Untersuchungen der Körper-Technik-Interaktion beim Skateboarding im Sportgarten Bremen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

46 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zugang zum Feld

3. Theoretischer Hintergrund zur Techniksoziologie und Praxistheorie sowie deren Begrifflichkeiten

4. Methoden

5. Forschungsgegenstand und Forschungsfeld
5.1 Beschreibung des Forschungsgegenstandes
5.2 Beschreibung des Forschungsfeldes

6. Untersuchung der erhobenen Daten vor dem theoretischen Hintergrund unserer Fragestellungen
6.1 Zum Habitus und den Attributen (Sprache, Emotionen, Einstellungen, Kleidung, Gestik, Mimik) der Skater
6.2. Zur Bedeutung des Skateboards als Artefakt und des Skateboardens als Sport sowie der Körper-Technik- Verschmelzung
6.3. Über das Bewegungslernen und das Bewegungsgefühl
6.4 Zum Raum der Skater und den Inklusions- und Exklusionsmechanismen
6.5 Zum Skateboardfahren als Sport und Lebensgefühl
6.6 Die Bedeutung von Risiko, Verletzungen und Schmerzen beim Skateboardfahren

7. Zusammenfassung und Abschlussbetrachtung der Ergebnisse des Projekts

1. Einleitung

Angeregt von unseren Seminaren „Körper-Technik-Interaktion“ und „Sport machen. Zur Ethnografie sozialer Praktiken“ beschäftigt sich dieser Bericht zu unserem Forschungsprojekt mit der Interaktion von Körper und Technik im Feld des Skatenboardfahrens (Skatens). Der Zusammenhang von Körper und Technik ist in der Soziologie von großem Interesse, um die Entstehung, Entwicklung und Veränderungen von sozialen Praktiken näher beleuchten zu können. Nicht umsonst beschäftigen sich namhafte Soziologen wie Bourdieu, mit seiner Arbeit zum Entwurf einer Theorie der Praxis (BOURDIEU: 2002) und andere Arbeiten u. a. von Foucault (FOUCAULT: 2003) und Hörning (HÖRNING: 2001) damit, wie soziale Praktiken aus einer wechselseitigen Abhängigkeit von Subjekt bzw. Mensch und Objekt bzw. Welt entstehen.

Grundsätzlich gehen die Ansätze der verschiedenen Autoren zwar in dieselbe Richtung, soziale Praktiken weder ausschließlich objektivistisch, noch subjektivistisch zu erklären, jedoch unterscheiden sich die teilweise sehr kontroversen Ansätze zur Praxistheorie in zwei grundsätzliche Stoßrichtungen. Die eine Stoßrichtung versucht stark vereinfacht ausgedrückt soziale Praktiken eher als Routinen im gesellschaftlichen Umfeld zu erklären, während die andere Stoßrichtung die Unberechenbarkeit der sozialen Praktiken aufgrund der im Subjekt innewohnenden Kräfte betont. (vgl. RECKWITZ: 2004. S. 1-2)

Das Feld des Sports scheint besonders geeignet zu sein, etwas über die Ethnografie und die sozialen Praktiken innerhalb unserer Gesellschaft samt ihrer Subgesellschaften herauszufinden, da im Sport Körper und Technik in einem Interaktionsprozess maßgeblich beteiligt sind. Wir greifen uns innerhalb unserer Makrogesellschaft die Mikrogesellschaft der Skater heraus, weil anhand dieser die Beziehung von Körper und Technik, ihre mögliche Interdependenz und die Bedeutung von modernen Sportgeräten wie z. B. des Skateboards für soziale Praktiken uns besonders gut und anschaulich beleuchtbar erscheinen. Insbesondere das Skaten, welches sich überhaupt erst durch das moderne Sportgerät des Skateboards entwickeln konnte, also in erheblichem Maße vom Sportgerät abhängig ist, schien uns geeignet unsere Thematik zu bearbeiten und weckte großes Interesse in uns.

Das Skaten ist eine moderne Trendsportart, die sich in den 60er Jahren in den USA entwickelt hat und in den letzten beiden Jahrzehnten auch in Europa mehr und mehr verbreitet hat und die Freizeitwelt sowie das Leben vieler Jugendlicher wesentlich mitbestimmt. Es scheint in den letzten Jahren einen regelrechten Boom von Trendsportarten wie z. B. Skaten, Inline-Skaten, Biken etc. gegeben zu haben, die weitestgehend ohne systematische Vereinstrukturen, in informellen Gruppen und auf der Straße, in der Öffentlichkeit und in neu entstandenen Funparks oder Sportfreizeitanlagen ausgeführt werden.

Ausgehend von der Techniksoziologie als eine spezielle Richtung innerhalb der Soziologie, die sich interdisziplinär mit den gesellschaftlichen Auswirkungen von Technik beschäftigt (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Techniksoziologie) und ausgehend von einer Praxistheorie, die versucht zwischen den Richtungen des Objektivismus (Erkenntnistheoretische Lehre, die von einer personenunabhängigen Bestimmung unserer Normen, Erkenntnisse und Handlungen also auch unser sozialer Praktiken ausgeht) (vgl. http://www.wissen.de/xt/default.do?MENUNAME=Suche&SEARCHTYPE=topic&query=Objektivismus) und dem Subjektivismus (Erkenntnistheoretische Lehre, die von einer personenabhängigen Bestimmung unserer Normen, Erkenntnisse und Handlungen also auch unser sozialer Praktiken ausgeht) (vgl. http://www.wissen.de/xt/default.do?MENUNAME=Suche&SEARCHTYPE=topic&query=Subjektivismus), eine Theorie der sozialen Praxis zu entwickeln, sollen in diesem Bericht von unserer Forschungsarbeit Überlegungen dazu angestellt werden, wie sich die Skatergesellschaft als Mikrogesellschaft innerhalb unserer Makrogesellschaft konstituiert hat und welche Bedeutung die Interaktion von Körper und Technik dafür hat.

Aus der Aufgabe eine Theorie der sozialen Praxis im Feld des Skatens zu entwickeln, die gleichermaßen für die soziale Praxis des Skatens, aber auch für andere soziale Praktiken gilt, resultieren eine Reihe weiterer Fragen, Thesen und Ideen die wir mittels des im Feld der Skater gesammelten Datenmaterials bearbeiten bzw. darstellen. So soll in diesem Zusammenhang ein möglicherweise typischer Habitus der Skater, die Bedeutung des Skateboards als Sportgerät und Artefakt, eine mögliche Verschmelzung von Körper und Sportgerät, die Bedeutung des Bewegungslernen beim Skaten, der Raum und die vorherrschenden In- und Exklusionsmechanismen der Skater, das Skaten als Sport und Lebensgefühl, sowie das Riskieren des eigenen Körpers beim Skaten untersucht werden. Auf der Grundlage von aktuellen Texten und Beiträgen zur Techniksoziologie und Praxistheorie, die sich mit ähnlichen Fragestellungen auf einem allgemeinen theoretischen Niveau beschäftigen, möchten wir unser Datenmaterial dazu nutzen, Aussagen, Hypothesen und Ideen von angesehenen Soziologen nachzuvollziehen, auf das Skaten zu beziehen und anhand unseres Datenmaterials ihre Kernaussagen kritisch zu betrachten und wenn möglich, eine Theorie sozialer Praxis, nicht nur für das Skaten, zu entwickeln, sondern eine die auch Erkenntnisse liefert, die sich auf andere soziale Praktiken übertragen lassen.

Dazu wird nach dieser Einleitung ein kurzer Überblick über den Verlauf unseres Untersuchungsvorhabens gegeben, um dem Leser verständlich zu machen, welche Vorgehensweise beim Forschungsprojekt diesem Bericht zu Grunde liegt. Im dritten Abschnitt der Arbeit wird ein zum Teil rein soziologischer, zum Teil aber auch sportsoziologischer theoretischer Hintergrund für die weitere Bearbeitung unserer Fragestellungen geschaffen. Grundlage bildet hier eine Praxistheorie, die überwiegend von Bourdieu (BOURDIEU: 2002) entwickelt und geprägt wurde und eine Techniksoziologie wie sie u.a. Hörning (HÖRNING: 2001) in seinen Arbeiten beschreibt. In diesem Zusammenhang werden auch die im weiteren Verlauf der Arbeit bedeutsamen Begriffe, vor allem die der Technik, beleuchtet, um auf einer vernünftigen terminologischen Basis anschließend die Daten aus dem Feld der Skater analysieren zu können. Nach dem im vierten Teil auf die methodische Vorgehensweise unserer ethnographischen qualitativen Sozialforschung eingegangen worden ist, wird im fünften Abschnitt der Arbeit, zunächst das Forschungsfeld und der Forschungsgegenstand näher beleuchtet, bevor im Anschluss im sechsten Abschnitt, der den Hauptteil darstellt, das mittels unserer verschiedenen Datenerhebungsmethoden gewonnene Datenmaterial analysiert und bezüglich unserer Fragestellungen unter Berücksichtigung des im dritten Abschnitt geschaffenen theoretischen Rahmens interpretiert wird. Abgeschlossen wird der Bericht durch eine zusammenfassende Schlussbetrachtung, in der die zentralen Hypothesen und Ergebnisse aus dem vorangegangenen Teil zusammengeführt werden und die Erkenntnisse der Körper-Technik-Interaktion im Feld des Skatens auf andere Felder und ein allgemeines Niveau übertragen werden, um somit in enger Anlehnung an die Theorien namhafter Soziologen, eine möglichst in den Daten begründete Theorie bezüglich der Körper-Technik-Interaktion in den Trendsportarten und deren Bedeutung für soziale Praktiken aufstellen zu können.

2. Zugang zum Feld

Bei der Themenauswahl für unser Projekt einigten wir uns auf den „Sportgarten Bremen“ als Forschungsfeld. Zum einen, da der „Sportgarten Bremen“ ein Jugend- und Freizeitprojekt mit einem großen Sportangebot ist, zu dem auch Sportangebote wie Skaten, Free-Climbing, Fußball, Basketball, Inline-Skaten etc. zählen und zum anderen, weil es aufgrund des hohen Sportangebots das ganze Jahr über eine enorm hohe Besucherzahl gibt. Des Weiteren sind die Besucher nicht nur unterschiedlichen Alters, sondern entstammen auch verschiedenen Kulturen.

Da uns das Forschungsfeld viele Möglichkeiten zur Verfügung stellte, überlegten wir uns unter Berücksichtigung des Seminars „Körper-Technik-Interaktion im Sport“ verschiedene Ausgangsfragestellungen, wie z.B. „Vergleich der Körper-Technik-Interaktion von modernen Trendsportarten (Skaten) mit traditionellen Sportarten (Turnen)“ oder „Welche Bedeutung hat die Körper-Technik-Interaktion bei Anfängern und Fortgeschrittenen in einer modernen bzw. traditionellen Sportart?“.

Außerdem kamen Überlegungen hinzu wie z.B.: Die Untersuchung des Skatens als soziale Praxis oder welche Bedeutung hat das Board für den Skater. Aufgrund dieser Vorüberlegung erarbeiteten wir Fragen für die Interviews (siehe Anhang). Mit Hilfe der Fragen wollten wir Informationen über die Innenperspektive der Skater erhalten. Die Interviews sollten daher eher einen offen und narrativen und nicht einen standardisierten oder episodischen Charakter haben. Außerdem überlegten wir uns, wie wir die Außenperspektive der Skater am besten untersuchen könnten. Mit der Außenperspektive der Skater werden z.B. ihre sozialen Praktiken bezeichnet, welche wir anhand einer teilnehmenden Beobachtung untersucht haben. Hierzu entwickelten wir einen Beobachtungsbogen, der uns während der Beobachtung als Orientierungshilfe dienen sollte. Auf dem Beobachtungsbogen standen Schlagwörter wie z.B.: „Atmosphäre, Schaffung eines Raumes, Gestik, Haltung, Umgang mit dem Raum, Musik, Klamotten usw.“. Des Weiteren haben wir in unserer Außenperspektive eine detaillierte Bewegungsbeschreibung von einem Trick gemacht, um so noch mehr Aufschlüsse über die Skater zu erhalten.

Nach einer Absprache mit unserer Seminarleiterin V. Schwabe über unser weiteres Vorgehen, gliederten wir unser Forschungsvorhaben wie folgt:

1. Beobachtung der Skater im Sportgarten Bremen
2. Kontaktaufnahme der Skater
3. Trickvorführung und Beobachtung für die Bewegungsbeschreibung
4. Interviews

Im folgenden Absatz beschreibe ich die tatsächliche Situation im Feld. Wir sind alle am Freitag dem 27.05.05 zum Sportgarten Bremen gefahren. Es war ein sehr heißer Tag. Wir machten uns ein erstes Bild vom Sportgarten und ließen uns von dem regen Treiben der Jugendlichen begeistern. Anschließend suchten wir uns einen geeigneten Platz, von wo wir unsere Beobachtung durchführen konnten. Wir haben uns auf eine Balustrade gesetzt, von wo aus wir einen sehr guten Blick auf die gesamte Skateanlage hatten und nicht unmittelbar von allen Skatern wahrgenommen werden konnten. Für die Beobachtung setzten wir uns ein Zeitlimit von 20 Minuten. Während der Beobachtung sprachen nicht miteinander, damit wir unabhängig voneinander unsere Beobachtung durchführen konnten. Obwohl wir versucht haben uns so unauffällig wie möglich zu verhalten, sind wir durch unsere Zettel und unser eifriges Schreiben aufgefallen. Dennoch hatten wir das Gefühl, dass sich die Skater durch uns nicht stören ließen. Nach unserer Beobachtung suchten wir einen Skater, der uns einen Trick für unsere Bewegungsbeschreibung vormachen konnte. Als wir uns einig waren, fragte Alex den Skater (Sebastian), ob er für uns einen Trick mehrmals zeigen könne und ob er uns danach ein Interview geben würde. Für den Skater war dies kein Problem und er erklärte sich dafür bereit. Dementsprechend machten wir als erstes die Bewegungsbeschreibung von einem Trick („Ollie“), den uns dieser Skater zeigte. Anschließend setzten wir uns mit dem Skater in einen Aufenthaltsraum, um das Interview durchzuführen. Bei dem Interview stellte hauptsächlich Alex die Fragen, nur ab und zu wurden von Thomas, Christian oder mir ergänzende Fragen gestellt. Obwohl wir uns die Fragen vorher überlegt haben, war es nicht leicht ein solches Interview zu führen. Für uns alle war es das erste Interview überhaupt, daher hatten wir einige Probleme, sei es mit der Fragetechnik gewesen oder das wir uns in manchen Situationen etwas unsicher waren. Trotzdem gab das Interview viele nützliche Informationen her. Nach dem Interview suchten wir uns einen zweiten Skater, mit dem wir das gleiche Schema durchgegangen sind, wie mit dem ersten Skater zuvor. Beim folgenden Skater (Christiano) führte Thomas das Interview. Nach dem zweiten Interview setzten wir uns zusammen und reflektierten unsere Durchführungen, wobei wir feststellten, dass die gewonnenen Materialen zunächst weiterverarbeitet werden sollten und schlossen deshalb mit der Untersuchung im Feld ab.

Als nächstes mussten wir die erhoben Daten, die wir im Feld gemacht hatten, auswerten. Jeder von uns machte zunächst eine ausformulierte Fassung von seiner teilnehmenden Beobachtung und seiner Bewegungsbeschreibung. Die Interviews wurden von Thomas und mir kurze Zeit später transkribiert. Danach setzten wir uns wieder einmal mit unserer Seminarleiterin V. Schwabe zusammen und besprachen das weitere Vorgehen.

Als erstes beschlossen wir, dass sich unser Projekt nur auf die Untersuchung der Skater beschränken sollte, somit reduzierten wir unser Thema auf die Innen- und Außenperspektive der Skater aus dem Sportgarten Bremen. Weiterhin überlegten wir uns mit V. Schwabe, wie wir unsere Transkripte der Interviews kodieren sollten, sie gab uns dazu einige Anregungen, wie wir weiter verfahren könnten. Mit Hilfe dieser Anregungen kodierten wir unsere Transkripte in sechs Bereiche auf, Habitus, Bewegungslernen, Bedeutung der Skateboards, Raum, Lebensgefühl und Verletzungen.

Wir teilten die noch offen stehenden Arbeiten unter uns auf und verglichen die bisherigen Ergebnisse bzw. besprachen die weiteren Arbeitsschritte in regelmäßigen Abständen.

Schließlich führten wir eine gemeinsame Überarbeitung des gesamten Berichts durch und komplettierten damit unser Projekt. Beim letzten Treffen mit unserer Seminarleiterin besprachen wir noch letzte Feinheiten, die wir in unseren Bericht miteinbrachen und schlossen damit unsere Arbeit ab.

3. Theoretischer Hintergrund zur Techniksoziologie und Praxistheorie sowie deren Begrifflichkeiten

Für eine Auseinandersetzung mit dem Thema Körper-Technik-Interaktion ist es zunächst erforderlich zu klären, auf welchem theoretischen Fundament dieses Thema basiert und sich herauskristallisiert hat und welche unterschiedlichen aber sehr bedeutsamen Begriffe in diesem Zusammenhang teils neu entwickelt, teils in ihrer Bedeutung und ihrem Aussagegehalt umgewandelt worden sind. Daher wird in diesem Abschnitt vor allem auf die von Bourdieu maßgeblich beeinflusste Theorie sozialer Praktiken (BOURDIEU: 2002) und die von Hörning (HÖRNING: 2001) und seinen Arbeiten geprägte Techniksoziologie eingegangen. In diesem Zusammenhang wird auch ein Versuch unternommen die Begriffe Praxistheorie, soziale Praktiken, Habitus, praktisches Wissen, Dinge, Technik und Black Box zu erklären und in einen Zusammenhang zu bringen.

Erst wenn diese Begriffe geklärt sind und die Verbindung unseres Themas der Körper-Technik-Interaktion mit u.a. Bourdieus Praxistheorie hergestellt worden ist, besteht eine vernünftige theoretische Grundlage, um die von uns im Feld des Skatens erhobenen Daten zu analysieren und zu interpretieren und daraus, mittels einer induktiven methodischen Vorgehensweise allgemeine Erkenntnisse zu ziehen, welche Bedeutung die Interaktion von Körper und Technik für eine Theorie der sozialen Praxis hat. Am Ende dieses Abschnittes wird auch die veränderte Bedeutung von Technik und Körper in unserer modernen Gesellschaft thematisiert.

Zentraler Ausgangspunkt für das Aufkommen des Themas „Körper-Technik-Interaktion“ ist vor allem Bourdieus Praxistheorie, in der er im Wesentlichen versuchte den Dualismus von Subjektivismus und Objektivismus sowie Idealismus und Materialismus aufzuheben. Hierbei knüpfte er vor allem an den Strukturalismus an. Das menschliche Handeln und seine soziale Praktiken sind weder ausschließlich personenabhängig, noch personenunabhängig.

Im Gegensatz zu Foucault betont Bourdieu in seiner Theorie der Praxis, dass die gesellschaftlichen Strukturen, sein soziales Umfeld und seine Herkunft maßgeblich auch seine sozialen Praktiken prägen. In seinen Worten kommt es zu einer aktiven Einverleibung der sozialen Strukturen, die dann in Abhängigkeit vom Subjekt umgedeutet werden. Das Subjekt erzeugt über diese Inkorporierung über Wahrnehmungsprozesse ein stark subjektiv gefärbtes Bild von der objektiv gegebenen Welt. Der Zusammenführungsprozess der einzelnen Sinneseindrücke von der Welt zum konstruierten Gesamtbild von der Welt ist nach Bourdieu nicht nur geistiger Vorgang, sondern auch ein sozialer und praktischer, an dem Körper und Bewegung wesentlich beteiligt sind. Das handelnde Subjekt erlangt die bedeutsamen Spielregeln seiner sozialen Praktiken innerhalb des jeweiligen gesellschaftlichen Umfeldes in der Praxis selbst. Körperliches und Geistiges sind in sozialen Praktiken untrennbar miteinander verwoben, da sie sich durch Geistiges (Bedeutungen, Werte und Wertvorstellungen) und Körperliches (Haltungen, Gesten und Bewegungsmuster) gleichermaßen auszeichnen . Diese Erkenntnis entwickelte und untermauerte Bourdieu durch zahlreiche qualitative empirische Untersuchungen zur Ethnographie. So wird vor allem in der Welt der Kinder und des Sports deutlich, dass die soziale Praktiken von Menschen durch ihr Mittun, Wiederholen, Nachahmen oder Üben insbesondere durch die Schemata, Handlungsprinzipien, Verhaltensweisen und Konstruktionsregeln mitbestimmt werden, die in ihrer sozialen Umgebung gebräuchlich sind. So entwickeln die Menschen handelnderweise subjektive Entsprechungen zu den objektiven Strukturen der sozialen Welt. In diesem Zusammenhang belebte er einen für die Soziologie wichtigen Begriff des Habitus wieder. Darunter versteht Bourdieu „ein praktisches Wissen, Dispositionen, Schemata der Wahrnehmung und des Denkens, des Fühlens, Bewertens, Sprechens und Handelns“. Da der Körper und die Umgangsweise mit ihm einerseits von der Gesellschaft geprägt werden, anderseits aber auch der Körper Mitkonstrukteur der Gesellschaft ist, wird wie es im Titel von Alkemeyer „Die Vergesellschaftlichung des Körpers und die Verkörperung des Gesellschaftlichen“ schon heißt, die Interaktion und wechselseitige Abhängigkeit von Gesellschaft und Körper betont. (vgl. ALKEMEYER: 2001, S. 151-153)

In diesem Abschnitt und auch im ersten Teil der Einleitung war immer wieder von sozialen Praktiken die Rede, ohne das (ganz bewusst noch nicht) darauf eingegangen worden ist, was mit sozialen Praktiken überhaupt gemeint ist. Dies soll an dieser Stelle unter Heranziehung von Hörnings Ausführungen getan werden. Ausgangspunkt für soziale Praktiken ist zunächst das menschliche Handeln, welches nicht autonom vom gesellschaftlichen Umfeld erfolgt, sondern sich immer auf andere Menschen oder Dinge bezieht, also nie „kontextlos“ ist. Obwohl das menschliche Handeln konstitutiv für soziale Praktiken ist, können die Begriffe Handeln und soziale Praxis keineswegs synonym verwendet werden. "Nicht [...] jedes Tun ist schon Praxis." (HÖRNING: 2001, S.160) Handeln innerhalb von sozialen Praktiken muss nicht zwangsläufig absichtsvoll zweckgebunden sein. Hörning macht die Differenz von Handeln und soziale Praktiken deutlich, indem er sagt, dass sich Handeln zu sozialen Praktiken verdichtet. Diesen Verdichtungsprozess macht er in folgendem Zitat gut deutlich und wird von ihm als "das In-Gang-Setzen und Ausführen von Handlungsweisen verstanden, die in relativ routinisierten Formen verlaufen. Durch häufiges und regelmäßiges Miteinandertun bilden sich gemeinsame Handlungsgepflogenheiten heraus, die sich zu kollektiven Handlungsmustern und Handlungsstilen verdichten und [...] Handlungszüge sozial erwartbar werden lassen" (HÖRNING: 2001, S.49). (vgl. WESTERMAYER: 2003, S. 3-4)

In Bezugnahme auf Bourdieus Praxistheorie verbinden sich Handlungen zu sozialen Praktiken. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf Routinen, Gebrauchswissen und ein geteiltes Verständnis für Mithandelnde und Sachwelt beruhen. Weiterhin gibt es für die sozialen Praktiken einer Gemeinschaft oftmals Kennzeichen und Beurteilungsmaßstäbe, die quasi als „ungeschriebene Gesetze“ von allen begründet und akzeptiert werden. Solche sozialen Praktiken innerhalb einer Gemeinschaft sind gewissermaßen aufgrund ihrer Routine prognostizierbar und stellen sich selbst im Handeln wieder her oder verändern sich. Je nach Gelingen der sozialen Praktiken verfestigen sie oder verändern sie sich. Daher könnte man sagen, dass soziale Praktiken eine selbstverfestigende einerseits, aber anderseits auch eine selbstmodifizierende Wirkung haben. (vgl. WESTERMAYER: 2003, S. 3-4; ALKEMEYER: 2003)

Entscheidende Bedeutung für die Theorie von sozialer Praxis hat auch das praktische Wissen und Können, da soziale Praxis und praktisches Wissen sich gegenseitig bedingen. Während soziale Praktiken nicht vollkommen vorraussetzungslos ohne praktisches Wissen und Können erfolgen und ebenfalls Auskunft über das zugrunde liegende praktische Wissen geben, ist auf der anderen Seite die Ausbildung von praktischem Wissen nicht ohne soziale Praxis möglich und erfolgt in der Praxis selbst. Es ist kein eindeutiges Vorher und Nachher bestimmbar, d.h. man kann nicht sagen, ob erst das praktische Wissen oder erst das die soziale Praktiken da waren, sie haben sich in wechselseitiger Abhängigkeit gemeinsam entwickelt. Erst durch außergewöhnliche Ereignisse z.B. Erfolgs- oder Misserfolgserlebnisse oder Fragen unserer Mitmenschen bezüglich unserer sozialen Praxis kommt es zu diesbezüglichen Reflektionsprozessen, die eine Verfestigung unserer klassen-, geschlechts-, und milieuspezifisch geprägten sozialen Praktiken bedingen (vgl. ALKEMEYER: 2003). Das praktische Wissen und somit auch die sozialen Praktiken werden maßgeblich mitbestimmt durch unser Wissensrepertoire, verstanden als Wissen über den Zweck, sowie unsere Wissenskompetenz, verstanden als Wissen über die Anwendung. (vgl. WESTERMAYER: 2003, S. 4-5)

Dieses praktische Wissen bezieht sich oftmals auf bestimmte Dinge und die verschiedenen Umgangsweisen mit diesen Dingen und vor allem darauf, welche Bedeutung diese Dinge für unsere soziale Praxis haben. Beim Umgang, insbesondere beim routinisierten Umgang mit den häufig sehr technischen Dingen werden soziale Praktiken einerseits reproduziert und verfestigt anderseits kann es aber auch zu einer Umwandlung und Veränderung der sozialen Praktiken kommen, wenn es beim Umgang mit den Dingen zu Irritationen kommt. Festzustellen bleibt, dass die Technik in unserer hochtechnologisierten Gesellschaft in Bezug auf unsere sozialen Praktiken zunehmend an Bedeutung gewinnt. Der Einfluss der verschiedenen Umgangsweisen mit den technischen Dingen auf die sozialen Praktiken führt dazu, dass sich wie Bourdieu sagt ein Habitus bzw. in den Worten von Hörning ein Lebensstil in Abhängigkeit von der Technik ausbildet. (vgl. WESTERMAYER: 2003, S. 7-8)

Technik gewinnt in unserer von Automatisierung, Globalisierung und Technologisierung geprägten modernen Gesellschaft in verschiedenen Lebensbereichen zunehmend an Bedeutung. In der Alltags-, Freizeit- und Berufswelt nutzen die Menschen verstärkt Technik, um komplexe Aufgaben leichter bewältigen zu können. Doch was versteckt sich hinter dem Begriff Technik, was wird unter Techniksoziologie verstanden, wie wird der Begriff Technik in der Techniksoziologie verwendet, was ist das technische Artefakt, welche Bedeutung hat es für die Körper-Technik-Interaktion und warum ist das Forschungsfeld des Skateboardfahrens von besonderem Interesse, um eine solche Techniksoziologie näher zu beleuchten?

Zum Technikbegriff ist grundsätzlich zu sagen, dass zwischen Sach- (z.B. Handys) und Handlungstechnik (z.B. Organisationstechnik) unterschieden wird, wobei die Techniksoziologie, die sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der Technik auf die soziale Praxis beschäftigt, ihren Blick vor allem auf die Sachtechnik als sozialen Prozess richtet. In diesem Zusammenhang gibt es zwei Extrempole in techniksoziologischen Diskussion, bei dem der eine Extrempol davon ausgeht, dass Technik ausschließlich durch die Gesellschaft geprägt wird und der andere Extrempol von einer Technikdeterminiertheit ausgeht, dass genau umgekehrt die Technik die Gesellschaft prägt und kulturelle und soziale Anpassungsprozesse an die Technik erforderlich macht. (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Techniksoziologie )

[...]

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Untersuchungen der Körper-Technik-Interaktion beim Skateboarding im Sportgarten Bremen
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Veranstaltung
Körper - Technik - Interaktion
Autor
Jahr
2005
Seiten
46
Katalognummer
V55901
ISBN (eBook)
9783638507363
ISBN (Buch)
9783656774471
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Untersuchungen, Körper-Technik-Interaktion, Skateboarding, Sportgarten, Bremen, Körper, Technik, Interaktion
Arbeit zitieren
Markus Büter (Autor), 2005, Untersuchungen der Körper-Technik-Interaktion beim Skateboarding im Sportgarten Bremen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55901

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