"Ich fürchte mich selbst davor" - Faust im Gegenlicht des Walpurgissacks


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

27 Seiten, Note: A (= 1,0)


Leseprobe

Inhalt

1. Zur Einleitung

2. Der Walpurgissack
2.1. Zur Figur Mephistos
2.2. Zur Funktion Mephistos
2.3. Hexentanz und Schönheit

3. Schlußbemerkung

4. Bibliographie

1. Zur Einleitung

Im dritten Teil seines Buches Götterzeichen – Liebeszauber – Satans­kult. Neue Einblicke in alte Goethetexte analysiert Albrecht Schöne[1] die Walpurgisnacht in Goethes Faust I, wobei ein beachtlicher Teil der Abhandlung den Paralipomena, den aus dem Faust verbannten Textfragmenten, gewidmet ist. In Schönes Rekostruktionsversuch, der die Paralipomena in den Text- und Sinnzusammenhang des autorisierten Fausttextes stellt, konzentriert sich die Untersuchung auf die Figur Gretchens. Schöne gelangt auf diesem Wege zu der These, die Erscheinung Gretchens kurz vor dem Intermezzo der Walpurgisnacht habe einen engen Bezug zum Paralipomenon 65, der sogenannten Hochgerichtserscheinung, und erlaube deshalb, in Gretchen eine als Hexe Beschuldigte im damaligen Sinne zu sehen. Schöne schlägt vor, mit Hilfe einer eingehenden Untersuchung der Geschichte des Hexenglaubens, wie Goethe sie gekannt haben muß, und des völkischen Wissensguts, wie es jedem Menschen zum Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts eigen gewesen sein muß, Gretchens Erscheinung im Kontext der Walpurgisnachtszene zu durchleuchten, oder, wie Peter Delvaux meinte, Gretchens Hintergrund „versuchsweise auch [im Vergleich mit] kollektiv verbreiteten Bildvorstellungen insbesondere aus der christlichen Ikonographie zu sehen.“[2] Schöne impliziert, allerdings ohne es weiter zu verdeutlichen, daß damit freilich nicht behauptet werden solle, Goethe selbst hätte Gretchen als Hexe präsentieren wollen.[3] Sein Anliegen sei es vielmehr gewesen, Gretchens Schicksal mit dem einer zu Unrecht als Hexe Beschuldigten gleichzusetzen, und anzudeuten, daß Gretchens drastische Bestrafung in nicht unerheblichem Maße auch mit der damals üblichen Kategorisierung ihrer Verfehlungen als geradezu typische Hexentaten – Vergiftung (wenn auch unabsichtlich) und Kindesmord – im Zusammenhang stehe. Anders ausgedrückt: Goethe war sich durchaus bewußt, daß Gretchens Taten dem einfachen Verstand als Taten einer Hexe erscheinen mußten, und verlegt aus diesem Grund ihre Hinrichtung in die Sphäre der Hexenverfolgungen, eben um zu zeigen, daß er Gretchen zwar für schuldig, nicht aber für schuldig im Sinne der Anklage halte. Christoph Müller bestätigt indirekt Schönes Annahme mit der Aussage, „daß Gretchen als Hexe hingerichtet wird, besagt noch nicht, daß sie eine Hexe ist.“[4] Natürlich steht auch für Albrecht Schöne außer Frage, daß Gretchen keine Hexe ist. Festgehalten werden muß jedoch die durchaus zutreffende Annahme, die Paralipomena eröffneten die Möglichkeit zu solcher Interpretation, und stellten deshalb, auch ganz allgemein, eine erhebliche Erleichterung für den interpretativen Zugang zu Goethes Nordischer Walpurgisnacht dar. Ich zumindest sehe in der Einbeziehung des 65. Paralipomenons keinerlei Hindernis für eine schlüssige Interpretation der Hinrichtung Gretchens als Werk der Inquisition, zumal da die dort angesprochene „grau- und schwarze Brüderschaft“ gewiß auf die mit der Inquisition betrauten Dominikaner- und Franziskanermönche anspielt, wie Schöne anmerkt,[5] und bin dementsprechend auch nicht den Möglichkeiten abgeneigt, die sich aus der Einbeziehung anderer Walpurgisnachts­fragmente für die Interpretation des Faust im Allgemeinen ergeben.

Behält man den ungeheuren Wert der Paralipomena für die Interpretation der Gretchen­erscheinung allein im Auge, so muß man sich ebenso fragen, welche Hinweise die Paralipomena zur Auf­schlüsselung der gesamten Walpurgisnachtszene liefern. Doch eigentlich müßte die Frage folgenderweise umformuliert werden: Welches Licht wird auf die Gesamtdeutung der Walpurgisnacht durch die Tatsache geworfen, daß Goethe die Fragmente zur Walpurgisnacht aus der Endfassung des Faust herausstrich, vor allem angesichts der Tatsache, daß – wie Schöne schlüssig beweist – einige der Paralipomena eigentlich hervorragend in die kanonische Walpurgisnachtszene gepasst hätten.[6] Es gibt mehrere triftige Gründe für die Streichung der Paralipomena aus dem Faust, die einiges Licht auf die Gesamtinterpretation der Walpurgisnacht und des Walpurgisnachtstraums (im folgenden als Intermezzo bezeichnet) werfen, und die für die Deutung des Werkes selbst von Bedeutung sind.

2. Der Walpurgissack

2.1. Figur des Mephistopheles

Um dem Konzept nachzugehen, auf dem Goethes Auffassung von der Nordischen Walpurgisnacht basiert, muß man sich Schönes Anlaufstelle zum Vorbild nehmen und sich mit Goethes ominöser Sammlung von Paralipomena zur Walpurgisnacht im ersten Teil des Faust, von Goethe als „Walpurgissack“ bezeichnet, befassen. Goethe selbst beschreibt in einem Brief seinen Walpurgissack als „eine Art von infernalischem Schlauch, Behältnis, Sack, oder wie ihr´s sonst nennen wollt, ursprünglich zur Aufnahme einiger Gedichte bestimmt, die auf Hexenscenen im „Faust“, wo nicht auf den Blocksberg selbst, einen näheren Bezug hatten. [...] Ich wenigstens will niemand raten, ihm allzu nahe zu kommen. Ich fürchte mich selbst davor!“[7] Ernst Beutlers Artemisausgabe[8] enthält die Paralipomena 36 bis 65, aus denen sich der Walpurgissack zusammensetzt; insgesamt handelt es sich hierbei um 30 Textabschnitte unterschiedlicher Länge. Als der erste Teil des Faust in seiner endgültigen Fassung 1808 erschien, war von dem Walpurgissack allerdings nichts zu sehen. Wie sich später herausstellte, war Goethes Hinterlassenschaft mit diesen offensichtlich unterdrückten Texten nichts weniger als eine in den Faust integrierbare „poetische Summe des Satanskultes und des Hexenwesens“[9], die mit besonderer Sorgfalt verfaßt und behandelt wurde. Schöne weist darauf hin, daß Goethe selbst dann, als er sich entschlossen hatte, bestimmte Textfragmente in den Walpurgissack zu verbannen anstatt sie in das Drama zu integrieren, die Fragmente in Reinschrift übertrug und diese sorgfältig verwahrte – sorgfältiger als viele andere Entwürfe, und derart vorsorglich, daß es, wie Schöne annimmt, eine Bedeutung haben mußte. Der Walpurgissack besteht somit aus für Goethe – für den Faust ? – wertvollen Versfragmenten, Exzerpten und Textsplittern, die in der gedruckten Endfassung keine Verwendung mehr fanden.

Es muß die Frage gestellt werden, warum sich Goethe letztlich entschloss, bestimmte Fragmente aus dem Faust zu verbannen. Goethe selbst hat sich zu dieser Frage nicht geäußert. Mehrere Antworten bieten sich jedoch an. Für den Ausschluß spricht vor allem die Obszönität der Fragmente.

X: Was fordert denn das Ritual?

Zeremonienmeister: Beliebt dem Herrn den Hintern Theil zu küssen.

X: Darüber bin ich unverworrn

Ich küsse hinten oder vorn.

Scheint oben deine Nase doch

Durch alle Welten vorzudringen,

So seh ich unten hier ein Loch

Das Universum zu verschlingen

Was duftet aus dem kolossalen Mund

So wohl kanns nicht im Paradiese riechen,

Und dieser wohlgebaute Schlund

Erregt den Wunsch hineinzukriechen. […]

Satan: Und wer des Teufels Arsch so gut wie du gelobt

Dem soll es nie an Schmeichelphrasen fehlen.[10]

Daß Goethe die Fragemente aus dem Faust verbannte, weil er seinem Publikum die offene Derbheit nicht zumuten wollte, mag besonders angesichts dieser Szene einiges für sich haben. Albrecht Schöne verweist zur Stützung dieser Auffassung auf die oben angesprochene Aussage Goethes, in der dieser zugibt, daß er sich selbst vor dem Inhalt seines derben Walpurgissacks fürchte.[11] Ebenso wie Schöne beharrt auch Borchmeyer auf Sebstzensur aus taktischen Gründen.[12] Zeitsatire und Gesellschaftskritik, wie sie sich ohnehin schon in den Szenen Walpurgisnacht und Intermezzo finden, wären durch die Einbeziehung der Teile des Walpurgis­sacks zu einer obszönen Satansmesse geraten. Goethes in der Walpurgisnacht verspotteten Zeitgenossen, die sich ohne Zweifel in der Satire erkennen konnten, hätten ihre Erwähnung in der unmittelbaren Nähe von Derbheiten wie der oben aufgeführten als sakrileghafte Beleidigung empfunden.

Gegen Taktgefühl als ausschließlichen Grund sprechen allerdings zweierlei Einwände. Zum einen könnte man fragen, warum Goethe die Texte der Paralipomena zwar ausschließt, aber dennoch sorgfältig verwahrt. Zum anderen muß der Widerspruch ins Auge fallen, der sich aus einem Vergleich der im Faust enthaltenen mit den verbannten Fragmente ergibt. So enthalten auch die veröffentlichten Passagen Derbheiten, die durchaus mit denen in den Paralipomena vergleichbar sind. In der Szene Hexenküche beispielsweise – ausgerechnet und nicht zufällig – kommt zum ersten mal die Walpurgisnacht zur Sprache, als sich Mephistopheles der Hexe, die Faust den Trank braut, als Partner (Incubus) für die Walpurgisnacht anbietet:

[...]


[1] Albrecht Schöne: Götterzeichen – Liebeszauber – Satanskult. Neue Einblicke in alte Goethetexte. München (Beck Verlag), 1982.

[2] Peter Delvaux: „Hexenglaube und Verantwortung zur Walpurgisnacht in Goethes Faust I,“ in: Neophilologus 83 (4). Oktober 1999. S. 601-616: S. 602.

[3] Schöne, S. 263.

[4] Christoph Müller: „Gretchen als Hexe? Eine Anmerkung zu Albrecht Schönes Rekonstruktion der Walpurgisnacht,“ in: Euphorion 87, 1993. S. 347-364: S. 356.

[5] Schöne, S. 184.

[6] Schöne, S. 228-230.

[7] Dieses Zitat aus einem Brief Goethes vom 8. Februar 1816 an Carl Ludwig von Woltmann ist Schönes Abhandlung (op. cit., S. 345) entnommen.

[8] Johann Wolfgang Goethe: Die Faustdichtungen. Urfaust, Faust ein Frament, Faust eine Tragödie, Paralipomena, Goethe über den Faust. Ediert von Ernst Beutler. Zürich/Stuttgart (Artemis Verlag), 1962.

[9] Schöne: S. 177.

[10] Paralipomenon 59. vgl. S. 554 der Artemisausgabe.

[11] vgl. Fußnote 7.

[12] Dieter Borchmeyer: “Die geheimgehaltenen Dichtungen des Geheimrats Goethe.” in: Wolfgang Wittkowski (Hrsg.): Verlorene Klassik? Tübingen (Niemeyer Verlag), 1986. S.102f.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
"Ich fürchte mich selbst davor" - Faust im Gegenlicht des Walpurgissacks
Hochschule
University of Massachusetts - Amherst  (Department of Germanic Languages and Literature)
Veranstaltung
German: Faust I and II
Note
A (= 1,0)
Autor
Jahr
2002
Seiten
27
Katalognummer
V55916
ISBN (eBook)
9783638507493
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Doppelter Zeilenabstand
Schlagworte
Faust, Gegenlicht, Walpurgissacks, German
Arbeit zitieren
Silja Rübsamen (Autor), 2002, "Ich fürchte mich selbst davor" - Faust im Gegenlicht des Walpurgissacks, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55916

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