Zeit und Geschichte bei Hegel


Seminararbeit, 2004
22 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Prolegomena

2 Zur Einführung
2.1 Die Relevanz des Hegel’schen Denkens für die Gegenwart
2.2 Zum Begriff der „Dialektik“
2.3 „Alles lebt in der Gottheit“ oder der Weltgeist

3 Hegels Geschichtskonzeption
3.1 Die Vernunft in der Geschichte
3.2 Theodizee
3.3 Fortschritt im Bewusstsein des Geistes
3.4 Die Geschichte als dialektische Bewegung
3.5 Die Lehre von den welthistorischen Individuen oder
„die List der Vernunft“

4 „Die ewige Gegenwart“ oder Hegels Zeitverständnis

5 Resümee

6 Literaturverzeichnis

„Hegel leugnete die Zukunft, keine Zukunft wird Hegel verleugnen.“[1]

Ernst Bloch, Subjekt – Objekt. 1951

1 Prolegomena

Das der Arbeit vorangestellte Zitat des deutschsprachigen Schriftstellers und Philosophen Ernst Bloch kehrt auf anschauliche Weise die Ambivalenz zwischen Hegels Abneigung gegen utopische Zukunftskonzeptionen und seiner postumen Einflussnahme auf die Theorie des Marxismus um. Es wäre zu einfach, würde man behaupten, nach Hegels Tod sei die deutsche philosophische Klassik zusammengebrochen, habe sich die Philosophie in den Niederungen des Positivismus und Materialismus verloren und sei erst nach 1871 wieder aufgestiegen. Die Schüler Hegels genossen noch einige Zeit den Vorzug für die Besetzung der Lehrstühle vor anderen.[2] An den meisten deutschen Universitäten wurde Hegels Philosophie gelehrt, und in der scharfen Antithese seiner Gegner blieb Hegel der heftig umkämpfte und doch unbestrittene Herr der Philosophie des 19. Jahrhunderts.

Der preußische Staatsphilosoph gibt uns bei genauem Lesen tatsächlich nur wenig Anlass ihn als einen Konservativen zu klassifizieren.[3] Es erweist sich aus meiner Sicht als nicht unbedingt konservativ, das Rationale, ein absolutes System im Wirklichen zu sehen, besonders weil es sich hier um eine aktive Rationalität handelt, die das Wirkliche umformt. Natürlich war Hegel kein Revolutionär. Die These, dass das Rationale wirklich wird, machte es jedoch unmöglich für ihn an der herkömmlichen konservativen Haltung seiner Zeit teilzunehmen, die an traditionellen und etablierten Wertsystemen festhielt. Was sich bei Hegel als konservativ oder wenigstens nichtrevolutionär darstellt, hat seinen Ursprung in der Vorstellung, dass die Rationalität des Wirklichen nicht die Rationalität des Menschen, sondern die des Geistes ist. Ebenso lehnte Hegel revolutionäre Aktivitäten deshalb ab, weil aus seiner Sicht die Geschichte einen Entwicklungspunkt erreicht habe, auf dem keine Revolutionen mehr notwendig seien, denn die Grundlagen für das Sinnbild des rationalen Staates, Preußen, waren bereits geschaffen.[4]

Im Spannungsfeld zwischen unterschiedlichen Lesarten liegt es nun umso mehr an mir die Problematik der Zeit und Geschichte bei Hegel möglichst einsichtig darzustellen und auf etwaige Unschärfen seitens der äußerst umfangreichen Literatur hinzuweisen.

Bevor wir jedoch mit unserem Streifzug durch die Hegel’sche Philosophie beginnen wollen, erweist es sich als unumgänglich zuvor noch die Relevanz dieser schillernden Persönlichkeit der deutschen Philosophie für die Gegenwart näher zu beleuchten. Mit einer Einführung in Hegels Verständnis der Dialektik gerüstet wird es uns schließlich gelingen die wichtigsten Begriffe seiner Geschichtsauffassung zu entschlüsseln und einer näheren Analyse zuzuführen. Am Ende wird es uns ebenso wenig erspart bleiben einen kurzen Blick in das Zeitverständnis Hegels zu werfen, um den Begriff der Gegenwärtigkeit als absolute Gegenwart zu begreifen.

2 Zur Einführung

2.1Die Relevanz des Hegel’schen Denkens für die Gegenwart

„Hegel, ein platter, geistloser, ekelhaft-widerlicher, unwissender Scharlatan hat den intellektuellen Verderb einer ganzen gelehrten Generation zur Folge gehabt.“[5]

Dieser Satz, der an Deutlichkeit wohl nichts übrig lässt, stößt nicht irgendwer in der Unbesonnenheit des Augenblicks aus. Der ihn schreibt ist kein geringerer als Arthur Schopenhauer. Dieser lässt es auch nicht bei einem einmaligen Ausbruch bewenden. Seine Schriften sind vielmehr von immer erneuten Ausfällen gegen Hegel durchzogen. Aber die Zukunft, so orakelt Schopenhauer, werde die Wahrheit über Hegel ans Licht bringen.[6]

Wie aber hält es die Nachwelt tatsächlich mit Hegel? Es gibt eine unübersehbare Zahl von Schriften über Hegel, es gibt Hegel-Kongresse in aller Welt, man findet Hegelianer in allen Schattierungen. Ja, Hegel greift, über seinen Schüler Marx sogar in die konkreten Geschehnisse unserer gegenwärtigen Welt ein; sein Gedanke wirkt daran mit, den Planeten mitzugestalten.

Insbesondere die Entwicklung eines modernen Freiheitsbegriffs ist eines der wichtigsten Vermächtnisse des Hegel’schen Denkens und verdeutlicht einmal mehr seine Relevanz für die moderne Philosophie. Charles Taylor schreibt dazu in seiner bahnbrechenden Arbeit zu dem preußischen Staatsphilosophen:

„Er [Hegel] trug dazu bei, einen Begriff der Freiheit als totaler Selbsterzeugung zu entwickeln, der in seiner Philosophie zwar nur für den kosmischen Geist zutraf, aber nur auf den Menschen übertragen zu werden brauchte, um die Vorstellung von der Freiheit als Abhängigkeit nur von sich selbst ihrem absoluten Dilemma zuzuführen.“[7]

Hegel spielte vor allem eine wichtige Rolle bei der Verdichtung des von Taylor geschilderten Konflikts, der die Diskussion um den Freiheitsbegriff nach sich zog, denn die absolute Freiheit hat durch Marx und seine Nachfolger eine beispielslose Wirkung auf das politische Leben und die politische Theorien erlangt. Und eine der Quellen des Denkens von Nietzsche, das die nihilistischen Konsequenzen aus dieser Idee zog, war die junghegelianische Revolte der Jahre um 1840.[8]

In gewissem Sinne war „mit Hegels Tod ein Stillstand eingetreten“[9], nicht jedoch in der von ihm selbst gemeinten Weise, dass in seinem System der Schlussstein aller philosophischen Entwicklungen gesetzt sei. Vielmehr wurde durch die wachsenden Fortschritte der Einzelwissenschaften der Herrschaft der Philosophie Schranken gesetzt. Die Schülerschaft Hegels spaltete sich in eine „Rechte“ und „Linke“[10]. Dabei bezogen die konservativen Althegelianer (Oppenheim, Rosenkranz, Rössler) auf den rechten Flügel Stellung und „verteidigten das Recht alles historisch Gewordenen auf politischen, philosophischen und theologischen Sektor“[11]. Der linke Flügel, vor allem repräsentiert durch Feuerbach, Bruno Bauer, Engels und Karl Marx, beanspruchte die dialektische Methode Hegels für sich und erhob sie, wie bereits im Vorwort angedeutet, zum revolutionären Prinzip.

In der Geschichtswissenschaft musste Hegels teleologische Weltgeschichte und die von ihm beeinflusste ideengeschichtliche Historiographie in Gegensatz zur wachsenden positiv faktischen Forschung treten.[12] Dieser historischen Tatsachenforschung trat die exakt-naturwissenschaftliche Entwicklung zur Seite, die für Hegels „metaphysische und religiöse Spekulationen“[13] nur noch Geringschätzung übrig hatte.

Während den Berliner Jahren von 1818 bis zu seinem Tod 1831 befand sich Hegel auf der Höhe seines Ruhmes. Die führenden Persönlichkeiten seiner Zeit nahmen als Hörer an seinen Vorlesungen teil, sein Arrangement mit dem preußischen Staat und der politischen Idee der Restauration, worauf wir später noch genauer zu sprechen kommen wollen, legte den Grundstein für seine Bedeutung als preußischer Staatsphilosoph.

Eine Quelle von Hegels intellektueller Herkunft ist der schwäbische Pietismus, eine stark gnostische Richtung des schwäbischen Protestantismus. Grundzug des jungen Hegels ist sein gesammelter Ernst. Das ändert sich auch nicht als er die Universität besucht und im Tübinger Stift der altberühmten schwäbischen Theologenschule Aufnahme findet. Zimmergenossen sind unter anderen der gleichaltrige Hölderlin, sowie der frühreife Schelling, mit denen er die Französische Revolution begrüßt. Letzterer, der bereits mit 23 Jahren in Jena zum Professor ernannt worden ist, holt seinen Jugendfreund Hegel nach und bietet ihm eine Stelle als Privatdozent an. Dort selbst erlebt Hegel 1806 den Einmarsch der Franzosen und vollendet sein bedeutendstes Werk „Die Phänomenologie des Geistes“, wie er selbst schreibt „unter dem Donner der Schlacht von Jena“[14]. Aufgrund seines zeitlebens chronischen Geldmangels nimmt er unterschiedliche Posten ein, Zeitungsredakteur oder auch Gymnasialrektor. Erst mit 46 Jahren wird Hegel Professor, zunächst in Heidelberg, dann in Berlin. Wesentlich ist, dass Hegel nun eine mächtige Wirksamkeit an der Universität entfaltet, die ihm in Kürze zum Philosophen Deutschlands macht. Mehr und Mehr wird seine Philosophie, wie schon die seines Vorgängers Fichte, bestimmend für die geistige Gestalt des preußischen Reichs. Der Ruhm dauert nicht lange, mit 61 Jahren, also 1831 stirbt Hegel vermutlich an der Cholera.

Wollen wir uns nun endlich Hegels Philosophie in Form einer ersten Einführung zuwenden.

2.2 Zum Begriff der „Dialektik“

Was ist der Antrieb Hegels, Philosophie zu betreiben? Er möchte ergründen, was es in der Tiefe mit all dem auf sich hat, was uns als Wirklichkeit umgibt, und wie es mit dem Menschen steht, der sich denkend und handelnd in dieser Wirklichkeit bewegt. Hegel will große Philosophie schreiben, dazu entfaltet er seine Philosophie zum System, was die gesamte fassbare Wirklichkeit in sich einschließt und „zur letzten großen Metaphysik des abendländischen Geistes wird“[15].

Dem Leser ist sicherlich Hegels Methode der Dialektik vertraut. In ihr erblickt man aber nicht nur den klappernden Rhythmus von Thesis, Antithesis und Synthesis, sondern bei genauem Hinsehen versteht sich sein Denken auch als ein lebendiges Philosophieren, das aus den konkreten Fragen des Daseins resultiert. Bei Beschäftigung mit Kant stößt Hegel auf dessen Entwurf der Ethik, die Pflicht und Neigung aufs schärfste von einander trennt. Mit der daraus entwickelten Vorstellung des Menschen als in sich zerrissenes Individuum, das zwischen „eigentlichen Selbst“, welches sich den moralischen Gesetzen bewusst ist, und dem „empirischen Selbst“[16] mit seinen verwerflichen Neigung hin und her pendelt, ist Hegel völlig unzufrieden. Erst mit Hilfe der Liebe gelingt es dem preußischen Staatsphilosophen die Einigkeit des Menschen wieder auf eine philosophische Basis zu stellen.[17]

[...]


[1] Zitiert nach: Franz Wiedmann: Hegel mit Selbstzeugnissen und Dokumenten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1999 ( rororo monographien 50110). S. 148.

[2] Vgl.: Franz Wiedmann: Hegel mit Selbstzeugnissen und Dokumenten. a.a.O. S. 119f.

[3] Vgl.: Charles Taylor: Hegel. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1978. S. 556ff.

[4] Vgl.: Ebenda S. 555.

[5] Arthur Schopenhauer: Zitiert nach: Wilhelm Weischedel: Die Philosophische Hintertreppe. München: dtv 1987. S. 209.

[6] Vgl.: Ebenda S. 209 f.

[7] Charles Taylor: Hegel. a.a.O. S. 746f.

[8] Vgl.: Ebenda S. 747.

[9] Franz Wiedmann: Hegel mit Selbstzeugnissen und Dokumenten. a.a.O. S. 122.

[10] Die Benennung betreffend halte ich mich an einen Vorschlag v. D. F. Strauß.

[11] Franz Wiedmann: Hegel mit Selbstzeugnissen und Dokumenten. a.a.O. S. 122.

[12] Vgl. dazu: Walter Jaeschke: Hegel Handbuch. Leben-Werk-Dichtung. Stuttgart, Weimar: Metzlar 2003. S. 528-530.

[13] Franz Wiedmann: Hegel mit Selbstzeugnissen und Dokumenten. a.a.O. S. 122.

[14] Friedrich Hegel: Zitiert nach: Franz Wiedmann: Hegel mit Selbstzeugnissen und Dokumenten. a.a.O. S. 36.

[15] Wilhelm Weischedel: Die Philosophische Hintertreppe. a.a.O. S. 213.

[16] Ebenda

[17] Martin Gessmann: Hegel. Freiburg, Basel, Wien: Herder 1999. S.28-32.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Zeit und Geschichte bei Hegel
Hochschule
Universität Wien
Note
1,00
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V55893
ISBN (eBook)
9783638507301
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zeit, Geschichte, Hegel
Arbeit zitieren
Johannes Mattes (Autor), 2004, Zeit und Geschichte bei Hegel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55893

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