Das Leben der Wiener Tschechen um 1900


Seminararbeit, 2003
25 Seiten, Note: 1,50

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 PROLEGOMENA

2 DIE TSCHECHISCHE ZUWANDERUNG NACH WIEN
2.1 Dimension und Entwicklung der Immigration –
„die Zahl als Schlüssel zum Problem“
2.2 Geographische Herkunft
2.3 Die Bevölkerungsstruktur der Einwanderer
2.4 Ursachen der Immigration
2.4.1 Push-Faktoren
2.4.2 Pull-Faktoren
2.5 Die räumliche Verteilung der Wiener Tschechen

3 WOHNVERHÄLTNISSE UND BERUFSTÄTIGKEIT
3.1 Wohnen der Zuwanderer in der Kaiserzeit
3.2 „Ziegelbehm“ und Schuster – Berufstätigkeit der Wiener Tschechen

4 NACHWORT

5 LITERATURVERZEICHNIS

„Die Wiener Tschechen haben in einer so einzigartigen Weise das Antlitz Wiens mitgeformt und so auch das Bild Österreichs mitgestaltet, dass ich kaum ein anderes Beispiel auf diesem alten Kontinent kenne, das einem ähnlichen Integrationsprozess der Völker unterworfen wäre.“[1]

Dr. Bruno Kreisky, am 28. März 1977.

1 PROLEGOMENA

Das der Arbeit vorangestellte Zitat von Dr. Bruno Kreisky weist auf den beträchtlichen Einfluss der Tschechischen Minderheit auf das Wien der Jahrhundertwende hin. Selbst wenn heute nur mehr weniges auf die einstige Bedeutung der Wiener Tschechen schließen lässt, leben sie in den Vorurteilen gegen Ausländer und in der sozialen Situation der türkischen und jugoslawischen Arbeitsmigranten weiter.[2] Im Wien des 21. Jahrhunderts, wo das Ausländerwahlrecht auf Bezirksebene zur Debatte steht, gewinnt selbst die Geschichte der Wiener Tschechen eine bisher ungeahnte Aktualität. Auch der persönliche Zugang zur Thematik spielte bei unserer wissenschaftlichen Arbeit keine unbedeutende Rolle. Die Erforschung der Wiener Tschechen wurde nicht zuletzt für eines unserer Gruppenmitglieder zu einer Beschäftigung mit seiner eigenen Geschichte.

In der folgenden Arbeit möchten wir den Leser durch das Wien der Jahrhundertwende führen. Berufsstruktur, Wohnungsnot, Familienstrukturen und Nationalitätenkonflikt sind nur einige wichtige Anhaltspunkte, an welcher wir die Geschichte der Wiener Tschechen rekonstruieren wollen. Eine ausführliche Studie würde wohl den gebotenen Rahmen dieser Arbeit überschreiten und erscheint uns deshalb auch nicht als zielführend.

Beginnen möchten wir mit einem kurzen Abriss zur Entwicklung der tschechischen Zuwanderung, ein notweniger Einstieg, um die Problematik der Fragestellung in den nachfolgenden Kapiteln angemessener ausbreiten zu können.

2 DIE TSCHECHISCHE ZUWANDERUNG NACH WIEN – EINE EINFÜHRUNG

2.1 Dimension und Entwicklung der Immigration – „die Zahl als Schlüssel zum Problem“

Ab den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts finden innerhalb des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn deutliche Bevölkerungsbewegungen statt. Dabei fällt vor allem der Zuzug aus den Siedlungsgebieten Böhmen und Mähren nach Wien und Niederösterreich ins Gewicht, wo bessere Arbeitsbedingungen und höhere Verdienstmöglichkeiten die tschechischen und slowakischen Immigranten in die Reichshauptstadt lockten.[3]

Bisher war es nicht möglich die Zahl der Wiener Tschechen wissenschaftlich zu ermitteln.[4] Ausschlaggebend für die verschiedenen Angaben, die zwischen 600.000 und 103.000 schwanken, ist die erhebliche Diskrepanz zwischen den Heimatrecht-Statistiken und den Ergebnissen der Umgangssprachenerhebungen, die in Wien ab 1880 alle zehn Jahre durchgeführt wurde. Hierbei gaben 1900 nur 102.972 (6,1%) der Wiener Böhmisch, Mährisch und Slowakisch als ihre Umgangssprache an, dagegen waren 518.333 Personen in Böhmen und Mähren heimatberechtigt. Letztlich kann auch noch die Geburtsort-Statistiken herangezogen werden, die 1910 467.158 in Böhmen und Mähren geborene Wiener zählt.[5]

Das allerdings ausreichend vorhandene Datenmaterial lässt jedoch keinen eindeutigen Schluss zu, weil bei den meisten Untersuchungen Tschechen und Slowaken gemeinsam erhoben wurden. Überdies erwies sich die Zählung nach der Umgangssprache zwar in Bezug auf die nationale Siedlungsweise als relevant, aber lieferte nicht bindend einen Beweis für die Nationalität der Wiener Bevölkerung, da die Wahl insbesondere von persönlichen Faktoren beeinflusst wurde und entsprechende Drohungen und Angriffe gegen nichtassimilierte Tschechen nicht fehlten.[6] Selbst die Daten hinsichtlich der Heimatberechtigung erfassen nicht nur die Zuwanderer sondern auch deren Kinder, die sogenannte „2. Generation“ und erweisen sich deshalb für diese Problemstellung als unbrauchbar.

Dazu schreibt die Wiener Historikerin Monika Glettler in ihrem renommierten Werk „Die Wiener Tschechen um 1900“:

„Die genaue Zahl der tschechischen Bevölkerung in Wien aber ließ sich nicht feststellen, [...]. Das Grundproblem lautete anders: Assimilation und Fluktuation. Das waren die beiden Unbekannten und beide in nationaler Hinsicht von den lokalen Wiener Zählungsmethoden völlig unabhängige Faktoren. Sie trugen jedoch entscheidend zur Spannung zwischen Regierung, deutscher Bevölkerung, Wiener Tschechen und Tschechen in den Kronländern bei, und das wohl nicht zuletzt deshalb, weil sie sich jeder exakten Beurteilung entzogen. Ein gutes Beispiel jedenfalls, um darzulegen, wie stark mitunter das Bewusstsein auf das Sein einzuwirken vermag.“[7]

Hiermit eröffnet sich dem Leser eine weitere Dimension der Fragestellung, nämlich „die Zahl als Schlüssel zum Problem“[8]. So bildeten die erhobenen Daten gewissermaßen ein Fundament der nationalen Meinungsverschiedenheiten und selbst hinter Reformvorschlägen und Versuchen genaue Zählungsergebnisse zu erzielen, verbarg sich oftmals der Wille zu politischer Agitation und ideologischen Kampfvorstellungen. Auf tschechischer Seite erklärte man Wien um 1900 mit 400.000 bis 600.000 böhmischen Immigranten zur größten tschechischen Stadt, was in der deutschsprachigen Bevölkerung die Befürchtung erregte, das Hausrecht der Wiener sei gefährdet. Beispielsweise prophezeite der Berliner Philosoph Eduard von Hartmann, ein Vorreiter der Psychoanalyse, ein slawisches Wien im 20. Jahrhundert.[9] Dass derartige Behauptungen im Vielvölkerstaat der Jahrwende nicht ohne Replik blieben, ist verständlich.

Was die Entwicklung der tschechischen Zuwanderung nach Wien betrifft, ist sie bereits in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts nachvollziehbar dokumentiert. Das Wiener Magistrat schätzte die Zahl der aus den böhmischen Ländern stammenden Immigranten auf 6000 Personen jährlich, von denen jedoch ein beträchtlicher Teil Saisonarbeiter und andere temporäre Zuwanderer repräsentiert. Verstärkt setzte die Immigration nach Wien erst um 1820 ein. In zehn Jahren stieg die Anzahl der Fremden aus den österreichischen Provinzen von 13.852 auf 82.387 Personen an, von denen etwa 40.000 bis 45.000 tschechischer Herkunft waren. Der ungewöhnlichen Zunahme der Einwohner Wiens - von 1860 bis 1880 wuchs Wien um 35,5% Prozent, zwischen 1880 und 1900 um 130,8% - entsprach die rasche Abnahme der dort Heimatberechtigten, die von rund 70% im Jahre 1830 auf 35,2 % im Jahr 1880 gesunken war. Nach dem Höhepunkt von 1900, wo etwa 103.000 Personen angaben Böhmisch, Mährisch und Slowakisch als Umgangssprache zu verwenden, kam es bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs und insbesondere nach der Gründung der Tschechoslowakei zu einer massiven Repatriierungswelle, die auf die katastrophale Lebensmittelversorgung in Wien zurückzuführen ist und an der etwa die Hälfte der ansässigen Tschechen teilgenommen haben soll. Der Historiker Karl M. Boussek spricht in seinem maßgeblichen Werk „Wien und seine Tschechen“ bis 1923 von insgesamt 140.000 bis 150.000 repatriierten Tschechen.[10]

Letztlich wird es dem Leser jedoch nicht entgangen sein, dass es neben den Daten von Umgangsprachenerhebungen und Heimatrechtsstatistiken noch andere Möglichkeiten gibt, die Strukturen der Tschechischen Einwanderung nach Wien darzustellen. Die Immigration geographisch und sozioökonomisch einzukreisen will deshalb unser nächstes Ziel sein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 : Die Ergebnisse der Umgangssprachenerhebung (1880-1923)[11]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die Ergebnisse der Geburtsortstatistiken (1857-1900)[12]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Die Ergebnisse der Heimatrechtsstatistiken (1869-1900)[13]

2.2 Geographische Herkunft

Zwischen 1880 und 1890 strömten 90% von allen Immigranten, welche die tschechischen Länder verließen, in die Donaumetropole.[14] Die folgenden Jahrzehnte brachten kaum eine Veränderung; Größe und Kontinuität des Zustroms hielten großteils an, wenn man von einzelnen Gebieten absieht. Insgesamt betrachtet ist jedoch anzumerken, dass die popularischen Verluste Böhmens, Mährens und Schlesiens mit 5% der Gesamtbevölkerung immens waren, wobei die deutschen Bezirke am wenigsten und die tschechischsprachigen Gebiete am stärksten in Mitleidenschaft gezogen wurden. So verloren die überwiegend tschechischen Gemeinden zwischen 1881 und 1910 etwa ein zehnfaches der deutschsprachigen Gebiete.[15] Geographisch gesehen wiesen die unmittelbar an Niederösterreich angrenzenden Landstriche die höchsten Abwanderungszahlen auf, aus nördlichen Regionen Böhmens, Mährens und Schlesiens nach Wien einzuwandern stellte selbst nach dem später forcierten Eisenbahnausbau die Ausnahme dar.

[...]


[1] Zitiert nach: Karl M. Brousek: Wien und seine Tschechen. Integration und Assimilation einer Minderheit im 20. Jahrhundert. Schriftreihe des österreichischen Ost- und Südosteuropa-Instituts. hg. v. Richard G. Plaschka. Bd 7. Wien: Verlag für Geschichte und Politik 1980. S. 7.

[2] Vgl.: Michael John/Albert Lichtblau: Schmelztiegel Wien einst und jetzt. Zur Geschichte und Gegenwart von Zuwanderung und Minderheiten. Wien, Köln: Böhlau 1990. S. 169.

[3] Monika Glettler: Die Wiener Tschechen um 1900. Strukturanalyse einer nationalen Minderheit in der Großstadt. München, 1972. S. 25.

[4] Vgl.: Michael John/Albert Lichtblau: Schmelztiegel Wien einst und jetzt. a.a.O. S. 18.

[5] Bei den letztgenannten Daten beziehe ich mich auf: Ebenda S. 18f.

[6] Vgl. dazu Kapitel 5.6 dieser Arbeit.

[7] Monika Glettler: Die Wiener Tschechen um 1900. a.a.O. S. 30f.

[8] Ebenda S. 25.

[9] Monika Glettler: Böhmisches Wien. Wien, München: Herold 1985. S. 15f.

[10] Vgl.: Karl M. Brousek: Wien und seine Tschechen. Integration und Assimilation einer Minderheit im 20. Jahrhundert. Schriftreihe des österreichischen Ost- und Südosteuropa-Instituts. hg. v. Richard G. Plaschka. Bd 7. Wien: Verlag für Geschichte und Politik 1980. S. 34.

[11] Abbildung aus: Michael John/Albert Lichtblau: Schmelztiegel Wien einst und jetzt. a.a.O. S. 288.

[12] Abbildung aus: Michael John/Albert Lichtblau: Schmelztiegel Wien einst und jetzt. a.a.O. S. 16..

[13] Abbildung aus: Michael John/Albert Lichtblau: Schmelztiegel Wien einst und jetzt. a.a.O. S. 14.

[14] Vgl.: Monika Glettler: Die Wiener Tschechen um 1900. a.a.O. S. 32.

[15] Vgl.: Ebenda S. 33.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Leben der Wiener Tschechen um 1900
Hochschule
Universität Wien
Note
1,50
Autor
Jahr
2003
Seiten
25
Katalognummer
V55904
ISBN (eBook)
9783638507387
ISBN (Buch)
9783656620044
Dateigröße
1319 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leben, Wiener, Tschechen
Arbeit zitieren
Johannes Mattes (Autor), 2003, Das Leben der Wiener Tschechen um 1900, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55904

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