Nicht zuletzt wegen der zunehmenden Gefährlichkeit des Lebens in der heutigen Wohlstandsgesellschaft ist das Wort "Ethik" in aller Munde. Traditionell soll Ethik das Auskommen der Menschen miteinander regulieren helfen. Man erhofft sich von ihr Orientierungsweisen für ein verändertes Verhalten und Handeln. Besonders laut wird der Ruf nach Ethik für bestimmte Bereiche des menschlichen Verhaltens und Handelns wie Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Hier soll Ethik konkret wirksam werden. Andererseits macht man der konkreten Ethik ihr mangelnder Einfluß gerne zum Vorwurf. Hinweise dafür gibt es genügend. Die Verwicklungen von Industrieunternehmen im Golf-Krieg sind beispielhaft. Der ganze Konflikt in der Region war von Anfang an für viele Industriezweige ein Spiel mit hohem Risiko und geringer ethischer Reflexion, aber mit großen finanziellen Gewinnchancen. Die Unternehmen wie die Regierungen hätten die Konsequenzen solchen Handelns anhand folgender moralischer Regel in der Bibel ablesen können: "Gib dem Guten, nicht aber dem Bösen, unterstütze den Demütigen, gib nicht dem Hochmütigen! Rüste ihn nicht mit Kampfwaffen aus, sonst greift er dich selbst mit ihnen an. Doppeltes Übel trifft dich [in der Zeit der Not] für all das Gute, das du ihm getan hast." Bereits im 1. Jhdt. v. Chr. wußte man also um mögliche Aus- und Rückwirkungen bestimmten Verhaltens und stellte deshalb entsprechende Regeln auf. Nichtsdestoweniger wurden und werden sie mißachtet. Die Befolgung solcher Regeln ist heute noch schwieriger geworden. Die immer komplexer werdende Struktur der modernen Lebenswelt, die große Reichweite menschlicher Verfügungsgewalt und die Vernetzheit ihrer Folgelasten verringern die Aussicht auf eine eindeutige Zuweisung von Verantwortlichkeiten. So scheint es nur zu legitim, sich einem ethischen Einfluß zu entziehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Problematik konkreter Ethik
2. Grundlagen einer "neuen" Ethik
2.1. Grenzen der traditionellen Ethik
2.2. Vergessene Dimensionen des Menschseins
2.3. Tiefenpsychologie und neue Ethik
3. Ethik in der Wirtschaft
3.1. Das System der Wirtschaft
3.2. Das Schattenreich des Wirtschaftssystems
4. Perspektiven unternehmerischer Verantwortung
4.1. Der Fall "Manville"
4.1.1. Die Situation
4.1.2. Ethische Beurteilungsmöglichkeiten
4.2. Konzepte für ethisches Verhalten in der Wirtschaft
4.2.1. Der rigoristische Ansatz
4.2.2. Der real-idealistische Ansatz
4.2.3. Der situativ-opportunistische Ansatz
4.2.4. Der instrumentalistische Ansatz
4.2.5. Der ökonomistische Ansatz
4.3. Was leistet eine Unternehmensethik?
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Möglichkeiten einer konkreten Ethik in der Wirtschaft unter Berücksichtigung der psychologischen Dimension des menschlichen Handelns. Das Hauptziel ist es, aufzuzeigen, wie Unternehmen Verantwortung übernehmen können, ohne die systemischen Zwänge des Marktes vollständig zu negieren, und wie eine "Schattenintegration" ethische Fehlentwicklungen verhindern kann.
- Die Grenzen traditioneller Ethik in modernen Wirtschaftssystemen.
- Analyse der tiefenpsychologischen "Schatten" in Organisationen.
- Untersuchung externer Effekte als wirtschaftliches Schattenreich.
- Bewertung verschiedener ethischer Konzepte für das Management.
- Die Bedeutung von Fehlerfreundlichkeit und menschlichem Maß in der Wirtschaft.
Auszug aus dem Buch
3.2. Das Schattenreich des Wirtschaftssystems
Die Schatten machen sich in der Wirtschaftswelt auf unterschiedlichen Ebenen bemerkbar. So bringen die arbeitenden Individuen - egal in welcher Position - die Schatten ihrer Persönlichkeit ein: die Individualschatten. Der Mitarbeiter, der auf seinen Vorgesetzten seine eigenen Schwächen projiziert, ist hierbei genauso zu berücksichtigen wie der Unternehmer, der seine Konkurrenz verteufelt. Sodann machen sie sich als Kollektivschatten in den Branchen, Konzernen, Unternehmen, Betrieben und Abteilungen bemerkbar. Jede Unternehmenskultur besteht nicht nur aus den offiziell anerkannten Regeln und Verhaltensmustern, sondern auch aus den latenten und informellen Gepflogenheiten. Diese sind abhängig von der Branche und den jeweiligen Umständen. Ein Zollamt hatte beispielweise eine hohe Mitarbeiterfluktuation. Zufällig kam heraus, daß nur Mitarbeiter toleriert wurden, die sich widerstandslos in das dort herrschende Schmiergeldsystem einbinden ließen; alle anderen wurden wieder vergrault.
Das Schattenreich des Wirtschaftssystems als ganzes tritt vor allem dort zutage, wo der Geldmechanismus Bereiche außerhalb des Systems, d. h. seine verschiedenen Umwelten tangiert oder von dort her beeinflußt wird. Beispiele hierfür sind die Schuldenproblematik der Dritten Welt oder das Waschen von Drogengeldern. Am deutlichsten wird dies aber in Form der sog. externen Effekte sichtbar.
Unter externen Effekten versteht man Nebenwirkungen, die bei der Produktion eines Produktes oder dessen Gebrauch entstehen, für deren Kosten und Nutzen weder der Produzent noch der Käufer einen Preis bezahlt. Solche Effekte können negativ sein wie z. B. Boden-, Wasser- und Luftverschmutzung, Lärm, aber auch positive Auswirkungen gegenüber Dritten haben, wenn etwa die neu angelegte Gartenanlage auch den Nachbarn erfreut. Wesentliches Charakteristikum der externen Effekte ist also, daß sie zunächst dem Marktmechanismus entzogen sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Problematik konkreter Ethik: Dieses Kapitel erläutert die wachsende Komplexität und Gefährlichkeit der modernen Lebenswelt, die eine direkte Zuweisung von Verantwortung erschwert und traditionelle Ethikkonzepte herausfordert.
2. Grundlagen einer "neuen" Ethik: Hier werden die Grenzen der traditionellen Ethik diskutiert und mittels tiefenpsychologischer Ansätze, insbesondere der Schattenlehre von C.G. Jung und Erich Neumann, ein ganzheitlicherer Ethikbegriff vorgeschlagen.
3. Ethik in der Wirtschaft: Dieses Kapitel analysiert das Wirtschaftssystem als funktionales System, das über Geldzahlungen gesteuert wird, und führt den Begriff des "Schattenreichs" zur Erfassung externer Effekte ein.
4. Perspektiven unternehmerischer Verantwortung: Anhand des Falls "Manville" werden fünf ethische Strategien für Unternehmen erarbeitet und deren Leistungsfähigkeit für eine verantwortungsvolle Unternehmensführung bewertet.
Schlüsselwörter
Konkrete Ethik, Unternehmensverantwortung, Schattenintegration, Wirtschaftssystem, externe Effekte, Internalisierung, Tiefenpsychologie, Manville, ökonomische Werte, ethische Korrektive, Fehlerfreundlichkeit, soziale Verantwortung, Geldmechanismus, Moral, Unternehmensethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Notwendigkeit und den Möglichkeiten, ethische Prinzipien in die moderne Wirtschaftswelt zu integrieren, insbesondere dort, wo diese durch rein ökonomische Logik verdrängt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Verbindung von Wirtschaftsethik mit psychologischen Erkenntnissen (Schattenlehre), die Problematik externer Effekte und die verschiedenen strategischen Optionen von Unternehmen im Umgang mit Verantwortung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein Modell für konkrete unternehmerische Verantwortung zu entwickeln, das den "ganzen" Menschen einbezieht und eine Balance zwischen ökonomischem Handeln und ethischen Werten anstrebt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt einen interdisziplinären Ansatz, der tiefenpsychologische Theorien auf systemtheoretische Analysen der Wirtschaft überträgt und durch Fallbeispiele wie den Fall "Manville" konkretisiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Diagnose des "Schattenreichs" im Wirtschaftssystem und der systematischen Kategorisierung von ethischen Handlungsweisen (rigoristisch bis ökonomistisch).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Schattenintegration, externe Effekte, Unternehmensverantwortung und den Umgang mit dem Geldmechanismus charakterisiert.
Was zeigt der Fall "Manville" über unternehmerisches Verhalten?
Der Fall verdeutlicht die drastischen Konsequenzen einer rein ökonomisch motivierten Verschleierung von Gesundheitsgefahren und zeigt, wie verdrängte "Schatten" langfristig als externe Kosten und Prestigezerstörung auf das Unternehmen zurückschlagen.
Warum ist das Konzept der "Fehlerfreundlichkeit" wichtig?
Das Konzept ist zentral, da eine perfekt organisierte Wirtschaft, die keine Schwächen zulässt, die menschliche Existenz sowie die evolutionäre Anpassungsfähigkeit untergräbt und somit das Fundament für ein menschenwürdiges Wirtschaften zerstört.
- Quote paper
- Dr. Mathias Schüz (Author), 1993, Konkrete Ethik in der Wirtschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56063