Ethik und Ästhetik bei Albert Schweitzer


Essay, 2005

6 Seiten


Leseprobe

Ethik und Ästhetik bei Albert Schweitzer

Vor genau 90 Jahren, im September 1915, saß Albert Schweitzer auf dem Deck eines Dampfschiffs und fuhr den Ogowefluß im damaligen Französisch-Äquatorialafrika stromaufwärts. Im Schein der untergehenden Sonne sah er vier Nilpferde mit ihren Jungen auf einer Sandbank in die gleiche Richtung ziehen. In diesem Moment kam ihm plötzlich ein Wort in den Sinn, das ihn wie elektrisiert aus seinem Halbschlaf riß. Es war der Begriff „Ehrfurcht vor dem Leben“, in dem er sogleich das lange von ihm gesuchte Prinzip einer neuen Ethik erkannte.[1]

Es ist sicherlich kein Zufall, daß Schweitzer dieses Prinzip nicht bei ab­strakter Schreibtischarbeit, sondern beim Anblick konkreter Lebewesen entdeckt hatte. Er mußte mit seinen eigenen Sinnen begreifen, worum es ihm schon seit Jahren ging: Wie kann man Menschen dazu bringen, sich nicht nur für ihre Artgenossen, sondern überhaupt für alle Lebewesen verantwortlich zu fühlen? Indem er die Nilpferdherde in ihrem Sosein sinnlich sah, schaute er jenseits des Sichtbaren, wie Schweitzer immer wieder formulierte, das Leben, „das leben will, inmitten von Leben, das leben will“, erfuhr er geradezu auf mystische Weise hinter der Vielzahl der einzelnen Lebewesen die Einheit alles Lebendigen, die sich im Willen zum Leben ausdrückt.

Diese Einsicht, daß alles Leben eins ist, lässt uns Ehrfurcht empfinden. Das Geheimnis vom Ursprung und Sinn des Lebens wird uns bewusst und löst in uns Bewunderung und Respekt aus. Was genau bedeutet der Begriff der „Ehrfurcht“? Ehrfurcht hat mit der höchsten Wertschätzung gegenüber einer Person, Gottheit oder Lebensform zu tun. Sie schafft Nähe und Distanz zugleich. Einerseits fühlen wir uns mit allem Lebendigen verbunden und möchten es wie das eigene Leben erhalten. Andererseits verschließen wir gerade vor diesem ungeheuren ethischen Anspruch unsere Augen, weil wir ihm von Natur aus gar nicht genügen können. Denn unser Lebenswille zwingt uns immer wieder, anderes Leben zu zerstören. Wie können wir, wie Schweitzer formuliert, diese „Selbstentzweiung“, dass Leben trotz seiner Allverbundenheit immer nur auf Kosten anderen Lebens existieren kann, ein Stück weit aufheben?

Albert Schweitzer gibt darauf eine eindeutige Antwort. Indem wir soviel wie möglich Schäden, die wir anrichten, minimieren und ausgleichen. Wir müssen zwar immer wieder zu unserer Selbsterhaltung Tiere töten oder Pflanzen zerstören, können aber im Gegenzug die Lebenschancen anderer Kreaturen aktiv wieder erhöhen. Es kommt darauf an, sich für die eigene Schuld zu sensibilisieren und diese, so gut es geht, zu sühnen. So sieht Albert Schweitzer in Tierversuchen, selbst wenn sie der Bekämpfung von Krankheiten dienen, eine Schuld der Menschheit gegenüber dem Tierreich, die ausgeglichen werden sollte [Zitat]:

„Indem ich einem Insekt aus seiner Not helfe, tue ich nichts anderes, als dass ich versuche, etwas von der immer neuen Schuld der Menschen an die Kreatur abzutragen.“[2]

Wie kann der Mensch aber dazu gebracht werden, die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben nicht nur theoretisch anzuerkennen, sondern auch praktisch zu befolgen? Zwei existentielle Erfahrungsweisen können den Menschen dazu motivieren: die religiöse und die ästhetische Erfahrung. Beide spielen auch in Albert Schweitzers Lebenswerk eine wichtige Rolle. Denn Schweitzer war ja nicht nur als Tropenmediziner in einem Entwicklungsland tätig, sondern er war auch ein bedeutender Theologe, ein hervorragender Musiker und einflussreicher Musiktheoretiker.

[...]


[1] Albert Schweitzer: „Die Entstehung der Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben und ihre Bedeutung für unsere Kultur“, in: Die Ehrfurcht vor dem Leben – Grundtexte aus fünf Jahrzehnten (hrsg. v. Hans Walter Bähr). München (3. Aufl.) 1983, S. 20.

[2] Albert Schweitzer: Kultur und Ethik, in: Gesammelte Werke, Bd. II, S. 389.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Ethik und Ästhetik bei Albert Schweitzer
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Autor
Jahr
2005
Seiten
6
Katalognummer
V56060
ISBN (eBook)
9783638508551
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Basiert auf einem Vortrag vom 21. September 2005 in Mainz anläßlich des Doppeljubiläums zum 130. Geburtstag und 40. Todesjahr von Albert Schweitzer.
Schlagworte
Ethik, Albert, Schweitzer
Arbeit zitieren
Dr. Mathias Schüz (Autor), 2005, Ethik und Ästhetik bei Albert Schweitzer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56060

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