhen.“18. Auch Gerhard von Rad sieht die Josefgeschichte in ihrer Gesamtheit als Novelle und bezeichnet sie als „(…) von Anfang bis Ende in sich organisch zusammenhängen- de Erzählung.“19

Bezüglich der Fragestellung, welchen „Sitz im Leben“ die Josefgeschichte hatte, könnte man vermuten, dass sie im Rahmen einer Volksversammlung (z.B. Passahfest) erzählt wurde. Hier würde sie dann „(…) der Identifizierung des Einzelnen mit der Geschichte seines Volkes (…)“20 dienen.

6. Mündliche Überlieferungsgeschichte

Bei der Joseferzählung dürfte es sich um eine lange mündliche Überlieferungstradition handeln. Durch die Trennung Josefs von seiner Familie sind in dem vorliegenden Text wohl verschiedene Überlieferungen und Sichtweisen bei der späteren Abfassung des biblischen Textes zum Tragen gekommen.

7. Redaktionsgeschichte

Auffällig ist die Einrahmung von V.20 durch V.19 und V.21. Zweck des Redaktors ist vermutlich gewesen, Josefs Antwort besonders deutlich hervor zu heben. Es ist aber noch ein weiterer - für den Leser wichtiger Aspekt zu erkennen: V.19f. erweitert den Blick des Lesers auf den Bereich Gottes, während Vers 21 wieder zurück in den Bereich der Familie fokussiert.

Wie bereits im Punkt Literarkritik gesagt wurde, handelt es sich bei den Versen 22 und 26 vermutlich um zwei ursprünglich getrennte Schlussworte21. Sie rahmen je- doch durch die Altersnennung auch die Verse 23-25 ein. So unterstützen sie die vorgenommene Eingliederung als Epilog22. Die V.23-25 wiederum rahmen den V.24 ein: Die Weissagung der Landverheißung und Volkswerdung der Söhne Is- raels scheint in die umliegende Familienszene eingebettet zu sein.23

8. Begriffserklärungen aus der Zeitgeschichte

Sünde (V.17). Die Sünde im Alten Testament bezeichnete ein Handlungsweise, derer man sich schämen musste. Das hebräische Wort für Sünde bedeutet wörtlich übersetzt soviel wie sich verfehlen bzw. sich vergehen. Das konnte sowohl unwissentlich als auch wissentlich geschehen. Beging demnach jemand mit Absicht eine Sünde, ist die hebräische Bedeutung sich auflehnen.24

Volk (V.20). Übersetzt man das hebräische Wort für Volk direkt ins Deutsche, er- hält es die Bedeutung von „(…) ’Mitsammenheit’, ein ‚Beieinanderseiendes’.“25. Die mütterliche Wärme, damit verbundene „(…) Treue, Vertrautheit und Zutrau- lichkeit (…)“26 spielen bei der Übersetzung ins Deutsche ebenfalls eine Rolle. Mit Volk kann in der Bibel sowohl die Bevölkerung eines bestimmten kollektiven Le- bensraumes als auch die Menschen auf der gesamten Erde gemeint sein. Ebenso denkbar sind alle möglichen enger begrenzten Gebiete (z.B. Städte). Eine beson- dere Bedeutung hat der Begriff des Volk Gottes. Hiermit ist das Volk Israel ge- meint, das durch die Erwählung Gottes untrennbar mit ihm verbunden ist.27

Heimsuchen (V.24f.). Wörtlich übersetzt bedeutet es im Hebräischen „(…) sich vorsetzen. Beim Sich-Vorsetzen geht es um ein Vor-das-Angesicht-Bringen, (…) um neu zuzuordnen und damit eine neue Beziehung auszusprechen.“28 Ebenso kann es mit aufsuchen übersetzt werden. In der Übersetzung von Gerhard von Rad heißt es: „(…)Gott wird sich eurer annehmen(…)“29. Betrachtet man das Wort annehmen, ergeben sich weitere interessante Aspekte. So z.B. Rolf Rendtorff, Theologie des AT, Seite 67f.: Er weist auch auf Bedeutungen wie «jemanden oder etwas überprüfen», «kontrollieren» oder «nach dem Rechten sehen» hin. Heimsu- chen kann also „(…) Zuwendung und Heil bedeuten, aber auch Strafe und Unheil. Gott ahndet den Verstoß gegen seine Gebote, (…) aber er wendet denen seine Gü- te zu, die seine Gebote halten.“30

9. Traditionsgeschichte

Eid (V.25)

Nach Calwer Bibellexikon, Art.: Eid, Schwur, schwören, Seite 239ff: Durch den Eid soll das gesagte Wort als besonders verlässlich gekennzeichnet werden. Ins- besondere, da ein höheres Wesen (Gott) als übergeordnete Instanz angerufen wird. Diese soll zum einen für das gesagte Wort bürgen und zum anderen die strafende Wirkung im Falle des Eidbruches erfüllen. Die Bedeutung des Eides hat sich im Laufe der Zeit stark gewandelt. Während er im alten Volk Israel sehr gewissenhaft und nur für besondere Zwecke gebraucht wurde, verlor er wegen seiner sehr häu- figen Verwendung gegen Ende der Königszeit stark an Bedeutung.

[...]


1 Rev. Elberfelder Übersetzung und Lutherübersetzung von 1984

2 Rev. Elberfelder Übersetzung

3 Luther Übersetzung von 1984

4 ATD, Gerhard von Rad, Seite 375

5 Rev. Elberfelder Übersetzung

6 Kleines Bibellexikon, Aussaat Verlag Neukirchen Vluyn, Seite 127

7 Rev. Elberfelder Übersetzung und ATD, Gerhard von Rad, Seite 375

8 Luther Übersetzung von 1984

9 Rev. Elberfelder Übersetzung und Lutherübersetzung von 1984

10 ATD, Gerhard von Rad, Seite 375

11 Vgl. Art.: Salben, Punkt 9 - Traditionsgeschichte

12 Biblischer Kommentar AT, Claus Westermann, Seite 235

13 vgl. Claus Westermann, biblischer Kommentar zum AT. Seite 237

14 Biblischer Kommentar AT, Claus Westermann, Seite 231

15 vgl. Horst Seebass, Genesis, Seite 202ff

16 Vgl. Horst Seebass, Genesis, 3. Josephgeschichte, Seite 202

17 S.a. Punkt 9 Traditionsgeschichte

18 Meyers Lexikonredaktion, Meyers großes Handlexikon, Seite 607

19 ATD, Gerhard von Rad, Seite 379

20 A. Synofzik, Arbeitsblatt zur hist. Textauslegung-Methodik Nr. 7

21 Vgl. Punkt 4 - Literarkritik

22 Vgl. Punkt 3 - Gliederung

23 vgl. Horst Seebass, Genese, 3. Josephgeschichte, Seite 204

24 Vgl. Calwer Bibellexikon, Seite 1292

25 F. H. Baader, Wortkunde der Bibel und Etymologie ü.d. Herkunft europäischer Sprachen, Seite 811

26 Ebda.

27 Vgl. Calwer Bibellexikon, Seite 1395

28 F. H. Baader, Wortkunde der Bibel und Etymologie ü.d. Herkunft europäischer Sprachen, Seite 811

29 ATD, Gerhard von Rad, Seite 375

30 Rolf Rendtorff, Theologie des AT, Seite 68f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Exegese zu Genesis 50, 15-26
Hochschule
CVJM-Kolleg Kassel  (Kassel)
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V55883
ISBN (eBook)
9783638507219
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exegese, Genesis
Arbeit zitieren
Christian Herzog (Autor), 2005, Exegese zu Genesis 50, 15-26, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55883

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