Durch Bewegungen eignen wir Menschen uns von Anfang an die Welt in konzentrischen Kreisen an. „Kleinkinder erobern sich ihre Umgebung Schritt für Schritt, nach und nach. Sie nehmen neue Räume in ihrem Bett in Besitz, erweitern diese Räume, wenn sie erst einmal krabbeln können, um dann nach und nach sich die anderen Räume der Wohnung zu eigen zu machen. Später erschließen sie sich weitere sozialökologische Räume, wenn sie das Haus verlassen und zum Beispiel den Garten selbstständig, wenn auch noch unter Obhut der Eltern erkunden. Danach folgen weitere Räume, zuerst noch unter der Beobachtung der Eltern, wie der Bürgersteig vor dem Haus, die Gärten der Nachbarn, der nahe liegende Spielplatz“ (KLUPSCH- SAHLMANN 1999, 12). KLUPSCH- SAHLMANN (1999) verdeutlicht in diesem Zitat, dass die ganzheitliche Entwicklung des Menschen durch Bewegung gefördert wird. In der Grundschule wird es daher notwendig, dass Kinder mit Hilfe der Bewegung und unter der Berücksichtigung ihrer eigenen Lernbiographie sich handelnd Wissen aneignen. Über Bewegung können Kinder Wissen von dieser Welt erwerben und die Welt verstehen lernen; dies ist ein Ziel schulischer Erziehung. Schule soll zu einem Lern-, Lebens- und Erfahrungsraum werden, welches bei der Gestaltung des Schulalltags zu berücksichtigen ist. Im Alltagsverständnis ist die Schule nicht unbedingt ein Bewegungsraum. Für die Bewegung gibt es zweckbestimmte Räume und Zeiten, zum Beispiel die Sporthalle und den Schulhof beziehungsweise die Sportstunden und die Pausenzeiten (vgl. HILDEBRANDT- STRAMANN 2000, 5). Hier soll die Bewegungslust und der Bewegungsdrang der Kinder gestillt werden. Sie sollen sich vom schulischen Stress erholen und neue Kraft tanken um wieder konzentriert mitarbeiten zu können. Somit wird der Sportunterricht unverzichtbar, denn den Kindern und Jugendlichen soll vermehrt ein Leben und Lernen mit und durch Bewegung ermöglicht werden.
Von dieser Grundlage ausgehend interessieren uns die folgenden Fragen: Welche Bedeutung hat der Sportunterricht für die Kinder und Jugendlichen? Welche didaktischen Konzeptionen können im Sportunterricht ihre Anwendung finden? Welche möglichen Initiativen und Handlungsspielräume finden die Schülerinnen und Schüler im Sportunterricht vor?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Diskussion zum Schulsport in Deutschland
3 Didaktische Konzepte zum Sportunterricht
3.1 Sportartenkonzept
3.2 Erfahrungsoffenes Konzept
4 Vergleichende Analyse der Konzepte auf der Grundlage von didaktischen Kategorien
4.1 Sportartenkonzept
4.1.1 Zum Erziehungsverständnis
4.1.2 Zum Entwicklungsverständnis
4.1.3 Zum Bewegungsverständnis
4.1.4 Zum Unterrichtsverständnis
4.2 Erfahrungsoffenes Konzept
4.2.1 Zum Erziehungsverständnis
4.2.2 Zum Entwicklungsverständnis
4.2.3 Zum Bewegungsverständnis
4.2.4 Zum Unterrichtsverständnis
5 Schulporträts der hospitierten Schulen in Deutschland und Portugal auf der Grundlage von Interviews und narrativer Dokumentation subjektiver Beobachtungen
5.1 Einführung und Rahmenbedingung der Untersuchung
5.2 Untersuchungsmethoden: Leitfadeninterview und narrativer Dokumentation subjektiver Beobachtungen
5.3 Darstellung und Auswertung der Ergebnisse
5.3.1 Schulporträt der Escola Básica 1 de Sao Tiago
5.3.2 Schulporträt der Escola Básica 1 de Nossa Senhora da Piedade
5.3.3 Schulporträt der „Margret und Rolf Rettich- Schule“
5.4 Fazit der Untersuchung
6 Didaktische Analyse des Sportunterrichts in Deutschland und Portugal mit Hilfe der Rezensionsmethode
6.1 Fragestellung
6.2 Untersuchungsmethode: Unterrichtsrezension nach BERG und DIETRICH/ LANDAU
6.3 Durchführung der Untersuchung
6.3.1 Unterrichtsrezensionen in Deutschland
6.3.1.1 Sportunterricht oder Bewegungserziehung im 1. Schuljahr
6.3.1.2 Sportunterricht oder Bewegungserziehung im 2. Schuljahr
6.3.1.3 Sportunterricht oder Bewegungserziehung im 3. Schuljahr
6.3.1.4 Sportunterricht oder Bewegungserziehung im 4. Schuljahr
6.3.2 Unterrichtsrezensionen in Portugal
6.3.2.1 Sportunterricht oder Bewegungserziehung im 1. Schuljahr
6.3.2.2 Sportunterricht oder Bewegungserziehung im 2. Schuljahr
6.3.2.3 Sportunterricht oder Bewegungserziehung im 3. Schuljahr
6.3.2.4 Sportunterricht oder Bewegungserziehung im 4. Schuljahr
7 Theoretische Auswertung
7.1 Klassifikation und Kategorien nach LANDAU
7.2 Einordnung des rezensierten Sportunterrichts
8 Didaktische Diskussion der Ergebnisse
9 Fazit
Zielsetzung & Themen
Ziel der Arbeit ist ein didaktischer Vergleich des Sportunterrichts an Grundschulen in Deutschland und Portugal. Hierbei wird untersucht, welche Unterschiede bestehen, welche didaktischen Konzeptionen Anwendung finden und wie die Rahmenbedingungen (Ausstattung, Organisation) die Unterrichtsqualität beeinflussen.
- Vergleich didaktischer Konzepte (Sportartenkonzept vs. erfahrungsoffenes Konzept).
- Empirische Untersuchung mittels Schulporträts (Interviews und Beobachtungen).
- Analyse der Unterrichtsgestaltung durch die Methode der Unterrichtsrezension.
- Diskussion über die Bedeutung von Bewegung und Sport in der Grundschulerziehung.
- Kritische Reflexion über die Steuerung des Sportunterrichts durch Lehrkräfte.
Auszug aus dem Buch
3.2 Erfahrungsoffenes Konzept
Auf Grund der Zunahme von technisch kontrolliertem Wissen ist unsere Lebenswelt durch einen Verlust der Selbsttätigkeit gekennzeichnet. „Nicht mehr im Umgang mit Dingen oder aus der Begegnung mit den Phänomenen lernen die Menschen ihre Welt zu begreifen, sondern über die Sicht der Dinge und Phänomene, die Experten von jenen entwerfen“ (BÖHME 1990, zitiert in MARAUN o. J., 26). Im voranschreitenden Prozess der Verwissenschaftlichung scheint die lebensweltliche Erfahrung ihre Zuständigkeit zu verlieren. Problematisch wird die wissenschaftliche Erfahrung, wenn es darum geht, Wissen ohne Bedeutungszusammenhänge zur Verfügung zu stellen. Um objektivierende Kontrolle und Vergleichbarkeit zu ermöglichen, ist es für die Wissenschaftsproduktion von Bedeutung zu spezifizieren, zu zerlegen und Eindeutigkeiten herzustellen. Dazu sind einerseits die prinzipielle Situationsabhängigkeit des Phänomens und andererseits das Ausblenden der Subjektivität erforderlich.
Des Weiteren ist lebensweltliche Erfahrung verstärkt Sinneserfahrung und damit an den Körper gebunden. Darauf haben unter anderem PIAGET (1973), BETTELHEIM (1983) und SPITZ (1969) in ihren entwicklungspsychologischen Untersuchungen aufmerksam gemacht. Nicht durch die passive Rezeption gewinnt das Subjekt Erfahrungen, sondern in der handelnden Auseinandersetzung mit der dinglichen und sozialen Wirklichkeit. „Erfahrungsprozesse fangen mit dem Selbsttun an, und darin ist eine leiblich- sinnliche Dimension enthalten“ (HILDEBRANDT- STRAMANN 2000, 100).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Hinführung zum Thema des Schulsports als Bewegungsraum und Darlegung der Forschungsfragen zum didaktischen Vergleich.
2 Diskussion zum Schulsport in Deutschland: Abgrenzung der Begriffe Schulsport und Sportunterricht sowie historischer und aktueller Überblick über die bildungspolitische Debatte in Deutschland.
3 Didaktische Konzepte zum Sportunterricht: Theoretische Einführung in das Sportartenkonzept und das erfahrungsoffene Konzept als zwei zentrale sportpädagogische Ansätze.
4 Vergleichende Analyse der Konzepte auf der Grundlage von didaktischen Kategorien: Detaillierte Gegenüberstellung der beiden Konzepte hinsichtlich Erziehung, Entwicklung, Bewegung und Unterrichtsverständnis.
5 Schulporträts der hospitierten Schulen in Deutschland und Portugal auf der Grundlage von Interviews und narrativer Dokumentation subjektiver Beobachtungen: Vorstellung der untersuchten Schulen in Deutschland und Portugal sowie Darlegung der eingesetzten Untersuchungsmethoden.
6 Didaktische Analyse des Sportunterrichts in Deutschland und Portugal mit Hilfe der Rezensionsmethode: Praktische Anwendung der Unterrichtsrezension zur Beurteilung konkreter Sportstunden im Hinblick auf ihre didaktische Umsetzung.
7 Theoretische Auswertung: Zusammenfassende Einordnung der beobachteten Unterrichtsstunden anhand der Kategorien Rahmung und Klassifikation nach LANDAU.
8 Didaktische Diskussion der Ergebnisse: Synthese der theoretischen Erkenntnisse mit den empirischen Beobachtungen aus dem Unterricht.
9 Fazit: Beantwortung der Ausgangsfragen und Schlussfolgerungen für die eigene zukünftige Tätigkeit als Lehrkraft.
Schlüsselwörter
Schulsport, Sportunterricht, Grundschule, Sportartenkonzept, erfahrungsoffenes Konzept, Didaktik, Bewegungserziehung, Unterrichtsrezension, Schulleben, Bewegungsangebot, Portugal, Deutschland, Vergleich, Pädagogik, Sportlehrer.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Examenshausarbeit befasst sich mit einem didaktischen Vergleich des Sportunterrichts an Grundschulen in Deutschland und Portugal unter Berücksichtigung verschiedener didaktischer Konzeptionen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Diskussion des Schulsports, der Analyse didaktischer Konzepte, der Erstellung von Schulporträts sowie der praktischen Unterrichtsrezension.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach den Unterschieden im Sportunterricht beider Länder, danach, welche didaktischen Ansätze Anwendung finden und wie diese die Unterrichtsgestaltung beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autoren nutzen Interviews, narrative Dokumentation subjektiver Beobachtungen und die Methode der Unterrichtsrezension nach BERG und DIETRICH/LANDAU.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Neben theoretischen Grundlagen zu didaktischen Konzepten werden ausführliche Fallbeispiele aus hospitierten Schulen sowie analysierte Unterrichtsstunden (Unterrichtsrezensionen) präsentiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schulsport, didaktischer Vergleich, Sportartenkonzept, erfahrungsoffenes Konzept, Unterrichtsrezension und Grundschule.
Wie unterscheidet sich die methodische Umsetzung in Deutschland und Portugal laut der Analyse?
Die Arbeit stellt fest, dass der Sportunterricht in beiden Ländern stark durch Lehrerdominanz geprägt ist, wobei in Portugal eine eher restriktive und lehrerzentrierte Unterrichtskultur vorherrscht.
Welche Rolle spielt die "Bewegte Schule" in diesem Dokument?
Das Konzept der "Bewegten Schule" dient als pädagogischer Referenzrahmen, um die Bedeutung von Sport und Bewegung im Schulleben als fächerübergreifenden Auftrag zu begründen.
- Quote paper
- Maren Knopke (Author), Katarina Jäckel (Author), 2004, Schulsport in Portugal und Deutschland - ein didaktischer Vergleich auf der Grundlage von Unterrichtsbeobachtungen zum Sportunterricht in der Grundschule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56032