Zu "Der Magnetiseur" - E.T.A. Hoffmanns Warnung vor dem Magnetismus und ein Spiegelbild seiner Epoche


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
22 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Einleitung

In fast allen seiner Erzählungen hat E.T.A. Hoffmann (1776-1822) den Magnetismus eingebracht. „Der Magnetiseur“, 1814 in der Erzählsammlung „Phantasiestücke in Callots Manier“ erschienen, ist seine erste literarische Auseinandersetzung mit dem psychischen Prinzip. Das erste Kapitel erklärt die vorherrschende Magnetismus-Strömung, den Puységur- Magnetismus, der die Romantiker in Deutschland interessierte.

Das zweite Kapitel befasst sich mit dem Handlungsablauf des Magnetiseurs.

Dieser bildet den Hintergrund für die darauf folgende Analyse der Struktur in Kapitel drei. Hier interessiert die Frage, inwieweit sich Hoffmann in die Tradition des Malers Jaques Callot stellte und was er damit bezweckte.

Die Kritik am Magnetismus, die Hoffmann in der später erschienenen Erzähl- Sammlung, im Gespräch der in vier Bänden, zwischen 1819 und 1821 erschienenen „Serapionsbrüder“ entwickelt, ist bereits im Magnetiseur erkennbar. Aus Platzgründen verzichtet die Arbeit jedoch auf Untersuchungen zum Magnetismus in anderen Schriften Hoffmanns.

Das vierte Kapitel thematisiert die .kritische Haltung Hoffmanns hinsichtlich des Magnetismus und beantwortet die Frage, warum der Romantiker sich gegen den Magnetismus als psychisches Prinzip wandte.

Im Mittelpunkt von Hoffmanns Kritik stehen die postulierten Fähigkeiten der Magnetiseure, die sie zu Herrschern über das Somnambule machen. .

Im fünften Kapitel werden weitere Lesarten untersucht. Der Aspekt der Herrschaft wird auf die Gesellschaft übertragen.

1. Magnetismus in der Romantik

In der Romantik (1790 bis etwa 1830[1] ) wurde Seelenkunde zur „Mode- Erscheinung.“

Einheitsgedanken, Subjektivität, das Geheimnisvolle in allen Spielarten traten gemeinsam mit dem wachsenden Interesse an den Abgründen der menschlichen Seele in den Vordergrund.

Der Traum

„als eine höhere, ja als einzig wahre Realität, die sich jenseits der Grenzen des Wachbewußtseins entfalte und in die es im Zuge einer Transzendenz der sinnlichmateriellen Wahrnehmungswelt hinüberzutreten“[2] gilt.

galt in der Romantik als die Welt des „mystischen Urzustandes“[3] Gotthilf Heinrich Schubert schrieb, das 1814 erschienene Werk, „Die Symbolik des Traumes.“ Hier vertrat er die Ansicht, dass „die Bildsprache des Traumes mit der Ursprache identisch“[4] ist. Der Traum ermögliche ein „intuitives Erkennen der Welt.“[5] Schubert bestärkte mit seinen Werken die „wachsende Hoffnung, mit Hilfe der somnambulen Ausnahmezustände Ein- und Ausblicke in die Geheimnisse von Religion und Metaphysik zu erlangen“[6]. In seiner 1808 erschienenen, populären Schrift, die „Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft“

„erweisen die Extreme des somnambulen Ausnahmezustands, das Hell- und Fernsehen ebenso wie Träume, Prophetien und gläubige Ekstase gleichzeitig den fließenden Übergang von diesem zum nächste Leben wie die innige Verbindung des Einzelmenschen mit dem Naturganzen im Medium einer überall wirksamen Lebensseele.“[7]

Der Arzt Franz Anton Meßmer (1734-1815) hatte mit seiner auf Suggestion und hypnotischen Schlaf beruhenden Theorie des „animalischen Magnetismus“[8] bereits eine länderübergreifende Bewegung ausgelöst, als sich das Interesse der Romantiker auf den somnambulen Zustand richtete.

Nach Mesmer entstanden weitere Ansätze und Schulen, mit jeweils eigenen Theorien, die sich oft mit Mesmers Theorie des Fluidums nicht vereinbaren ließen. 1784 hatte der Marquis de Puységur unwissentlich die Hypnose entdeckt, den künstlichen Somnambulismus und damit

„alle Phänomene des hypnotischen Schlafs: den Wachzustand mit verändertem, oft geschärften Bewußtsein, die Amnesie nach dem Erwachen, den `sympathetischen Rapport´ der Beteiligten, d. h. die Beeinflußbarkeit des Magnetisierten durch den und seine Abhängigkeit vom Magnetisuer[...].“[9]

Puységur gründete nach seiner weder von ihm noch von Mesmer erklärbaren[10] Entdeckung 1785 in Straßburg die „Société Harmonique des Amis Réunis“, eine eigene Schule, die „den traditionellen animalischen Magnetismus bald überlagerte und z. T. verdrängte.“[11]

Der somnambule Schlaf trat mit dieser Richtung in den Mittelpunkt des Magnetisierens und ersetzte die von Mesmer herbeigeführten Krisen, die oft als zu gewalttätig galten, was sie auch waren.

Die Bedeutung des fluidums wurde bei Puységur relativiert und der Wille des Magnetiseurs galt als ausschlaggebend.

„Als der Mesmerismus 1787 nach Deutschland gelangte, tat er dies bereits in Gestalt des Puységur- Magnetismus, und auch das romantische Interesse nach der Jahrhundertwende betraf eine Melange aus magnetischen und somnambulen Praktiken und Theoriesplittern und richtete sich oft eher auf die Divinationen der Somnambulen als auf die medizinische Indikation des Verfahrens.“[12]

Der medizinische Aspekt des Magnetismus trat zunehmend in den Hintergrund.

Das Verlangen nach neuen Ufern der Erkenntnis betraf auch die Phänomene des Magnetismus. Der somnambule Zustand wurde als Brücke zu einer anderen Welt, wie auch der Traum, gedeutet. Die Literatur beschäftigte sich auf mannigfaltige Art und Weise mit dem Magnetismus, von Schillers „Geisterseher“ über Jung-Stillings „Theobald oder die Schwärmer“ bis zu Tiecks „Die Wundersüchtigen.“[13] Kaum ein Literat hat sich jedoch so intensiv mit dem Magnetismus beschäftigt, wie der vielfach begabte E.T.A. Hoffmann.

In fast allen seinen Werken ist der Mesmerismus „bedeutungsstiftendes Zentralmotiv“[14], stellt Jürgen Barkhoff fest.[15]

2. „Der Magnetiseur“

1814 ist „Der Magnetiseur“ in den „Phantasiestücken in Callots Manier. Blätter aus dem Tagebuch eines reisenden Enthusiasten.“ erschienen. Gewidmet ist die Sammlung mit den Erzählungen Ritter Gluck, „Kreisleriana“, „Don Juan“, „Nachrichten von den neusten Schicksalen des Hundes Berganza“, „Der Magnetiseur“, „Der goldene Topf“ und „Die Abenteuer der Sylvesternacht“ dem Maler Jaques Callot (1592- 1635) einem französischen Zeichner, Kupferstecher und Radierer, in dessen Fußstapfen Hoffmann literarisch treten wollte.[16] Hoffmann hat sich als Maler, Komponist und Literat in allen Disziplinen hervorgetan. Es liegt nahe, dass er die Kunst in sein Werk einbindet, indem er es in die Tradition eines Malers stellt. Der Titel „Der Magnetiseur“ verweist auf die Thematik des Magnetismus und auf die Hauptfigur der Erzählung, den Magnetiseur Alban.

Der Untertitel, „eine Familienbegebenheit“, verweist darauf, dass sich die Ereignisse innerhalb einer Familie abspielen. In Familien als Orte, des Alltäglichen, lässt Hoffmann, vor allem in den Nachtstücken kontrastreich die Nachtseite einbrechen. In dieser Erzählung in Gestalt des Magnetiseurs.

„Geschildert wird der Einbruch des Bösen in Gestalt des Magnetiseurs Alban in eine aus Vater, Sohn und Tochter (nebst Hausfreund Bickert, einem Maler) bestehende Familie, die er am Ende zugrunde richtet.“[17]

2.1. Der Handlungsablauf

„Der Magnetiseur“ beginnt mit einer Rahmenhandlung.[18] Am Abend des neunten September, debattieren der Hausherr, ein Baron, sein Sohn Ottmar und der Freund der Familie, der Maler Bickert, über Träume. Die anwesende Tochter Maria hört zu. Im „Magnetiseur“ zeigt sich eine unbehagliche Atmosphäre, denn das Wetter macht sich im barocken Schloss, das eine typisch romantische Kulisse für diese Erzählung bildet, bemerkbar: „[...] ein kalter Herbstwind strich durch den übel verwahrten Sommersaal.“[19] Der Diskurs über Träume leitet fließend zu dem ihm ähnlichen somnambulen Zustand über.

[...]


[1] Epochenbegriffe, wie die Romantik sind Setzungen, um literarischen Phänomenen gerecht zu werden, um sie nach Sinn- Einheiten zu bündeln. Die Romantik muss zwar als Epoche von der Stilrichtung in Literatur, Kunst und Musik abgegrenzt werden, doch die Arbeit benutzt nur den einen Begriff. Das Ende setzt Monika Schmitz- Emans für Deutschland etwa an.

[2] Kupfer, Alexander: Die künstlichen Paradiese. Rausch und Realität seit der Romantik. S. 131

[3] Kupfer, S. 133

[4] Kupfer, S. 133

[5] Kupfer, S. 133

[6] Barkhoff, Jürgen: Magnetische Fiktionen. Literarisierung des Mesmerismus in der Romantik, S. 99

[7] Barkhoff, S. 99.

[8] auch Mesmerismus oder Magnetismus genannt

2 Barkhoff, S. 99

[9] Barkhoff, S. 27

[10] Die Entdeckung der paranormalen somnambulen Phänomene näherten Mesmers naturwissenschaftlich gemeinte Lehre weiter unglaubwürdigen Wunderberichten und okkulten Praktiken an, von denen er sich entscheiden distanzierte. Er versuchte seine Fluidum -Theorie zu verteidigen und dem Geister und Dämonenglauben entgegenzuwirken indem er einen sechsten Sinn schuf, den „sensorii communis“, den er im Nervensystem lokalisierte, und der die Wunder des Träumens, des Schlafwachzustandes und die damit einhergehende Visionen sowie Telepathie zu erklären sollte.

[11] Barkhoff, S. 100

[13] Manche Autoren sammelten sogar praktische Erfahrungen. Novalis schrieb „Heinrich von Ofterdingen“ und magnetisierte seine Braut Julie von Charpentier, sowie seine Mutter und seine Schwester Sidonie. Schelling schrieb „Über den Zusammenhang der Natur mit der Geisterwelt“ und behandelte Caroline Schlegels Tochter Auguste. Seine Eindrücke, die Fichte in Wolferts Berliner Praxis gewann beschrieb er im „Tagebuch über den animalischen Magnetismus

[14] Barkhoff, S. 196

[15] Neben der Diskussion in der Rahmenhandlung „der Serapionsbrüder“ in „Die Automate“, „Der unheimliche Gast“ „Die Genesung“. Als Nebenmotiv ist der Magnetismus in „Ignaz Denner“, „Das öde Haus“, „Das Gelbde“, „Das Steinerne Herz, „Doga und Dogaresse“ und im Künstlerroman „Kater Murr“ präsent. Auch in seinen Märchen und Musikerzählungen taucht das Thema auf. in „Der goldene Topf“, in „Klein Zaches“ und in „Ritter Gluck“, Kreisleriana“ und „Don Juan“

[16] Auch in den „Nachtstücken“ hat sich Hoffmann in die Tradition der Malerei gestellt. Den starken Kontrast von Hell und Dunkel in der Malerei übertrug Hoffmann auf die Erzählungen, um das Unheimliche, die Nachtseite, kontrastreich in die helle Tagseite dringen zu lassen.

[17] Kleßmann, Eckart: E.T.A. Hoffmann oder die Tiefe zwischen Stern und Erde. Eine Bographie. S. 259

[18] Diese Ausgangssituation nutzte Hoffmann auch bei seiner Erzähl- Sammlung die Serapions- Brüder.

[19] Magnetiseur, 178.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Zu "Der Magnetiseur" - E.T.A. Hoffmanns Warnung vor dem Magnetismus und ein Spiegelbild seiner Epoche
Hochschule
Universität Paderborn
Veranstaltung
Europäische Romantik
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V55975
ISBN (eBook)
9783638507905
ISBN (Buch)
9783638664264
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Magnetiseur, Hoffmanns, Warnung, Magnetismus, Spiegelbild, Epoche, Europäische, Romantik
Arbeit zitieren
Kirsten Rackow (Autor), 2005, Zu "Der Magnetiseur" - E.T.A. Hoffmanns Warnung vor dem Magnetismus und ein Spiegelbild seiner Epoche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/55975

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