Konkrete Ethik in der Wirtschaft


Wissenschaftlicher Aufsatz, 1993

22 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Die Problematik konkreter Ethik

2. Grundlagen einer "neuen" Ethik
2.1. Grenzen der traditionellen Ethik
2.2. Vergessene Dimensionen des Menschseins
2.3. Tiefenpsychologie und neue Ethik

3. Ethik in der Wirtschaft
3.1. Das System der Wirtschaft
3.2. Das Schattenreich des Wirtschaftssystems

4. Perspektiven unternehmerischer Verantwortung
4.1. Der Fall "Manville"
4.1.1. Die Situation
4.1.2. Ethische Beurteilungsmöglichkeiten
4.2. Konzepte für ethisches Verhalten in der Wirtschaft
4.2.1. Der rigoristische Ansatz
4.2.2. Der real-idealistische Ansatz
4.2.3. Der situativ-opportunistische Ansatz
4.2.4. Der instrumentalistische Ansatz
4.2.5. Der ökonomistische Ansatz
4.3. Was leistet eine Unternehmensethik?

Konkrete Ethik in der Wirtschaft - Perspektiven unternehmerischer Verantwortung

1. Die Problematik konkreter Ethik

Nicht zuletzt wegen der zunehmenden Gefährlichkeit des Lebens in der heutigen Wohlstandsgesellschaft ist das Wort "Ethik" in aller Munde. Traditionell soll Ethik das Auskommen der Menschen miteinander regulieren helfen. Man erhofft sich von ihr Orientierungsweisen für ein verän­der­tes Verhalten und Handeln. Besonders laut wird der Ruf nach Ethik für be­stimmte Bereiche des menschlichen Verhaltens und Handelns wie Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Hier soll Ethik konkret wirksam werden.

Andererseits macht man der konkreten Ethik ihr mangelnder Einfluß gerne zum Vorwurf. Hin­weise dafür gibt es genügend. Die Verwicklungen von Industri­eunternehmen im Golf-Krieg sind bei­spielhaft. Der ganze Konflikt in der Region war von Anfang an für viele Indu­striezweige ein Spiel mit hohem Risiko und geringer ethischer Refle­xion, aber mit großen finanziellen Ge­winn­chancen. Die Unternehmen wie die Re­gierungen hätten die Kon­se­quenzen sol­chen Handelns anhand folgender morali­scher Regel in der Bibel ablesen können: "Gib dem Guten, nicht aber dem Bösen, unter­stütze den Demütigen, gib nicht dem Hochmütigen! Rüste ihn nicht mit Kampf­­waffen aus, sonst greift er dich selbst mit ihnen an. Dop­peltes Übel trifft dich [in der Zeit der Not] für all das Gute, das du ihm getan hast."[1] Bereits im 1. Jhdt. v. Chr. wußte man also um mögliche Aus- und Rückwirkungen be­stimmten Verhal­tens und stellte deshalb ent­spre­chende Regeln auf. Nichtsdestoweniger wurden und wer­den sie mißachtet.

Die Befolgung solcher Regeln ist heute noch schwieriger geworden. Die immer komplexer werdende Struktur der modernen Lebenswelt, die große Reichweite menschlicher Verfü­gungsgewalt und die Vernetzheit ihrer Folgelasten verringern die Aussicht auf eine eindeu­tige Zuweisung von Verantwortlichkeiten. So scheint es nur zu legitim, sich einem ethischen Einfluß zu entziehen.

Dies rührt daher, daß sich die Lebenswelt des heutigen Menschen in unterschiedliche Systemberei­che wie Wissenschaft, Wirtschaft, Recht und Politik funktional ausdif­ferenziert hat[2]. Deshalb ist der Mensch kaum noch als einzelner und ganzes ansprechbar. Zumeist in eines der Be­reiche eingebunden, deren Systemzwängen unterwor­fen und nur für die von ihm geforderte Funktion verantwortlich. Andererseits trägt er daneben Verantwortung als Familienvater, Mitglied der Gesellschaft oder einer Religionsgemeinschaft. Die Anforderungen sind unter­schiedlich, ja können sich aus ethischer Sicht sogar widersprechen. So ist er als Wissen­schaft­ler nur für seine Theorien verantwortlich oder als Unternehmer nur für den Fortbestand seines Unternehmens und sonst nichts, während er als Familienvater sehr wohl um das Über­leben seiner Kinder besorgt ist. Kurz: die Verantwortung des modernen Menschen ist mehrfach gespalten.[3]

Wie weit soll und kann nun Ethik reichen? Ist eine Ethik allein für die Gesamtheit unseres Verhaltens ausreichend? Sind für die unterschiedlichen Verantwor­tungs­be­rei­che jeweils Spezialethiken oder konkrete Moralen erforderlich? Besteht dann nicht die Gefahr miteinan­der konkurrierender oder gar sich gegenseitig lähmender Ethiken? Oder soll die Ethik grundlegende Prinzipien für das Handeln festlegen und jeweils situationsbezogen spezifizie­ren? Kann dann eine allgemeine Ethik die un­ter­schiedlichen Verantwortungsbereiche koor­dinieren?

Diese Fragen sind für eine Darlegung konkreter Ethik von großer Bedeutung. Der Autor verwirft die Möglichkeit konkurrierender Spezialethiken, plädiert statt des­sen für eine allge­meine Ethik mit möglichst großer Reichweite als Voraussetzung jeglicher konkreten Ethik. Die allgemeine Ethik for­muliert und begründet ethische Werte bzw. Normen - wie z. B. "Überleben der Menschheit", "menschenwürdiges Leben", "Erhaltung der Ge­­sund­heit", " Ehrfurcht vor dem Leben". Die konkrete Ethik sucht nun solche ethi­schen Werte mit oder gegen diejenigen Werte durchzusetzen, die je­weils das konkrete Handeln oder Verhalten bestimmen. Beispielsweise stellt sich Wirt­­schafts­ethik den ökonomischen Werten, Wis­sen­schafts­ethik den Wer­ten, die die Wissen­schaften leiten, Erziehungsethik den päda­go­gischen Wer­ten etc.

Bevor wir nun auf die konkrete Ethik der Wirtschaft und die Perspektiven unter­nehmeri­scher Verantwortung eingehen können, muß gemäß o. g. Voraussetzung zu­nächst die hier zugrundegelegte allgemeine Ethik dargelegt werden. Denn je nach ihrer Konzeption wird sie von unterschiedlichem Einfluß auf die konkreten Situationen bzw. Handlungsbereiche sein. Sodann müssen einige Systemgesetzlich­keiten der Wirtschaft vorgestellt und daraufhin geprüft werden, ob und inwieweit sie für einen ethischen Einfluß offen sind. Ohne diese Of­fenheit wäre die Ethik auf das Wirtschaftsystem nicht anwendbar, mithin die Diskussion um eine konkrete Wirtschaftsethik überflüssig. Zuletzt sollen mögliche Positionen einer Unter­neh­mensethik, mithin Perspektiven unternehmerischer Verantwortung diskutiert wer­den.

2. Grundlagen einer "neuen" Ethik

2.1. Grenzen der traditionellen Ethik

Die Reichweite und Wirksamkeit der traditionellen Ethik wird vielfach in Frage gestellt. In der Tat ist sie nicht in der Lage, das ethische Bewußtsein des Menschen an seine auf Wissenschaft und Technik beruhende Verfügungsgewalt anzugleichen, die über Raum und Zeit hinweg die Lebensgrundlagen selbst bedroht. Sie ist auf die Nah­sphäre des menschlichen Handelns ein­gestellt und berücksichtigt nicht, daß Mensch und Natur eine Überlebenseinheit sind.

Es gibt nun verschiedene Ansätze für eine neue Ethik, diese Mängel der traditionel­len Ethikkonzep­tionen be­he­ben zu wollen. So überwindet die Ethik von Albert Schweitzer ­den Anthropozentrismus und stellt "Ehrfurcht vor dem Leben" in ihr Zent­rum.[4] Hans Jonas berücksichtigt in seiner Ethik, daß Mensch und Natur eine Über­lebenseinheit sind, und möchte mit ihrer Hilfe insbesondere künf­tigen Generationen ein "gutes" Leben sichern[5].

Der Einfluß solcher Ethikentwürfe wird offenbar größer. Selbst im Wirt­schafts­ge­schehen tendiert man zumindest verbal in diese Richtung, wenn man die vielen Reden von Topmanagern und Publikationen in Management­zeitschriften zur Kennt­nis nimmt. Der gute Wille ist vielfach sicherlich vorhanden. Dennoch schei­nen die Auswir­kungen auf die Praxis noch gering zu sein. Es sind gewiß noch nicht alle Mängel der traditionellen Ethikkonzeptionen beseitigt.

[...]


[1] Je­sus Sirach 12, 4-5.

[2] Vgl. z. B. Niklas Luhmann: Ökologische Kommunikation - Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gerfährdungen einstellen? Opladen 1986, (3. Aufl.) 1990.

[3] Zur "Theorie der mehrfach gespaltenen Verantwortung" vgl. Otto-Peter Obermeier: "Wissen­schaft und Verantwortung", in: Der Mensch und die Wissenschaften vom Menschen - Die Beiträge des XII. dt. Kongresses für Philosophie. Innsbruck 1983, S. 247.

[4] Albert Schweitzer: Kultur und Ethik, 1923, in: Gesammelte Werke, Bd. 2, München 1974, S. 95-420. Vgl. Mathias Schüz: "Ehrfurcht vor dem Leben in der industriellen Welt - Albert Schweit­zers Ethik angesichts der verschärften Risikosituation von heute", in: Albert Schweitzer heute - Brenn­punkte seines Denkens (hrsg. v. Claus Günzler et al.). Tübingen 1990, S. 125-153.

[5] Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung - Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt a. M. 1979.

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Details

Titel
Konkrete Ethik in der Wirtschaft
Autor
Jahr
1993
Seiten
22
Katalognummer
V56063
ISBN (eBook)
9783638508582
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zitierung über Fußnoten, daher kein Literaturverzeichnis
Schlagworte
Konkrete, Ethik, Wirtschaft
Arbeit zitieren
Dr. Mathias Schüz (Autor), 1993, Konkrete Ethik in der Wirtschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56063

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