Der Mensch zwischen Bedrohtheit und Verantwortlichkeit


Wissenschaftlicher Aufsatz, 1995
25 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Merkmale der bedrohten Welt
1.1. Systematische Entleiblichung
1.2. Spaltung von Natur und Geist
1.3. Anthropozentrismus
1.4. Sinnverlust

2. Merkmale für den verantwortlichen Menschen
2.1 Wert- und Sinnorientierung
2.2. Erfahrung der Einheit
2.3. Einflußmöglichkeiten des einzelnen
2.4. Bewahrung und Vermehrung der Lebenschancen aller

Einleitung

Der Mensch und mit ihm die Menschheit als Ganzes sind durch Umweltzerstörung, Überbevölkerung, technische und politische Ka­tastrophen bedroht. Wer oder was dafür verantwortlich ist, wird oft diskutiert. Der einzelne Mensch wird dabei häufig entlastet. Zwar ist er, zumindest in der westlichen Welt, Nutznießer von Technik, Wissenschaft und industrieller Massenproduktion und hat einen Lebensstandard, den sich in früheren Epochen nicht einmal Für­sten leisten konnten. Für die zerstörerischen Folgen jedoch wird er häufig als Opfer, weniger als Verantwortlicher gesehen. Eher werden anonyme Organisationen und verselb­ständigte Funktionen-Systeme der modernen Gesellschaft verantwortlich gemacht.

Verantwortung wird gerne bei der erst besten Gelegenheit abge­wälzt. Es ist wie bei einem Überfall auf der Straße: Je mehr Au­genzeu­gen es gibt, desto weniger fühlt sich der einzelne verant­wortlich einzugreifen. Soziologen haben dieses Phänomen "Verantwortungsabschiebung oder -diffusion" („diffusion of responsibility“) genannt. Grundsätzlich schwindet die im Einzelmenschen allgemein vorhandene Fähigkeit, in einer Notsi­tuation verantwortlich, mutig und selbstlos zu helfen, in dem Maße wie die Zahl der Zeugen zunimmt. Bereits ab einer Grup­pengröße von sechs Personen läßt die aktive Hilfsbereitschaft drastisch nach.[1] Beruht diese Lähmung darauf, daß jeder vom ande­ren den ersten Schritt erwartet?

Die Zeugen der Zerstörung unserer Überlebensbasis, der Tier-, Pflanzen- und Mineralreiche, sind wir alle. Die Erde als Mutter allen Lebens und mit ihr die Menschheit sind ernsthaft bedroht. Doch die meisten Erdenbürger lassen ihre Verantwortlichkeit etwa über die Massenmedien diffundieren.[2]

Worauf beruht nun die Bedrohlichkeit, die offenbar vom Men­schen ausgeht, und ihn gleichzeitig selber bedroht? Was sind mögliche Gründe für sein selbstzerstörerisches Verhalten? Wel­che Mög­lichkeiten hat der Mensch angesichts der Bedrohtheit noch, ver­antwortlich zu handeln? Welche Grundregeln müßte er dabei be­achten?

Der vorliegende Beitrag geht in zwei Schritten auf diese Fragen ein. Im ersten Teil werden Symptome und Gründe der Bedrohtheit anhand von vier Merkmalen skizziert und dazu korrespondierend im zweiten Teil vier Merkmale eines verantwortlichen Menschen aufgezeigt.

1. Merkmale der bedrohten Welt

Was sind wesentliche Symptome und Gründe für die Bedrohtheit der heutigen Welt? Ich halte vier Merkmale der bedrohten Lebenswelt für wesentlich:

Systematische Entleiblichung der Lebenswelt,

dualistische Spaltung von Geist und Natur,

Anthropozentrismus,

Sinnverlust

1.1. Systematische Entleiblichung

Im Jahre 1909 veröffentlichte der Futurist F. T. Marinetti im Pari­ser 'Figaro' ein Manifest, das möglicherweise noch heute für viele Programm ist. Dort schreibt er: "Zeit und Raum sind gestern ge­storben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen. ... Besingen werden wir ... die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen; die Brücken, die wie giganti­sche Athleten Flüsse überspannen ..., die abenteuersu­chenden Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrüstigen Lokomotiven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren ge­zäumte Stahl­rosse einherstampfen und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge." Und ein Jahr spä­ter stilisiert Marinetti die Geschwindigkeit gar zu einer neuen Reli­gion hoch: "Mit hoher Geschwindigkeit rasen [ist] ein Gebet. Die Heiligkeit von Rädern und Schienen. Man muß auf den Geleisen knien, um zur göttlichen Geschwindigkeit zu beten ... Der Rausch hoher Geschwindigkeiten in Autos ist nichts anderes als das Hoch­gefühl, sich mit der einzigen Gottheit zu vereinigen. ... Zukünftige Zerstörung von Häusern und Städ­ten, um Raum zu schaffen für große Treffpätze für Autos und Flugzeuge" steht im Zentrum sei­nes Katechismus.[3] Wird hier nicht vorweggenommen, was vielfach heute schon Alltag ist?

Wissenschaft, moderne Produktionstechniken und Handel haben dem Menschen Produkte an die Hand gege­ben, die natürlich gegebenen Grenzen seines Leibes in Raum und Zeit kontinuierlich zu überwinden.

Beispiele hierfür sind:

die heutigen Verkehrsmittel, die räumliche und zeitliche Di­stanzen überwinden,

die moderne Telekommunikation, die über akustische und visuelle Signale jeden Ort der Welt verbindet,

medizinische Eingriffe, die mittels Satelliten und Roboter über tausende Kilometer hinweg vorgenommen werden kön­nen,

die Cyber-Space-Technologie, die z. B. beim Sexualverkehr mit Hilfe von Ganzkörper-Daten-Anzügen und Computern die leibliche Anwesenheit eines Partners überflüssig macht,[4]

und schließlich der Bomberpilot, der sein Ziel via Bildschirm findet und trifft.

Hat Erich Fromm nicht recht, wenn er von der im modernen Men­schen angelegten Nekrophilie spricht?[5] Er liebt tote Materie mehr als lebende. Jedenfalls ist die Identifikation mit toten Ma­schinen so groß geworden, daß er selbst in der Sprache eher sagt: "Man hat mich auf dem Parkplatz angefahren" und dabei sein Auto meint, als daß er im abgeholzten Regenwald eine Selbstverstüm­melung sieht.

Technische Geräte ersetzen ökologisch gewachsene Welten, gentechnische Eingriffe schaffen Körper, die gegenüber be­stimm­ten Umwelteinflüssen immun sind, da der biologische Leib als Feind des Überlebens angesehen wird. Was heute noch Science Fiction ist, kann morgen bereits Realität sein: Hirne, die ohne Leib überleben und Computer steuern, künstlich geschaf­fene Enklaven des Überlebens auf dem Meeresgrund oder im Weltall. Oder: die Welt degeneriert zu einem Videospiel, so wie das Vi­deospiel sich zur Welt aufbläht.

Alles das sind Symptome für den zunehmenden Verlust der Leib­lichkeit unserer Lebenswelt. Diese wird gen-technisch analysiert bzw. digitalisiert, d. h. auf einfachste Informationseinheiten, nämlich die biochemischen Basen A, G, T, C bzw. die Nullen und Einsen der Computersprache redu­ziert, und dann wieder synthetisiert und rekombiniert.

1.2. Spaltung von Natur und Geist

Auf diese Weise hat sich eine Weltsicht radikal vollendet, deren Fundamente bereits vor mehr als 350 Jahren u. a. durch René Descartes gelegt wurden. Seine Methode beruht auf Forderun­gen wie:

Jedes schwierige Problem ist möglichst in seine einfachste Teile zu zerlegen.

Die Teile müssen wieder so zusammengesetzt werden, daß in den Dingen eine neue Ordnung entsteht.

Für jede Wirkung ist eine Ursache zu suchen.[6]

Werden diese Forderungen von Analyse, Synthese und dem Kau­salprinzip erfüllt, so erhält der Mensch, wie Descartes ver­spricht, neue Kräfte und eine "unendliche Zahl von Kunstgriffen" an die Hand. Er werde sich dann zum "Herren und Eigentümer über die Natur" erheben.[7]

Zu diesem Zweck verteidigt Descartes die Idee einer Universal­wissenschaft, die sich von der täuschenden Sinnlichkeit ab- und zu den wahren Gegenständen der Vernunft hinwendet. Die sinn­liche Natur läßt sich dabei auf ihre ausgedehnte Substanz (res extensa) reduzieren, d. h. über ihre Ausdehnung messen und zählen. Alle Körper, auch die von Mensch und Tier, sind ausge­dehnte Sub­stanz und als komplizierte Maschinen anzusehen.

Der Materiewelt steht die Welt der denkenden Substanz (res cogi­tans), die Welt des Geistes, gegenüber. Nur der Mensch hat als beobachtender, rechnender und methodischer Geist Anteil an dieser Welt. Mit Hilfe der neuen Methode kann er sich der Körper­welt beliebig bedienen und nach seinen Vor­stel­lungen und Zwecken rekonstruieren. Natur wird so manipulierbar und tech­nisch verfügbar.[8]

Hier wird in aller Schärfe die dualistische Trennung zwischen Natur und Mensch zementiert. Denn einzig der Mensch erhebt sich als denkendes Wesen über die Naturwesen. Übrigens wollte Descartes nach dieser Erkenntnis selbst in der Welt "lieber Zu­schauer als Mitspieler"[9] sein.

Um einem möglichen Mißverständnis vorzubeugen: Es geht hier nicht darum, Descartes als Sündenbock für unsere heutige Mise­re darzustellen. Seine Methode steht exemplarisch für eine neue Epoche, in der sich der Mensch von der mittelalterlichen Schöp­fungsordnung emanzipiert und den Boden für die Aufklärung be­reitet, die ja immerhin, wie es bei Kant später heißt, der "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" ist[10]. Das neuzeitliche Denken ermöglicht eindeutig formulierbares, inter­subjektiv nachprüfbares und reproduzierbares Wissen. Die ne­gativen Folgelasten konnte damals noch niemand vorausahnen. Selbst heute noch bleibt die Schattenseite der Neuzeit - der Herrschaftsanspruch aufgrund der eingeräumten Sonderstellung des Menschen - oft im Dunkeln.

[...]


[1] Darley, J. G. / Latané, B.: Wann helfen Menschen ...? (1977), S. 108 ff..

[2] Vgl. Verbeek, Bernhard: Die Anthropologie der Umweltzerstörung (1994), S. 3 f.

[3] Zit. n. Verbeek ebd. S. 203 f.

[4] Vgl. DER SPIEGEL: Wollust mit dem Computer (1993) Nr. 46.

[5] Erich Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität (1974).

[6] René Descartes: Von der Methode (1960), S. 15.

[7] Ebd. S. 50.

[8] Ebd. S. 45.

[9] Ebd. S. 23.

[10] Kant: Was ist Aufklärung? (1978), S. 53.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der Mensch zwischen Bedrohtheit und Verantwortlichkeit
Autor
Jahr
1995
Seiten
25
Katalognummer
V56072
ISBN (eBook)
9783638508650
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mensch, Bedrohtheit, Verantwortlichkeit
Arbeit zitieren
Dr. Mathias Schüz (Autor), 1995, Der Mensch zwischen Bedrohtheit und Verantwortlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56072

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