Das Amerikabild in den Reportagen von Egon Erwin Kisch


Hausarbeit, 2005

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Weimarer Republik
2.1 Die drei Phasen der Weimarer Republik
2.2 Das Amerikabild in der ersten Phase der Weimarer Republik
2.3 Die Amerikanisierung Deutschlands in der zweiten Phase der Weimarer Republik
2.4 Die kapitalistische Utopie Henry Fords
2.5 Kultur in der Weimarer Republik
2.5.1 Die Neue Sachlichkeit
2.5.2 Neue Sachlichkeit und Reportage
2.6 Widerstände gegen den Amerikanismus

3. Entstehung des Reportagebandes „Paradies Amerika“ und Kischs Reportagekonzept
3.1 Kisch Reportagekonzept zwischen 1926 und 1932
3.2 Zur Entstehung des Reportagebandes „Paradies Amerika“

4. Das Amerikabild in den Reportagen in „Paradies Amerika“
4.1 Der Zusammenhang von Verbrechen und Politik
4.1.1 Die Fahrt ins Paradies und seine Präsidenten
4.1.2 Die Verhältnisse in den amerikanischen Gefängnissen
4.1.3 Das Amerika der Gegensätze
4.2 Kritik an den Arbeits- und Sozialverhältnisse am Beispiel der Ford-Reportage

5. Fazit

6.Literaturverzeichnis

1.Einleitung

In der zweiten Phase der Weimarer Republik wurde Deutschland von einer „Amerikanismus-Welle“ überschwemmt. Die USA wurden sowohl Vorbild für die wirtschaftliche, als auch für die politische Entwicklung Deutschlands. Auch der Bereich der Kultur wurde zunehmend von amerikanischen Trends, wie Musik, Kino und Massensport geprägt. Fraglich ist, ob Egon Erwin Kisch in seinen Reportagen über das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, die er auf seinen Reisen 1929 verfasste, auf die „Amerikanismus-Welle“ aufgesprungen ist, oder ob der Autor, der bereits 1919 Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs und 1925 Mitglied der KPD war ein weitaus kritischere Einstellung zu den Vereinigten Staaten hatte. Daher werde ich mich in der vorliegenden Arbeit mit der Fragestellung auseinandersetzen, von welchem Amerikabild die Reportagen Egon Erwin Kischs in dem Band „Paradies Amerika“ geprägt sind.

Kapitel 2 skizziert die politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung in der Weimarer Republik, sowie auf das Amerikabild und die Widerstände gegen die Amerikanisierung. Im dritten Kapitel werde ich sowohl auf die Entstehung des Reportagebandes „Paradies Amerika“ eingehen, als auch auf das Reportagekonzept von Egon Erwin Kisch zwischen 1926 und 1932. Daran anschließend werde ich das Amerikabild in den Reportagen untersuchen, wobei ich mich auf zwei thematische Schwerpunkte konzentrieren werde. Die Arbeit endet mit Kapitel 5, in dem ich meine wesentlichen Erkenntnisse der Arbeit zusammengefasst darstellen werde.

2. Die Weimarer Republik

Im folgenden Kapitel werde ich sowohl auf die politischen, sowie auf die wirtschaftlichen, als auch auf die kulturellen Entwicklungen und Strömungen der Weimarer Republik eingehen. Zudem werde ich mich auf das Amerikabild, welches in dieser Zeit existierte beziehen, wobei ich mich in meinen Ausführungen hauptsächlich auf die zweite Phase der Weimarer Republik, also 1924 bis 1929 konzentrieren werde, da Egon Erwin Kisch in dieser Zeit die Reportagesammlung „Paradies Amerika“ verfasst hat.

2.1 Die drei Phasen der Weimarer Republik

Die Zeit der Weimarer Republik lässt sich in drei Phasen untergliedern: 1918 bis 1923, 1924 bis 1929 und 1929 bis 1933. In den Jahren 1918 bis 1923 ist Deutschland geprägt durch ein völlig zerrüttetes soziales und politisches Klima. Das Land ist determiniert durch außenpolitischen Druck, vor allem infolge der Reparationspolitik Frankreichs, durch die Wirtschaftskrise und die daraus resultierende Inflation, durch zahlreiche Putsche, politische Morde und Unruhen.[1]

„Als Gustav Stresemann im August 1923 die Leitung der deutschen Außenpolitik übernahm, war das Reich diplomatisch isoliert und am Rande des politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruchs.“[2] Doch durch die Währungsreform und das Inkrafttreten des Dawes-Plans, erlebte Deutschland in seiner Stabilisierungsphase von 1924 bis 1929 ein kleines Wirtschaftswunder. Amerikanische Unternehmen investierten in deutsche Betriebe, Gesellschaften der beiden Staaten fusionierten, so dass die Weimarer Republik in ihren goldenen 20 er Jahren einen relativen Wohlstand erlebte.[3]

Der „Schwarze Freitag“ an der Wall Street leitete die dritte Phase der Weimarer Republik ein. Deutschland war sehr stark von den Konsequenzen der Weltwirtschaftskrise betroffen. 6 Millionen Menschen wurden arbeitslos und stürzte sie in den sozialen Abgrund. Nutznießer dieser Entwicklung waren die Nationalsozialisten, die 1933 das Ende der Weimarer Republik einläuteten.[4]

2.2 Das Amerikabild in der ersten Phase der Weimarer Republik

Nach Ende des ersten Weltkrieges, aus dem Amerika als Weltmacht Nummer 1 hervorgegangen war und Deutschland ungeheuer an Einfluss verloren hatte, war das Amerikabild eher negativ konnotiert. „Den deutschen Betrachtern der neuen Weltlage bot sich das erschreckende Bild einer angelsächsischen Weltherrschaft.“[5] Amerika und England beherrschten aus deutscher Sicht sowohl politisch als auch wirtschaftlich die gesamte Welt. Darüber hinaus bedeutete der Sieg des angelsächsischen Imperialismus die Niederlage des Sozialismus und den Triumph des Kapitalismus. Deutschland sah seiner Freiheit ein Ende gesetzt, und fühlten sich von der Völkerfamilie ausgestoßen und als Opfer der kapitalistischen Ausbeutung.[6] Das besiegte Deutschland sah sich in der Stellung des „…Frohnknechtes der siegreichen kapitalistischen Herrschaftsstaaten…“[7]

2.3 Die Amerikanisierung Deutschlands in der zweiten Phase der Weimarer Republik

Mit dem Inkrafttreten des Dawes-Planes und dem daraus resultierenden Wirtschaftswachstums Deutschlands veränderte sich auch das Amerikabild in Deutschland. Die USA wurden zum Vorbild der zukünftigen wirtschaftlichen und politischen Entwicklung Deutschlands. Der „Amerikanismus“ erklärte die Vereinigten Staaten zum Modell, zum Vorbild für eine Entwicklung, die auch die deutsche Gesellschaft nehmen sollte. „ In der Übernahme amerikanischer Produktionsmethoden, amerikanischen Geistes, glaubte man das Mittel gefunden zu haben, mit dem Deutschland seine alte Macht und Unabhängigkeit wiedererringen konnte.“[8] Amerika wurde als die Industrie- und Leistungsgesellschaft betrachtet, in der es kaum noch Klassen und Stände gebe und eine wahre Demokratie sich entfalten könne[9]: „Schließlich waren die USA nicht nur das Land mit der höchstentwickelten Industrie, […] sondern zugleich der Staat, der auch auf allen anderen Gebieten jene Gleichzeitigkeit von Produktion, Kultur und Lebensgefühl erreicht hatte, für die es in Westeuropa lediglich erste Ansätze gab.“[10]

2.4 Die kapitalistische Utopie Henry Fords

Im November 1923 erschien Henry Fords Buch „Mein Leben und Werk“ auf dem deutschen Markt, „… dies ist besonders relevant vor dem Hintergrund, dass Henry Ford in der Weimarer Republik eine Symbolfigur für amerikanischen Kapitalismus und entschiedene Rationalisierung war, aber gleichzeitig auch für ein Sozialmodell stand, das einen Ausgleich der Klassengegensätze innerhalb des kapitalistischen Systems anstrebte…“[11]

Das Buch wurde in Deutschland zum Kassenschlager und verkaufte sich in kurzer Zeit über 200.000mal. Ford erläuterte in dem Buch seine Geschäftspraktiken und seine Produktionsmethoden, welche in Deutschland auf großen Zuspruch trafen. In manchen Kreisen galt das Werk Fords „…geradezu als Bibel der Weimarer Stabilisierungsepoche.“[12] Der Autoproduzent Henry Ford entwickelte eine Geschäfts- und Sozialphilosophie, die ganz dem Sinne der Allgemeinheit diente und offenbar die meisten der wirtschaftlichen und sozialen Probleme der modernen Gesellschaft zu lösen schienen. Seine Methode war denkbar einfach. Sein Ziel war es ein möglichst billiges und billig produziertes Auto herzustellen, die für alle gesellschaftlichen Gruppen erwerbsfähig waren und somit die Ware Auto zum Massenprodukt avancieren konnte. Um dies zu ermöglichen wurde die Produktion vollständig durchorganisiert und die Fließbandherstellung eingeführt. Seiner Auffassung nach bestand zwischen Unternehmer und Arbeiter eine Geschäftspartnerschaft, wobei dem Arbeiter ein gerechter Anteil am erwirtschafteten Lohn zusteht.[13]

Viele waren vom wirtschaftlichen Erfolg der fordschen Produktionsmethode, die in Deutschland viele Nacharmer fand so geblendet und ließen sich vom amerikanischen Wohlstand so in den Bann schlagen, dass seine kapitalistischen Beweggründe Fords (Rentabilität und Profitmaximierung, Ausbeutung der Arbeiter) völlig in den Hintergrund traten. Welche kapitalistischen Beweggründe hinter der „Ethik“ des Großindustriellen zeigen seine Ausführungen, dass selbst die kranken Angestellten arbeiten müssen.[14]

„ Wir breiteten schwarze Wachstuchdecken über das Bettzeug und ließen die Leute Schrauben auf kleine Bolzen befestigen,[…] Die Insassen des Krankenhauses waren dazu genauso imstande, wie die Leute in der Fabrik und verdienten sich auf diese Weise ihren regelmäßigen Lohn. […] Keiner wurde natürlich gezwungen, aber alle waren arbeitswillig. Die Arbeit half ihnen die Zeit zu vertreiben, Schlaf und Appetit waren besser als zuvor und die Erholung machte bessere Fortschritte.“[15]

2.5 Kultur in der Weimarer Republik

Auch die Kultur der Weimarer Republik durchlief höchst unterschiedliche Phasen. In meinen Ausführungen werde ich mich hauptsächlich auf die kulturelle Strömung zwischen 1924 und 1929 beziehen, da Egon Erwin Kisch in dieser Zeit seine Reportagesammlung „Paradies Amerika“ schrieb. Während in der ersten Phase der Spätexpressionismus dominierte, wurde die zweite Hälfte von der Neuen Sachlichkeit geprägt und in der dritten Phase von der so genannten Materialästhetik abgelöst.[16]

Nicht nur der Bereich der Wirtschaft wurde vom Amerikanismus beeinflusst, auch im Bereich der Kultur wurden die Vereinigten Staaten zum Vorbild für die Weimarer Republik. Amerikanische Phänomene wie „…Sport, Jazz, Wolkenkratzer, die man bisher als Ausgeburten des Hässlichen oder Kulturlosen angeprangert hatte, plötzlich zu Leitbildern einer wahrhaft demokratischen und damit freien Welt.“[17]

In den Zeitungen fand man zahlreiche Bekenntnisse zum Amerikanismus und eine Welle an Amerika-Büchern, in denen das Land als nachzuahmendes Beispiel glorifiziert wurde, überschwemmte das Land.[18] Das Leben in den Kleinstädten galt als altmodisch, so, dass immer mehr Menschen in die Großstadt zogen, wo sie als Mensch in der Masse untertauchen konnten. Die Natur wurde als Ort betrachtet, wo man sich aus gesundheitlichen Gründen aufhielt und Sport treiben konnte.[19] In den Großstädten wuchs das Bedürfnis nach Unterhaltung und Vergnügungsindustrie in der zweiten Phase der Weimarer Republik immens. Kunst und Kultur waren nicht mehr der Elite vorbehalten, sondern entwickelten sich Produkt für die Massen. Auch die zunehmende Verbreitung der Massenmedien Radio, Film, Schallplatte und Illustrierte trugen dazu bei, dass so etwas wie eine Fließbandkultur entstand.[20]

Auch im Bereich Sport sah es nicht anders aus. Sport wurde „…zum wirklichen Massenphänomen, zum zentralen Gesprächsgegenstand, zur Weltreligion des 20. Jahrhunderts,…“[21]

2.5.1 Die Neue Sachlichkeit

Zwischen 1924 und 1929 dominierte im künstlerischen, musikalischen und literarischen Bereich als weltanschaulich-kulturelle Bewegung. Die Künstler bekannten sich zum Amerikanismus und akzeptierten die gegebene soziale Wirklichkeit, anstatt irgendwelchen ideologischen Phantasien herbei zu sehnen. Auch auf der Seite der antiamerikanischen Linken und den faschistischen Rechten wurde diese Strömung adaptiert.[22]

Tendenzloses Aufdecken diverser Missstände und Fakten stand im Vordergrund. Die Vertreter dieser Richtung ( Künstler, Publizisten, Schriftsteller) gingen selten kritisch vor und hofften darauf, dass die Fakten alleine überzeugten.[23]

Die Neue Sachlichkeit kann verstanden als ein ästhetischer und ideologischer Ausdruck „…jener im liberalen Sinne republikbezogenen Kreise, die sich von der fortschreitenden Rationalisierung der Industrie und ihrem eigenen künstlerischem Einsatz eine Stärkung der Republik versprachen. Doch ihre Hoffnung auf eine Demokratie, in welcher der Unterschied der Klassen mehr und mehr verschwinden würde, erwies sich angesichts der weiter bestehenden Arbeitslosigkeit als zu trügerisch, um von allen Schichten der Bevölkerung geteilt zu werden.“[24]

2.5.2 Neue Sachlichkeit und Reportage

Die Vertreter der Neuen Sachlichkeit befürworteten die neuen Medien und bedienten sich ihrer um neue Vermittlungsformen zu entwickeln. Soziale und wirtschaftliche Probleme wurden durch tasachenorientierte literarische Gestaltungsformen dargestellt. Daher gewann die Reportage neben der dokumentarischen Literatur als literarische Gattung zunehmend an Bedeutung und wurde zum Modewort der 20er Jahre.[25]

[...]


[1] Vgl. Kreuzer: Kultur und Gesellschaft in der Weimarer Republik, S. 278.

[2] Ott: Amerika ist anders, S. 167.

[3] Vgl. Schwabe: Die Vereinigten Staaten und die Weimarer Republik, S. 370.

[4] Vgl. Ott: Amerika ist anders, S. 167-169.

[5] Berg: Deutschland und Amerika 1918-1929, S. 48.

[6] Vgl. Berg: Deutschland und Amerika1918-1929, S. 48-49.

[7] Berg: Deutschland und Amerika 1918-1929, S. 49.

[8] Ebd., S. 135.

[9] Vgl. Hermand, Trommler: Die Kultur der Weimarer Republik, S. 49-50.

[10] Hermand, Trommler: Die Kultur der Weimarer Republik, S. 50.

[11] Unger: Erlebnisfähigkeit, unbefangene Zeugenschaft und literarischer Anspruch, S. 180.

[12] Hermand, Trommler: Die Kultur der Weimarer Republik, S. 52.

[13] Vgl. Berg: Deutschland und Amerika 1918-1929, S. 99-100.

[14] Vgl. Lethen: Neue Sachlichkeit 1924-1932: S. 22.

[15] Ford: Leben und Werk, S. 128.

[16] Vgl. Hermand, Trommler: Die Kultur der Weimarer Republik, S. 35.

[17] Ebd., S. 57.

[18] Vgl. Ebd., S. 55-56.

[19] Vgl. Ebd., S. 64-65.

[20] Vgl. Ebd., 69-71.

[21] Ebd., S. 75.

[22] Vgl. Kreuzer: Kultur und Gesellschaft in der Weimarer Republik, S. 279.

[23] Vgl. Hermand, Trommler: Die Kultur der Weimarer Republik, S. 117-118.

[24] Ebd., S. 119.

[25] Vgl. Peukert: Die Weimarer Republik, S. 168.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Amerikabild in den Reportagen von Egon Erwin Kisch
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Die literarische Reportage
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V56012
ISBN (eBook)
9783638508186
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Amerikabild, Reportagen, Egon, Erwin, Kisch, Reportage
Arbeit zitieren
Juliane Ranft (Autor), 2005, Das Amerikabild in den Reportagen von Egon Erwin Kisch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56012

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