Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus bildet einen gewichteten Kern nachkriegsdeutscher Identität. Sie definiert unser Verhältnis zu uns selbst und unseren Nachbarn, sie trennt und vereint Generationen, Ost und West. Als zentrale Gestalt jener dreiecksähnlichen Betrachtung zwischen Opfern, Tätern und der deutschen Gesellschaft ist Adolf Hitler zu nennen. Über seine Rolle und Funktion innerhalb des Nationalsozialistischen Herrschaftssystems wird seit Jahrzehnten in der Fachwissenschaft diskutiert.
Die Person Hitler, die im Zentrum dieser politisch-historischen und nicht zuletzt auch geschichtsphilosophischen Debatte steht, erhält damit eine zentrale Bedeutung. Ganz im Gegensatz steht dazu die Unwichtigkeit seines Todes am 30. April 1945. Sein Tod änderte nichts am Lauf der Ereignisse, das Ende des Zweiten Weltkrieges stand bereits fest.
Was wäre aber geschehen, wenn die Person Adolf Hitler nicht freiwillig aus dem Leben geschieden wäre, sondern einem der 42 Attentate zum Opfer gefallen wäre? Was wäre dann aus der nationalsozialistischen Bewegung und dem Deutschland zu jener Zeit geworden? Wie wäre es in den Bereichen politischer Führung, Kriegsverlauf und antisemitischer Ideologie weitergegangen? In aktuellen Lehrbüchern und Unterrichtskonzepten wird dieser alternativhistorischen Fragestellung mit ihrem Konjunktiv irrealis weder nachgegangen noch wird diese thematisiert. Dieses habe ich mit Schülern einer 9. Gesamtschulklasse als vertiefende Auseinandersetzung zum Thema„Wie konnte dieses geschehen? - Der Nationalsozialismus“getan. Dabei wählte ich ein vergleichbar unbekanntes Attentat von Georg Elser, welches am 8. November 1939 nach langer Vorbereitung scheiterte, da Hitler den Tatort 13 Minuten früher verließ als ursprünglich vorgesehen. Neben inhaltlichen Aspekten zum Attentat steht in dieser Unterrichtssequenz meine gewählte Fragestellung„Was wäre, wenn Adolf Hitler dem Attentat vom 8. November 1939 erlegen gewesen wäre?“im Vordergrund, inwieweit sich politische Strukturen, Kriegssituation und die antisemitische Haltung im Falle dessen verändert hätten.
Vor diesem Hintergrund ist es das Ziel dieser Arbeit, die alternativhistorische Betrachtungsweise anhand einer durchgeführten Unterrichtreihe mit sieben Einheiten darzustellen, praxisnah zu reflektieren und folgende persönlich gestellte Fragestellungen zu beantworten:
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung und Fragestellung
2. Vorstellung der alternativhistorischen Betrachtungsweise für den Geschichtsunterricht
2.1. Die alternativhistorische Betrachtungsweise und Beispiele aus der Literatur
2.2. Stellenwert der alternativhistorischen Betrachtungsweise in der Geschichtswissenschaft
2.3. Grundsätze zur Durchführung der alternativhistorischen Betrachtungsweise im Unterricht
3. Planung einer alternativhistorischen Unterrichtssequenz zum Hitler-Attentat vom 8. November 1939
3.1. Die Lerngruppe im Bezug zum Unterrichtsgegenstand
3.2. Didaktische Relevanz der alternativhistorischen Fragestellung innerhalb des Hamburger Rahmenplans Gesellschaft
3.3. Methodisch-didaktische Vorüberlegungen zum Unterrichtsgegenstand
3.4. Sachanalyse zum Attentat auf Hitler vom 8. November 1939 und seine möglichen Auswirkungen
3.4.1. Georg Elser und das Attentat vom 8. November 1939
3.4.2. Mögliche Auswirkungen auf politische Strukturen, Weiterführung des Krieges und auf die Rassenideologie nach dem 8. November 1939
3.5. Lerzielformulierungen für die Unterrichtssequenz
4. Darstellung der Unterrichtssequenz „Was wäre wenn, Adolf Hitler dem Attentat vom 8. November 1939 erlegen gewesen wäre?“
4.1. Tabellarische Übersicht zur durchgeführten Unterrichtssequenz
4.2. Durchführung und Reflexion einzelner Unterrichtsschritte
4.2.1. Abschnitt 1: Georg Elser und das Attentat auf Hitler am 8. November 1939
4.2.2. Abschnitt 2: Was wäre eventuell geschehen, wenn das Attentat auf Hitler erfolgreich verlaufen wäre?
4.2.3. Abschnitt 3: Georg Elser: „Ich wollte nur ein weiteres Blutvergießen verhindern“
4.3. Detaillierte Betrachtung der Einzelstunde vom 17.01.2006
5. Gesamtreflexion unter Einbeziehung der Fragestellungen und Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die alternativhistorische Betrachtungsweise anhand einer durchgeführten Unterrichtsreihe in einer 9. Gesamtschulklasse praxisnah zu reflektieren und aufzuzeigen, welchen Erkenntnisgewinn Schüler durch diesen Ansatz bei der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus erzielen können.
- Alternativhistorische Analyse des Hitler-Attentats vom 8. November 1939
- Reflexion über die Wahrscheinlichkeit und Plausibilität kontrafaktischer Geschichtsbetrachtung
- Untersuchung politischer Auswirkungen, der Kriegssituation und nationalsozialistischer Ideologie
- Förderung des historischen Denkens und der Urteilskraft der Schüler
Auszug aus dem Buch
2.1. Die alternativhistorische Betrachtungsweise und Beispiele aus der Literatur
Mit der alternativhistorischen Geschichtsbetrachtung ist die Beschreibung bzw. Diskussion einer historischen „Was wäre, wenn …?“-Frage und der daraus folgenden möglichen Konsequenzen dargestellt. Grundlegend gilt für diese Betrachtungsweise, dass die rekonstruierte Vergangenheit manipuliert wird. Dieses geschieht, in dem aus der historischen Struktur der Ereignisse und Kräfte ein Element entfernt bzw. verändert wird. An dieser Stelle ergibt sich zweifelsohne die Frage, wie sich das Gefüge des historischen Kontextes am wahrscheinlichsten weiterentwickeln würde.
Diese in der Literatur auch als „Uchronie“, „kontrafaktische“ oder als „virtuelle“ Geschichte bezeichnete Betrachtungsweise erlebt in der Belletristik der letzten Jahre eine breite Konjunktur. So gibt es eine große Anzahl von Beispielen in der Unterhaltungsliteratur, in denen historische Tatsachen aufgenommen und zu einer alternativgeschichtlichen Darstellung umgearbeitet wurden. Dabei ist diese deutlich gegenüber historischen Romanen abzugrenzen, da in dieser Gattung erdachte Personen und Handlungsstränge in einem vom Autor historisch rekonstruierten Raum-Zeit-Konstrukt agieren. Dagegen wird in der alternativhistorischen Betrachtungsweise eine neu entstandene Ausgangslage beschrieben, welche von der in der Wissenschaft rekonstruierten historischen Verlauf abweicht. Dieser Zeitpunkt wird als „point of divergence“ (POD) bezeichnet. Häufig sind derartige PODs mit dem Austausch einer bestimmten zeitgeschichtlichen Person, eines unterschiedlichen Ausgangs eines Krieges oder einer veränderten, zumeist politisch bedeutsamen Entscheidung einer Person beschrieben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung und Fragestellung: Das Kapitel erläutert die Relevanz der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und führt die zentrale alternativhistorische Fragestellung sowie das Ziel der Arbeit ein.
2. Vorstellung der alternativhistorischen Betrachtungsweise für den Geschichtsunterricht: Es definiert die Methodik der Alternativgeschichte, verortet sie in Literatur und Fachwissenschaft und diskutiert Grundsätze für den Einsatz im Unterricht.
3. Planung einer alternativhistorischen Unterrichtssequenz zum Hitler-Attentat vom 8. November 1939: Dieses Kapitel detailliert die Planung, die didaktische Einordnung, die Sachanalyse sowie die Lernzielformulierungen für das Unterrichtsvorhaben.
4. Darstellung der Unterrichtssequenz „Was wäre wenn, Adolf Hitler dem Attentat vom 8. November 1939 erlegen gewesen wäre?“: Hier wird der konkrete Ablauf der Unterrichtseinheit dokumentiert, in Einzelschritte gegliedert und reflektiert.
5. Gesamtreflexion unter Einbeziehung der Fragestellungen und Schlussfolgerungen: Das abschließende Kapitel bewertet den Lernertrag der Schüler und zieht ein Fazit über die Eignung des alternativhistorischen Ansatzes.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Alternativgeschichte, kontrafaktische Geschichte, Georg Elser, Hitler-Attentat, 8. November 1939, Geschichtsdidaktik, Unterrichtsplanung, historische Urteilskraft, Konjunktiv Irrealis, historisches Denken, Didaktik, Deutschland, Holocaust, Politik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit der Anwendung der alternativhistorischen Methode („Was wäre, wenn…?“) als vertiefender Ansatz im Geschichtsunterricht am Beispiel des gescheiterten Hitler-Attentats vom 8. November 1939.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Möglichkeiten und Grenzen kontrafaktischer Geschichtsschreibung, die Person Georg Elser, die politische Situation des NS-Regimes im Jahr 1939 sowie die Analyse von Kriegssituation und Rassenpolitik durch die Schüler.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die didaktische Planung und Durchführung einer Unterrichtssequenz zu dokumentieren und zu analysieren, um Erkenntnisse über den Lernwert dieses Ansatzes für das historische Denken der Schüler zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer praxisnahen Reflexion einer durchgeführten Unterrichtsreihe, gestützt durch eine Analyse einschlägiger fachwissenschaftlicher Literatur zur Alternativgeschichte und zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Vorstellung der Methode, die detaillierte Planung der Unterrichtssequenz, die inhaltliche Sachanalyse des Attentats sowie die Darstellung und Reflexion der einzelnen Unterrichtsschritte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Nationalsozialismus, Alternativgeschichte, Georg Elser, Geschichtsdidaktik, Unterrichtsplanung und historisches Urteilsvermögen.
Welche Rolle spielt Georg Elser in dem Unterrichtsvorhaben?
Elser dient als Identifikationsfigur und konkreter Fallbeispiel-Ansatzpunkt, um anhand seines gescheiterten Attentats („13 Minuten“) die Zufälligkeit historischer Prozesse zu untersuchen.
Wie reagierten die Schüler auf das alternativhistorische Szenario?
Laut Reflexion des Autors nahmen die Schüler das Szenario sehr gut auf, zeigten hohe Motivation und waren in der Lage, fundierte Vermutungen über Auswirkungen auf politische Machtstrukturen und den Krieg zu entwickeln.
Welches Fazit zieht der Autor zur Methode?
Der Autor schlussfolgert, dass die Methode gewinnbringend ist, da sie komplexe historische Strukturzusammenhänge transparenter macht, Kontinuitäten verdeutlicht und Schüler zur vertieften Analyse zwingt.
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- Christian Mehdorf (Author), 2006, Was wäre wenn Hitler dem Attentat vom 8. November 1939 erlegen gewesen wäre?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55963